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Jüdische Rundschau · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Seite 307 JU E DISC11 K R UNDSCHAU gestrigen und heutigen Debatte erfassen und würdigen. Damals Anklagen und Vorwürfe, jet/t wohlwollende Beurteilungen. Ich stelle den Antrag, daß wir hier alle einstimmig dem E.A. C. die Uechnrge erteilen in dem Bewußtsein, daß dieser Kongrell einen Port• schritt und eine Erstarkung im Zionismus bedeutet. Deleg. Kessler: Ich stelle den Antrag, dall wir dem E. A.C., Herrn Prof. Dr. Warhnrg und hesomlers unserem bewährten Verwalter der Finanzen, Herrn Kami, und in allererster Linie unserem hoch* verehrten Präsidenten Wotffsohu!)eeharge erteilen und dall der Kongrell seine Dankbarkeit aussprieht für die Arbeiten, die diese Herren im Interesse unserer Bewegung geleistet haben. (Stürmischer Heifall.) Delegierter Rosenthal: Ich beantrage: Der Kongrell beschliellt, dem Präsidenten ries E. A. C. s״• wie den Herren Kann und Warburg Decharge zu er-!eilen und den Dank nuszusprechen. Dr. Osias Thon: Ohne ein Wort der Bc* grümlung — die liegt ja in der Stimmung, die siel־, in Ihnen ausgelöst hat, als Dr. Daichcs seinen nicht 'dir geschmackvollen Antrag hier vorgebracht hat steile ich folgenden Antrag: Der Kongreß spricht dem E. A.C. für seine vierjährige fruchtbare und erfolgreiche Arbeit Ver• trauen mal Dank ans, dankt aber insbesondere Herrn Präsidenten David Wolffsohn dafür, daß er uns das grolle Erbe Herzls nicht nur erhalten, sondern auch gemehrt hat. Dr. Daichcs und Dr. II alp cm verlangen eine kurze Pause vor der Abstimmung. * Beide Anträge werden abgclehnt. Der Kongreß beschließt, über den Antrag Dr. T11 011 zuerst abzustimmen. Es geben nunmehr die 1 lerreu Dr. M 0 s s i 11 s o 11 n die hebräische, Dr. T 8 c h I e 11 o w die russisehe und Israel Cohen die englische Ucbcrset/ung des Antrages Dr. Tlion, nachdem ihn Dr. Friede« m n 1111 deutsch verlesen hat. Dr. itodenheimer: Wir schreiten zur Abstimmung! Ich bitte die Herren Delegierten Platz zu nehmen. Wer f ü r den Antrag Dr. Thon ist, möge die Hand erheben. Nach einer Pause: Bitte die Gegenprobe. Der Antrag ist I a s t e i 11 s t i ui m i g angenommen. Das Wort *hat Herr Wolffsohn. Die Mitglieder des Kongresses erheben sieh von ihren Sitzen. Minutenlange Hochrufe. Präsident Wolffsohn erhebt mehrere Male die Hand zum Zeichen, dall er 11111 Ruhe bittet. Endlich tritt Ruhe ein. Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Ich danke Ihnen für die schönen Worte, die der Kongrell für meine Arbeit mul für die Arbeit meiner Freunde Professor War• bürg und Jakobus Kann gefunden hat. Für Prof, Warburg brauche ich keine Erklärung nb/ugeben, denn er ist liier. Aber für mich und Herrn Kanu, die wir Ihnen unseren Dank für die großartige Ovation sagen, darf ich aussprccheit, daß Herr K a n 11 1111 d ich, obgleich wir von der Leitung zurück• treten, auch weiter in derselben Weise ftir unsere Sache arbeiten werden, Die Szenen von vorhin wiederholen sich nun. Stürmische Rufe: Hoch Wolffsohn! Auf der Galerie und im Saale erlicht sich alles und applaudiert, Objekt die Judenlieit ist, gar so schrecklich rapide fortschrcitct, wie dies in der letzten Zeit immer wieder hingestellt wurde. Und tatsächlich bröckelt vor unseren Augen Stein u!n Stein aus dem einst so fest ge• fügten Hau. Taufe und Mischehe lichten, die Reihen der Juden in immer steigendem Maße, so dall es der gleichzeitige starkcRückgangdcr jüdischen Geburten immer schwieriger macht, die Lücken auf natürlichem Wege wieder zu schließen. Bis jetzt, sagt Ruppin richtig, war der Abhrftekeluugsprozcll auf Mittel- und Westeuropa beschränkt. Man konnte bis vor einigen Jahren glauben, daß nur hier für ihn Boden sei, und daß die sechs Millionen Juden jen> seits der Weichsel von ihm unberührt bleiben würden. Seitdem hat aber die Rcyolulitm grell gezeigt, wie stark insbesondere die intelligente Oberschicht der Juden bereit ist, sich unter Aufgabe ihres Judentums in den Strudel des russischen Lehens zu stürze». I>nmit greift der A bbröckcIu 11 gsprozeII auf die großen Judcnniasscn Ostc 11 ro. p a s hinüber und droht, das letzte Bollwerk der Judcnheit zu untergraben. . Ucbtrall gravitieren nationale Minderheiten in der Richtung zur nationalen Mehrheit. Trotz der großen Bedeutung, die bisher die Religion der Juden batte, erzählt uns die Geschichte unserer Vergangen• heit doch, das auch bisher schon die Judenschaf len ganzer Lander, wie die zehn Stämme, die in Aegypten vor der Völkerwanderung, die in China, die blühend mittelalterlichen Gemeinden in Griechenland und, Sizilien einfach verschwunden sind. Es ist ein falscher Optimismus, der die jetzige Krise deshalb Nachdem die Ru!;c wieder cingotreten ist, erklärt Vorsitzender Dr. b o u e 11111־ i 111 c r: Wir fahren in unseren Beratui:;en fort. Es liegt der Antrag vor, dal) die beautr.v.te Organisation:!;oiiunission vom Per• mauen/ausschuß zu• a:nmn:<:e׳.teilt werde. Wir werden dies also dem Permancuz.au eliull übergeben. Der Perinanen/aii׳:sehnll wird sofort nach Schluß der Sitzung im Zimmer nebenan /usaiiiiiienlrctcn und uns dann seine Entschlüsse mitteile», Selilull der Sitzung 7 Uhr. Dritter Tajj — rrcifnjr, U, August 1911 Vornilitr.graitxung• Präsident Dr. Max Nord au eröffnet um 10 Uhr 5 Minuten die.Sitzung. Sekretär Dr. R o s c 11 b I u 111 verliest aus dem Einlauf der Telegramme der kanadischen und süd* afrikanischen Föderationen des ״Bezalel“ in Jerusalem und der Gemeinde Alexaudrowsk, die Ihren verstor• heuen Rabbiner Abr, Uscherow In das Goldene Buch eiutrügt. Präsident Dr. Max Nordaui Geehrter KongreßI An Herrn David Wolffsohn, Präsidenten der zionistischen Organisation, ist heute felgende Dcpcschc Sr. Hoheit des Groß• vesfrs clugetroffen (sie lautet in deutscher Uebcr• Setzung): ״Herrn David Wolffsohn, Basel, von der Hohen Pforte in Konstantinopel. Ich danke Ihnen aufrichtig für die Sympathien, die Sie aus Anlaß der letzten Heimsuchung aus• gedrückt haben, und für die großherzige Spende zugunsten der Verunglückten. Hakki." Es Ist dies die Antwort auf eine Drahtung, die am ersten Tage des Kongresses nach Konstantmopei gesandt wurde, und die folgenden Wortlaut hat, den ich Ihnen gleichfalls in deutscher Sprache vorlcsc: ״An Seine Hoheit Hnkki Pascha, Großvcsicr in Konstantinopcl. *" Der in Basel versammelte Zehnte Zionisten* kongreß hat seine Arbeiten mit folgendem Beschluß begonnen, der vom Actions.Comitd beantragt und durch begeisterten Zuruf angenommen wurde: Der Brand ln Konstantinopel hat den Zionistcnkongrcß tiet bewegt, der der ottonianischcn Regierung seine schmerzlichen Sympathien ausdrückt und sic bittet, eine Spende von 5000 Francs, :»»nehmen zu wollen, um zur Erleichterung der Leiden beizutragen, die der Bevölkerung der ottonianischcn Hauptstadt durch das Elcmcntarcrcignis verursacht worden sind. David Wolffsohn, Präsident der Zionistischen Organisation." (Lebhafter Beifall.) Präsident Dr. Nord au: Das Wort hat nunmehr Herr Dr. B 0 d e » 11 c i m e r zur Erstattung seines Be• richtcs über den Nationalfonds. Vizepräsident Dr. Tscblcnow übernimmt den Vorsitz. Dr. Bodcnhcfmcr! Sehr geehrte Versammlung! Nach dem Vorgang des letzten Kongresses kann ich mich auch diesmal auf eine kurze Ergänzung des ausführ• liehen Berichtes beschränken, der Ihnen im Druck überreicht worden ist. Sic werden aus dein• geringscliätzt, weil die Judenlieit zwei Jahrtausende allen Gefahren zum Trotz, ihre Existenz bewahrt hat. Schon in der Vergangenheit sehen wir das Ver• schwinden so bedeutender Gruppen. Und doch bc• sagt diese Vergangenheit noch gar nichts für die Gegenwart, weil die äußeren Verhältnisse heute eben ganz a n d c r c sind als jemals zuvor. Die Bevölkerungsbewegung der Juden in der Diaspora zerfällt ־ ich spreche hier wieder mit den Worten Ruyipius — Uv eine »UsUdgcvvk und eine aut• steigende Kurve. Per Abstieg brachte die Zahl der Juden, die z.ur Zeit der Vernichtung ihres Staats• wesens etwa fünf Millionen betrug■. Im Laufe der darauf folgenden etwa sechzehn Jahrhunderte bis auf eine Million zurück. Der Aufstieg hat sie im achtzehnten Jahrhundert etwa auf drei Millionen und bis zur Gegenwart auf zwölf Millionen vermehrt. Es ist unzweifelhaft, daß die heutige Zahl der Juden in keiner früheren Epoche der jüdische!» Geschichte auch nur annähernd erreicht worden ist. Aber zu gleicher Zeit sind auch die Gefahren, die ihrem llestaudo drohen, größer, als sie jemals zuvor waren. Der gegenwärtige Höhepunkt der numerischen Stärke der Juden kannte nur erreicht werden, weil die Juden im achtzehnten und zum großen Teil noch hn neun• zehnten Jahrhundert vor Taufe und Mischehe bewahrt blieben, eine niedrige Sterbeziffer hatten und dio im Gefolge der modernen Kultur eiidiergchcndc Furcht vor großen! Kindersegen nicht kannten, Der Wegfall. dieser Momente muß von neuem zum Abstieg führen, und zwar noch um so rascher, je rascher das Wachstum der Ziffer selben ersehen, daß sich die Sammlungen des Nationalfonds noch immer in einer aufstrebenden Liniz bewegen, und voriges Jahr die Rekordziffer von über 455 000 M. erreicht haben, obwohl wir zu gleicher Zeit über 100 000 M. fiir den Genossenschaftslands sammelten. Nach dem Ergebnis des ersten Halb• jahrer. ist auch in diesem Jahre mindestens dieselbe Summe zu erwarten. Dieses glänzende Ergebnis ur״• serer Sammeltätigkeit ist nicht allein der Organisation, die wir in allen Teilen der Welt geschaffen haben, zu verdanken, sondern in erster Linie der unermüd• liehen Tätigkeit einer großen Anzahl von Gesinnung!•• genossen, die ihre Arbeit in den Dienst des National• londs gestellt haben. Es ist hier nicht der Ort, Namen zu nennen, aber ich darf hervorheben, daß unsere Gesinnungsgenossen in Süd-Afrika und in Belgien in Beziehung auf den erzielten Erfolg au der Spitze stehen, da sie prozentual die höchste Ziffer mit einer Mark pro Kopf der jüdischen Bevöl• kerung erreicht haben. Ganz besonders aber muß ich daun die Opfcrwilligkcit unserer Freunde in Oesterreich rühmen, welche die Wiener Sammeistcllc mit einer nicht genug anzMerkennendcn Energie geleitet haben. Auch die russischen Gesinnungsgc• nosr.cn, welche im Dienste des J. N. F. stehen, haben hiermit ein Martyrium des Judcnvolkes auf sich genommen. Abgesehen von vielem anderen, was in dieser Geschäftspcriode zur Durchführung gelangt Ist, haben wir uns seit dem letzten Kongreß mit den Sammlungen und der Einrichtung der Sicdlungsgescll- Schaft befallt und diese Arbeiten zu einen! gewissen Abschluß gebracht. Nach den bisher cingcgangcnen Berichten ist zu erwarten, dafl die Hoffnungen, welche wir auf dieses Unternehmen gesetzt haben, alle Aussicht haben, sich zu verwirklichen. Uebcr die Art, wie wir unsere Aufgaben der Verwaltung des Nationalfonds auffassen, brauche ich nur | auf meine früheren Ausführungen auf dem Haager Kongreß sowie auf dem Kongreß in Hamburg zu verweisen. Ich habe damals Erklärungen über die Arbeit des Nationalfonds abgegeben, uic ich beute nur wiederholen könnte. Man betrachtet in weiten Kreisen den Nationalionds als eine p 11 ilantropische Gesellschaft, welche verpflichtet ist. überall, wo ein gemeinnütziges Institut in Palästina ln Not gerät, einzugreifen und mit seinen Mitteln zu helfen. Diesein Irrtum muß entschieden entgegengetreten werden. Der Nationalfonds ist, wie schon der Name andeutet, ein national-soziales und in diesem Sinne gemeinnUUigcs Unternehmen. Er dient zwar dein ganzen Volke, aber nur in Gemäß• heit seines Zweckes und nach den Grundsätzen einer geordneten Vermögensverwaltung. Hiernach ist er im Grunde genommen nicht anderes, als eine Landcrwcrbs-Gescllschaft. Um diesem Ziele nicht entfremdet zu werden, müssen die Gelder des Fonds auch bei einstweiliger, anderweitiger Verwendüng fruchtbringend, d. h. verzinsbar angelegt werden und Sorge getragen werden, diese einstweilig zu anderen Zwecken angelegten Gelder in absehbarer Zeit wieder aus diesen Unternehmungen lierausziehen zu können. Aus diesem Gesichtspunkt sind Anlagen spekulativer Natur, die mit irgend einem Risiko verknüpft sind, wenn es sich nicht um Ver• mehrung unseres Grundbesitzes in Palästina und seinen Grenzgebieten handelt, unter allen Umständen zu vermeiden. Selbstverständlich vertreten wir den Grundsatz, Geldanlagen in Unternehmungen, die der Kolonisation in Palästina förderlich sind, allen anderen vorzuzichcn. Wir haben deshalb davon Abstand genommen, die neuerdings zufließenden Gelder der jüdischen Binnen• und Auswanderung fortschreitet. Die Ziffern der Taufen und namentlich der Misch• eben auf dem Vorposten der Assimilation, namentlieh in Dänemark, in den WcsUundern, in Australien, in Italien, jetzt auch schon in Deutschland und be• sonders stark in den Großstädten erreichen — worauf ich ja in statistischen Zusammenstellungen in meinem Buche hingewiesen habe, und auch Tlieilliaber hat ja erst vor kurmw wieder naebdrlieWIeb darauf auf• merksam gemacht — eine solche Höhe, die Binnen- Wanderung in Großstädten schreitet so rapide fort, die Auswanderung mul Zerstreuung aus dem Osten und ebenso die Entnationalisierung der noch stabilen Juden infolge des durch das soziale und ökonomische Leben bedingten Verlustes der Sprache, der Akqui• silioii knsmoptilitischer Bildung und Sitten nimmt so starke Dimensionen an, die Maßgeblichkcit der alten Orthodoxie ist infolge der modernen Weltanschauungen so im Sinken begriffen: — daß man mit Fug und 1? c c 111 sagen k a n n, d a ß d i e R e 1 i g 1 o n allein heute nicht mehr imstande ist, die Juden in der Diaspora vordem gänzliehen Untergänge zu retten, und daß wir in der gegenwärtigen AssimilationsbewcgungdicgefährlichsteKrisis erblicken müssen, welche die Juden seit Ihrer Zerstreuung je bedroht hat. , (Schluß folgt)

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