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Jüdische Rundschau · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 396 Nr. 34 JUEDISCHE RUNDSCHAU mannschaft kommen und verlangen ein Kollegium von K a p i t ä n e n (stürmische Heiterkeit) ־ meine Herren, Sic haben ja noch nicht zu Ende gehört: ein Kollegium mit dem Sitze in Berlin. (Erneute Heiterkeit.) Derartige Wünsche müssen wir •zurückstellcn. י Es ist ganz gut, daß wir derartige Ideen ׳haben, cs ist ganz gut, daß auch unsere Phantasie ein bißchen weit vorausgeht, und cs ist auch ganz gut für diejenigen, die arbeiten, daß sie wirklich den Blick in die Weite richten, und daß sic auch Bilder sehen, die vielleicht nicht der Wirklichkeit entsprechen. Wäre Hcrzl nicht auch Poet gewesen, wäre er der trockene, praktische Mann gewesen —, ich glaube, er hätte die ganze Sache nicht unternommen. Aber cs ist gut, und ich habe mich gefreut, daß jetzt unter uns Leute sind, die solche Wünsche Vorbringen, und es wird auch eine Zeit kommen, wo diese Leute an der Erfüllung dieser Wünsche mitarbeiten werden. Dann kam Herr Laskar aus Toronto, der jetzt in Palästina war. Wo in aller Welt hat er die 1100 Arbeiter hergenommen, die aus Palästina ausgewan• dert sind? Ich wäre glücklich, wenn wir 1100 über• haupt hätten! Herr Laskar, wir haben ein altes Wort: ״Die Luft, das Klima in Erez Israel macht klüger!“ Aber leider silieint Erez Israel die Eigen• schaft zu haben, daß sein Klima zum lieber• treiben bringt. Sie dürfen nicht alles glauben, was von dort erzählt wird: glauben Sic aber, was Ihnen unser Dr. Kuppin, unsere Bank sagt. Leider Gottes müssen wir fcststellen: die Herren, die nach Palästina gehen, büren selten auf unsere Beamten, die dazu da sind, ihnen Auskünfte zu gehen; die Herren hören auf das, was auf der Straße erzählt wird, und da hören sie ganz unglaubliche Dinge. Ich wieder• hole noch einmal, cs ist ganz unmöglich, daß IBM) Arbeiter ausgewandert wären. Herrn Kaplansky, der eigentlich auch nur über Palästina gesprochen hat, ist ja bereits erwidert worden; nur ein Wort. - Herr Kaplansky sagte - ich berichte wohl richtig, wenn ich bemerke, er ist der Präsident der Poale Zion — er sagte: Wir müssen eine Verständigung mit den arabischen Kreisen suchen. Ich habe dahinter halblaut Bravo gerufen vorsichtig, weil ich nicht wußte, was noch kommen wird (Heiterkeit), aber es kam sehr gut, er blieb bei diesem Satz stehen. Vollkommen richtig ist es; aber dann möchte ich Kaplansky bitten, er möge auf sein e Freunde unter den Poale Zion in Palästina wirken, daß auch da eine Verständigung mit den Arabern ge• sucht wird. (Beifall.) Jetzt, geehrter Kongreß, komme ich zudem letzten Redner, bei dem sich das Wort bewahrheitet bat: die ersten werden die letzten sein, Herr P a s m a 11 i k war in Hamburg der erste Redner gegen das Budget, diesmal war er der letzte! Und er hat inzwischen auch gelernt; das ist keine Schande, ich habe auch in der Zeit gelernt. Er hat gelernt, wie man Kritik übt. So'ehcr Kritik, wenn sie auch nicht in allen Punkten richtig ist, bin ich dankbar; denn ich habe jetzt die Möglichkeit, verschiedene Mißverständnisse aufzu• klären und unrichtige Behauptungen richtig zu stellen. Wenn nicht kritisiert wird, so laufen die Dinge immer weiter, und darunter leidet nicht nur die Leitung, son• dem die gesamte Bewegung. Herr Pasmanik hat einige Fragen gestellt, auf die ich noch zurückkommen werde, Besonders aber hat in der nunmehr vorliegenden Neubearbeitung seines Buches zu den in den letzten Jahren nach mancher Richtung geänderten Grundanschauungen des jü• dischen Volksproblems stellen werde. Erinnert sei, daß die erste Auflage zwar die beste bis dahin vor• hnndene sozial-wissenschaftliche Studie über die Juden darstelltc, daß sie aber im ׳Wesen rein descriptiv gehalten war, in den entscheidenden Punk len aber noch leitende Gesichtspunkte und besonders scharfe Problemstellung vermissen ließ. Leitende Gesichtspunkte und scharfe Problem• Stellung können aber nur uns richtigen Orundansdiau• ungen crlließcn. Die vorliegende zweite Auflage hat diese scharfe Problemstellung. Die richtige Erfassung des jüdischen R a s 8 e n p r 0 b I e m s scheint bei dieser Neubearbeitung das richtunggebende Prinzip gewesen zu sein. Nur möchte ich in mancher Richtung über den Standpunkt Ruppins noch hinausgehen, doch davon später. Es sollen zunächst einige markante Rieh• tungsänderungen der Ruppinsclien Anschauungen be• tont werden. Der Autor vertrat früher den Standpunkt, daß die westeuropäische Jucienheit durch Taufe, Mischehe und Desorganisation in absehbarer Zeit zu Grunde gehen müsse. Zweitens, daß der Zionismus wohl von großem idealem Wert, aber prak• tisch aus inneren Gründen kaum realisierbar sei, daß aber drittens die Wahrscheinlichkeit bestehe, daß im Osten Europas eine neue jüdische Kultur mit gc• wattiger Zukunft im Entstehen begriffen sei, Nur den ersten dieser drei Sätze hält Ruppin noch auL! recht. Negation und Affirmation der beiden anderen er an meinem Kollegen Herrn Jakobus Kann Kritik geübt in Sachen des letzten Briefes. Er fragte, ob dieser Brief dem A.C. Vorgelegen hat. Ja, Herr Pasmanik, alle Reden, die Sie heute gehalten־ haben und auf dem Kongreß in Hamburg, hatten auch nicht dem. A.G. Vorgelegen; und Herr Kann, der leider nicht hier sein kann, ein Mann, der sechs Jahre an der Spitze der Bewegung gestanden hat, würde doch auch ein Recht haben, hier zu reden. Wäre er hier gewesen, so hätte er genau dieselben Ausführungen gemacht und sie wären dann in der ״Welt“ nbge• druckt und ins Protokoll gekommen. Da er nicht hier sein konnte, hat er sich an mich, seinen Kollegen, gewandt und mich gebeten, seinen Brief hier vorn!• lesen. Herr Kann hat cs nicht getan, um zu zanken und zu streiten; er hat es getan, damit die Dinge, die nach seiner Ansicht nicht gut gemacht sind, gebessert werden. Ich möchte vorausscliickcn, daß Herr Kann genau so wie ich Herrn Professor Warburg als Men• sclien und Zionisten hochschätzt; Herr Prof. War• bürg genießt unsere größte Hochachtung, und gerade deshalb wollen wir ihn von den kaufmännischen Ge• schäften entlasten. Wir wollen, daß er für unsere Bewegung das bleibt, was er wert ist, und wir wollen ihn nicht mit kaufmännischen Dingen belasten, die lieber ein Kaufmann machen soll, als Herr Professor Warburg. Er sagt ja selbst: ich versiehe von kauf• inännischen Dingen nichts, aber Herr Awadiowitz gibt mir den Rat., Herr Kann ist der Meinung, daß wir andere Leute zu Rate ziehen müssen bei aller Achtung vor Herrn Awadiowitz, Wir haben eine Reihe von kaufmännisch geschulten Männern: einen Katzeneisohl!, einen Kann, einen Wolffsohn und manche andere, denen Sie kaum Ihr Vertrauen sehen• ken — und ausgerechnet zu einem Einzelnen sollen wir das Vertrauen habenI (Beifall.) Nim hat Herr Pasmanik gesagt - und das möchte ich mit der größten Entschiedenheit zurückweisen - daß Herr Kann etwas behauptet hat, das der objek* tiven Wahrheit nicht entspricht. Geehrter Kongreß! Von der ersten Stunde an arbeitete ich Seite an Seite mit Kann. Er war schon heim ersten Kongreß. Als wir die Bank gründeten, stellte er sich an unsere Seite. Er hat gearbeitet, und ich will Ihnen etwas er• zählen, was Kanu charakterisiert. Es waren Diffc• renzen atisgebrochcn; denn unser Herzl halle in einer Beziehung genau dieselben Eigenschaften wie Warburg, nämlich, daß er von k a u f m ä n n i scheu Dingen nichts verstand. Kann ist gegangen, und von derselben Stunde an hat er mit mir gearbeitet genau in derselben Weise wie früher, ohne daß jemand eine Ahnung davon halte, Ueber drei Jahre hat Kann bei der Bank gearbeitet, ohne Titel, ohne Rechte, und wie hat er gearbeitet! Er hat alles gemach». Und als Herzl nachher das erfahren hat, und wir zusaniiiienkamen, da hat er ihm die Hand gedrückt und Tränen sind ihm in die Augen gestiegen oh einer derartigen Treue. (Stürmischer Beifall.) Die stärkste Charaktereigenschaft Kanus ist die, daß er ein grundehrlicher Mensch Ist, daß er stets nur die Wahrheit sagt, und daß er, ganz, gleich, ob er damit jemandem welittit oder nicht * das ist die einzige scharfe Ecke an Kami - die,Wahrheit gerade heraus* sagt ohne irgend welche!Rücksicht, wenn cs um ernste Dinge geht, wenn es gilt, die zionistische Sache zu verteidigen. Daß diese Berichte jetzt angckoniineii sind, zwei Tage, bevor der Kongreß eröffnet wurde, das konnte er nicht wissen. Nun will ich Ihnen Sätze haben sich jetzt wohl mit Recht in ihr Gegen• teil verwandcll. Wenn es gelungen isl, den Kulturwerl, den Hassenwert der Juden dnrzustcllen, wenn es klar geworden ist, welche ungeheure Möglichkeiten in diesem Rnsscnkörper noch schlummern, dann er• gibt sich als ein Ziel, daß allen jüdischen Parteien und wohl auch allen, jedem Nationalismus abholden rein kosmopolitisch denkenden Nichtjuden gemeinsam sein muß, das Streben: nach Erhaltung, nach Re־ generation, nach llüherbildiiiig dieser Rasse. Und dieses eine feste Ziel ist jetzt auch das orientierende Prinzip des vorliegendes Buches. Die Möglichkeit aber, dieses Ziel zu erreichen, bestellt mir dann, wenn es gelingt, einen integrierenden Teil der Juden• heit wieder zu einer geschlossenen Masse zu konso• lidiereu unter Rückkehr zur Urproduktion, unter freien kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten, unter der die Stabilität der Entwicklung, den auswärtigen Schutz, mul eine kräftige ökonomische Entfaltung sichernden Souveränität eines Großstaates. Natürlich hängt aber die Richtigkeit dieser Beantwortung davon ab, ob cs stimm», daß gegenwärtig der Auflösungsprozeß unseres Volkes wirklich in vollem Gange ist und in seinem unaufhaltsamen Vorwärtsschreiten nur durch die Erreichung unseres zio* nistisehen Zieles erfolgreich gehemmt werden kann, und zweitens davon, ob es stimmt, daß der Kultur• wert der jüdischen Rasse wirklich ein so hoher ist und ob von allen nationalen Empfindungen abgesehen, die Vermischung nicht etwas Vorteilhafteres wäre, als die noch weiter fortzusetzende Rasseninzucht. Mit sagen, warum die Sache nicht verstanden wird. Pasmanik sagt: nachdem wir jahrelang!gefordert haben, d'aß die Gelder nach Palästina herübergvlu-n kommt jetzt Kann und hat diese Idee aulgcgabclt! Ja, l.lerr Pasmanik, der Unterschied zwischen un% die in der Leitung sind und den andern ist der: wir arbeiten und die andern reden! (Stürmischer Beifall und Widerspruch.) Vor vier Jahren hat bereits [>,. Jacobson bei uns den Antrag gestellt, daß wir die Jüdische Kolonialbank und die Anglo Patcslinc Company zu einer großen Bank vereinigen. Wir hatten den Plan überlegt; wir können nicht so rasch von der Stelle kommen, der eine von 1111scrcn Direktoren sitzt in Jaffa, der andere in M o s k a u, der dritte anderwärts. Daß wir darüber nicht offen!! lieh gesprochen haben, ist doch selbstverständlich. Wenn Banken irgend welche Projekte haben, gibt matt sic doch nicht in die Zeitungen, ehe sie fertig sind. Wenn wir die Sache vollführt haben, werden wir sic vortragen. Ich führe dies als Beispiel an für die Art, wie mißverständliche Auffassungen entstehen. Weiter sprach Herr Pasmanik von der Vertiefung des Zionismus. Von anderer Seite wurde unsere Initiative vermißt usw.. Ob die andern es verstehen, weiß ich nicht, ich verstehe es nicht. Solange man mir nicht einen positiven Vorschlag macht und mir sagt, was ich tun soll, welche Initiative ich ergreifen soll, was heraus kommen soll, wie inan vertiefen soll, sind das allgemeine Redensarten, Geehrter Kongreß! Ich habe Ihnen vige.Ulivh alles gesagt, was ich auf dem Herzen habe, und was Ich nicht auf dem Herzen habe, Schöne Reden müssen Sic schon von andern erwarten. Ich habe jetzt einen Antrag zu stellen, da es vor! anslerer Seite nicht geschehen ist: Ich beantrage Decharge• erteil ung für das A.-C. Vorsitzender Dr. ßodenheimer: Es liegt mir bereits ein solcher Antrag vor. Wolffsohn t Geehrter Kongreß! Ich habe Ihnen auf die Fra• gen, die gestellt sind, Antwort gegeben. Noch ein Wort: Ich trete zurück, svic ich gesagt habe־, und ich richte tl i c dringende Bitte an Sie: Verfahren Sic mit der neuen Leitung milder als mit der alten! Die Versammlung bricht in tosenden Beifall ans. Lange Zeit dauert das Händeklatschen und Hoch• rufen an. Vorsitzender Dr. Bodenheimer kann sich nur mit größter Mühe verständlich machen. Dr. Bodenheimeri Die Worte, die Herr Wolffsohn gesprochen 11.11, werden gewiß viele Bitterkeit hinweggeräiiiiit haben, die sich in den letzten zwei Jahren angcsammclt hat. Ich hoffe, daß wir jetzt die Arbeiten des Kongresses mit Ruhe werden fortsetzen können. Das Wort 11.11 Herr Dr. Daiclies zur Stellung eines Antrages. (Un• ruhe.) leb bitte um Ruhe. Wir kommen ja zu einer Abstimmung. Dr. Da ichcs: Wir haben soeben eine General• dcbalte zu Ende gebracht, die den Beginn einer neuen Epoche im Zionismus anzeigt. Wenn wir an die Generaldebatte vom neunten Kongreß zurück• denken, dann können wir erst die Bedeutung der dieser Frage nun kommen wir auf das RassenproWein. Audi Ruppin setzt die Untersuchung dieser Frage, indem er auf das von mir darüber geschriebene Buch hinweist, über diesen Punkt hinaus nicht fort. Nur will ich, bevor ich selber jetzt .darauf ein• gelte, kurz, auf einen Punkt liinweisen, der -- vor• hin bloß leicht gestreift leicht zu einer irrtümlichen Auffassung Anlaß geben könnte: das war meine Ile• merkung über die I liufälligkeit der sogenannten so. zinUökotioiniselien Argumentation. Es wäre faLeli;ummeUmeu, daß;dl die drückende Not von h"1tc mit der ersten Konzession von Seilen der türkischen Regierung eine Sache der Vergangenheit wäre, daß man heute die ganzen Massen wandernder Juden nach Palästina leiten könnte. Wir müssen mir die heutigen Verhältnisse in Osteuropa als die Exeuiphli• katicm eines tiefer liegenden Gesetzes erkennen, daß die Juden, solange sie nicht zu einem integrierenden Bestandteile wieder zur Urproduktion zurückkeluen und mir Lücken in der Wirtschaftsorganisation anderer Völker niisfüllen, bei unbefriedigenden allgemeinen ökonomischen Verhältnissen dieses Landes stets von dem Damoklesschwerte der Depossedierung bedroh» sind. Und die Erkenntnis der periodischen Wieder• kehr dieser Depossedierungen und ihre Ursachen ist ein sozialökoiiomisclies Argument dafür, die Juden wieder zur Urproduktion zurückzuführcn, das, wenn heute erkannt, wenn schon nicht das Unglück von heute, so wenigstens das von morgen und tilwf* morgen unmöglich machen könnte. Nun aber wollen wir uns der Frage zuwenden, ob denn wirklich dieser Zertnalmungsprozcß, dessen

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