Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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weiterhin hebräisch geführt, doch werden von mm;111 alle Reden ins Deutsche übersetzt. Erster Ocneralredner ist Delegierter Berlin: (Syrkin übersetzt.) im Namen des Misrachi spreche ich unsere Freude darüber aus, dali nach fünfzehn• jähriger Arbeit jetzt endlich der Kongreß zur Alter• kennnng der Wichtigkeit unserer nationalen Sprache Sekomnien ist. Eine zweite freudige Tatsache ist, all dank der opferwilligen Bemühungen von Cliaim Cahaii.Charkow das Grundkapital für die Tachkemoni- Schule auf 125 (KM) M, gestiegen ist. Wir gehen der Hoffnung Ausdruck, dall alle anderen guten Oesin. nungsgenossen mit gutem Beispiel folgen. Der Redner wendet sich dann dem Referate Soko• lows zu. Jeder gute /.ionist wird mit dessen Vor• schlag einverstanden sein, in der zionistischen Zentrab* eine KulUtrableilung zu gründen. Aber bei dem jetzigen Zustande ist die Möglichkeit zur Durchführung nicht vorhanden; denn wir haben keine homogenen geistigen Forderungen. Diese geistigen Forderungen sind ein Einflull verschiedener Atmosphären, in denen sich die Zionisten aller Länder befinden. Wir kommen 22 Ländern und stehen unter verschiedenen Ein• flu-sen. Daher ist cs nicht möglich, eine allgemeine Direktive in dieser Beziehung fcstzusetzen. Eine he. so.alerc Kulturabteilung mülitc in verschiedene Unter, al.teilungcn geteilt werden, und dabei müßten die Gegensätze hervortreten. Das zeigte sich schon beim eisten Erziehungsversuch. Es bleibe ganz dahiuge• st-lll, wer von den Vertretern der 'verschiedenen Richtungen recht oder Unrecht hat — das ist Sache des Octülils und dieses hangt auch von dem Einflull der Atmosphäre ab, in der man lebt. Bei allem Ver• langen nach Vereinigung, nicht nur in materiellen, kolonisatorischen t ragen, sondern auch in geistiger Beziehung, finden die Misrachi keine Möglichkeit, ein solches Institut zu schaffen, das für alle gleich wäre. Wohl könnte die Majorität das beschUellen; solche Sachen des Oewisscns und Gefühls aber müssen der Kompetenz einer Majorität entzogen werden. Darum hoffen wir, dall die Majorität Keinen Zwang aus. üben wird, Redner schlagt im Anschluß daran foU gende Resolution vor: ״Der Kongreß macht cs zur Pflicht aller Zio• nisten, für die hebräische Sprache mul alte mul neue Literatur zu wirken. Diese Arbeit soll von den Föderationen nach ihren Anschauungen geleistet werden, die darüber dem Kongreß berichten." Del. Syrkin: (l)r. Schciunrja Lewin übersetzt.) Sokolows Re. ferat bezweckt, die theoretische Kidtnrfragc der kom kreten Verwirklichung entgegenzuführen. Die Zeiten haben sich zum Schlechten geändert. Bisher blieb unsere Jugend in unserem Lager mit ihrem inneren Riß. Nun ist aber der individuelle Riß zu einem nationalen geworden. Alles können wir ertragen, Pogrome, nicht aber die Seelenzerstörung. Mit Leicht, sinn verlassen sie das Lager. Die l'aufzeugnisse erhalten sic von den mit Judenblut befleckten Händen. Was wird daraus werden? An uns liegt es, ein. zugreifen. .Wir haben keine Tribüne, von der aus unser Schmerzcnssclfrci laut werden kann, atdier der uuserigen, der Tribüne des Kongresses. Soll der Zionismus eine Macht werden, so muh er die Kulturarbeit aufuciuncn. Sic muß einen nicht geringeren Platz einnehmcu als die Paiäslinnarbeit. Es muß deshalb ein E. A. C., ein mit ausreichenden Mitteln ausgestattetes Kulturrcssort gebildet werden. Wir sind zu Rechnern und Krämern geworden. Wir haben Institutionen, aber keine Bewegung. So dar{ es nicht weiter gelten. Nur das Einbczichcn der Kulturarbeit kann dem abhclfen. Del. Zlatopolsky: Schon der dritte Kongreß setzte eine Kultur• kommission ein. Ein Redner sagte hier, die Kultur, arbeit gehöre offiziell nicht hinein in unsere Orga• nisation. Dem muß ich entschieden widersprechen. Nur die Kulturarbeit kann uns neue Kraft gewähren. Sie muß in der Zentrale ein besonderes Organ haben. In ihren Forderungen erblicken wir einen Erfolg unserer Agitation. Man bat hier von der ״I listadruth Ibrith" gesprochen. Diese hat niemals gesagt, der Zionismus solle keine Kulturarbeit leisten, im (ic• genteil. — Sokolows und Syrkins Vorschläge sind richtig, geben aber noclt keine klare Formulierung der Arbeit. In der ״Histadruth" sind zumeist Zionisten. Hebräisch muß die Verkehrssprache sein und im Haus und Familie allgemein angewendet werden. Die meisten russischen Zionisten verstehen kein Deutsch. Alles, was offiziell von der Leitung aus. gellt, ist deutsch, Die zionistische Organisation muß alle hebräischen Bestrebungen unterstützen. Del. Chasanowitsch (spricht Jargon): Vor ganz kurzer Zeit haben die Poaie Zion in Wien eine Wcltkonfercnz nbgehalten und zu den Fragen Steilung genommen, die diesen Kongreß beschäftigen, darunter auch zur Kulturfrage. Die Poaie Zion-Organisation hat eine Resolution he• schlossen, die Protest dagegen erlicht, daß diese Frage auf die Tagesordnung des Kongresses gestellt ist. Jeder muß das Recht haben, zu denken wie er will, politisch wie kulturell. Das ist die alte Tradition von Herzl. (Unruhe bei den Misracliistcn.) Ihre areha•!»tischen Tendenzen (Unruhe) entsprechen nicht den bedanken und Interessen aller zionistischen Kreise, vor allem nicht der Arbeiterverbände und am aller• wenigsten derer, die wir gewinnen wollen für den Zio• niimus. (Beifall und Unruhe.) Die Sprachenfrage isl noch nit'lit cii••!׳Int ilen. Wir Po.ilc Zionisten schützen die!n brüi•.ehe ׳!';>!adu• (•l;r, ein vollkommener Jude muß auch die hebräische Kultur und die hebrüisehe Spraciie hellen aT.cn (l!c!!all), in diesem Sinne arbeiten mich wir. Die Poaie /.jouisten bähen in den von ihnen in Amerika errichtete» Schulen Hebräisch als I ehrgegeiislaml, weil sie sagen, in der hebräischen Sprache ist die hebräische Kultur aiifgcspcichcrl. Aber die Sprache des Volkes ist es 11 i c 111. Wir können uns nicht auf den extremen Standpunkt stellen, der die Sprache des Volkes ausschließt. Die das verlangen, denken mit der allerliefsten Verachtung von dem Volke, ((iroße Unruhe. Entrüstete Zurufe.) Das ist Tatsache. Ich habe (ielegcnheil, die Hebraisten hei der Arbeit zu sehen, in verschiedenen!.ändern. Es geht ein I latich von Abneigung gegen die Voiksmaxse durch sie, ein Hauch von Verachtung iles Volkes, (()rolle Unruhe. Rufe: Zur Ordnung!) Vorsitzender li s s i s e h k i n ersucht den Redner, seine Worte z.urüekzunehmcii. h a s a n o w i t s c h: Es ist Tatsache, daß die jüdische Volksmasse ln ihrem momentanen Lebens• niisdriiek bei den liehräern nicht genügend Verständnis und Schutz, findet. Das ist meine Ansicht. Aber die Frage ist eben nicht entschieden, ich verstelle sehr wohl,־ daß man hierher kommt und erklärt, die jü• disclio Nation ist in Oefahr, die jüdische Jugend gebt uns fort, wir müssen ein Band haben, sie mit der Vergangenheit' zu verknüpfen, und das ist die hebrä• isclic Sprache. Ich verstehe das für Deutschland und für Frankreich und für die gebildeten Kreise. Aber in den demokratischen Schienten des Volkes ist das einzige Bindemittel die Sprache, die das Volk spricht. Auf dieses Bindemittel können wir nicht verzichten. Sie können hebräische Kultur gehen, aber Sie müssen die jüdische Sprache lassen. Sie schaffen eine Scheide• wand, und die jüdische Arislokratie beraubt sieh selber der Möglichkeit, im Volke zu wirken. Ilebrä• isch schafft einen (leg e n s a t z z. wi sehen Volk und Nation. tlemöisch vereinigt Deutschland, Frankreich und meinetwegen die Türkei aber nicht die unteren Schichten des Volkes. Die Masse des Volkes wird abgcstolicn von der nationalen Bewegung, Die Juden in Galizien haben sich mit dem größten ()pfcrmul in den K a m p f f ü r d i c A n c r k e n n u u g der j (i d i s e h e ״ S p r a c h c geworfen, sic haben erklärt: ihre U in g a 11 g s s p r a c 11 e sei j ü (Ilse b. (Unruhe.) Da ist es unmoglieh, daß liier von der Tribüne gesagt wird: das ist eine Lügensprache! (Unruhe, Zuruf: Wer sagt das?) Alle Vorschläge, die von Sokolow und den anderen gemacht werden, die hebräische Sprache zu entwickeln, die fördern die jüdische Entwicklung nicht. Mit keinem Wort ist in der Resolution von der Volksniasse die Rede, von der Wirkung auf das Volk, es zu erheben In seiner Kulturstufe. Hier können wir die Frage nicht ent• scheiden, überlassen sie cs den Landesföderationen, das zu regulieren, und drängen Sie uns nicht etwas auf, was nicht unserer Uchcrzcugung entspricht (Bei• fall.) Dort in Hre/. Israel ist es eine andere Frage, dort kann es Umgangssprache sein. (Beifall.) Ko״• zentriert Hure Tätigkeit auf Erez Israel, konzentriert sie dorthin, wo die Frage entschieden ist; bringt aber keine KuUurfragcn in die Politik! Wir beantragen folgende Resolution: Der Kongreß erklärt, daß die kulturelle Tätig• keit in den Ländern des Goluth eine autonome A n g e I e g e n b e i t der Föderationen u n d L a ח d c s o r g a 11 i s n t i o n c n ist, und überläßt es denselben, ihr Verhältnis zu den verschiedenen Organisationen zu regeln. Vorsitzender UssischlUn verliest folgende mit 7$ Unterschriften versehene E r• klär un gi Wir unler/ciehncten Delegierten .pro• testieren entschieden dagegen, daß alle Drucksachen, die liier verteilt werden, der Bericht mul andere, nur in deutscher Sprache verteilt werden und nicht in hebräischer Sprache. (Lebhafter Beifall.) Del. Feldstein gibt die Erklärung ah, daß er diese Sitzung des Kongresses, die z. um ersten Male g nnz i n hebräischer Sprache vom Präsidium geleitet worden sei, in das Goldene Buch des N. F. ciutrngc. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Ussischkin: Wir müssen ztir Abstimmung kommen. Vier GencraWedncr haben ge• sprochen. Es sind verschiedene Anträge gestellt, jeder beantragt, seinen Vorschlag voranzustellen. Dazu müßten wir eine besondere Sitzung haben und hierzu fehlt uns die Zeit. Deshalb schlage ich vor, eine Kommission zu wählen, der die Referenten angeboren, die vier (ieneralredner und alle Antragsteller. Viel• leicht wird diese Kommission uns morgen eine gemein• same Vorlage machen können. Außerdem ist verlaugt worden, daß noch ein Redner über Palästina das Wort nehmen soll: vorgcschlagcn wird dafür Rabbiner R c i n e s und R a b i n o w i t s c h. Wir bähen sehr wenig Zeit und die brennendste Frage is noch nicht gelöst. Das muß man alles In Betracht zielten. Ich beantrage, nur noch Sokolow das Schluß• wort zu gehen; die Kommission soll dann noch heute Abend tagen und morgen uns Vorschläge machen. Dr. S c 11 in a r j a L e w i r! übersetzt. Der Vor• schlag des Vorsitzenden wird •angenommen. Sokolow verzichtet auf das Schlußwort. Da eine Kommission eingesetzt ist, so hätte ein Schluß• wort jetzt keinen Zweck. Wir werden in dci Koni• mission berichten. Schluß der Sitzung <)'/1 Uhr. Der Deutsch-Israelitische Gcmeindebund Auf dem Gcnicimlet.ig in Berlin erregte es einiger- ״lallen Befremden, daß eine große Anzahl von Ver- Iretern der Großgcuiciudcn erklärten, ihre Gemeinden würden aus dem Gcmemdebuml niistrctcn, falls den (iroligciiieiudcn nicht eine Erhöhung ihrer Stiuimen/uhl z.ugchilligt wurde. I >er Vorgang wirkte peinlich. Aus der jüdischen Gemeinde darf man nur austreten wegen religiöser Bedenken. So verlangt es das Gesetz, Wegen materieller Bedenken ist ein Austritt gesetzlich unzulässig. Vor allem verlangt das aber auch die Moral. Wir sehen keinen großen Unterschied zwischen der Haltung eines Eiiizeiuen der. jüdischen Gemeinde gegenüber Und einer Großgemeinde dein Gemeinde• buud gegenüber. Deshalb verpuffte auch wider Erwarten die als Bluff gedachte Art des Vorgehens. Inzwischen aber stellte sich heraus, daß eine Reihe der Herren, in der, in den deutschen Gemeinden, üblich gewordenen Paschaarl, Erklärungen abgegeben haben, zu denen sic gar nicht autorisiert waren. Leider hat sieh durch diese Methode auch ein Manu׳ zu einer solchen Erklärung, zu der ihn nicht die geringste Berechtigung von seiner Gemeinde ge• geben war, hinreißen lassen, um den es uns leid tut, weil wir ihn sonst als objektiven, ruhigen Arbeiter in jüdischen. Dingen kennen: Herr Sanitätsrat Dr. Apfel in Köln. In «ler Kölner Repräsentanz, bat eine ziemlich erregte Debatte darüber stattgefmulen, mit welchem Recht Herr Apfel den Austritt der Kölner (iemeiude aukündigen konnle, und es ist interessant, daß Herr Stadlrat El iel, einer der Führer der freisinnigen Partei, der Vorsitzende des Vorstandes der Jüdischen (iemeiude Köln, ausdrücklich in der Repräsentanz erklärte, er könne den Standpunkt nicht billigen, daß man sage: ״Wir zahlen alles, folglich müssen wir die Herren sein!" Herr Repräsentant Gold re ich, einer unserer Freunde, 11.11 sieh das Verdienst erworben, die Sache in der Kölner Repräsentanz zur Sprache zu bringen und darauf hin/mveisen, daß der zionistische Berliner Führer Dr. Klee, auf dcmGeineindetag einen durchaus korrekten Standpunkt eingenommen hat, wenn er vor der Erledi• gung des Jiidengesetzes den P.iirscliiib bekämpft hat. Es freut uns zu konstatieren, daß ein so durch tmd durch liberaler Manu, wie Herr Eliel den ver• suchten Bluff der Vertreter der Großgemeinden in mannhafter Weise zurückgewiesen hat, und es ist nun sehr interessant zu sehen, wie eine journalistische Kraft, die sich seit längerer Zeit bemüht, den Zionismus in Deutschland zu bekämpfen im ״Kölner Isr. Gemeinde• blatl" Herrn Eliel vor sich selber in Schulz nimmt. Wenn daun in diesem Blatt die Rede ist von der Oktavio-Tat der Zionisten, davon, daß man den Zioni• steil, wenn sie sich wieder einmal «Is die patentierten Vertreter demokratischer Grundsätze aufspielcn sollten, nicht die reaktionäre Gesinnung auf dem ״Gemeinde• tag" vergessen werde, usw. Da lach׳ ick öwer. EiornsTiscHe Bewecuno Beerdigung Dr. Kaufmanns in Freiburg Am 17. August wurde Dr. Kaufmann, unser leider so früh verstorbener Freund und Mitkämpfer, in Freiburg bestattet. Eine ungewöhnlich große Zahl von Lciütragen• den gab das Geleite. Herr Rabbiner Dr. Es eitel• buch er gedachte der hohen menschlichen Eigen• schäften des Heimgegangenen sowie seiner hin• gcbungsvollen Tätigkeit für jüdische Angelegenheiten und feierte den Verstorbenen als edles Vorbild eines echten, selbstbewußten und ideal gesinnten Juden. Er ließ auch der zi o 111 s t i s c 11 e n Tätigkeit Dr. K a u f 111 u n 11 s volle Gerechtigkeit widerfahren, Als Vertreter des A.־C. und des C.*C. der Zion. V. f. I). sprach Julius Simon, indem er die Be• denlimg Dr. Kaufmanns innerhalb der zionistischen Bewegung in den markantesten Punkten hervorhob. Wir verzichten darauf, den Inhalt dieser Gedenkrede hier aufznzcilhnen, da demnächst eine aus führ־ liehe Würdig u n g der Verdienste unseres ver• storbeuen Freundes und seiner edlen, echt jüdischen Menschlichkeit hier erfolgen wird. Der V. J. St. war durch seine Chargierten in Wichs vertreten; für sic gab Ilerr cand. med. Ducas• Freiburg der Trauer der Verbindung für ihren heinigegangenen alten Herrn Ausdruck. VGReiNS-RUNDSCHAU Berlin. Jüdischer Disk utier •Club (G r u p p e des J ii d i s c h e n Jugend b u 11 d e s E. V.) In letzter Stunde sei nochmals an die am Sonntag, den 3. September, zur Feier des I. Stiftung*• festes stattfindende Motorbnotfalirt nach Raiichfangs• werder (Restaurant ״Zum Waldbaus") erinnert. Das reichhaltige Programm Ist sicher geeiguet, jedem etwas