Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651746--07940-2665143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
aaaaagaa ׳«bwumi ■MS tusai Nr, 35 J U E D11. CHI• l< U N D SCHAU Seite 413 Kommission einzusetzen 11ml ihr die Möglichkeit zur Arbeit zu gebe״. Ich beantrage gleichzeitig, eine sicbengliednge Kommission zu wühlen? (Beifall). Vorsitzender Dr. Boilen lieimer: Ich wundere mich, (lall ein Vertreter der aUvrdemokralisehesteu Fmk• tion gegen die Souveränität des Kongresses Protest erhebt. (Unruhe.) Ich glaube, man müßte den Antrag Kaplanski dem l,ermanenzaussclmli übergeben, der die Kommission /.usammenstellcn soll. Pr, Margulies: Ich stelle den Zusatzantrag: Die Kommission hat heute oder spätestens morgen friih dem Kongreß zu referieren. Kaplanski: l)a die Angelegenheit beschleunigt erledigt wird, so beantrage ich, daß die Kommission ebenfalls in beschleunigter Form gewählt wird. Vorsitzender Dr. iknlenheimer: Es wird bcan• tragt, die Kommission sofort zu wählen und zwar nach folgender Liste: Dr. K a t z c n e I s o h 11, Mot zkin, Zuck ermann, Dr. Pasinanik, Dr. O. T 11011, B r u t z k a s und L u b a r s k v. (Zwischen, inte: Trietseh!) Herr Motzkin erklärt sielt mit der Kommission einverstanden, ich lasse also abstimiucn. Angenommen, Die Kommission wird sofort zu. sanimentreten. Dr. Mnrgnlies: Ich beantrage, in die Kommission Herrn Trietseh hineiiiznwähleii. Dr. Bodcnlieimer; Es wird beantragt, Herrn Irietscli in die Kommission zu wählen. — Der An• trag ist angenommen. Schluß der Sitzung 11! Uhr mittags. Nach m Ittagssltz u n g *) Vorsitzender Ussischkin eröffnet die Sitzung um •I Uhr in hebräischer Sprache. I>iesc Sitzung wird im ganzen der wichtigen Frage der gcisUg'ku'tlircll'.’n Renaissance gewidmet sein. Bevor ich Herrn Sokolow zu seinem Referat das Wort erteile, ersuche ich den Sekretär, einige Mitteilungen zu machen. Sekretär Dr. Roscublüth: Jaeolms mul Anna Kann teilen telegraphisch mit, dal) sie den verstor* heilen Maler Jozcf Israels in das goldene Buch cintragen. vors. Ussisehkin: Das Wort hat Herr Sokolow zu einem Referat über die hebräische Sprache. Nahmur Sokolow: Hochverehrter Kongreß! Es gab eine Zeit, in ' der wir unsere nationale Sprache wie einen Augapfel wahrten und pflegten. Sie wurde nicht nur in ihrem Lande in grauer Vorzeit geschützt mul ■erhalten, son• (lern auch in den Ländern des Exils, nicht nur in Synagogen lind Lchrhiiuscrn, sondern auch in Cie* mclndestubcn und in den Familien, in den Wohn• räumen der Reichen und in den Hütten der Armen, überall, wo ein jüdisches Herz schlug. Man labte sich an ihr, man gab sich alle erdenk liehe Mühe, ihre (jesetze zu erforschen,׳ ihren Deist zu erfassen, die feinsten Regungen und Töne iiir abzulauselien. Es gab eine Zeit, als sie betete, sang, lelirte, er• zog und unterrichtete in Glaube und Geschi.’hte, im Leben des Volkes und in den Angelegenheiten der Gemeinden. In dieser Spruche schrieb tler Rabbi seine Thoraerklärungen, der Forscher die Ergebnisse seiner Studien, die Kehilln ihre Erinnerungen und Mentor• *) Diese ganze Sitzung wurde in hebräischer Sprache abgchaltcn. Vorsitzender, Referent und Dis• kussionsredner bedienten sich ausschließlich des He• bräischcn. biuhcr; jeder Verein, klein oder;׳,roß, cs mochte auch nur ein Verein von armen I Inudwcrkcru gewesen sein, das allererste, was er tat, war die Anlegung eines ״Piukas'• mit einer schönen Einleitung, ja auch mit Programm, Geschäftsordnung und Organisationsstatiit und es war eine Selbstverständlichkeit, daß all dies hebräisch geschlichen sein mußte. Die Sprache der Nation miillte jedem jüdischen Beginnen die Weihe erteilen. Und wie leide diese SpracheI Bald war sie er• haben, feierlich und majestätisch, bald frei, leicht und sachlich; bald ergoß sie sich wie ein Lavastrom :11 Strafpredigten und zuckte blitzesp! übend ihr Schwert, bald girrte sie mit liebevoller Anmut wie eine Taube; sie halte eine Kraftfülle - ohne rohe Gewalt, Schönheit ohne Schminke, Ruhe ohne Müßigkeit, hohes Alter ohne Falten und Kindlichkeit ohne Kinderei. Sie zeigte, daß sie alles vermöge, eine uiivcrsiegliche Quelle von Kraft und Lust, für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter passend, dein Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich,׳ zart und blühend in junger Liebe in S e h i r II a s e 11 i r i in , herzerschütternd und wehklagend in Jcrcinjahu. Die urewlgen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjnb, in unver• gleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit er• zählend mit Rutil! Andere Zeilen kamen, schlaff hingen die Harfen in den Trauerweiden an den Bachen Babylons. Die l.ewiten wollten das Lied (inttes auf fremdem Boden nicht mehr anstimmeii sie stimmten es aber doch an! War doch der Aufschrei dieser Weigerung selbst einer der gewaltigsten Psalmen, der das Blut in den Adern erstarren läßt! IXe Sprache trieb die licrr* liebsten Blüten weiter. Schon war das Land der Zer• Störung nahe, als die Sprache in der Misclmah mit riesigem Reichtum und sinnesklarer Genauigkeit erslami, um späterhin das wunderbare ״Meer des Tal• imids“, das alle Küsten tler Wohnsitze unseres Geistes umspiilte und befruchtete, trotz gemischter Idiome, zu durchleuchten. Und wie erblühte diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens! Nie balle in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgefiuiden! Sind in tausend Jahren nach Homer, Ovidiiis und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jescha• jalm, Jirinijahu und Jccliezkcl sind neue, gottbegnadete Seher entstanden, die Hnlewi, die Gabirol, die Ihn l'sra weil der Genius unserer Spruche nicht ge• sturhen ist. Aber nicht nur ein dichterisches Blühen war cs, es war auch ein Leben. Die Keßunserer nationalen Sprache zog sich ununterbrochen, si.• 11111• faßte alle Wissenschaften und Kunst׳.‘, sie behandelte alle Fragen der Gewerbe, alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens alles wurde in dieser Sprache geschrieben, sie begleitete uns auf allen Lebenswegen, sie ging mit uns durch das Tal der Tmlesschatten und siegreich trat sie aus den Folterkammern aller In- (piisitioucu mul Zensuren heraus. Und wissen Sie, welche weltgeschichtlichen Verdienste unsere nationale Sprache hat? Nicht nur, daß sie der Welt die Bibel gegeben, sie hat auch die Sprachen der Völker veredelt und bereichert. Durch indem die angedetitden Vorzüge nicht nur unver* mindert von Generation auf Generation übergingen, sondern dank der Inzucht sich stets steigerten. Andrerseits ergab sich aus dem Ringen nach ewigem Bestände eine in der Menschheitsgeschichte fast beispiellose Zuchtwahl. In dem Daseinskampf der Nation, die durch Schwert und Feuer, durch den härtesten wirtschaftlichen und moralischen Druck und durch stetige Abfallsverlockungen in ihrem Gefüge er* schlittert wurde, konnten sich nur die geistig und tuoraUscU stärksten und physisch zähesten Individuen erhalten und fortpflanzen. Die Geschichte belehrt uns aber darüber, daß auch höchst begabte Völker, seihst wenn sie nicht ein solches Alter haben, wie in diesem Falle, alle Charakteristika des Greisentums mifweisen: sie verfügen gewöhnlich über außerordentliche Geschicklichkeit und Routine, über Gewandtheit und eine Ucbcrfiille von Talenten, aber die verjüngenden Impulse im geistigen!schaffen, die Frische des nationalen Lebens, das Beschreiten neuer Bahnen der kulturellen Tätigkeit sind ihnen versagt. Die Erbwerte dieser Ressen können die Ueberselzting unserer hebräischen Bibel hat Luther die Sprache seines Volkes in deren packender popu• l.irer I laiulhabnng zu einem nie vorher geahnten Fort• schritt gebracht, und von der englischen Sprache bc• zeugt Addison, daß sie unermeßliche Verbesserungen mul Beiträge dem Eindringen der Hebratsinen durch die Uebersetzung d.־r Heiligen Schrift zu ver• danken habe*,) Bekanntlich waren es hebräische Studien, die die Reformation aiigebalmt haben**) und «liese Stadt Basel, in der wir heute tagen mul die für die Gcsehiclitc des Zionismus eine so grolle Be• deiitiing hat, war eben der Lern• und Lclirort, in dein die Peliicamis, Münster und Buxtorf im lö. und 17, Jahrhundert von den Quellen unserer Saadja Caon, Juda Chijug, Jona bei» Gannach, Jarchi, Mcnnchcm b. Saruk, die Kiniehideii, Abraham und Moses Ibn Esra schöpften und neues Licht in der christlichen Weit vci breiteten. Wir lächelten, als inan uns fragte: Wo ist euer Schrifttum? Möge man doch die Bücher- und Hand• Schriftenverzeichnisse der großen Bibliotheken durch• blättern! Wo ist ein Volk vorhanden, das eine so alte und reichhaltige Literatur besäße, wie das unsersgc? Und diese Literatur und diese Sprache waren ja irelit für eine Priest •rkaste oder Gelehrten• ziiuft bestimmt und diese Bücher und Schriften waren ja nicht ein Monopol für Klosterinöiiclie, sondern G e in e i n g u l, Vnlksvermögen! Kein Volk in der Well hat es so tief verstanden wie lias unselige, welche Bedeutung die Sprache für die Erhaltung und die Entwicklung der Nationalität hat. Ja, was macht denn eigentlich ein;׳ Nation aus? Sind nieht außer der Abstammung Sitte un׳J Sprache ihre Merkmale? Die Sprache ist eine Hochburg des Volkstums. Nur jenes Volk, welches den Wert seiner Sprache zu schätzen we ll, kann wahrhaft national fühlen und handeln. Wer für die Sprache kämpft, der kämpft damit auch für die Nation, und wenn erst einmal dem Volke die Wertschätzung seiner Sprache ins Herz gepflanzt worden ist, so daß es sie heilig hält gleich dem kostbarste! K'einode, diiiiu ist auch ein großer Feii seines Kampfes hierdurch beendet, dann wird das Volk seines inneren Wertes bewußt, dann erst wird ihm jeiies Gefühl zuteil, welches nationale Kraft verleiht timl unvergängliche Taten schafft. Bezeichnen wir ja mit dein Wort ״national“ nicht allein die im Wesen eines Volkes, seiner Oc• snintheit nach ursprünglich eingeborenen oder all• mählich entwickelten Eigenschaften, welche es von anderen Nationen unterscheiden, sondern auch in bezug auf den einzelnen Volksaiigehörigen das Gefühl dieser Eigenschaften und das Bewußtsein von ihrem Werte, sowie endlich nicht minder das Bestreben, diese Eigenschalten ihrer ursprünglichen mul edleren Art gemäß Sprache, Erziehung, Unterricht, Literatur, Religion usw. wirksamen Ueberlieferungcn der Vorfahren, die I r;•• ditionswerte. Die Begabungsquote, von der wir früher schon gesprochen haben, ist angcerbt, sic ist durch die Rasse gegeben, sic ist der endogene Faktor; die Traditions• werte aber sind nur gegeben durch die überkommene Kultur. Nicht deshalb fcbll Frische, fehlt Jugend und Kraft, weil die Rasse, sondern Weil die Kultur, die Tradition schon alt ist. Würde eine alte Rasse von starker Begabung die auf ihr lastenden, das Originäre erdrückenden Traditionswerte abschütteln und durch neue, ihrem eigensten Jugendmilieu adäquate Werte ersetzen können, so würde, was den Kulturweit einer solchen Rasse betrifft, nichts mit ihm viel» messen lassen. Wir erkennen also, daß trotz des außerordentlich großen Anteiles, mit dein die Juden unserer Tage an den! kulturellen Schaffen der Gegenwart partizipieren, alle diese Leistungen nur ein geringer Teil dessen sind, was sie unter normalen Schaffcnsbcdingungcn produzieren könnten. Wir sehen also in dem jüdischen •Volk ein Roh* material vor uns, aus dem tatsächlich, um mit Buber zu sprechen, alles Gute und alles Schlechte werden könnte, beides in größtem Stile, oder daß sich voll• kommen auflöscn könnte. Der Zionismus ist das Streben, es zu erhalten und nicht das Schlechte oder auch nicht irgendetwas wohlfeil Gutes, sondern das Beste aus ihm zu entwickeln. Notwendig muß dies das Streben aller guten Juden sein, seien sie nun Zionisten oder nicht. Aber nicht nur der Juden, sondern aller, deren Streben dahin gndit, vorhandenes Rohmaterial, sozusagen brachliegende Naturschätze,'vor der!Vernich• tung zu bewahren, sic für die allgemeine Wohlfahrt und Kultur auszunützen. Aus dieser gemeinsamen Basis ergibt sich von seihst, was an unserem Ziel notwendig essentiell und was zufällig temporär akzidentell und ausscheidbar ist. Der Zionismus ergibt sich i!1 dieser A r t n 18 ein notwendiges Ziel, nicht nur nationaler, sondern kosmopolitischer .U c b e r 1 c g u n g e n. *) Our latiguage lias reeeived imiummcrablc eie• gaueii'H and improvoiiieiits from (bat infusioi! of He• hraisms wiu'ch are derived to it out of the Poctical Passages of *the Holy Writ, (Addison, Spect. No. •105). **) The Reformation lias becn often called a He• braising Revival (M. Arnold. Cult and An. IV (1882) M3. Aber er ist mehr als das. Nicht nur eine al* t r u i s 1 i s c 11 e 11 Ueberlegungen entspringende Forde• rung, sondere eine, die in engster Beziehung steht auch zu der Rücksichtnahme auf das individuelle Glück der Einzelnen. Jeder Mensch hat in sich das Streben nach möglichster Entfaltung seiner Persönlichkeit. Mit der Größe seiner Aufgabe wächst der Mann. Die Decadence, die große Lehre unserer westlichen Kultuimcnschheit mit ihrer Lcbensübcrdriissigkeit, mit ihrem Jagen nach äußeren Genüssen, ist zum großen Teil dem Mangel an Aufgaben zuzu• schreiben. Nur in den großen Cielahrpenoücn der Menschheit erstanden ihr auch ihre Heroen. Was wir gegenwärtig an menschlicher Größe sehen, cs sind fast nur die Helden noch unterdrückter Völker, die ihr Lehen gegen die Tyrannei in die Schanze schlagen. Dem überwiegenden Einzeiindividuum wieder die Mög• lichkcit vollsten, intensivsten Lehens und damit hoch• steil Glückes zu gewähren, dazu ist nichts geeigneter, als es vor große Aufgaben zu stellen. Die berechtigte Forderung unserer Zeit nach vollster Entfaltung der Persönlichkeit findet die Möglichkeit ihrer Erfüllung nur hei dem Vorhandensein jener Aufgaben, die — für den Einzelnen als ästhetisches oder wissenschaftliches, für die Masse als sittlich-politisches Ideal — durch die Auslösung der höchsten seelischen Energien dem Lehen erst seine Größe, seine Würde und seihen Wert gehen. Nichts in der Welt mm könnte sich mit der Größe derjenigen Aufgaben messen, die der jüdischen Elite wartet. *- Wie oft!:eben wir cs im sozialen Leben, daß nur irgendein zufälliges Geschehnis bei völliger Gleichheit der Anlagen den einen auf die Höhe des Glücks mit allen Möglichkeiten sich geistig und scclisch zu vervollkommnen, den anderen aber in Dürftig• 11