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Jüdische Rundschau · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 384 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 33 styn Kongreß im Jahre 190'i die Palästina* kommissiuii gegründet, der außerdem auch nocli die Erforschung Palästinas, die Einrichtung von Ans• kunitsslelle«, die Herausgabe einer populärwisseiischädlichen Palästina-Zeitschrift, sowie Mic Vorarbeiten /11r Errichtung eines hygienischen Institu'.cs /ugewiesen wurden. So begann denn vor jetzt neun Jahren der Evolutionisimis in den Chartcrgcdankcu die erste große Hrcschc zu schlagen. Die seitdem verflossene Zeit kann mail kurz he* zeichnen als die soziale Durchküiupfung des cvolutionistischcn Paliistinagedankens. Wie im einzelnen die auf dem sechsten Kongreß ge• wonncuen festen Beziehungen zu Palästina in den folgenden acht Jahren nusgebaut wurden, braucht hier nicht des näheren erörtert zu werden, sind doch die wichtigsten Momente sicherlich in Ihrer aller Gedächtnis, Ohnehin erhalten Sie ja über die Ent• wicktung der bedeutendsten Institutionen, nämlich der Drink lind des Natioualfonds, noch besondere berichte. Daß auch die Palastinakonimission in den vier Jahren ihrer Tätigkeit mit Erfolg gearbeitet hat, dafür legen die praktischen Residuen derselben Zeugnis ab, vor allem der Verein B e z a 1 e I, der in Palästina schon •100 Menschen im Kunstgewerbe beschäftigt, sowie die Ocl bäum spende, deren zwei IMIan• Zungen bis zu 100 jüdischer Arbeiter beschäftigen. Schon jetzt stellen diese zukünftigen Oelbaumwälder eine unserer wichtigsten Positionen in Palästina dar, und cs laßt sich auch schon übersehen, daß sie nach einer Reihe von Jahren die darauf verwandte Arbeit reiclilicli belohnen wird. Audi der P a I ä s t i n n I1 f la n z u ngs v e re i n entwickelt seine von jücli• scheu Kolonisten angelegten Mandel• und Oliven- Pflanzungen in befriedigender Weise weiter und das Palästina-Industrie-Syndikat beginnt seine Gelder mehr und mehr in Palästina nutzbringend aaziilcgcn. Die damals begründete Zeitschrift Palästina hat sich nach manchen Wandlungen jetzt unter der sachverstandi• gen Leitung unserer österreichischen Freunde recht erfreulich entwickelt und entspricht den Anforde• rungen, die Kenntnis Palästinas in unsern Kreisen zu vertiefen, in anerkennenswerter Weise. Vor vier Jahren, auf dem achten Kongreß, wurde dann die Palästinakommission durch ein Palästina-Ressort abgelöst, aber die Arbeit ging unter dem neuen Namen in .*ihn• lieber Weise wie bisher weiter, mir wurde sic erleichtert und vertieft durch die Einrichtung einer parallelen Instanz in Palästina, die sich in wenigen Jahren zu einem außerordentlich wichtigen autoritativen und sachverständigen Faktor entwickelt hat. Unter den in den letzten vier Jahren begründeten Institutionen ist die Pa lest ine Land Development Co., unser Parzcllicrungsinstitul, bei weitem das wichtigste. Wenn erst die Bedeutung von allen erkannt sein wird, und durch eine rege Beteiligung das erst zu einem Viertel vorhandene Kapital dieser Gesellschaft auf die wünschenswerte volle Summe von 50 000 Pfd. Stcrl. gebracht sein wird, dann wird sich auch der eminente Nutzen dieser Institution schnell in vollem Maße zeigen. Schon jetzt hat diese Gesellschaft die ParzcIIierungstätlgkoU praktisch aufgenommen, indem sic im Begriffe ist, in geschäftsmäßiger Weise eine große neue Kolonie zu schaffen, und außerdem hat sie die schon im fahre 1002 geforderte Lehrfarm in Form der Bewirtschaftung eines schönen großen Gutes ins Leben ühergeführt. Weitere Ergebnisse dieser Periode sind die eng mit dem Nationaifomls liierle Sicdlmigsgesellschaft Erez Israel, welche das auch in allgemein menschlicher Beziehung hoch• wichtige so/ialwirlschaftliche Problem eines genossenschnfthch geleiteten Gutes praktisch zu erproben bestimmt ist, ferner die I in mobil i enge* sclischaft Palästina, die die städtische Pnrzel• licrung mit großem Erfolg betreibt, die Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsstand bei Haifa durch amerikanische Philantropen, sowie die Errichtung der Land• und •Plantagcngesellschaft Tiberin, welche den ersten Zusammenschluß größerer meist russischer Knpitnlisten zur intensiven Bewirtschaftung eines Gutes >in Palästina darstclltc. Schließlich sind noch zwei in dieser Periode begründete Vereine zu erwähnen, nämlich der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina, der sich mit Eifer und Geschick den städtischen und ländlichen Erwerbsfragen des weiblicher. Geschlechtes in Palästina zuwendet und daneben die .Gesundheitspflege daselbst zu fördern unternommen hat, und die neu• cstc Errungenschaft die Gesellschaft für Pa- I ä s t i n a f o r s c h u n g, die endlich einmal dem bcschämenden Zustande ein Ende gemacht bat, daß in wissenschaftlicher Beziehung von jüdischer Seite aus nichts getan wird, um das Und unserer Väter zu erforschen. Schon in diesem Herbst soll die erste Expedition ausgeben, um das tote Meer mit den neuesten Methoden moderner Wissenschaft zu unterlieber alle diese erwähnten Institutionen und Unternehmungen finden Sie ausführliche Angaben in dem vorliegenden Bericht des Aktions-Komitees, und wenn cs möglich geworden ist, nach einer Arbeit von so wenigen Jahren schon einen so stattlichen Bericht hcrnusziigebeii, so spricht allein diese Tatsache besser als alle sonstigen Ausführungen für das sieghafte V 0 r d r i n g e n der systematischevolntionistisehcn Paliistinaarbcit unserer Bewegung. Was nocli fehlt, sind größlenleils Institutionen killfureller Natur, und ntich davon sind mehrere in Bearbeilimg, wie z. B. die Nationalbibliothck, das Nationalmuseum mul das hygienische Institut. Wir dürfen also wohl hoffen, in nicht zu ferner Zeit, für die wichtigsten Bedürfnisse Palästinas in Wirtschaft• liclier und geistiger Beziehung die nötigen Grundlagen geschaffen zu haben. Aber auch der Einfluß unserer Arbeit auf die Beteiligung des privaten Kapitales wohlhabender Gesinnungsgenossen ist schon deutlich erkennbar. Manch einer hat in den genannten Unternehimmgcn recht erhebliche Summen investiert oder dafür gespendet, wie z. B. die amerikanischen Mäeene oder des vom Hilfsverein der Deutschen Juden gegründeten Technikums, sowie die Moskauer Herren, die den Erwerb des schönen Landgutes Mcdjdel am Tiheriassee ermöglicht haben. Ferner sind Fabriken für Oelpressmig, Seifenfahrikation, Mnsehiiiciibau, Zementsteine tisw, von Privatleuten ins Leben gerufen worden. Aber auch sonst haben sicli durch große Spenden manche Gesinnungsgenossen verdient gemacht, ich. erinnere z. B. — ohne auf die Vollständigkeit Anspruch machen zu wollen — an die Unterstützung eines Musikkonservatoriums und die Begründung einer Haiuhverkerschulc in Jaffa durch Herrn Ra bin er so 11 in Kiew, an die Ermöglichung des Hausbaues des hebräischen Gymnasiums in Jaffa durch Lord m a j o r M 0 s e r in Bradford, sowie die Spende des Herrn Ephraimsohn in Bradford für dasselbe. Für Arbeiterwohmmgcn hat außer Herrn David Wolffsolm noch ein Herr Ha Iper in aus Kiew beträchtliche Summen zur Verfügung gestellt, die Gelder für die Erforschung des toten Meeres hat Herr Hermann Tietz in Berlin zur Verfügung gestellt. Noch manche andere Spenden sind in Vorbereitung, und wenn auch die bekannte Freigebigkeit unserer Glaubensgenossen sich bisher unsenn alten Lande leider nur in sehr schwachem Maße zugewandt hat, abgesehen natürlich von Sir Moses M o 111 e f i ore und Baron Ed m mul von Roth- Schild, so lassen sich doch in neuester Zeit merkliehe Fortschritte erkennen. Es wird wohl noch geraume Zeit verstreichen, bis wir in dieser Beziehung das Beispiel der in der Diaspora lebenden Griechen für ihr Staimnland nachgcahiiit und cingcholt haben werden, aber man beginnt doch schon in unseren wohlhabenderen Kreisen mehr und mehr die moralische Verpflichtung zu fühlen, wenigstens einen Teil seines Ucberflusses dem Lande der Väter zu/uweuden. Schreiten wir auf dem bisher begangenen Wege ruhig weiter! Wir können sicher sein, daß dereinst das ehemals so schöne, später dann verwüstete und verlassene, jetzt aber durch unsere Arbeit wieder in aufsteigender Entwicklung begriffene Erez Israel sich zu einem Juwel in der Krone der vielen schönen Länder des ottomanischcn Reiches entwickeln wird. Wir brauchen nicht zu zweifeln, daß diese Arbeit, die übrigens schon ihren Lohn in sich seihst trägt, auch seitens des o 11 0 m a - ni8 c h e nStaates dankbare Anerkennung finden wird, denn die Regierung muß und wird z.u der Erkenntnis gelangen, daß wir nicht nur das Land reich und zufrieden gemacht haben werden, sondern was noch mehr wert ist, daß durch unsere Arbeit dem Lande eine zahlreiche arbeitsame Bevölkerung zugeführt wurde, auf deren Treue der ottomanische Staat sicli in guten und trüben Zeiten blindlings wird verlassen können. (Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Diskussion Adolf Böhm: Die Debatte soll auf einem höheren Niveau stellen als in ‘Hamburg. Dort wurde ein kleinlicher Kampf geführt, vielleicht •von allen Seiten; so soll es jetzt nicht sein. •Ich will mehr prinzipiell sprechen Mit den Schlagworten: politischer — praktischer Zionismus wird die Situation verwirrt• Die Kongreßdebatten müssen auf einer allgemeinen Plattform sieh ׳bewegen, der allgemeinen Idee, der allgemeinen Prinzipien, eines allgemeinen Systems. Der Standpunkt •der - sagen wir - offiziellen Seite ist in •der Hauptsache: Kräftigung der Organisation, Sammlung von Geld. Arbeit in Palästina — alles andere ist •vom Uebcl! Die Intellektuellen seien keine praktischen Leute; sic zerstörten leicht, könnten aller nicht aufbnucnl Hat denn — wenn icli das vorerst akzeptieren will — die Leitung danach gehandelt? Das Notwendigste und Wichtigste .müßte für sie sein, die Organisation recht straff zu machen, einen leben• cligeii 1 •lntsliom ־zu lenken von dem Herzen der Bewegung vom Sitz, der Leitung in die Organisalioucn. Das ist nicht geschehen. In den sechs Jahren, die ich die Ehre habe, in Westösterreich an leitender Stelle zu stehen, habe ich keine lebendige Bliitwelle aus Köln kommen sehen. Unsere Organi• sation wird von dort aus nicht gekräftigt, sondern sehr oft werden Bewegungen, die unsere Organisation schwächen können, begünstigt. Sodann müßte die Leitung möglichst alle guten Kräfte heraiiziehen; nicht nur einen Beamtenslab, sondern daneben hocliintcltekUiclle Kräfte, die wir im Zionismus genug liahcn; wir müssen sie nur iieraiizieheii. Sehr viele intellektuelle Kräfte haben die Zentrale verlassen, wurden abgestoßen, aber Er• satz ist nicht gefunden. Alle Intellektuellen sehen wir im andern l.ager. Wir haben am N. F. und seinem Vorsitzenden gesehen, wie wunderbar dieses System, wenn cs nur gcliamlhabt wird, floriert. Der Vorsitzende des N. F. hat diesbezüglich vollkommen einwandfrei gehandelt, er hat auch seine Opponenten licraiigczogen, alle Anregungen eiitgegengenommen, usw. Die Palästina-Arbeit! Wenn wir geschichtlich 7.11• rücksehen, so werden wir finden, daß wir sie gegen alle Widerstände erkämpft haben; wir waren es, die sie gefordert haben. Die am meisten für Palästina gearbeitet haben, das waren immer die Leute, die man heute Opposition nennt. Also das ist ganz gewiß nicht ein Grund zur Spaltung. Aber Palästina-Arbeit ist ein Schlag• wort; es handelt sich darum, in welchem Geiste sie geleitet wird, welche Rolle man ihr zuteilt. Meine Freunde und ich sagen: gewiß, dieser offizielle Standpunkt ist berechtigt; cs ist wahr: wir müssen Geld sammeln, die Organisation kräftigen, in Palästina arbeiten. Aber das ist nicht der ganze Zionismus. Unser Standpunkt ist - gestatten Sie vielleicht diesen anmaßenden Ausdruck — ein höherer. Wir sagen, die Aufgabe des Zionismus ist, angesichts der zersetzenden Tendenzen, die im Westen herr• sehen (Assimilation) und im Osten (Dcpraviermig durch unglückliche Verhältnisse), der Schwierigkeiten in ( Palästina, angesichts der das Judentum herunter• bringenden, ,־niflösenden destruktiven Tendenzen, welche die Zukunft unseres Volkes gefährden, eine ebenso starke Widerstandskraft nmzurichtcn: den Zionismus; und daraus geht schon hervor, daß das wichtigste an der zionistischen Bewegung nur sein kann, daß sic als geistige und moralische Macht aufgerichtet wird. (Beifall.) Das ist das Primäre im Zionismus. Es nützt nichts, nur Geld zu snm• mein; in dem!,unkt werden wir mit der lea niemals konkurrieren können. Gas wichtigste ist, daß die Bewegung nicht auf Kosten der Tiefe in die Breite gedehnt wird; denn in dem Moment, in dem wir den Zionismus verwässern, gehen wir ihn auf, sind wir nichts anderes, als ein jüdischer Verein, nur daß die Vereinsbeiträge Schekel heißen. Wir verwahren uns dagegen, daß der Zionismus immer blutleerer gemacht wird, daß man uns hcrunler• drückt zu einer Partei innerhalb des Judentums. Nein, wir müssen den Idealismus wieder aufrichtcn zu dem, was er unter Herz! war, daß er wieder ist das Gewissen, das Herz und der Geist des ganzen Judentums. Es ist nicht richtig, daß wir dadurch weiter kommen, daß wir unaufhörlich, unermüdlich agitieren. (Zuruf: an das Volk appellieren!) Mit der Agitation kommen Sic bis zu einem gewissen Punkte und kommen dann nicht weiter, als daß die Schckelzahler um so mul soviel vermehrt werden. Gewiß, Agitationen sind wichtig und ich selber habe agitiert; aber das wichtigste ist, das Judentum geistig zu zlonisicrcn, das heißt, eine Ideenpropaganda zu entfalten, und das ist etwas ganz, anderes als Agitation. Wir sind nicht so schwach, wie heute gesagt wurde. Wir haben für diese Aufgabe etwas ganz Ungeheures: alle Ideen und Tendenzen, die im Judentum noch wirksam sind, was noch lebenskräftig ist im Juden• tum, das strebt uns zu. Das ist das Wasser, dn< unsere Mühlen treiben wird, nicht die Agitation. Und diesen Zionisicrungs• und Nationnlisicrungs• prozeß sehen wir ganz klar vor Augen (Beifall), wul Uh verlange daher, daß die Führung mit aller Macht, nicht nur widerwillig.׳ sich in den Dienst der Ideenpropaganda stellt. Sie finden in Rußland und in Oesterreich eine machtvolle nationale Bewc• £i״,£• (*,e s0K*,r i״ die Politik!ungeschlagen ist• Gewiß soll die Lnndcspolitik nicht von der Zentrale gemacht werden, aber sic soll begreifen, daß dieses Nationalisieren der jüdischen Massen / uns vorwärts bringen muß und uns vorwärts ge• bracht hat (Beifall); Sic sehen das an dem Hauptliest der Assimilation Wien. Und es •ist auch nicht richtig, wenn die Leitung sagt: Das ist Sache der Landesorganisation! Die Leitung kann sich in die politischen Bewegungen nicht einniischcn, aber man muß Verständnis und Interesse für diese Bewegung haben und für die Bedeutung der Zionlsicrung der Massen: denn jede Nationalisierung ist eine Zionisic• rung. Es gibt keinen Nationalismus ohne Zionis• mus. (Beifall.) 1 , A״cl' K״hurbcwcg11ng ist von der Leitung nicht mit Herz und Liehe umfaßt worden, sonst hätte keine eigene hebräische Organisation entstehen müssen. 1 u Pn,l.n 1*',e Enügratlonsfrage: die heute das soziale Lebui des Judentums am stärksten berührt, die eine Tngcsfragc Ist, sic befindet sich ja In einer Krise,

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