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Jüdische Rundschau · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Gesinnungsgenossen! Der X. Zionistcnkongroi) ist vorüber, und alle, die an ihm teilgenommen haben, stehen unter dem Eindruck der imposanten Größe, die ihm die Zahl der Delegierten und Gäste, die Festlichkeit seiner Veranstaltungen, die Einmütigkeit seiner Willensäußerungen verlieh. Der tiefe Ernst, der die Verhandlungen erfüllte, die strenge Sachlichkeit der Beschlüsse, die in den Kommissionen durch gründliche Arbeit vorbereitet wurden, heben den X. Kongreß zu ungewöhnlicher Bedeutung empor und bilden verheißungsvollen Beginn einer neuen Arbeitsperiode. Durch Beschluß des Kongresses ist die Lei• hing der zionistischen Bewegung nach Berlin verlegt und das Unterzeichnete Engere Actions- Comile mit der Führung der Parteigeschäfte betraut worden, Beseelt von dem Wunsche, durch eine Politik der Sammlung alle lebendigen Kräfte, die in unserer Bewegung tätig sind und tätig sein können, zusammenzufassen, aus der Ideenwelt, die den Zionismus schuf, immer aufs neue den Geist zu schöpfen, der die Tat belebt, wollen wir dazu schreiten, die Tätigkeit unserer Organisation weitcr auszubauen und für die planvolle Entwickhing unserer Institution zu sorgen. Wir werden sorgfältig bemüht sein, den je* weiligen politischen Verhältnissen Rechnung zu tragen und dcmgc*müll gegenwärtig insbesondere für den weiteren Ausbau unseres Informations• und Aufklärungsdicnstes in der Türkei bemüht sein. Im Vertrauen auf die fortschreitende Ent• Wicklung des oUomanischen Reiches und in dem Bewußtsein, daß unsere Bestrebungen mit seinen wohlverstandenen Interessen iibereinstimincn, hegen wir die feste Ucberzcugung, daß unsere Bemühungen zu den günstigsten Resultaten füll• ren werden. Unsere Tätigkeit in Palästina, die wir als die Grundlage aller zionistischen Tätigkeit überhaupt betrachten, muß zielbcwußt weitergeführt wer* den. Mehr und mehr werden wir die in langjähriger Versuchsarbeit gewonnenen Erfahrungen nutzbringend verwenden können. Von gleicher Bedeutung wie die politische und kolonisatorische Arbeit ist für uns die Pflege unserer national-kulturellen Entwicklung. Hierfür eröffnet sich uns neben der Förderung der jüdisehen Geistesarbeit in allen Ländern, die unser Volk zu lebendigem Judentum und hierdurch zum Zionismus führen soll, ein besonderes Tätigkeitsteld im Orient, dessen jüdische Bevölkerung wir aufklären und auf dessen Erziehungswesen wir unser Augenmerk richten müssen. Unsere nationale Sprache muß immer weitere Ausbreitung erfahren und immer mehr zur Gcsamtsprachc der Nation werden. Auch in dieser Beziehung hat der letzte Kongreß Oroßartigcssehicdneluncn von dem Freunde, mit dem ich ein gm geleistet. In einer ausschließlich hebräisch ge- *‘«י* w3׳ «lw;"uU־rt hi״: wir habe führten Kongrcßsilzimg hat der Zauber unserer alten auferstamlencn Nationulsprache mit unwiderstchlich magischer Gewalt unser aller Herzen ergriffen. Was früher nur ein sehnsüchtiges Verlangen war, beginnt jetzt zur Tatsache zu werden. So wollen wir unter Wahrung der imveräußerlich feststehenden Grundsätze des Zionismus die größtmögliche Förderung der Palästinatätigkeit und die Belebung unserer nationalen Kultur anstreben. Gleichzeitig erwächst uns die Aufgabe, die bereits bestehenden Institutionen finanzieller Natur, unsere Banken, unseren Natioualfotuls, unsere Laudgesellsehaften und alle vom Zionismus geschaffenen und unterstützten lnstitute zu erhalten und planvoll auszugestalten. ln der Festigung und Ausdehnung der zionistischen Gcsaintpnrtci, die in mächtigem Wachsen begriffen ist, erblicken wir die starke Basis und den zuverlässigen Rückhalt unserer Arbeit. Die auf diesem Kongreß in tmgewöhn* lieh großer Zahl erschienene zionistische Jugend gibt uns eine neue Garantie für das siegreiche Portsclirciteu unserer Idee. Im Sinne unseres neuen Statuts werden wir auch unsere Organisation entwickeln, die Pro* pnganda weiter misbreiten und den dringend notwendigen Zusammenhang zwischen der Parteileitnng und den Landesorganisationen und Föderationen herzustellen suchen. Wir übernehmen die Arbeit für die Erfüllung unserer mannigfachen und schwierigen Aufgabe mit dein innigen Wunsche, daß cs uns gelingen möge, durch die Sammlung aller Kräfte die har• monischc Zusammenarbeit in der Bewegung immer zu erhalten. Nur in gemeinsamem brüderliehen! Schaffen wird die Kraft der zionistischen Idee sich machtvoll in sichtbaren Erfolgen offenbaren. Und so erwarten wir zuversichtlich, daß alle Gruppen und Richtungen innerhalb des Zionis• mus, daß jeder Zionist unserm Werke seine tätige Mitarbeit widmen wird. Otto Warburg, Victor Jacobson, Arthur iiantke, Sch mar ja U-win, Nahum Sokoiow. cn Moses Kaufmann Vielleicht hat sich der jähe Schmerz, den die Nachricht vom Tode unseres Moses Kaufmann bei seinen zahlreichen Freunden auslösen mußte, jetzt schon in jenen Zustand des heiligen, weihevollen Gcdenkens gewandelt, der dem ersten qualvollen Erschrecken zu folgen pflegt. Mich trifft die Trauerbotschaft erst heute — und hoch oben in der Bergeseinsamkeit kämpfe ich jetzt allein die ganze Bitterkeit des ersten Schmerzes durch. Es ist ein schweres Abreud und Leid geteilt, uns gemeinsam bereisten als wir dem herrlichem Verkünder der neuen Heil»! botschaft für das jüdische Volk gegentihersiamlen alle Bitternisse und Enttäuschungen, die dem lode unseres ersten Führers folgten, gemeinsam getragen und in «lem Kalnncn, der uns in der engeren lleiinal«! gcmeiiischnft gesteckt war, zusammen gearbeitet lur die Ausbreitung Und Vertiefung der Sache, die uns zusammengeführt hat. Ich weiß nichts von Kauf, m.ums Lehen und Wirken vor dem ersten Baseler Kongreß; wir hatten so vieles vom Gegenwärtigen und Zukünftigen zu sprechen, daß dem Austausche vcr. gaugener Erlebnisse kein Raum blieb. Der Abschnitt aber lut Leben unseres freundes, der mit den denk, würdigen Augusttagen des Jahres 1807 beginnt und jetzt durch ein widriges Geschick ein vorzeitiges Ende fand, liegt offen und aufgeschlagen vor uns. Es war die Hülie- und Glanzzeit tri seinem Leben und Wirken, lieber die treue Hingebung an seine eigene Familie über die Erfüllung seines schweren Berufs, dem er zur Zierde gereichte, über die Arbeit für die jüdische Gemeinde in seiner Heimatstadt strebt nun das Ziel seines Denkens, Fiililens und Arbeitens hinaus zur aktiven Teilnahme an dem grollen Befreiungskämpfe seines Volkes, für den in seiner Nachbarstadt Basel die Losung geschaffen ward. Nicht als jugendlicher Schwärmer, als gereifter Mann, dem der ärztliche Bern( den Stempel des Ernstes aufgedrückt, trat er in die Reihen der Zionisstreiter, und blieb in all den Jahren, ohne eine Minute zu zaudern oder zu schwanken, als ein ganzer Zionist vom Scheitel bii z.ur Sohle ein leuchtendes Vorbild der zionistischen Arbeit allen denen, die ihm nähertraten. Er wirkte nicht und wollte nicht wirken .durch das Wort, das leider heute vielen als Gipfelpunkt alles zionistischen Schaffens erscheint; er war ein Mann der stillen, sachlichen Arbeit, Wenn er dann einmal sprach, so fanden seine Worte um so aufmerksamere BcachtusiR, als man wußte, er hatte etwas bedeutungsvolles, wolilvorbereiletcs, zu sagen. In allen propagaudistischeu, organisatorischen Angelegenheiten schoben wir Kaufmann die schwersten Aufgaben zu, und haben uns in unseren Erwartungen nie getäuscht, in der stillen Arbeitsstube suchte und fand er die Lösung. Noch bis zuletzt — selbst während seiner schweren Krankheit — arbeitete er an einem zionistischen Gemeinde* Programm fiir Baden, um dessen Aufstellung wir ihn gebeten hatten. Für die Arbeit in dem engeren Bezirke Baden wird Kaufmann unersetzbar bleiben; hier war er uns Leiter, Führer und Berater. Er war unter den Unterzeichnern des ersten Aufrufes an die süddeutschen Juden und Teilnehmer der ersten Konferenz in Karlsruhe, die erstmals eine Bresche für »len Zionismus im deutschen Süden schuf. Sein treuer Genosse auf all den mühevollen Wegen, die zu einem achtbaren Erfolge in Siiddeulscldand führten, Weil• Freiburg, ist schon einige Jahre vor Kaufmann uns entrissen worden. Kaufmanns innige Arbeit, «eine treue Erinnerung, sein organisatorisches Talent fanden in der deutschen Landsmannschaft Beachtung und Würdigung und das Vertrauen seiner Gesinnung*• genossen übertrug ihm das Amt eines Mitgliedes des Zentralkomitees bis er wegen schwerer Krankheit um ,<* r Rassenproblem und Judenfrage Von Dr, Ignaz Z o 11 s c 11011 (Schluß.) Wenn einmal über kurz oder lang das Verbot des Aufenthaltes außerhalb des Ansiedlungsrayons, wie vorauszuschcii, fallen sollte, so würde dann mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der besseren Schulbildung der Kinder, den vermehrten Vcrkehrsbeziehungen mit den Christen, vor allem mit Oer Auflösung der derzeitigen großen Mehrheit in kleine, über das ganze ungeheure Reich zersprengte Minderheiten in Rußland heute nur in rapiderer Form dieselbe Ent- Wicklung beginnen, wie sic in Westeuropa mit dem bekannten Resultate im vorigen Jahrhundert begonnen hatte. Ja aber — wir müssen als denkende Menschen uns ja auch von nationalen Empfindlichkeiten befreien können, wir müssen ja Imstande sein, bei einer wissenschaftlichen Betrachtung diese Fragen aus dem Rahmen der gefühlsmäßigen Beurteilung herauszugeben und sic allgemein gültig zu beantworten — würde cs denn von der Warte eines höheren Stand- Punktes aus betrachtet überhaupt ein Unglück sein, wenn ein Volk, das zum Leiden erschaffen scheint, seine volklichc Existenz endlich cinbiiQt und die Individuen, die cs umschloß, dadurch um so freier und glücklicher werden. WerdcndicJudcnfBr dU Mcnschheltskultur mehr leisten oder werden sie überhaupt glücklicher sein wenn sie als Sondervolk bestehen bteiben oder wenn sic ln den YAJi«'״ r*•*10» •״!gclien schwinden?; änderest und vcr* Wir kommen damit auf das Kapitel des Rassenwertes der Juden. Die intellektuelle und charakterologische, die ästhetische sowie die physische Minder- Wertigkeit der jüdischen Rasse, das ist, in wenige Worte konzentriert, das Ergebnis der bisherigen Forschlingen auf dem Gebiete der Rasscnanthropologic und •Biologie. Die Sanktion aller judcnfeindlichen Bewegungen einerseits, de! Mangel an Stolz und Selbstgefühl andererseits, das ist Ihr praktisch-politisclies Ergebnis. Man sprach den Juden als den einzigen Nichtariern des westlichen Europa zwar nicht die geistige Gewandtheit ab, wohl aber alle höher• wertigen produktiven und gestaltenden Fähigkeiten, Nun weiß man ja allerdings lieutcj daß die Sage von der großen herrlichen arischen Rasse eben eine bloße Sage ist. Und daß es eine der größten Gcschichtslügen ist, von Ariern und Nichtariern, zu sprechen. Nichtsdestoweniger ist nicht nur der Gegensatz zwischen denjenigen Rassengruppen, die man früher als Arier und Nichtaricr bezeichnet hat, um nichts geringer geworden, sondern hat sich noch bis zur Unerträglichkeit verschärft durch die sogenannte Qcrmancnthcoric, dem großen Publikum am meisten bekannt durch ihren Propheten Chamberlaiu. Leider ist es mir nicht möglich, auf dieses Intercssante GebN näher einziigehcn. Erwähnt sei bloß, daß diese Theorie den wissenschaftlichen Beweis dafür nnbot, daß der Kulturwert irgend eines Volkes abhängig sei von dem Prozentsatz nord»sehen Blutes, der noch aus alter Zeit in ihm liege. Wenn irgendein Volk jemals etwas gcleistet habe, so sei das der Anwesenheit jener Herren* rassc der urgcrmaniselicn Rassenkomponente zuzu- Daß nun eine solche wissenschaftlich gut gestützte Theorie den germanischen R a s s c n c 11 a uv i* nismus ins maßlose steigern, dagegen das $1 inst* gcfülil der niclitgcrniaiiisehen Elemente, die u-׳tci ihnen leben, ja tatsächlich die Lehnsträger fr«׳.1־dct Kulturen geworden waren, in ein Inferiorität!•;.■ öihl Umschlagen mußte, ist ohne weiteres klar. Ich muß cs mir natürlich ebenso versagen, darauf liinzuw■.;״'*׳, daß sicli nach noch genaueren anthropologische■’ Vorschlingen mit Sicherheit sagen läßt, daß d :■«& ganze schöne germanische Rassentheorie haltlos und aus der Luft gegrifü 1 י*י• Aber die Juden produzieren ja doch, wie •man sagt, bei all ihrer Agilität und Rührigkeit mir Mittel* werte I Ihre geistige Tätigkeit beschränkt siel, auf bloßes kombinatorisches Associieren. Intuitives Erschauen neuer Gebiete der menschlichen Forschung, die künstlerische Erleuchtung, die zur Schöpfung ewiger Meisterwerke führ», ist bei den modernen Juden der Gegenwart nicht zu finden. Damit kon.e.ten wir auf ein Gebiet geschichtsphilosophischer Uetr.ich* hingen, die von der läppischen Rassenüberlielnutf» und von jenen Auserwäliithdtsprimupicn des Arierglaubcns weit entfernt sind und gute Wissenschaft* liehe Grundlagen zu besitzen scheinen. Es handelt sich hier nicht mehr um anthropologische Ausein* amlcrsctzungcn, sondern um den Orundfehlcr der modernen wissenschaftlichen Geschichtsauffassung• Dieser Grundirrtum ist die bis zum Charakter der Gesetzlichkeit verdichtete Ansicht über die ״Kon* *tanz der Rassencharaktere״. Um kurz zu resümieren, was sich durch geschieht*• philosophische Analyse und das eingehende Studium der Vcrcrbungsthcoric ergeben hat: das Gesetz von der hl 1 r 11 *« --*-*

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