Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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JUEDISCME RUNDSCHAU Seite 415 Nr. 35 lind arbeite*», man muH nur dm• ״ n h;! I! c n d c \ ״ f. ״ ärlslu'wcguug sein und sieh nicht in den Schmollwinkel setzen, wenn man seinen Grundsätzen Iiiclit sofort Geltung versdiafft. Uml spricht man von Arbeit, s״ soll es gesagt werden: Nirgends sehen wir eine so unentwegt 5 y s t e m a t i 8 c h e Arbeit, die sieh Achtung er• /\vin!*t. nirgends so konsequent durehgeführte Be• ״lülimigcii, wie auf dem Oebi.de unserer Volkskultur. .seht euch doch die Korlsehritte der hebräischen Redespräche an! War und» vor einigen Dezennien der Träger der hebräischen I Iteratnr der hausierende Meehahhcr, so war der Vertreter der Itchräischen Rede der exotische Meschulach oder der Wunderrabhi an $.1bbaßagcn - etwas Weltfremdes, Abenteuerliches Wir seihst haben diese Entwicklung durchgemacht, wir seihst haben an ihr mllgeschaffcn. Ich erinnere!nicli, als ich vor dreißig Jahren in einer Versäumthing hebräisch sprach, sagte mir ein kritisch gerichteter Freund: Sie sind ein Träumer me• schuggc wollte er sagen, mir wählte er ein milderes Wort. Vor zehn Jahren sagte er mir bei ähnlicher (iclegcnheit: Sie sind ein Poet, und jetzt macht er mir Komplimente, ich sei ein Prophet gewesen. Nein, lieber Freund nur ein ganz gewöhnlicher Jude, mir ganz ungekünstelte, freilich nicht dumme Juden waten wir alle, die sagten: Ohne Rede wird der Sprach• leih zum Sprachlciclmam und ist die Schriftsprache die höchste Anwaltschaft der Sprecheinheit, so bleibt die gesprochene Spruche dir dazu höchst nötige l.ebeusstroiu. Wir begannen zu sprechen lind viele tachtcn. Hier in Basel sagte mir jemand auf einem der ersten Kongresse, er habe den Eindruck, als ob ich zu ihm ,,daweide“ die Tone klangen ihm so svnogogal. Schaut Euch jetzt um. und Ihr werdet sehen, wohin di׳.• I.inie zionisti• scher Entwicklung läuft! Wir hatten ״Safa-Briirah-Vereinc“, wir haben jetzt in Rußland gegen fünfzig ״Chowe\ve־Sfas-Ewer*Vcr• eine", wir arbeiten zuletzt au der ״Misladruth Lesafah Ulctarbuth Ibrith“ lind ״Hntechijnh“ - eine große hebräische Verlagsgesellschnft, hei der sielt große Mn•?cne hebräischen Schrifttums zusanunenfinden, soll {'«gründet werden. Ich könnte sagen: Nach so weni• gen Jahren des Wirkens sind unsere Erfolge größer U*l, als vorher kühnste Hoffnung• *erwarten konnte. W’o in der Welt Ist eine alte Sprache im Laufe einiger Dezennien lebendig geworden? Ich könnte sagen, wir, die national-kulturellen Zionisten, sind zu einer Macht hernngcwachsen, mit der man wohl oder übel rechnen muß. und die nicht weit hinter uns liegenden Zeiten sind gründlich vorbei, wo man wühlten durfte, man könne diese Bewegung lotseliweigcn oder mit ein paar seichten Späßchen abfertigen. Diese Sachlage bezeichnet gewiß einen hörlist erfreulichen Fortschritt. Zugleich aber erwächst aus ihr die ernste und dring• liehe Mahnung, daß wir mm u m 8 0 f e s t e r It a 11 e u an den Grundsätzen, denen wir unsere bis• beigen Erfolge verdanken. Ich gehöre nicht zu den Zufriedenen. Ist es auch unter uns Zionisten in dieser Beziehung etwas besser geworden ״was sind wir, wenn wir allein sind?״ Wir müssen ja das ganze Volk ge wimicn - und draußen sieht es düster aus mit dem N dämnlhewiißtsein und mit der Nntiounlspraclu•! Im Westen Ist Hebräisch eine Reliquie, in Rußland ist es bedroht. Die gelehrten Vertreter der Wissenschaft des hidentums schreiben In allen möglichen Sprachen, nur nicht in ihrer eigenen. Die jüdischen Gemeinden führen ihre Bücher und ihre Korrespondenz in allen Snr.ichcn der Welt nur nicht in ihrer eigenen. Mau müßte ein Mez/ofanli sein, um die Chronik des Jü dischen Lebens in letzter Zeit noch verfolgen zu können. Wir verstehen einander nicht mehr und da mit ist ,••lies aufgelöst. Der Mangel einer gemeinsamen Sprache, die hebräische Spracltentfromdmnj Ist die größte tmserer Schwächen. Hier müssen wir oiiigrcifeii, hier gilt e> national zu wirken und Zionismus zu schaffen. Es War gut, «laß die hebräische H i s < a d r u t h in der Eröffnungsrede des Kongresses begrüßt worden ist, Ich hoffe, daß die Histadrulh Chiles leisten wird: •':!eh literarischer Richtung knüpfe ich besonders große Erwartungen an Teehijah; icli möelite auch eine große Ausdehnung der Chowewe Sfas Ewer sehen. Aber uicltl auf die Form, sondern auf den Inhalt kommt es :׳». Der Zionismus muß hier aktiv sein. Es gilt alle Bemühungen zusainmeiizufasseii und durch das große Gewicht gemeinsamen Bestrebens mul Willens der i'tdon Sache dienen, Denn nur mit vereinten Kräften M der Sieg zu gewinnen. V i e I g c i s t i g e 1 a t 11 n d viele materielle Mittel sind erforderlich, um d:׳s Ziel zu erreichen; deshalb kann eine einzelne In• stitulion nur wenig, eine einheitliche Bewegung aber Vieles und Großes erringen. Zunächst für Palästina denn wo drückt sich der süße Klang unserer Sprache inniger nus, wo drängt sich ihre bezwingende Gewalt mächtiger zum Herzen, wo ist cs 80 geboten und möglich, die ganze Sprache aufleben zu lassen wie dort? Alter wir müssen auch hier alles anstreben, damit wir wenigstens einen Teil erreichen. I locltvcrchrtcr Kongreß! Der Worte sind genug gewechselt worden; wir wollen Taten seiten, alter den 'l aten gehen Gedanken voran, Ich werde es versuchen eine Heilte von Thesen und Vorschlägen datzulcgeu, I. Die Verbreitung und Verlebendigung der Itc• hräischeu Sprache in Palästina, iltre Geltung - neben der Staatssprache als Schrift• und Volksspräche, ihre Forderung mul Verschönerung bilden einen integrierenden Teil unseres Arbeitsprogramms. li. Die Uchräislerutig des orientalischen Judentiiius durch 'Schulen, Vereine, öffentliche Vorträge ttsw. ist die dringende Kulturpflicht des Zionismus. III. In der Dhspora haben, nach unserer Auffassiing, die Gemeinden die Pflicht, das jüdische Bewußtsein zu erhalten mul zu kräftigen, da aber dieses Bewußtsein hauptsächlich in der hebräischen Sprache wurzelt, so ist diese Sprache mit allen er* dcnklicheii Mitteln zu pflegen. Diejenigen von uns, die sich an Gemeliuleleitmigeu beteiligen, haben die Pflicht, die Erkenntnis dieser Notwendigkeit durch die Wiedereinführung des Hebräischen zur Tat zu gestalten. IV. Der Zionismus hat die Ehrenpflicht in all sVmen Institutionen, Bureaus mul Vereinen in dieser Beziehung vorbildlich zu wirken. V. leiler Verein hat für die Einrichtung von hebräischen Schulen und Sprachkursen zu sorgen mul das Zentralhureati übernimmt die Pflicht, das nötige Material zu liefern. Für die Errelelitmg dieser Zwecke stelle ich folgeiuleu‘ Antrag! Der X. Ziomstenkoiigreß anerkennt die Notwen• digkeit, einen hebräischen Sch ul verein zu gründen, der die Wiederbelebung der hebräischen Sprache als g e m einsamer Nation» (spräche des indisch en Volkes be/weckl. Dieser Zweck soll erreicht werden durch: a) Errichtung von hebräischen Freischülern die nach Maßnahme der Mittel zunächst in den Großsl.idten errichtet werden lind in denen der Unterrieht unentgeltlich erteilt werden soll. Das Hehriiisehe soll .in diesen Freisehulen wie eine lebende Sprache nach einem einheitlichen Lehreutwnrf gelehrt weiden. h) Vorbereitende Schritte zur Erhaltung bestellender Schulen lind zur Gründung neuer hebräischer Mittel- und Hochschulen In Palästina und wo• möglich auch 111 der Diaspora, e) Drucklegung und Subventionierung hebräischer l ehr- und Lesebücher für den Gebrauch der Freischulen, der zu gründenden Lehranstalten mul des Privatunterrichts. Zur Deckung der Aus• ' gaben nimmt der projektierte Verein jährliche Milgliedbeilrägo in Aussicht. Der Verein wird von Zionisten gegründet und wird vom Zentral• hure iit aus mit dein nötigen Malerial unterstützt. Außer dieser 0äda1;ogisch*kulturellen Arbeit müsse״ wir für die Sprache seihst sorgen. Auch in rlit.scr Pe/iehii'ig halt׳• ich es für notwendig, zunächst die Prinzipien!»ufzustellen und daun die sich hieraus c'gehe'idcn Anträge zu machen: I. F.s ist tmscre Pflicht die Sprache zu wahren, sic vom Fremdartigen zu »Hubern mul durch eine sorgfältige Entwicklung der in ihr vorhandenen Keime sic zu immer größerer Leistlings• fälügkcil aiiszuhilden. II. Die Dinge sind das erste, das zweite aber sind die Worte; wenn die Dinge mehr werden, muß auch die Zahl der Worte größer werden; wenn der Dinge Gest iit sich verändert, müssen auch die Worte etwas anders werden. Die Worte sind also wie ein Kleid, das sich nach seinem Besitzer richtet und mit seiner Veränderung auch verändert werden muß. III. Unsere Sprache ist so reich, daß man selten umsonst sucht, wenn man nur wirklich sucht. Es fehlt vielen von uns nur leider viel zu sehr an trndi tionellcm Wissen und 11 a t i o 11 a i e m Selbstge fühl: wir sind so sehr von anderen Kulturen ab hängig, daß wir immer von demütiger Bewunderung vor dem Fremden uns erfüllen lassen, während wir vieles in unserem eigenen Schrifttum finden können Es wird manches Gute geschaffen, aber oftmals stol perit wir über willkürliche tin! geschmacklose Novi täte״ F.s wVrdcn nicht nur S יו r n c h fehler, es we-de’i midi S ין r a c h f r e v e I begangen. IV. Die Wortbildneroi muß geregelt werden ttnse-e nationale Sprache vereint reine Ursprünglich keil und Weiterbildsamkeit und hohes Alter mit jugemi lieber Frische. Sie ist ein Werk aus einem Guß um Fluß. In der Teilbarkeit, Versetzung und Zusammen setz.uug besitzt unsere Sprache eine Vielgestalt, die sich wendet und kehrt und nach allen möglichen Richtungen forlschrcitet, Als Ursache hat. sic eine Klarheit zur Mitgift, die jeder Lchnsprachc mangelt. Sie ist a 11 s e 11.1111 i c 11 gebildet mul lebt im An* schauen. Sic senkt sieh in die Tiefen des Gemütes; sie hat kindliche Einfalt treu bewahrt, ist bündig in der I).1rslcll1mg, erbaulich in der Rede und kernig im Spruche. Sie läßt in Wissenschaft und Kunst niemals Kenner uml Könner im Stich, sie kann, treu gepflegt, mit dem Entwicklungsgänge Schritt halten, für jede bessere Gestaltung unseres Volkes passen, für jede l.ebensfiille zureichend sein und mit den! Wachstum des Volkes an Bildsamkeit ztmehmen. Nur müssen die Wortbildncr auf die Urgesctzc der Sprache Rücksicht nehmen. Niemand hat Fug zu fragen: Hat schon jemand so gesagt? Mau muß prüfen: Darf man so sagen? Ist es besser nicht auszudrücken? Man muß also zunächst den ganzen Sprachschätz keimen. I in Erwecken scheintoter U r w ö r t e r liegt eine wahre Mehrung und Sprachstärkimg. Kein Wort ist Tür aiisgestörhen zu achten. Begrabene Wurzeln, die noch grün sind und in vollem Wachstum neue Stämme, Aestc mul Zweige treiben können, bringen Segen uml Gedeihen. Jedes wieder in Oebrauch kominende Wort ist eine reichhaltige Quelle. Ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel zur Bereicherung unseres Sprachschatzes bilden auch unsere hebräischen Eigen״ a in e 11 die Oesamtsprache hat hier Fundgruben und Hilfsquellen, die wahren Sparbüchsen mul Notpfennige des Sprachschatzes. Das hebräische Nainensvstcm ist das möglichst entwickelte lind mit der feinsten Systematik durehgeführte. Alle unsere Namen halten ursprünglich eine tiefe sinnvolle Bcileutung. Was unserer Ahnen Geist, Herz mul Sinn erhob mul bewegte, was ihnen hoch mul hehr, groß mul schön erschien, das ließen sie in den Namen wiederkliiigen. die sie ihren Kindern alsbald nach der Gehurt als erstes Angebinde, als dauernden Besitz und bleibenden Schmuck fürs Lehen beilegten. Bc- ״(itzen wir diesen Stoff in der Sprache lind nebenbei »cincrkt: wagen wir es. uns auch wieder hebräisch zu nennen, auch wenn das gegenwärtig nicht üblich ist. Es gibt etwas Höheres als willenlose blinde Unterordnung unter das ״Ucblichc“, das ist ein er* Niinlcs Ucbrl bekämpfen mit dem Mute der Tat. Der Mensch kann, was er will. Wollen wir nur! Die Tatsache der Entimliing der Namen beruht auf der breiten Grundlage der Nach- .111 m 11111׳ s s u eh t. Fs ist wahrlich nicht schön, daß wir so oft mul so bereitwillig unseren Vater- ״ a nt e 11 v e rl e 11 g n e n . indem wir ihn wmgestnltcn, verstüm1|1eln und entstellen. Der Vatername Ist doch für Jeden anständigen Menschen, der anständiger Eitern Kind ist. auch ein Stück seiner angeborenen und an• ״(•erbte׳! Ehre. Aber freilich die Verblendung und Hartsimiigkeit, die auf dem Boden der Gewohnheit so *turk geworden, sind auch liier mächtig genug, um uns in einen Widerspruch mit uüs seihst zu versetzen. I fcherwiuilen wir diese Schwäche, wie wir bereits a״d(1־״• Schwächen überwunden haben, Von sprachlicher Seite bietet wieder der Schatz dtcr Orts1;״nu׳n eine״ ungeheuren Reichtum an Stoff. Diese־׳ Stoff ist noch gar nicht ausgebeutet worden. Icli will Ihnen eine kleine Reminiszenz niittcilcn. Ich übersetzte Herr.1’« Alt-Nculnnd auf seinen Wunsch ans seinem Manuskript ins He• bräisehe. Schon beim Titel blieb ich stehen, All• Neuland ia. die deutsche Sprache mag sich diese Zusammensetzungen leisten, die hebräische läßt cs nicht zu. Ich überlegte uml schrieb ״Tel Abib". Es war ein Ortsname im allen Palästina. Es ist nicht meine Erfindung, es ist ein alter Name, nur hatte man ihn vergessen. V. Man gelie in dem Streben der Sprachreinigung ״Mit zu weit. Wo ein Fremdwort durch ein dem Begriff vollkommen entsprechendes hebräisches Wort ersetzt werden kann, bediene man siel» des letztem. Ist das Fremdwort jedoch eingebürgert und allgemein verständlich, «»der wird der demselben zugrunde liegende Begriff nicht vollständig wiedergegeben, so ist es ein falscher Eifer, das letztere zu bevorzugen. W i r wollen uns nicht isoliere n. Kein Volk, Wenigstens kein Kulturvolk, scheidet sich streng von den andern mul setzt geistigen B»• iihrungeii Grenz• pfähle entgegen, wi:• inan dies bei den Waren und Erzeugnissen des Bodens tut. Sobald sich aber Völker äußerlich nähern, so erfahren mich ihre Sprachen eine notwendige Wechselwirkung. Die Wissenschaften, Künste und Gewerbe bedürfen t e c 11 n i s c 11 e r A u s drücke, die einen scliarfbegrenzten, voraus verab• redeten Begriff unverändert fcsthalten sollen. Vcr• sucht man eine forcierte Uebersetzung, 80 klingt 8ie hölzern und lächerlich. Man darf daher auch nach dieser Richtung nicht übertreiben und das Kind mit dem Bade Ausschüßen. VI, Wer einen Baum zu künstlichen Formen zu• schneidet, vergeht sich gegen die Natur; wer seine Auswüchse wegnimmt, kommt ihr zur Hilfe. Wai