Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651746--07936-2665139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

. k. , Abonnements auf <11* wSclxntIkh am l'mu? rr• nlirintmle ״JUellath« Kuntltcliuu'' Ul knilfii lxl uer K«11״liliun und bei ,!׳n IWKmUrn vl״HfljiihrlUb «tlWihalb D»uUd1tamla und Oeitfr• r<>dvUng*1ni 2,— M,| lür Mik'lirdrr jiidixhtf Vf rein* im SammeUxiuy durch den Vteein I,— M. Varlag JUdUdi» Rundidiau E. G. m. b. H. IWrlln-Chtrloltenbur^, niflblreu.l49 .׳. Tel. Ch, 9681.!״uliiUulundrn. 10- 12 und■( -7 Uhr, ••'irr Sonnabend und Snrtnt#1׳ ר 1 1! E I I I I I I I I w, «# * <\ / ־ V /, nS; C % ץ־׳ •' '7.9 .,LJ ך"? A־־ ״/ < / ( J V i \ j u. \ ד ר j! 1 ן'•; x־r ך~׳, ף־ייי״ן ך-־״״-יין ^ץ* ך*" **ן ך■ \ * li V״.. J LJ LJ L Lj y...j 1_J LJ ‘יי Anzeigen hinten für die «rdii^enpnltene Petit* red# oder deren Kmnn •U) H.l Stellen» Arufflmt# und -finuibe •ovrie Verein•• Mitlrilunjfn und .Kleine Anreigen* »' » vi ״ur 30 l’f. •»<»>* Menuakripte werden, wenn Porto 1x1• י* liegt, iteti ruruihgriandt. in Kednktioiiuclilutl Mitlwnch vormittag•. Roclabtlon Jlldleclia Rutidachaa Ilerlln-Cluirlnttenburg. Illelbtrcuetr. 49. Tel, Cb. 9681, •*'predutuiufen Olenit»« umlDonneratag 5 6 Uhr nacbmltleg•■ _) Nummer 35 3. Eiul 5671 XVI. Jahrgang □□□□□□□□□□□□□□ □□□□□□□□סח□ Ausweis Organisationsfonds: B. L. Murwit/, Dresden, 5,—. aus Köln 5,20, Breslau 7,-־ (siehe ״Verschiedene Spenden״), Gesamteingang: 8959,45 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistisches Zcntralburcau, Chartottenburg 2, Bieibtrcustr.tßc 49, Postscheckkonto 8091, Bankkonto: A. H. Hey* mmin & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59. □□□□□□□□□□םםםם0םם0םםםםםסם Pogrom in England Antisemitische Ausschreitungen in Wales. Ais ob die Schilderungen der sich aiuhuenul verschlimmernden Lage der Juden, die auf dem X. Zionistenkongrel) leider wieder gegeben wer* den mußte —־• und die von unseren Gegnern so gern als pessimistische Scliwnivseherei he* zeichnet werden — noch eines Beweises bedurft hätte, kommt jetzt eine Nachricht über den Acrmelkanal,. die wahrscheinlich selbst unsere englischen Gesinnungsgenossen noch vor kur/cin für eine Unmöglichkeit erklärt hätten. Und diese Nachricht, über die sich das Gros der deutschen Presse aus Uniiiilerriclitetlieit oder aus Absicht s״ ziemlich ausschweigt, besagt nichts Geringeres aU: in Süd-Wal cs hat cs einen regelrechten Pogrom gegen die dort an* s ä s s i g e 11 Juden gegeben! Ein e n P o - g r o nt ganz nach russisch e tu Muster im freien England, mit dem einzigen Unter* schied, daß er nicht von der Regierung vor* anstaltct, sondern aus der ״Volksseele" heraus spontan entstanden ist, und daß der süße!Mob den Juden nicht ans Leben, sondern vorläufig nur an ihr Eigentum, ihre Läden und ihre Häuser gegangen ist und nicht gemordet, sondern fürs erste ״nur" geraubt und geplündert und ver* wüstet hat. In verschiedenen Städten von Siidwalcs wie Tiedcgar, Ebbw Vale und Rhymney veranstaltete die Bevölkerung richtige Straßenkämpfe gegen die jüdischen Geschäfte, stahl, zer* störte und plünderte nach Herzenslust, und ob* wohl die Verkündung der Aufruhrakte zu* nächst Ruhe geschaffen hatte, verbreitete sich bald das Gerücht, dal) am Dienstag (der ver* gangenen Woche) die Plünderung von neuem losgelien würde. Und ganz prograniinäBig sam* melle sich die Menge an diesem Tage wieder 211 Haufen, bewarf am iicliiehten Tage diesmal die jüdischen Privat h ä tiser mit Steinen, drang in die Gebäude ein und schlug mit Kniip* polu kurz, und klein, was sie auf dem Wege fand, nahm mit, was gefiel, und machte aus ruhigen Wohnst,alten friedlicher jüdischer Bürger wüste Trümmerhaufen. Nicht ein einziger Laden, nicht ein einziges Haus, das einem Juden gehörte, blieb unberührt, und viele Juden haben, vom Spott der Bevölkerung verfolgt, ihre W o h 11* orte verlassen müssen. Das Einschreiten der Behörden war allen übereinstimmenden ״Der Ziou! ־.rnufj cr״lrcbt für da!» jüdische Volk cllo Zehnt!nag einer öffenfclicU-rechtlich gesicherten Ilclmatütto ln Polamina•11 Bnsolcr Progrnrr.r2# Meldungen zufolge überaus lau, und alles, was die Proteste der jüdischen Gemeinden bisher vermochten, ist ein Versprechen des Mi* 11 i s t c r s d c s Innern, dal) alles getan werden würde, um eine Wiederholung der bedauerlichen Ereignisse zu verhindern. Ein Korrespondent der ״Times", der an Ort und Stelle weilte, versuch! es, den Dingen eine harmlose Deutung zu gehen, indem er sagt, die Bevölkerung sei durch die aufrührerischen Lehren der sozialistischen Agitatoren aufgereizt, imd sie sei überdies immer so freindeiifeindlicb gewesen, dal) sie schon einmal eine irische Kolonie ver* trieben hätte. Das ״Vordringen der jüdischen I lündler", die nach dem zweiten 'l äge des Eise n* b a h n e r s t r e i k s die Preise einiger Waren er* höht hätten, habe in der Bevölkerung diese grenzenlose Wut erregt, die sich dann in den Plünderungen Luft gemacht hätte. Selbst der ״Frankfurter Zeitung", die den Dingen gewili nicht gern eine allzu pessimistische Note gehen möchte, erscheinen diese ״Gründe" ־ was sie natürlich auch sind . als gar zu fadenscheinig, um über den ernste 11 C 11 a r a k t e r dieser a 111 i s e 111 i t i s c 11 e 11 R e volle hiiiwegzutaiisehen. Der Korrespondent des ״Daily Telegraph" meldete am Sonnabend seinem Blatte, alle gegen die jüdischen Geschäfts* leute vorgebrachte״ Beschuldigungen hätten sich als vollkommen g r ti u 1110 s herausgestellt. Nach seiner Ueberzcugung sei die Ursache der Ercig* nissc nicht Judenhaß, sondern g a n z g c w ö 111111 c 11 c R a u b I u s t. Wir begreifen sehr gut, dal) die englische Presse, der die Vorkommnisse im Interesse der Ehre und des politischen Rufes Englands uatiir* lieh sehr peinlich sind, solcherart nach Verhältnis* mäßig harmlosen, mehr allgemein-menschlichen oder richtiger bestialischen Ursachen sucht. Denn es ist ihr natürlich nicht angenehm, zugeben zu müssen, dal) Dinge, die man nur in Rußland und Rumänien für möglich hielt, und über die sich die englische Presse jederzeit mit Recht so entrüstet habe, mm ganz in der gleichen Manier a u c h i n E11 g 1 a n d s c I bs t vorgekommen sind. Aber können wir uns mit dieser liberalen Ohren ja gewiß angenehmer klingenden Erklärung des ״Daily Telegraph" zufrieden geben? Ist das überhaupt eine Erklärung?? Wer sich nicht sehenden Auges für blind halten lassen will, mul) beide Fragen mit einem glatten Nein beantworten. Alle diese Erklä* rungen sind nichts als gewundene, Widerspruchs* volle und ganz ungenügende, im Grunde völlig i n 11 a 111 o s e P h r a s e n. Wenn die Bevölkerung von Tredegar und Rhymncy sozialistisch wäre, wie die liberalen Sozialistciigcgncr behaupten, würde sic nicht ge* rniic nur die Juden als ihre Feinde betrachten, und sie würde dann nicht rauben und pliindem, sondern ihren Kampf so führen, wie die andern Sozialisten Englands und anderei• Länder. Und wenn die Bevölkerung dieser südwalisischen Distrikte so ״f r c m d e 11 f c i n d I i c I!" ist, daß sie ״He ״Fremden" austreibt, so steht sic kulturell eben absolut nicht höher als die von den Hooli* gans geführten Bauden russischer oder rumänischer Bauern. Warum aber läßt sie ihren Fremdenhaß und ihre Raublust gerade an den Juden aus? Je nun, weil eben die Juden immer und überall j diejenigen sind, die man für alles verantwortlich macht, und weil die übrige Bevölkerung, die zu zivilisiert ist, um selber mit zu stehlen und zu plündern, die Sache immer milder an sehen wird, wenn sich die Ausschreitungen 11 ti r g e g e n J ud cn richten, als wenn etwa auch andere Eng- Finder davon betroffen worden wären. Und warum kann diese fremdenfeinüliclie und taublustige Bevölkerung ihren llcsticn-lnstiukten tagelang — sogar nach vorheriger Ankündigung! — ruhig fröhnen, um erst recht spät durch Militär und Polizei zuriiekgejagt zu werden? Weil eben auch in England, dem Muttcrlande der europäiseben Freiheit,•die Juden - nicht de jure, aber tatsächlich ־ a I s 111 i 11 deren R ec 111 cs de n n andere S ta a t s b ii rg e r angesehen werden. Diese Tatsache wollen natürlich die liberalen Blätter nicht zugeben, mul die liberalen Juden können sie nicht glauben - - würfe sie doch das ganze gutgemeinte Lügengebäude von der Frei- 11 e i t d e r J11 d e »1 in W c s t e u r 0 p a über den Haufen. Nichtsdestoweniger ist sie eine Tatsache, eine traurige Tatsache, aber ein Faktum, das nur von Entoutcas-Optimisten geleugnet werden kann. Einige wenige Juden mögen überall — auch in Rußland und Rumänien!! — sich die faktische Gleichberechtigung verschafft haben, sei cs durch welche Umstände immer. Aber das bleibt stets eine persönliche Errungenschaft. Das Gros der Juden, die Juden sind — wenn cs mir einmal ernst wird — heute in Westeuropa fast ebenso vogelfrei wie in der Walachei des Hohcnzollernfürsten Karl und der Dichterkönigin Carmen Sylva und im unermeßlich großen Lande des Fricdenszaren Nikolaus II. Wo die Juden-• frage anfängt, da hören Sittlichkeit, Recht, Gesetz, Anstand, Takt und alle andern guten Dinge, die die Welt sonst Zusammenhalten, ti be r a 11 auf. — Das lehrt der Pogrom in England wieder einmal mit erschreckender Deutlichkeit. Und deshalb — nicht weil wir gern so traurige Argumente gebrauchten, oder gar, weil wir sic brauchten! — soll man es den deutschen Juden in die Ohren schreien: in England war ein Pogroin! Hilft keine Ausrede־, eine richtige, organisierlc Judenhetze, kein gewöhnlicher Krawall, bei dem a 11 ch Juden zuschaden kamen, sondern ein nur gegen die Juden gerichteter Raub- und Plünderungszug, an einigen Tagen der dritten und vierteil Augustwoche des Jahres 1911 von der Bevölkerung dreier englischer Städte inszeniert, und von Polizei und Militär, die gerade Wichtigeres zu tun hatten, nicht wesentlich behindert, von der Regierung Großbritanniens bis dato nicht anders erwähnt, als in einem Versprechen, daß Wiederholungen verhindert werden sollten! In England war ein Pogrom! Das eröffnet doch schöne Möglichkeiten! Hoffen wir, daß sie nicht eines Tages grausame Wirklichkeit wer* den. Vielleicht begreifen es die Juden inzwischen noch, warum in England, sogar in England ein Pogrom sein konnte .... Einstweilen aber überdenkt nur die Tatsache: in England war ein Pogrom! Was nun? —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.