Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 414 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 35 nt pflegen um! weiter /u entwickeln. Eine gebildete Nntmmilspnichc ist ein von den edelsten Geistern und Herzen errungenes Eigentum; ieder liest in ihr* jeder pflanzte in sie zur Aufbewahrung und Fort- Wirkung seine besten Gefühle und Gedanken, ein rruclil• und Blmiieng.irlcn, in dein die I lande der Nation gearbeitet haben, seitdem diese da war. Und wenn Herder behauptet, die Sprache einer Nation sei ein Spiegel i 11 r e r Geschichte, ihrer Taten, Freuden und Leiden, so frage ich: von welcher Sprache kann man dies mit mehr Recht behaupten, als von der hebräischen? Was unserem Stamm, unserem Volke im Lauf seiner Entwicklung begegnet ist, welchen Bestand an Sitte und Lebenserfahrung es aus den Ursilzcu auf die Weltbiihne des Völkcrlebcns mitgcbracht hat, wie es damit haus/uhalleii verstand und aus eigener, freier Kraft den Besitz erhöhte, wie es sich fremden Ein• flüssen gegenüber verhielt, das alles erzählt uns nur die hebräische Sprache. Sie ist die lebendige Geschichte unseres Volkes. 111 seiner Sprache lebt es die Vergangenheit und Zu• kuuft zugleich, es schafft durch die Sprache unablässig an seiner Wiedergeburt i:1 den kommenden Gcschlech• tem aus der Geisteskraft der früheren. Die hebräischc Sprache schöpfte aus der unbewußten Tiefe unseres Volkes, oder vielmehr unser Volk erschöpfte sein Wesen und die geistige Arbeit in der Veredelung der Gefühle und der Aufklärung des Verstandes, seine ganze Weltansicht in der ihm ureigenen Sprache. So oft unser Volk seine Sprache aufgegeben hat, ist ihm der wahre Duell seines Seins abgeselinitleii worden. Seit Jahrlatisendeu ist l lchräisch das Baud gewesen, welches neben der Religion uns mich zu• sammcnliiclt. Ja, nicht allein zusammenhiclt, nein, als Form, in der die Werke unserer grollen Dichter und Weisen Gestalt annahmeii, die Seele der Nation immer zu neuem Leben entzündete. Die Restauration des Volkes unter Esra und Necliemia begann mit der Wiederbelebung der hchrnischci: Sprache; die Rctumgstat R. Jocbanan Ben Sakkais für die Erhaltung des Volkstums nach dem Verlust der polili• scheu Selbständigkeit war bekanntlich die Gründung einer Seluilc für jüdisches Wissen; die Wahrung der reinen Sprache unter den Judäern galt für unsere Weisen als eine Gewähr für die Erhaltung der Lehre, wie auch andererseits die V e r w a h r I o s u 11 g d e r S p r a c 11 e unter den Galiläern als ein böses Zeichen, Nur das nationale Wort hatte die erlösende Kraft. Auch die ptotcinäische Großtat, die griechische Septuaginta Uebersctzung, hatte den Weisen Judäas Angst ein■ geflößt. Sie behielten auch Recht, Für unser Volks tun» haben all diese Uebersetzungcn mau zählt sie heute schon zu Hunderten nichts geleistet. Das Verständnis der Schriftdenkmäler, zumal der prophetischen, aus ihrem zeitgeschichtlichen Zu sammenhange heraus, ist noch heute imstande, ja allein imstande, die Gottesgedanken, die mahnenden und strafenden, wie die tröstenden und erbauenden, welche durch den Mund der Propheten,unseren Ahnen vermittelt wurden, in aller Kraft auch für unsere Gegenwart wirksam werden zu lassen, aber nur in der Ursprache. Wie der Stil für den einzelnen Menschen, so ist keit und damit in engem Horizont, Niedrigkeit der Gesinnung und Häßlichkeit hinausführt; eine Prolc• larlsicrmig, deren Fluch sich auch die Nachkommen kaum je entziehen können. Im historischen Leben geht es nicht anders mit den Völkern. Wir waren mm schon zu oft das Objekt solcher l'rolelarisierungcn. Und deshalb wollen wir jetzt genau erkennen, warum wir und oh wir denn Immer diesen Fluch tragen müssen, und durch diese Erkenntnis wollen wir dann auch die Mittel gewinnen, selber endlich die Herren unseres Schick• sa's zu werden. die Sprache fllr das Gcsnmtvolk boroiclmciul. Die hebräische Sprache besitzt alle Eigentümlichkeiten des jüdischen Volkes. Sie besitzt für abstrakte Vor• Stellungen eine erstaunliche Mannigfaltigkeit und Ab. weebshmg der Ausdrucke tmd malenden und niian. cierendcii Sprachformen. Sie hat Worte und Stämme, welche eine Menge von Bedeutungen, selbst entgegen• gesetzte, vereinigen, so daß nicht ohne Grund manche Wurzeln mit den orientalischen Feigenbäumen ver• glichen werden, die ihre Aeste Wieder in die Erde senken und aus einem Baum einen Wald von Bäumen bilden. Die subjektive Richtung des jüdischen Geisteslebens bedingt auch die außergewöhnliche Frei, heit der Zeitfolge, die so gewöhnlich durch Ver. gegcuwärtigimg von Vergangenem in die Präseutische b/vv. Zukünftige übergeht. Die statuarische Materie der Mit’.auter mul das unbestimmte der Vokale mit der erst späteren Einführung der Ptuiktatüm ist ganz genau von demselben Prinzip beherrscht, das in dem Unterschiede zwischen dem geschriebenen und über• lieferten Gesetz zur Geltung kam: Das N'icdersehrei• heu der Ueberlleferung wurde erst als Notwendigkeit gestattet. Der I laupieharakter der Sprache besteht darin, daß sie stets im Bilden und Fortbihlcii he• griffen ist und mit der größten Uugchuudcuhcit von den festen Gesetzen sich immer neu gestaltet. Wie das jüdische Volk versteht sie mit beschränkten Mitteln einen ungeheuren Umsatz und ein reiches Lehen zu entfalten. Und sie ist auch durch und durch palästinensisch. Sie entnahm der ,palästinensischen Natur ihre Grund• laute; so sprach Gott Im Rollen des Donners, im Säuseln der Winde, im Rauschen der Palmen. Man begreift nicht, weshalb der Hebräer die westliche Himmelsrichtung ״Jam״ nennt, wenn man nicht weiß, «laß das Meer die Westküste Palästinas umspielt; fast jedes Wort ist ein Abbild palästinensischer Vor• Stellungen, eine Form für palästinensische Begriffe. Ohne Hebräisch sind wir gar nichts; wir sind ohne Zusammenhang mit unserer Vergangenheit, wir haben keine Entwicklung aus uns und durch uns, wir ent• hehren der Eigenart, wir bleiben Nachahmer, Wir tappen umher nach Stoffen, unser Eigenes bleibt für uns unbekannt und ungenützt. Woher soll bei uns das Natoiiialgefüld kommen? Es beruht ja auf dem Sich• eiiiswissen mit einer grollen gleichartigen Monge, die durch ihre Vorzüge und Leistungen etwas unter den Völkern und schon in der Vergangenheit etwas ge• wesen ist. Woher soll aber dem Juden dieses Gefühl kommen, da er die Geschichte seiner Vorfahren, seine eigene Sprache und die Erzeugnisse seines eigenen Geistes so wenig kennt? Und ist es nun schicklieh, daß wir dic'ses Un* schätzbare und edelste Gut des jüdischen Volkes vernachlässigen? Und doch geschah es in den meisten Kreisen im Laufe der letzten Generationen und ge• schiebt noch jetzt. Wie das Uehel gekommen und wie das Elend gewachsen, das lehrt die Geschichte ganz genau. Es ist der Begleiter unseres nationalen Verfalles gewesen, Aber jüdische Miiim׳״׳ haben die Schmach immer empfunden und gekämpll oml gekämpft bis auf die neueste Zeit und nun sind wir Zeugen einer Re• ualssance, die die kühnsten Phantasien enthusiastischer Träumer übersteigt! Noch vor vier bis fünf Jahrzehnten war der einzige Repräsentant der hebräischen Literatur der ״Mcchah• bet", der arme hausierende Prannimrantcns.iimiiler für die Veröffentlichung »les Manuskriptes, das cr mit sieh trug. Jetzt haben wir eine Literatur ich will die Namen unserer Dichter und Denker nicht auf/ahle». Sic kennen diese Namen, und wenn Sic sie nicht kennen, so macht Ihnen diese Unkenntnis keine Ehre. Wir halsen eine Reihe von alten bewährten und von jungen aufstiebeiulen Kräften, die in jeder Literatur einen Ehrenplatz entnehmen köm». ten, und wir haben ein hoehbegeistertes Publikum. Sie hätten unsere Versammlungen sehen sollen, die Tausende unserer Jugend, die unsere Zukunft bildet! Ich erwähne die hundert (iedenkfekrversammhmgen im Todesjahre Smoteitskis, die Trauerkundgebungen für Lilieuhlum, l ewiusky und Sehvfcr. das Jubiläum »!1. seres Memlcle, die imposante 1 larkavi-Feier und viele andere, wo es sich zeigte wie das Volk wieder be. gönnen hat zu Verstehen, wo seine Kraft liegt. Wir besitzen Verlagsgesellschaften; Acltjasaf hat Bedeutendes g •leistet ,1 11 s c 111 j .111, II i b 11 o t he k j I I a g e d ״ I a I» B e n A v i g »I u r # entfaltete mit be• wmidernsw'erter Ausdauer eine vielseitige Tätigkeit, besonders auf dem Gebiete der Schul• und Lehr, büclier, die Odessacr Muri ja 11 hat Gediegenes ge• schaffen; die moderne Literatur findet bei Safrus, Jugend• mul Küiderliteratur hei lljiur, llachimuli und kunstvolle Uebersetzungcn hei Mcturgeinan sorgfältige Berücksichtigung. Jener Teil des Schrift• tu ms, der dem Leben am nächst .׳n steht, die Publi• zistik entwickelt sich nicht weniger. Die Tageszeitung Hazefirah hat Ihren alten Leserkreis wiedei ge• fimdcn, der lll‘c<i II asm an kämpft augenblicklich mit Schwierigkeiten, die er aber überwinden wird, der Haschiloach gedeiht und in Palästina er• scheinen die alten und häufen sich neue Zeitschriften und Hroschürenscricn, die uns »las Unmittelbarste ver• miltein, »len Erdgcrucli Palästinas. Und der Mi Ion B c n J tf h 11 d a s , dieses iinglaiihiiche Riesenuntcr• nehmen eines Einzelnen, schreitet vorwärts. Ich könnte auch noch unseren alten wackeren Verein Mc• kize Nlrdantim erwähnen, der in den letzten Jahren die Herausgabe alter Manuskripte mit.großer Tüchtigkeit zu betreiben begann, aber ich kann hier nickt vollständig sein, leb möchte nur noch ein Wort über ein älteres Projekt sagen. Vor Jahren habe ich von dieser Tribüne aus dne hebräische Enzyklopätiid augekündigt; ich glaubte Grund zu haben, die Sache als gesichert /»! betrachten, aber die Voraussetzungen shd nicht eingetieten. 11111 d 1s Projekt harrt noch!scher Verwirklichung. Aufgvschoheit ist nicht aufgehoben. Von anderer bewährter Seite wurde eine judaistischc Enzyklopädie in hvhräischcr Sprache angekündigt; auch dieses hochhcdcutcudc Unternehmen ist nicht zustande gekommen. Ja, es ist eben wie mit allen grollen Projekten, die von dieser Buhne aus äuge• kündigt worden sind: nicht alle konnten verwirklicht werden. Das schattet nicht; daraus wird man nieman• den einen Vorwurf macbeu. Mai» muß mir wollen Jozef Israels Von Knr! Schwärt. Jozef Israels ist tot. Der ehrwürdige Altmeister hat die Augen geschlossen, di.' greisen Hände, die bis zuletzt den iMusel und den Stift sicher führten, sind erlahmt. Einer der größten im Reiche der Kunst ist von uns gegangen. Wem aber ein solches Leben bis'in die höchsten Tage hcscliicdcn war, weit hinaus über die Grenzen des biblischen Alters, wer einen so sonnigen Lebens• abend genießen könnt.׳, geliebt und verehrt von Aber• tausenden, ja, von der ganzen künstliche »dun Mensch״ heit, und dem dabei die Beschwerden des Alters erspart gcbicbco waren, der rüstig bis zun» letzten Atemzuge schaffen konnte — den soll man nicht mit Klagen und Weinet» bestatten, sondern mit Preis und Dank. Wir könnet» uns Israels nur als Greis denken, für »ms »st die kleine vornübergebeugt«! Gestalt mit der Brille ein fester Begriff geworden, Und seine läge schienen uns zurücKZiigeliei» bis auf Rembrandt, dessen Geist er wieder zu neuem Leben brachte. Die grau-dämmernde holländische Atmosphäre wnlile er wieder tu ihrem weichen malerischen Reiz zu gehen, Natur lind Mensch wurden zu einem ofga nisclicii Ganzen, die Liebe /tun Sein verband sie, eine zarte Lyrik umwehte sie. Aber »iiese Lyrik ist frei von jeder Sentimentalität, nichts Weichliches oder Süßliches finde» wir in ihr, tie( h»wm hv die menschliche Seel.׳ leitet sie mit aller Konzentration direkt an die Quelle unseres L!1U|>füule1»s und Denkens. .Israels* Bilder wirken wie ein starkes Selbsterlebcn auf den Beschauer. Die alltäglichen Vorgänge werden zu gewaltigen Dukimiciitcn Her Menschheit, die arme I bitte weitet sielt /um dunklen Don», alles gewinnt Lehen. Des Meisters Pinsel ist der Künder seiner Emp* füuliing; ernst ist er durchs Lehen geschritten, mit• leidig hat er »las geplagte Volk betrachtet, siet» in seine $vclo vertieft und es in aller Innerlichkeit ge• schildert, Dort, wo siel» das Leben am einfachsten nhspiclt, bei den Armen und Geplagten, hat er am liebste» verweilt. Er verstand Hie Sorgen »nid Leiden dieser Menschen, da er seihst in früher Jugend unter ähnlichen Verhältnissen gelebt hatte uml da er mit inniger Liebe an seinem Volke hing, dessen Geschick es durch Jahrhunderte gewesen, Leid mul Mühsal zu ertragen. So hat der große Meister auch sein bedeutendstes Werk seinem Volke geweiht; in dem ״Sohn des alten Volkes" hat er sein Fühlen und Denken,; sein ganzes Können und seine tiefe Bewunderung für Israels Geschick zum Ausdruck gebracht und fürl ewige Zeiten Zeugnis dafür abgelegt, daß er unser war, unser Israels, den die ganze Well verehrt und den wir mit Stolz und Freude als einen wahren Solu» des alten Volkes nennen können. In dt׳r!,Well“ schreibt unser Oesinnungsgcim-sc Hermann Struck über Israels ü. u. Im rauschenden Kongreßsaale ereilt mich die Nach• rieht: Israels ist gestorben. Einer flüstert cs *lern andern zu, und Nordau spricht Wocte des Gedenkens. Wißt Ihr aber auch, Zionisten, daß nun der gröltlc jüdische Künstler die Augen geschlossen? Der Mann, der jetzt «tili auf der Bahre liegt, bewegte sich strahlenden Auges noch vor wenigen Jahren unter »len Zionisten des Haager Kongresses und auch unsere Augen leuchteten vor ■Stolz, wenn wir auf i|1״ blickten, der stets sein »ationaljüdisehcs Empfinden bekannte und betätigte. Der kleine Mann, der gebeugten Hauptes, aber in ungebrochener Rüstigkeit bis in die letzte Zeit sich dem kimstierischen Schaffen hingab, war der ju* »lischst e Künstler, den unser Volk hervorge• bracht hat! .... Dieser kleine Mann, der am königlichen Hofe!'״' derselben Achtung ur.il liebevollen Verehrung l,f* grüßt wurde, wie in der Hütte des ärmsten Fischet*, dieser Mann war ein Jude, der stolz auf sein Juden• tum war. Für das Museum unseres Be za lei hat er ein lebensvolles Selbstbildnis gemalt, das zu seinen schön• sten Schöpfungen gehört. Er hat den Sabbat geweiht, indem er während seines ganzen Lebens nie am Sabbat arbeitete — i* 1 wie er mir oft sagte - - nicht einmal an diesent Tage sein Atelier betrat.