Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 404 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Zentralkomitee der lc;1 in Rußland hat mit den wenigen Mitteln, die ihm ztir Verfügung gestellt sind, doch einen Apparat geschaffen, der in einigen l»1111klcn ganz (lutes geleistet, aher eben mir im Verhältnis zu den Mitteln; sage und schreibe 0000ל Rubel im Jahr, hei einer Emigration von hunderttausend Menschen! Was die Alliance anlangt, so haue ich bei der vorjährigen Konferenz in l.ihau sehr viel klagen hören, dall bei der Kommission in Myslovvitz sehr viel gesündigt wird, dall die Hilfe unverzeihlich gering ist oder ganz fehlt. Was bis jetzt geschieht, ist beschämend wenig. Man kann 1 lieht eine so ernste Sache, wie die Emigration, bei der das Schicksal von hunderttausend Menschen auf dem Spiel steht, in dieser Weise behandeln•, man kann den Kampf nicht mit Kimlcrgcwehrcn fuhren, das ist lächerlich, das ist unwürdig. Hier ist ein grobes. Arbeitsgebiet. Ich bin natürlich absolut nicht dafür, dall man den Emigranten Unterstützung, bare I litte gibt; das würde ich für das grollte Unglück halten. Aber die Regelung der Emigration seihst in bezug auf das nicht Voraus/.useliende, die Krank• beiten, die Paßsdiwierigkeilen, die Schwierigkeiten mit den Agenten usw., einfach auf das, was dem Emigranten unterwegs geschieht - schon das alles erfordert einen sehr grollen Apparat. Und doch ist das nur ein ganz kleiner Teil von dem, was zu gc• schellen hat. Viel mehr mull geschehen, um den Emigranten von vornherein auf sein zukünftiges Leben vorzuberciten, in bezug auf Spraehkennlnis, (iesundheit der Augen usw., den Arbeitsnachweis, was mul wie er zu arbeiten bat, wohin er geben soll. Noch mehr!null geschehen, wenn er bereits im Laude der Imuiigration ist, dall er die Möglichkeit hat, sich richtig anzuset/cn an der Stelle, au die er hingeliört, mul sich nicht nuslmiten zu lassen. Es sind wohl einige Ver* suche einer systematischeren Emigration gemacht worden. Aber das ist so unbedeutend, dall es kaiiiti lohnt, es vorztitrngcn. . Und da habe ich an Euch, an die Zionisten eine ganze Reihe von Wünschen zu stellen, und das isi die Hanptveranlnsstmg meines Vortrags. Vor allem, und das ist selbstverständlich, ver• lange ich von Euch, dall Ihr Schulter an Schulter überall dort Euch an der Arbeit beteiligt, wo organisiert wird, ganz egal, welche Organisation es ist. Wo man Eure Hilfe will, da sollt Ihr iiiitariieileii, und es geschieht ja auch. Als im vorigen Jahre in Libnu eine Konferenz der lea war, und ich mir die Vertreter ansah, stellte es sich heraus, dall es lauter (iesinnungsgenossen waren, (lieifall.) Ja, wenn Sie das Ueheimnis nicht weiter verraten, will ich Ihnen milteilen, dall diese Konferenz der lea in das Goldene Huch eingetragen ist, lind die Mitglieder des Zentral• komitces der Ica haben auch dafür gezeichnet. (Hei• fall.) Das beweist am besten, wie Arbeit einigt, wo Meinungen trennen. Audi die zweite Forderung, die ich stelle, scheint mir selbstverständlich zu sein; aber Svlhstvcrstäml• liehkeilen müssen wiederholt werden, so lange man sieh nicht nach ihnen richtet. In «len statistischen Tafeln figuriert die Auswanderung nach Palästina mul Syrien mit ganz beschämend kleinen Zahlen, jährlich nur ein paar tausend Menschen, mul seihst in den Jahren 1900 und PJ07, wo der Auswamlerungsstroin so stark war, mir 3-100 und 1701). Man wird sagen, das kommt daher, weil der Auswanderer in Syrien die ökonomischen Verhältnisse nicht findet. Ich kann Ihnen erklären, dall ich dort in Syrien gefragt worden bin nach russischen Schneidern usw.; es ist eine grolle Nachfrage. Nicht aus ökonomischen (1 r i'1 n d e 11 g e h t der Emigrant nicht .hin, er geht nach Amerika, weil er dort bereits Bruder oder Vater oder sonst einen Verwandten hat, der ihn mit den Verhältnissen bekannt macht mul der ihn dorthin zieht. Jemanden, der ihn nach Syrien oder Palästina ziehen würde, hat er nicht. Und dessen Aufgabe müssen w i r übernehmen. Wir müssen ihm ers♦ Auskünfte gehen, was für Verhältnisse dort sind. Es ist eine grolle Schuld, dal! dafür bisher so wenig getan worden ist. Und drittens ein ebenso wichtiger Punkt: die Nationalisierung oder, wie ich mich lieber ausdriieken will, die Frage der Entnationalisierung der Emigration. Alle Gelehrten, Kapp, Say usw. konstatieren: Die Auswanderung ist ein Grab für die Nationalität. Der Deutsche, der auswandert, ist kein Deutscher mehr. Say sagt, die Millionen Auswanderer sind wie ein Heer ausgerüstet, und wie sie über die Grenze kam• men, werfen sic ihre Gewehre lun und zerstreuen sich. Nun gottlob, 80 ist es bei uns Juden nicht. Die Juden, die nach Amerika gehen, bleiben Juden ebenso wie früher. (Beifall.) Aber das Moment der Auswanderung ist ein Moment des schwankenden Sinnes, ist allen Einflüssen zugänglich, Wir in Libnu haben gesellen, wie die Emigranten still in der Ecke •allen und weinten; wir haben sic aber auch mit der blau-weißen Fahne gesehen, die Hatikwah singen. (lieifall.) liier ist ein Gebiet, das nicht groll genug ist, und diese Aufgabe liegt bei Euch, Zionisten: Sorgt dafür, dall überall einer ist, ein Bruder, der ihm aus der Not hilft. Das wird mehr zur Nationalisierung der Emigration beitragen, als alles andere. Das ist eine Pflicht, die gar nicht ernst genug ge• 11 o in m e 11 werden kann. Ich beantrage die Annahme folgender Ueso- Intimi: ״Der X. Zioiiisleiikoiigreß konstatiert, <1.111 die bisherigen Versuche zur Regelung der jüdischen Emigration hei weitem ungenügend und nicht ein• beitlieb sind. Er appellier) in erster Linie an das jüdische Volk und an die Organisationen, die sieh an diesem Werk betätigen, um eine grollzügige einheitliche Organisationsarbeil, die dem Ernst der Frage entspricht, zu inaugurieren. Der KongroJI fordert insbesondere von den Zionisten und den zionistischen Organen: 1. Eine ernste Mitwirkung an dieser wichtigen (iegenwartsarbeil und Erhaltung des Auswanderer• clciiiciits für das nationale Judentum. 2, Eino Förderung der Emigration nach »lern nahen Orient, insbesondere nach Palästina und Syrien.“ Es sind I lunderttaiiseudc von Menschen, die nach Hilfe schreien. ,Ein solcher Ruf von dieser Tribüne, wo 'wahre Sympathie zum Ausdruck kommt, wird nicht fehl gehen. Wir müssen uns alle vereinigen, die amerikanischen Brüder lind die europäischen, um zu schaffen, was möglich ist. Den amerik,•mischen Brüdern rufe ich zu: Ihr seid verpflichtet, für den Emigranten Von heute zu arbeiten, denn Ihr seid selbst E in i g r a 111 e 11 v o 11 g c s t e r 11. (Beifall.) Und Euch, meine Freunde, den russischen Brüdern, sage ich: Ihr seid noch mehr verpflichtet zu arbeiten, denn Ihr seid E in i g r a n I c 11 v ס n m o rg c n! (Stür• miscltcr Beifall.) * Vorsitzender Dr. Tsehlenow teilt mit, daß die A u s s I e I In 11 g des N, ־ F. mul anderer In• stitiitioncn in Palästina heule abend im oberen Silzuiigssaale des Kongresses eröffnet wird. (Beifall.) Er ladet zu zahlreichem Besuch ein. Die anwesenden Aerzle Delegierte und Gäste bähen einen Verein gebildet, der zum Zweck hat, die F ö r 11 e r ti 11 g d e r 11 y g i e 11 i 8 c h e 11 V e r• 11 ii 11 n i s s e i 11 P a I ä s < i 11 a, 1 )er Verein hat drei Mitglieder gewählt, die er in den Paläslinaausschuß kooptiert haben möchte. Der Vorsitzende des Pa• lästinaausschusses hat nichts dagegen. Das Wort hat nunmehr der zweite Referent Del. Leo Motzklm Als die Aufforderung an mich kam, hier über die Auswanderung zu sprechen, war icli mir nicht ganz klar, oh es angebracht war, diese Frage auf dem Zionistcnkongrell zu beraten. Ich wußte von vorn• herein, daß sie den Zionisteiikoiigreß sehr kühl stimmen wird, daß sie ihn nicht in der Seele fassen wird, und zwar aus folgendem Grunde: Die Zio• nisten teilen sich, wenn eine solche Frage aiifgcworfeii wird, in verschiedene Gruppen, die alle die ITörtcitmg über diese Frage Ihr ziemlich überflüssig hallen. Die eine Gruppe erklärt: die Antwort auf die Frage der Auswanderung haben wir längst tlteo• retiseh erteilt: Im Zionismus, und eine andere Ant• wort haben wir nicht. Andere Zionisten sagen feil• geitdes: Wir haben zwar die Antwort auf das Aus. wainiermigsproblem in vollem Maße nicht erteilt, aher wir haben ii h e r 11 a 11 p t k c i 11 e Aut w o r t auf diese Frage. Und die dritte Gruppe der Zionisten sagt: Selbst wenn wir eine Antwort hätten, selbst wenn wir der Ansicht wären, dal) wir mit dem Aus• waiHlertmgsproblein uns zu befassen hätten, genau so wie die anderen, so wäre das eine Verschwendung au Kraft, die wir uns einstweilen nicht leisten können. Ja, wenn wir wirklich schon das gesamte Judentum in uns vereinigten, dann hätten wir die Pflicht, alle Aufgaben des Judentums zu erledigen; solange wir aber mir einen kleinen Teil des Judentums reprnsen• licren, sollten wir uns mit unseren nächsten Auf• gaben begnügen und nicht darüber liinmisgchen. Dieser Komplex von Auffassungen bewirkt es, dall nur ein Bruchteil der Zionisten in ,Wirklichkeit für diese Frage nicht nur als Menschen,!sondern auch als Zionisten Interesse hat. Und da ich *das wußte, und da ich selbst zum Teil zu dieser Gruppe gehöre, so war es mir sehr schwer, diese Aufgabe’ zu übernehmen. Wenn ich es trotzdem tue, so tat ich es nur deshalb: Ich sagte mir, es geht nicht an, daß der Zionismus über eine Lebensfrage des Judentums liiiivveggelit oder mit den verschiedenartigsten An- , sichten mul Acußcriutgcit, Stimmungen und Gedanken sich dazu stellt. Die Zionisten sollen sich klar machen, wie sie sich dazu zu stellen haben. Es geht nicht an, eine Auswanderung, die den Zuwachs übersteigt, als quantite ndgligcable zu betrachten. Zu welchen Rc• ' _ Nr. 34 sidlaten wir auch gelangen, jedes klare Resultat besser als eine gänzliche Nicht-Stellungnahme * Daher kurz meine Anschauungen. Wir könne hier ohnedies nur die allgemeinen Prinzipien fc« stellen. ו‘ Drei Fragen sind zu stellen: 1. I Iahen wir uns überhaupt an den w.uidertiiigsarbeileit zu beteiligen V 2. Haben wir es als Zionisten zu m!,•. '1. Ilahen wir an einer a II g e in e i n. jud i. sehen Organisierung dieser Arbeiten ntitzu*. arbeiten? Meine Anworten lauten: ad I: Die Antwort haben wir längst erteilt. I)a5 Auswaiiderungsprohlem ist mir ein Teil der nllge. meinen Judennot, ihr präzisester Ausdruck; ״!,d djj Behebung der Judennot kann nur durch den Zionismus geschehen, durch die Koii/entrierung der Juden itn Jmleiilamle. Die Antwort ist aber nur eine theore. tische, solange wir nicht über die gesamten Machtmittel der Juden verfügen, solange uns nicht die Mittel gegeben sind, um eine wirklich grolle Ausw.mde. rung der Juden nach dem Jiideiilaiick* zu bewerk. stelligen; und da wir uns nicht Illusionen hingeben können, schon angesichts der Tatsache, daß wir schon I I Jahre au dem offiziellen Zionismus arbeiten, vom voroffiziellen nicht zu reden, und noch nicht ahsclien können, wann eigentlich das gesamte Judentum mit uns geht, so können wir die Antwort nicht erteilen in bezug auf die Lebenslage derer, die so bedrängt sind, daß sie auswandern ini'usen, die nicht warten können. Wenn es eine Aufgabe gibt, die zur Er• lialtung des jüdischen Volkes weiter beiträgt, so ist es die palliative Regelung der Auswandcrungsfragc! schon diese ist von ungelteurer Wichtigkeit. ad. 2: Sollen wir daran arbeiten als Juden oder als Zionisten? Es ist selbstverständlich, daß wir im grollen tutd ganzen daran als Juden zu ar• beiten haben; aber es gibt Momente, in denen wir unbedingt den zionistischen Standpunkt fest• legen müssen. Fs ist ein charakteristischer Pro/ell, dall die Juden sich konzentrieren. ')2״״ der Juden, die nach London eingewandert sind, wohnen nur in zwei Stadtteilen; ähnliche Verhältnisse sind in New• york, Chicago, Philadelphia, eine Reihe anderer Städte. Diese Verhältnisse resultieren neben wirtschaftlichen Verhältnissen aus nationalen Stimmungen. Nun kann es aher kommen, daß die Auswanderung eine andere Richtung nimmt daß m.׳m die Juden zu zerstreuen strebt und daß man das entgegen dem innersten Willen «ler Juden auch erreicht. In den letzten Jahren ist es zweifellos das Bestreben der Juden, die ganz oder halb assimiliert sind: daß man die *Juden doch so zerstreuen könnte, daß sie überall in dem Milieu untergeben. Ganz unmüglieh ist es historisch nicht, daß das Judentum dann untergeht. Nun haben wir freilich schon große jüdische Zentren, aber man kann sie zersplittern. Wird aber die (Quantität iminer ge• ringer und geringer, so wirkt das auch dahin, dal) die <,)11,1־liläl des Volkes geschwächt wird. Dem Ein• Zeinen wird vielleicht geholfen werden, dem jüdischen Volk wird der größte Schaden, ein historisch vielleicht unverbesserlicher Schaden zugelügt. (Zustimmung.) Können wir als Zionisten gegenüber solchen Er• selieinungcn ruhig dastehen? Und darin werden uns auch diejenigen unter den Nichzionistcn helfen müssen, die das Judentum erhalten wollen. Daher ist es vom zionistischen Standpunkt wichtig, daß wir 1111an allen Bestrebungen beteiligen, die die Auswanderung befördern. Hier gilt cs zu verhindern, dall etwas gegen die nationale Arbeit geschaffen wird, und darum müssen wir uns in vollem Maße daran beteiligen. (Beifall.) Daher werden wir uns klar werden müssen, wie wir uns bei einer etwaigen Organisierung der Ge* Samtauswanderung zu verhalten haben. Die Aufgabe der Regelung der Organisation ist von einzelnen au* unseren Reihen schon lange vor der Frankfurter K’011• ferenz. zur Erörterung gestellt worden. Ich habe schon IWI den Versuch gemacht, in Petersburg die Ica zu bestimmen, an diese Aufgabe• heranzugelien. Die Anerkennung der Auswanderung ist zum Teil für diese die Anerkennung der Judenfrage. Für uns liegt die Judenfrage viel tiefer, für uns ist die Auswandc• rungsfrage mir eine Einzelheit der Judenfrage; aber für die Elemente, die überhaupt nicht eine Judenfrage anerkennen wollen, war schon die Aufroliung der Auswandcrungsfragc etwas sehr Unangenehmes, denn sie mußten damit wenigstens einen Teil der liisto•. rischen Tatsache zugeben. Im Laufe der Jahre haben sie es nicht mir zugegeben, sondern sic selbst in die Durchführung der Auswandcrungsfragc hincingc• gangen, und sie haben in technischem und maieri* ellem Sinne viel geleistet. Es ist nicht richtig, daß sic nur vom burcaukratisclien Slandpunkt die Sache behandelt haben; 400 Kommissionen arbeiten in Ruß* land und auch außerhalb Rußland haben andere 0c• icllschaftcn viel geleistet.