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Jüdische Rundschau · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 34 JUEDISCME RUNDSCHAU Seite 403 mit unserer Forderung einverstanden sind, ver- /. i c h 1 v ich atil die Abstimmung ü h c r den Antrag. Beifall.) Nach geschäftlichen Mitteilungen schließt die Sit/t1״R um 7 Uhr, י Vierter Vcrhandlungstag — Sonntag, 13. August Vorniittngssifzung. Vor Beginn der Sitzung wird unter großem Heitail der im Saal Anwesenden die Falme des Vereines Ahavatli Zion in St. (lallen au( der Estrade angebracht. Die Falme war morgens durch eine <>ß gliedrige Ahord. welche vom Halmhof aus in Reih mul (ilied /um Sladtkasiuo marschiert war, iiberbraelit worden. Präsident Dr. Nordau, du die Silzmig tun 10»! Uhr eröffnet: Ich habe dem geehrten Kongreh /imiichst eine tieihetrübende Mitteilung /» machen, deren Hedentim;.׳ eigentlich über den Rahmen des Kongresses hm.1usgeht. ('ivstern ist Jozef Israels gestorben. (Die Versa m m Jung erhebt s i c h.) Er war ein groller Künstler, einer der hervorragendsten in der /i igeiiüssiselien Malerei, Sein Tod ist ein Verlust, der de gesamte gesittete Aten sch heit trifft. I in ihn müssen alle die trauern, für die die Kunst und ihre Träger liefe Hedeutung haben. Uns aber geht luturgemiill dieser Verlust noch ganz besonders nahe. I lernt Jozef Israels war nicht nur das Haupt der holländischen Malersclude, die, an ruhmreiche Heberhefermigen anknüpfciid.sie ruhmreich weitergefühlt hat, I r war auch ein jüdisches Kiiiistlcrlcmpvramviit, <d» er >icl! dessen immer bewußt war oder niciit. Wir tmden in seinen Malereien die I11tcusi1.it des Gefühles, die Energie des Ausdrucks, die Itohe sittliche Weihe des emotionellen (icmüts.intciles, die wir als Eigenbmilichkciten der höher gezüchteten Exemplare tmsercr Rasse ausprechen. Jo/cf Israels war lins ein UiuhU’mles verkörpertes Paradigma dessen, was wir auch auf diesem (iebiete unter günstigen Umstünden nielit nur uns, sondern der Menschheit zu bieten haben werden. Jozef Israels hat nicht dafür zu sorgen, daß sein Andenken lebendig bleibt. Die Kunstgeschichte wird sich seiner immer erinnern. W i r aber werden dies doppelt tun und seinem Andenken Dank weihen, als dem Andenken eines Mannes, der in düstern Zeiten uns über das Weileibluhcn unserer Eigenschaften und über unsere Kulturzukunfi beruhigen kann. Ehre seinem Andenken! Wenn Sic, geehrter Kongreil, diesen Saal und seinen Schmuck aufmerksam betrachten, so wird Ihnen nicht entgehen, dafl unter dem Hildnis Theodor Ilcrzls heute eine neue Fahne prangt. Sie ist eine (iahe des St. G a 11 c n e r Verein e s A 11 a v a 111 7■ i o 11, der diese Falme gestiftet und durch eine Abordnung feierlich iiherbracht hat. (Stürmischer Heifall.) Ich drücke dem Verein und seiner Abordnung «I e 11 Da 11 k des Kongresses für dieses reiche Angebinde aus. Ich erteile dem Schriftführer das Wort zur Mitteihmg der hervorragenderen Schriftstücke des Einlaufs. Sekretär l)r. R o s e 11 h I ii 111 verliest den Einlauf. Darunter befindet sich ein Telegramm von einer Anzahl von christlichen H ii r g e r n d c r S t a d t De 111; unterfertigt ist das Telegramm von Pastor Dardier. Dr. Katzenclsolmi Hoher Kongreß I Zum erstenmal soll hier vor dieser Tribüne die wichtigste und brennendste jüdische Frage der Gegenwart, die Emigrationsfrage, besprochen werden. Wenn ich diese wichtige Aufgabe iihcruommcn habe, so tat ich es nicht, weil ich hesondere Verdienste oder besondere Kenntnisse in der Frage habe, sondern lediglich, weil ich dieses ganze l eid, diese ganze Not mit eigenen Augen gesehen habe, weil an meinen Augen Tausende, Zchntausemle, wenn nicht gar Htmdertlaiiseudc voriihcrgcgangen sind, deren Martyrium ich selbst miterleht habe. Ich habe seihst diesen Staub eines Volkes hcrtimwirbelii gesehen, vom Wind hin- und hergetragen; das allein berechtigt mich, Ihnen ein neues Kapitel aus dem I.cid, ein neues Klagelied über das Schicksal unserer Hrüdcr vorzutragen. Das Wandern des jüdischen Volkes ist wahr- . lieh nichts neues. Seit Pharao, Nehukadne/ar bis zum heutigen lag war die Fläche des Judentums immer eine sehr bewegliche. Hs brauchte nur ein Stein hineingeworfen zu werden, und die Fläche fing an, sich zu bewegen und Wellen zu schlagen. Aber so beweglich war sie nie wie in der letzten Zeit; da sind gar viele Steine hineingeworfen und die Wellen sind so groß geworden, wie sie nie waren. Eine solche Auswanderung hat das Judentum nie gehabt, und eine solche Auswanderung prozentual existiert in der Well nicht. 11:11 halte Statistiken Veiteilt; Sie ersehen daraus, daß mir nach den Vereinigten Staaten in den letzten 2'/ Jahren ISO()UDO Juden ausgewandelt sind, mit den anderen Ländern 2 21)1)110;). Bloß in den letzten z.ehu Jahren 1200000 Juden, das ist ungefähr der sechste Teil des jüdischen Volkes. Wenn es weiter in diesen Dimensionen gehl, so wandelt das ganze jüdische Volk, das jetzt lein, in einer Geiieratioit aus. Die A ti s w a 11 d e r u n g z. ti r Zeit der Inquisition in Spanien war nicht so groß wie jetzt in zwei Ja׳ltren. Am Ende des vorigen Jahrhunderts, wo manche schein ein bißchen au eine Emanzipation glaubten, ist die Zeit wieder gekommen, wo das Judentum den Warnlerstal) ergreifen mußte. Das jüdische Volk ist ein hartnackiges Volk. Es will nicht s 1 c r b e n» ja es will nicht alt werden; und geht es ihm schlecht, dann wird es wieder der alte Ahasver, der den Stab in die Hand nimmt und geht, bis er wieder ein gastlich Haus finde(. In der Frage der Emigration haben wir wenig Material; sie ist ,wenig studiert worden. Manche wollten Vogelstraullpolitik treiben: man solle so wenig als möglich darüber sprechen; das ist der Kapitalfehler. Eine Bewegung, die htmderllatisende unserer Brüder mit sich nimmt, kann man nicht verschweigen, mag man über Nutzen oder Schallen dieser Hewegmig streiten. F'iir uns Zionisten existiert diese Frage schon bestimmt nicht. Für uns gibt es n ur ei 1) c E m i g r a t>i uii, u n d d a 8 w a r die unglücklichste aller Aus w a n d c r u n g e 11, d a s w a r die A u s w;1 lut c r u u g a u s Pa- I ii s t i 11 a. (Heifall.) 1' ii r uns gibt cs nur ei n e I. ii s 11 n g , di e das Gl Ii c k des j ü d i s c 11 e ״ V o 1 k e s sei n w i r d , 1111 d das ist die A u s - Wanderung nach Palästina. (Beifall.) Alles andere ist F'lickwcrk, ist nur Arbeit für die Gegenwart; aber wir sind verpflichtet, diese Frage eingehend zu behandeln und zu studieren. Ganz kurz will ich versuchen, über diese Fragen einige Details zu gehen, vor allem über die Motive der jetzigen Emigration, ln der Regel und hauptsächlich sind die Beweggründe der Auswanderungen ökonomischer Natur. Ein Blick auf die angeführten Verhältnisse zeigt, daß das bei der jüdischen Emigration nicht zutrifft. Die Zahlen gruppieren sich hauptsächlich um die /eit der Ausweisungen aus M o s k a 11, um l< i s c h i 11 e w, aber noch unendlich größer I')110/07, und gerade da waren die ökonomischen Verhältnisse in Amerika sehr schlecht. )')()$ war die Zahl der Rückwanderer aus Amerika viel größer, als die der Eiiiwandcrndeii; trotzdem hat die Einwanderung der Juden nicht nachgelassen. Das beweist, (lall die Emigration der Juden ganz andere (»rimdlagcu bähen muß als nur ökonomische. Nach Seueca gibt es drei Arten von Emigrationen: politischer, persönlicher und ökonomischer Natur. Inzwischen haben wir die religiöse Auswanderung gesehen, wie die unserer Brüder ans Spanien, die nationale, wie die der Iren aus Großbritannien, die politische, wie die der Huren in Afrika — die Juden lialien eine neue Art von Auswanderung. Eine kleine Geschichte von einem Auswanderer aus Jitsephka wird 111111*11 das illustrieren. Es war ein ziemlich wohlhabender Mann, der nach Amerika ntiswandcrte. Er sagte mir: ״Ich war Augenzeuge, wie 1mm mit großen Zangen, mit denen mau die Eisenblöcke nimmt, tun sie in einen Hochofen hineinzuwerfeu, einen Maischen genommen und in einen Hochofen hineingeworfen hat. Seitdem icli das Bild vor Augen habe, muß ich weit weg von dem Ort, wo ich es gesehen habe, denn ich fürchte, ich werde wahnsinnig I“ Diese Motive der Auswanderung waren nicht maßgebend in den neunzehn Jahrhunderten zuvor; die kommen erst im zwanzigsten: cs ist die feste Uebcrzengimg, daß mau nicht mehr so leben kann, daß es weiter nicht so geht, und daß mau irgendwohin aus dem brennciulen Hause sielt flüchten muß, mir um irgendwo anders zu sein. Das ist der Grund der jetzigen Emigration, und das drückt sich in den statistischen Ziffern aus. K c i n e einzige E m i g r a t i o n gibt eine!1 s o I c h e 11 Prozentsatz von F r a 11 e n u n d l< i n d e r 11, w je die jüdisch e. Zwischen 2 und 17'Prozent hei den anderen Nationalitäten — nur hei i holländischen Kolonisten bis zu 17 Prozent bei den Juden schwankt er zwischen 21 mul 2ö Prozent. Das ist nicht eine Auswanderung wie zum Beispiel hei den Chinesen, wo von •I $00 000, die auswauderu, ■1 Millionen zurückkehrcn, oder wie bei den Italienern, sondern die Juden gehen mit Weih und Kind, um nicht mehr zurUckzukommcn. Und dementsprechend muß mau die Auswanderung auch organisieren. Wie Sie aus den Zahlen lesen, liefern unsere Auswanilerer etwa dreißig bis vierzig Prozent Handwerker, lauter gelernte Arbeiter. Einen solchen Prozentsatz, hat kein einziges Volk milcr seinen Aus- Wanderern aufzuweisen. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung liefern zwei Driticl der Auswanderer: ein Beweis, welch kräftiges, gesundes Element nach Amerika von tms geht. Von Verbrechern und I: m p f ä 11 g c r 11 von A r m e n 11 i I f e stellt die jüdische Aus w a 11 d e r u 11 g das allerg e r i n g s t e K o 111 i 11 g ent v o 11 allen Nat io 11 eil: ein Beweis, daß der jüdische'Auswanderer jedenfalls nicht der schlechteste ist, wenn er nicht der hesle ist. Es wird viel Spektakel daraus gemacht, daß die jüdische Auswanderung 50 bis 52 Prozent von Leuten bringt, die keine*!! Beruf haben; mau folgert daraus, daß ein unerwünschtes Element nach Amerika komme. Man Übersicht dabei, daß das einfach an dem holten Prozentsatz von I rauen und Kindern liegt; daher ist der Prozentsatz der Berufslosen scheinbar größer, als hei den anderen Nationen. Nicht einmal 10, nicht einmal 5 Prozent Berufslose wandern ans. Nach einer langjährigen Statistik, die wir in Lihau gemacht haben, schwankt es zwischen( 2;und 3 Prozent, nicht mehr, und auch tliese stehen meistens zwischen 15 und IO oder über 70 mul $0 Jahre. De facto findet man fast gar nicht, daß ein erwachsener Mensch, der auswanderl, keinen Beruf hat. Das Wort von der nichtcrwimschten Immigration ist in letzter Zeit viel gebraucht worden. Eine sehr angesehene antisemitische russische Zeitung hat sogar mit großer Freude behauptet: auch Amerika will keine Juden mehr haben, es hat 24000 Juden zurückgeschickt. Nicht ein Buchstabe ist davon wahr. Im Gegenteil, die Zahl der in Amerika Znriickgewiescnen ist hei den Juden sogar kleiner als hei den anderen, 0,8 Prozent gegenüber 1,1 Prozent. Freilich immer noch ein hoher Prozentsatz; die Eiinvandertmgskommissinn in New York geht mitunter mit viel zu großer Strenge und zu scluimntisch vor, aber cs wird dort absolut kein Unterschied gemacht zwischen Juden und Niehtjiulen. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß man uns diese Zufluchtsstätte in Amerika auch noch verschließt. Ich blicke sehr ruhig in dieser Beziehung in die Zukunft. So groß die jüdische Einwanderung in Amerika ist, so ist sic doch nicht groß im Verhältnis zur dortigen Gesamtcinwaudcrung. Dort gilt das stolze Wort von Mac Kinley: in Amerika sucht nicht der Mann die Arbeit, sondern die Arbeit sticht den Mann. Roosevelt in seiner Botschaft an den 50. Kongreß sagt, daß die Union nicht zu viel Einwanderer an guten Leuten haben kann. Und Carnegie erklärte: ״Wir entziehen den europäischen l.äudcrn das beste Blut. Jeder Arbeiter bereichert unser!.and; mögen sich die europäischen Länder uni diese Frage kümmern. Wir brauchen cs nicht zu tim." Ein Einwanderer h.it nach amerikanischen Begriffen einen gewissen Kapilnlwerl. Aber es gibt noch etwas Wichtigeres als das: die Moral, ich werde 11 i c glauben, daß das freie Amerika imstande ist, Leute, die aus einem brennenden Hause fliehen, zurückzustoBcn. In einem Lande, an dessen Eingang die I ran sfelit mit der Fackel in der Rechten und mit der Abschrift: ״Freiheit regiert das Land" da habe ielt keine Befürchtungen. Aber was mich bedrückt und bestürzt, das ist die P I a 11 11 u d S y s t e m I o s i g k e i t, mit der uttsere Emigration vor sich geht. 111 Italien hat die Regierung e1*! Budget von Millionen. In Neapel genügen dreinnd/.waii/ig Beamte nicht, um die Auswanderung zu heohachten und zu regeln. Ich will nicht sprechen von Ungarn und Belgien, wo sehr viel geleistet wird und zwar hei einer Emigration, die o 11 n c Schwierigkeiten vor sielt geht, ohne die Schwierigkeiten der Pässe, ohne all (las,' was der russische Auswanderer (iurchnincheri muH, bis er überhaupt die Möglichkeit hat ntis/.uwandern. Und eine Auswanderung wie die jüdische, die größte inner allen, unter den abnormalsten Ver- UälUüsxcu, die ui;m sich denken kan», wenn wir dn fragen, was geschehen ist, so kommen wir zum Schluß: geschehen ist wenig, fast gar nichts! Als ich in l.ibaii alle die Leiden zu sehen mul zu hören bekam, da fiel mir die Richtigkeit des Satzes ein: Weinet nicht über die Toten, weinet über den Auswanderer! Was ist hei tms geschehen zur Abhilfe dieser großen elementaren Not? Bis vor zehn Jahren, wo die ITaiildurler Konferenz stattfand, überhaupt nichts. In Frankfurt hat mau die Aufgabe unter die verscliiedciien Organisationen verteilt. In Deutschland sollte der llilfsvcrcin der Deutschen J ti (I e 11 cs übernehmen, in Rußland das Zcntralkomitee der Ica, in Oesterreich die A i I iה n c c usw. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sehr viel Herz und viel Seele der Sache culgcgengebracht. (Beifall.) Früher war geplant, daß der Hilfsvercin die Zentrale sein tmd die Sondcrvercine mjt ihm zu• sainmcnarbeiteii sollten. Das ist leider nicht gcschelicn. Die anderen Vereine arbeiten für sich, und das ist der Hauptfehler. Er bewirkt, daß das, was geschieht, uneinheitlich und unorganisiert ist, Das

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