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Jüdische Rundschau · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 416 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 unserer Natioualsprache vu» einzelnen nufgedräogt worden ist, ohne daß es ihren Bedürfnissen dienl, dürfen wir versuchen wieder zu beseligen. Wir Italien die Sprache als geliehenes Pfund von unserni ganzen Volk überliefert erhallen, sie ist nicht freies Eigentum der einzelnen. Wir alle hahen sic zu treuer Hui und Forderung geliehen überkninnien, und wir sollen sie wie alle gute Sille, wie die greifbaren Denkmale großer Taten der Nachwelt unverletzt und rein he• wahren. Die Sprache zu fördern ist freilich nur Sache auserwiihller Geister, aber schirmen mul hegen können sie alle. Wir dürfen aber unsere Aufgabe nicht darin erblicken, mir den Buchstaben zu hüten. Wir wissen ja alle: Die Sprache ist im Flull und gar manches, was früher geschrieben werden durfte, wird kein Mensch mehr als muslergiillig hallen wollen. VII. Wiihreud vielfach allgemein behauptet wird, die Presse allein Irage au der Sprachverderbnis Schuld, mufl doch betont werden, «laß die Zeitungen wesentlich milgewirkt haben, «laß an Stelle des alten, schwerfälligen Oelelirtenhebriiisch ein leichterer, glatterer Stil getreten ist. Allerdings sündigen die Zeitungen viel• fach gegen die Sprachreinheit, indes die Schnelligkeit, mit der die Zeitungen hergestellt werden müssen, darf nicht nulter Acht gelassen werden, man darf an die Tagcspresse nicht den Mallstab legen, wie an Werke, die für längere Datier berechnet sind. Nichtsdestoweniger ist es Pflicht, auch die Presse nach dieser Richtung zu beeinflussen. VIII. Wir haben viele Probleme, die durch Ge• snndarbei! gelöst werden müssen. Wir haben beispicls• weise eine überaus elende Schreibung f ii r Fremdwörter, die durchgreifender Regeln entbehrt und voll ist von Widersprüchen, — eine Schreibung, die in sehr vielen Fällen der Sprache nicht gerecht wird. Wir erfreuen uns nicht einer .,tilge• mein gültigen Aussprache. Heber zahllose Fragen der Formen und Satzlehre herrscht Uneinigkeit: Dem einen gilt dies, dem andern das für richtig. Für Tausende von Begriffen fehlen uns noch Bezeichnungen. Eine Sprache, in der noch so viel unfest und unfertig ist, eine Sprache mit so ungefügem, unsicherem Wortstoff kann uns noch nicht national befriedigen. Wir haben Schriftsteller und Dichter, und iiire Leistungen sind unser Stolz mit Recht. Gewiß, das Genie lehrt jede Sprache schön reden. Aber wenn eine solche Sprache nicht emporgetragen wird durch allgemeinen Geist, hohe Gesinnung und Gefühl für edle Form, werden Ihre Unvollkommenheiten gar zu störend. Auf Grund der dargelcgten Prinzipien stelle ich den Antrag: ״Der Kongreß möge die Initiative ergreifen zur Gründung eines allgemein hebräischen Sprachvereins und einer Sprachakademie/׳ Der allgemeine hebräische Sprachverein soll ge• schaffen werden, um 1. Die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der hebräischen Sprache zu fördern, und 2, auf diese Weise das nationale Bewußtsein int jüdischen Volke zu kräftigen. Der Verein soll das jüdische sprachliche Ge• wissen im Volke schärfen und wecken, damit wir dahin gelangen möchten, daß jeder Jude iin berech• tigten Stolze auf seine nationale Sprache eine Ehre daran setze, hebräisch zu reden und zu schreiben, ־*־ hebräisch, möglichst rein mul möglichst gut. Dieser Verein soll keine gelehrten sprachwissenschaftlichen Zwecke verfolgen, sondern er soll arbeiten Im Dienst des jüdischen Volksgednnkens, um zu erreichen, daß möglichst überall im Juden* tum das Hebräische zur Geltung komme und mit Schicklichkeit gehnmlhaht werde. Neben dein S e h u I v e r e i 11 soll dieser Sprach•־ verein die allgemeine PopularisierungstätigkcU eut• wickeln. Ich will kurz den Unterschied skizzieren. Daß die hebräische Sprache den Mittelpunkt des Unter• riehts in den palästinensischen und zum Teil auch in jüdischen Schulen womöglich außerhalb Palästinas werden soll, daß Lehrende und Lernende in allen Lehrfächern sieh bemühen sollen, gut hebräisch zu .sprechen mul zu schreiben, daß mau namentlich hei Uebersetznugen aus fremden Sprachen streng auf echt hehr ii Ischen Ausdruck halte und daß man suche, die Eigenart des Hebräischen durch den Gegen• satz der fremden Sprache klar zu machen; daß der Unterricht dazu die Schüler anleiten soll, das He• britische nicht als eine tote Büchersprache, sondern als eine geschichtlich gewordene, stetig sich fort• entwickelnde auzuschcu -•־ das wären die Aufgaben des Schulvereins, wohingegen der Sprachverein sieh hestreheu müßte, in allen Volkskreisen durch Schrift und Rede ein lebendiges hebräisches Sprachgefühl zu entwickeln und durch die Erkenntnis, daß das Hehräische eines der köstlichsten Güter unseres Volkes ist, die Begeisterung für jüdisches Volkstum, für die historische Kontinuität und den unzerreißbaren Zu• *ammenhang mit Palästina zu wecken und zu schärfen. Beide Vereine wären aber unzureichend, würden wir ihnen nicht eine S|1raclu>kndemic als wissenschaftliche Instanz zur Seile stellen. Jeder Gebildete begreift, wie sehr es uns notlut, eine solche Instanz zu schaffen. Diese Frag«! ist aller zu einer definitiven Beschlußfassung noch nicht reif. Ich stelle daher den Antrag: Das E. A, C. zu ersuchen, daß cs für die weitere Klärung der Frage sich bemühe, bzw. daß es e ine K o m m i s s i o ״ b c n u f t r a g e, den O e g e n s t a n d einer w e i t e.r c n E r ö r t e r 11 n g zu unterwerfen, insbesondere «Ich Stoff über Zweck und Wesen, Bestellung, Einrichtung, Geschäfts* betrieb, Befugnisse und Vollzugsgewalt einer Sprach• akademie zu sammeln, zu ordnen und die so ge• wonnenen Ergebnisse einer späteren Versammlung des A. C, vorzulegen. Indem ich mir Vorbehalte, einer zu gründenden Kommission manche Details vor/ulegen, will ich hier mir auf die allgemeine Bedeutung einer solchen An• statt aufmerksam machen, Will man einer solchen Anstalt jenen helleren Glanz, und jene höhere Würde verleihen, welche die Bedeutung unserer Sprache for• derl, so wird man ihr alle die gefeierten Namen und bewährten Kräfte zu führen müssen, die unter den I eilenden als Meister und Kenner der Sprache gelten, Damit erweitert sieh dann die Aufgabe der Sprachakademie ganz ungemein ins Weite und Tiefe. Dann treten zugleich alle die Gegenstände hervor, deren Erfor• schling. Ergriimiung und Darlegung Selbstzweck der Wissenschaft ist, insbesondere die Geschichte der Sprache, die eigentliche Sprachkunst oder Sprachlehre, die Aussprache, gewisse Dinge in bezug auf die ver• gleichende Sprachwissenschaft, die Sprache einzelner Dichter mul Schriftsteller, die Herausgabe literarischer Denkmäler, der Wortschatz, mit seinem Wechsel, Wachsen mul Sclnvinden und was dergleichen mehr ist. In Palästina ist bereits ein kleiner Anfang gemacht worden: wir begrüßen alle Versuche, wir beteiligen uns mit inniger Sympathie an allen Histndruih• f o r in e n, aber unser Bestreben und unser — sagen wir Ehrgeiz fordert cs, daß der Zionismus auf all diesen Gebieten das größte leiste. Denn mir durch Vereinigung der Diaspora mit Palästina und der hier und dort führenden Geister kann der Nation in vollem Maße jener Nutzen geschafft werden, den die Befähigung der isolierten Verbände nur andcuten und auhieten und seine Kraft nur zu einem Teil leisten kann. Und um all diese Wünsche einer praktischen Lösung entgcgenziiführen, stelle ich als den einzigen, sofort zu verwirklichenden Antrag: Der Kongreß bc• schließe die Schaffung eines Hebräischen Ressorts am Zentralbureau, Hochverehrter Kongreß! Jede Bewegung hat in der ersten Zeit Parolen, aber aus den Parolen ergeben sich Probleme. Man kann nicht für immerdar im Nebel der Allgemeinheiten weilen: man muß an die Dinge heraiigelien. Wir wissen jetzt, was mau tun muß, um in einer Nation, wie es die jüdische ist, Einfluß zu gewinnen. Im Volk des Buches werden Sie nie ohne Buch vorwärts kommen. Das ist der Schlüssel zipn jiidi• sehen Herzen. Arbeiten wir nach dieser Richtung! Der Erfolg kann uns nicht fehlen. Wir werden siegen lind dtirchdringen, wenn wir mit vollem Ernst bemüht bleiben, den wichtigsten Besitz unserer nationalen Kultur, die Sprach«* wieder zu gewinnen. Eine Nation ohne Sprache ist national taubstumm. Mit der Sprache hauen wir das Volk und durch das Volk Palästina. Für diese ganze Bewegung hauen wir auf das Wieder• erwachen und Erstarken des jüdischen Selbstgefühls, das ja sichtlich im Gange ist; mir muß man mit• wirken mit freiem, gutem Willen und ziilicr, stiller Begeisterung. Ich meine also, daß die Förderung unserer nationalen Sprache eine Angelegenheit ist, der jeder Zionist, ja jeder Jude beide Begriffe sind für mich identisch - mit ganzem Herzen sich hin• gehen sollte und daß diese Hingabe die Zwecke des Zionismus nach allen Richtungen nur fördern kann. Ich bitte also meine Anträge als Resolutionen des Kongresses grundsätzlich rmzunelimen, (Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Vorsitzender U s s { א c h k i 11 (hebräisch): Ich bitte die folgenden Redner, ihre Reden so zu halten, daß auch die nachfolgend Gemeldeten noch Zeit erhalten, nach dem alten jüdischen Grundsatz.: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Del. Dr. Nacht (hebräisch): Die Eroberung der Gemeinden durch die lichrä. isolic Sprache liegt im Bereiche der Möglichkeit. Das I Idiräisi'hsprechen Ist für uns ein wichtiger, aber nicht der einzige Grundsatz. Die Sprache ist nur ein Mittel zur Erhaltung der Thora. Wir entstammen alle den Tnhmidlclirhäusern und können auf die dort aufgc• speicherten Schätze nicht verzichten. Brenners Auffassung müssen wir aufs schärfste zurückweisen. Auch .Herr ussischkin hat ein Institut geschaffen, das nicht so handelt, wie es sollte, Auch bezüglich der Sabbat• ruhe sind hier gestern nicht zu billigende Acußcrun. gen gefallen. Wir haben Glauben und verzweifeln nicht. Wir können nur jüdisches Epikuräcrtuni dulden aber nicht nach Brenners Art. 1 Vors. Ussisclikin: Ich ersuche den Redner zu Sokolows Referat zu sprechen uml nicht Privat! personell hineinzu/.ieltvn. |)r. Nacht: Die ״Mistailruth" ist bestrebt, die llehräisieruug der jüdischen Familie zu verhindern. Mau kann auch ein ״Am llaarcz" sein, wenn man |!e! briiisch versteht, Man muß auch den Inhalt nicht außer Acht lassen. I U׳rr Sokotow hat den Fehler begangen, uns die Mittel zum Zwecke und die Art der Ausführung nicht angegeben zu haben. Das ein. zige Mittel ist die Gründung von Vereinen in jeder Stadt, wo Zionisten wirken, welche für die Verbreitung der hebräischen Sprache sorgen und auch die Kenntnis der alten und neuen hebräischen Literatur verbreiten sollen. Vors.: Es ist ein Antrag eingegangen, die Redezeit auf lt> Min. zu beschränken. Del. S v ז k i n widerspricht. Der Kongreß beschließt die Beschränkung auf 10 Minuten. Dr. Samuel Da I ch es: Das ist der Tag, den Gott gemacht, an dem wir uns freuen und jubeln. Viele von 1ms hatten sich daran gewöhnt, die Kulturfragt‘ als einen Stein des Anstoßes zu betrachten. Noch vor wenigen Tagen hatten wir gefürchtet, daß das Hinein• bringen der Knltiirfrage in den Kongreß eine Gefahr für die Organisation bedeuten wiirde. Dieser Kongreß hat gezeigt, daß «lies ein großer Irrtum war. Der N. Kougrell hat uns schon gezeigt, daß die Kidturfrage die erste, die bedeutendste Frage unseres Volkslebens ist. Am ersten Kongreßtage hahen wir die Licht, hilder gesehen, die uns unser Freund Dr. H. Loewe vorgeführt hat, und :ms ihnen ersahen wir, was für große Fortschritte die Entwicklung des palästinen* sischen Bodens gemacht hat. Am zweiten Tage sahen wir im Stadtkasino die Zeichen des neuen pulsieren• den jüdischen Lebens im Lande unserer Väter. Unsere Brikler mul Schwestern aus Palästina sangen hehrä• isclie Lieder, die voll waren mit dem Erdgcruch Erez Israels, und wir freuten uns, und Tränen der Freude füllten unsere Augen. Am Freitag hatten wir die Kulturdebatte, und wir sahen, daß alle Fraktionen, daß die Misraeiiisten wie die Poale Zion eine fried• liehe Diskussion gehabt hahen. Und wenn auch nur noch der leiseste Zweifel bestanden hatte, ob der Misrachi Sinn für die Kulturfrage gehabt hätte, so war dieser Zweifel durch diese Versammlung vom Samstag beseitigt. Sic haben durch die Bildung ihres Kulturvcreins gezeigt, daß sie auch ein Verständnis für die hebräische Kultur haben. Die Misrachisten wollen die iiidischc Kultfir in ihrem Sinne fördern, die Hista• druth 111 ihrem, aber jetzt sind wir darüber einig, daß die Knltiirfrage die bedeutendste ist im jüdischen Lehen. Es ist selbstverständlich, daß die Entwicklung unserer Sprache für die Entwicklung des Bestrebens, wieder ein Volk in unserem Lande zu sein, wichtig ist. So fanden wir es auch in den früheren Jahrhunderten. Sic waren überzeugt, daß ihr Volkstum nur an dem Ufer wieder aufhlülicn kann, handelt danach und gründet von neuem «las jüdische Volk. Aber wir müssen einen wichtigen Punk: im Auge behalten. Es ist nicht nur wichtig, daß wir die moderne hebräische Sprache pflegen und eine moderne hebräische Literatur gründen, sondern wir müssen uns dessen bewußt werden, daß wir unsere alte Literatur nicht mehr verstellen. Oh orthodox oder Reform, wir dringen nicht mehr in die Wahrheiten mul Schönheiten unserer Bibel ein; wir können den Geist unserer Gesetzgebung, Propheten und Seher nicht voll und ganz erfassen. Wieso? Weil wir uns von unserem Lande zu sehr entfern! haben. Das Verständnis der Bibel ist mit dem Verständnis für das Land verbunden. Wir müssen unser Altertum wieder gewinnen, müssen wieder zum Bibelvolkc werden und das ist nur möglich im Lande unserer Väter. (Lebhafter Beifall.) Dr. Sa!. Daiches beantragt: Der Kongreß möge beschließen, daß in jeder Stadt, wo zionistische Ver• eine Vorhanden sind, diese danach streben sollen, hehräiseh sprechende Vereine zu gründen und insbesondere die lügend dazu zu veranlassen, das Hebräische als Umgangssprache zu benutzen und zu• gleich auch die Kenntnis der alten und neuen hebräischen, wie mich talmiitlisehcn Literatur zu Vier Redner führt in der Begründung aus, daß in dem Augenblick, wo die hebräische Sprache Um* gangssprache sei, man nicht mehr werde sagen können, «Iah jeder, der hebräisch spricht, auch unsere Literatur und Geschichte kennen muß. IX־r Redner gibt seiner Freude Atisilruck, daß Sokolow in seinem Referat zu* gegeben bähe, «laß die Bibel «las Fundament der he• nräischcn Kultur sei uml «laß die rabbinische Literatur «las Ueberlelien der hebräischen Sprache bis auf den heutigen Tag ermöglicht habe. Sokolow habe aber nicht tlic Konsixiuenz aus seiner eigenen Behauptung gezogen und habe sich mit dem Sprechen des He• bräischen begnügt. Was hebräische Schulen anhc• trifft, so läßt sich das leicht im Osten verwirklichen, wo kein SchulAvang bestellt und die Juden ihre eigenen Schulen gründen. Aber in den Ländern des Westens, wo wir alle gezwungen sind, unsere Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken, lassen sich tlie Vorschläge Sokolows leider nicht verwirklichen. Daher halte ich die von mir vorgescldagcncn Mittel zur Verbreitung der jüdischen Literatur in den Län* «lern des Westens für «las einzig Wirksame. Eine A b s t i m n! u n g ergibt den Beschluß, v i e r Gencralrcdncr mit je zehn Minuten Redezeit noch zu Wort kommen zti lassen. Es tritt für ihre Wahl eine viertelstündige Pause ein. Vorsitzender Ussischkin eröffnet die Sitzung um 7ן/י Uhr von neuem. Die Verhandlung wird auch

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