Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 382 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 33 fürilire leidenden Brüder und von Selbstachtung haben, oder wenn sie überhaupt nur einer menschlichen Hegung ffihig sind, cs sich angelegen sein lassen würden, die Regierung und die Völker des ottomanischen Reiches bei wohlwollender Gesinnung gegen uns zu erhalten, oder dafl sic mindestens alles unterlassen würden, was sic gegen die Juden unfreundlich stim* men könnten. Und nun gelangen wir zur empörendsten Tatsache in den heutigen Verhältnissen des jüdischen Volkes: Juden sind cs, die mit allen Mitteln der raffiniertesten Lüge, Verleumdung und Angeberei daran arbeiten, die maßgebenden Kreise in der Türkei zur Feindseligkeit gegen uns aufzühetzen; Juden sind cs, die mit teuflischer Emsigkeit beflissen sind, das letzte Land, das noch für die Masscncinwandcrung der verfolgten Juden in Betracht kommt, das erste Land, zu dem Ihre Sehnsucht die wandernden Juden hinzieht, das eine Land, das durch die Ocschichtc, die Geographie, die Volkswirtschaft zu ihrer cndgültigen Heimstätte vorbestimmt ist, ihnen unzugänglieh zu machen. (Sehr richtig! und Pfui-Rufc.) Der Beweggrund, der diese Brunnenvergifter zu ihrem feigen Verrat an ihrem Volke bestimmt, ist ihr fanatischcr Haß gegen den Zionismus. Diesen Haß haben wir seit der ersten Stunde der zionistischen Bewegung immer auf unseren Wegen gefunden. Er hat den ersten Zionistenkongreil zu verhindern gesucht. Er hat Herzl einen Schwindler und industrieriltcr geschimpft. Er hat öffentlich, und noch viel eifriger privatim, gcschandmault, die Gründer der jüdischen Kolonialbank seien Bauernfänger, die den armen unwissenden Ghettojuden 50 Millionen stellten wollten. Er hat in Deutschland und Oesterrcich-Ungarn der Regierung nahegclegt, daß es ihre Pflicht sei, den Zionisten die StaatsbUrgcrrcchtc abzuerkennen und sie aus dem Lande zu jagen. Wir fanden diese Kampfesweisc sicher tief verächtlich, aber wir regten uns über sic nicht sehr auf. Wir sagten uns, daß so elende Angriffe weniger uns als ihren Verübern schaden müßten. Wenn unsere Gegner uns in der jüdischen!,resse oder in öffentlichen Versammlungen entgegentreten, denken wir nicht daran, uns zu heklagen. Wir kreuzen dann die Klinge mit ihnen und bestehen sie in offenem Kampfe, den wir unsererseits immer ehrlich führen. Aber diese Feclitgänge vor unparteiischen Richtern, wo Stahl gegen Stahl klingt, passen diesen Strauchriticrn nicht. Sic schneiden dabei zu schlecht ab. Sic haben mehr Vertrauen zu ihrer Methode des nächtlichen Ueberfalls aus dem Hinterhalt mit der Wegelagerermaske vor dem Gesicht und des Dolchstoßes in den Rücken. In den letzten Monaten haben sic n j eh t j üd isehe L o h 118 c 11 r c i b e r gegen uns losgelassen, denen sie die Weisung gaben, uns in der niclitjüdischcn Presse bei gutgläubigen Lesern auzuseltwür/cn, die von unseren Bestrebungen gar nichts wissen und ohne Mißtrauen alles hinnchmun, was ein ihnen unverdiichtlg scheinender Bravo der Feder ihnen über uns aufbimlct. Man denunziert uns in Frankreich als Agenten der deutschen Rclchsrcgicrung (Heiterkeit), nennt den Zionismus eine tückisch verkappte Form des Franzosenliasses (Heiterkeit) und bezeichnet als sein Ziel die Bekämpfung und Vernichtung des politischen und moralischen Einflusses Frankreichs in den Ländern des Islam. (Heiterkeit.) In England verkündet man, die Zionisten seien Briten• feinde und vorgeschobene!,osten Deutschlands, dessen Macht sic in der Türkei auf Kosten Englands hegründen oder kräftigen wollen. Wer den Zionismus und die Zionisten aucli nur ein klein wenig kennt, der lacht ja allerdings über derartige Eseleien. Aber sie sind eben für Leser bestimmt, die von uns gar nichts wissen, und sie spekulieren dumnischlau auf ihre schmerzhaftesten Empfindlichkeiten, auf die Gerinnnophobie der Franzosen, auf das Mißtrauen gegen Deutschland in der englischen Volksseele. Der Banditenslreich, uns als Agenten der deutschen Avis• deUmmgspviUtik zu denunzieren, ist nicht ganz fehlgegangen. Ich habe dafür betrübende Beweise. Diese fabelhafte Torheit ist tatsächlich da und dort geglaubt worden und cs ist eine Atmosphäre von Mißtrauen und Vorurteil gegen uns entstanden, die zu zerstreuen uns nicht leicht werden wird. Uns liegt an dem Wohlwollen der öffentlichen Meinung Frankrciclis und Englands, und wenn man uns bei ihr verleumdet, so ist uns dies sehr empfindlich. Ans Leben geht es uns freilich nicht. Die infamen Denunzianten haben sich denn auch damit nicht begnügt. Sic haben eine Stelle gesucht, wo sic uns tödlich treffen zu können hoffen. Sic haben uns die Klinge ins Herz zu stoßen gesucht. Sic haben sielt an die Regierung, die einflußreichen Politiker, die Presse des ottomanisehen Reiches herangedrängt und ihnen ihren ycricunidungsgcifcr in die Ohren geträufelt. Dort haben sie uns natürlich nicht als Werkzeuge der deutschen Orientpolitik denunziert. Denn einmal hätte man ihnen dort diesen Blödsinn nicht geglaubt und dann hätte es uns — nicht genug geschadet. Dort raunten sie, die Zionisten seien heillose Revolutionäre, die sich in die Türkei viiischlcichcn wollten, um sich Palästinas z.u bemächtigen, die Fahne des Aufruhrs zu entrollen, die Provinz, vom ottomanischen Reiche los/ureißen und in Jerusalem die unabhängige Republik oder das Königreich der Juden ausziirufen. Das sind die Dinge, die unsere jüdischen Feinde seit Jahr und lag in der Türkei über uns verbreiten. Wir sollen eine Gefahr für die Einheit, ja den territoriatvn Bestand des ottomanischen Reiches sein. Es ist natürlich genug, daß derartige OhrcnbJüsereieu eine unbestimmte Unruhe und ein nur zu bestimmtes Mißtrauen gegen uns herverrufen. Wie denn nicht? Wir können es den türkischen Staatsmännern gar nicht verübeln, wenn sie uns sicli energisch vom Leihe halten. Sie kennen uns nicht; sie wissen nichts von uns und unseren Bestrebungen; sic kümmern sich nicht um uns und unsere Bedürfnisse; sie tun es sogar viel weniger, als sie eigentlich sollten und als sie cs sehr wahrsciieinlieh tun würden, wenn sic eine klare Vorstellung davon hätten, was wir ihnen zu sein wünschen und voraussichtlich sein könnten. Das Unbekannte ist immer, ein wenig unheimlich. Die türkischen Herren zogen immer die Brauen zusammen und wurden kalt und verschlossen, wenn man ihnen vom Zionismus sprach. Kommen nun Juden, von denen sic anneluncn müssen, daß sie genau unterrichtet sind und doch über ihre eigenen Volksgenossen keine verleumderischen Lügen verbreiten werden, und erzählen ihnen, der Zionismus sei eine Verschwörung jüdischer Schwindler gegen die Integrität des ottomanischen Reiches, so haben sic keinen ()rund, das «lieht zu glauben. Auch die Nüchternen, auch die Urteilsfähigen unter ihnen lehnen cs begreiflicherweise ab, sich der Mühe einer eingehenden Untersuchung des Gegenstandes z.u unterziehen, und halten es mit Recht für das Allercinfachste, den ganzen Zionismus aus ihrem Gesichtskreis und aus der türkischen Politik auszuscheiden. Daß die Juden, die den Zionismus in dieser Weise bei ihnen anschwär/en, ruchlos gelogen haben könnten, kommt den türkischen Staatsmännern nicht in den Sinn. Sie selbst haben keine Verräter an ihrem Volk in ihren Reiben; cs wird ihnen deshalb nicht leicht, sich v o r z u s t e 11 e 11, d a ß ein Volk Männer 11 c r v o r b r i 11 g e 11 kann, die mit tückischer Arglist ein Werk der Rettung für ihre unglücklichen Volksgenossen, hintertreiben wolle!1. Uns selbst wird cs ja furchtbar schwer, unsere Aufklärungsarbeit bei den türkischen Politikern damit zu beginnen, daß wir ihnen sagen, die Juden, die sie über den Zionismus zu unterrichten Vorgehen, seien Lügner und Verleumder und Verräter au ihrem Volk. Es verlangt keine große Geistes, austrengung, sich die Wirkung einer derartigen Polemik auf Unbeteiligte vorzustcllcn. Es liegt nahe, daß die türkischen Herren sich denken: ״Die Feinde der Zionisten warnen uns vor diesen als vor Verbrcchern. — Die Zionisten ihrerseits erklären, ihre Feinde seien Lügner und Volksvcrrüter. Es könnte wohl sein,!laß die einen und die andern recht hätten, und dann würden wir uns ja vor einer recht cmpfelilenswertcn Gesellschaft befindenI״ Wir können uns aber nicht anders h c I f e 11. Wir müssen die öffentliche Meinung im ottoinanischeu Reiche in den Stand setzen, sich über uns mul unsere Feinde eine eigene Meinung zu bilden. M ö g e die Schande, die dem jüdischen Volk c daraus erwächst, auf die Ver 1 011111 d c r z 11 r ü c k f a 11 c n. Wir haben die Pflicht, die türkischen Staatsmänner mit den wirklichen Tat- Sachen bekannt zu machen und sie zu überzeugen, daß die Hcimatsselinsucht der zionistischen Juden für die Türkei eine (Quelle unabsehbaren Nutzens werden kann, daß sie in der weiten Welt keine aufriclitigeren und opferwilligeren Freunde hat als die Zio. nisten, und daß sie sich ihrer nützlichen Mitarbeiter an dem Heil ihres Vaterlandes berauben, wenn sie dieses den Zionisten verschließen. (Lebhafte Zu- Stimmung.) Wir zweifeln nicht daran, daß unsere Bemühungen Erfolg haben werden. Die Verleumder des Zionis. 11111s werden ihre Infamie vergebens begangen haben. Aber die scliließlichc Wirkungslosigkeit ihrer Ränke vermindert ihre Schuld nicht und sic bleiben vor dem RichtersUihl der Geschichte angeklagt, alles getan zu haben, was in ihrer Macht stand, um die Rettung des jüdischen Volkes aus Todesgefahr •zu vereiteln, und dieser unbestechliche Richter wird ihnen das Kainsmal des Brudermordes in die Stirn eiuhrenneii.) (Störmische, minutenlange Beifallskundgebungen.) Geehrter Kongreß! Wenn Sie aus meinen Aus. fiihrtingen den Eindruck empfangen hätten, daß ich den 'augenblicklichen Stand unserer Bewegung pessi. niiNtiscli ansehe, und von den Anschlägen unserer Gegner entmutigt bin, so würden Sie mich eigentüm• lieh mißverstanden Italien. (Bravo!) Nichts liegt mir ferner als Pessimismus, Ich beklage, daß wir an die Abwehr ruchloser Au. griffe die Kraft vergeuden müssen, deren wir zu unserer positiven Arbeit so sehr bedürfen, aber für einen Zweifel an der Größe, der Notwendigkeit und dem schließlichen Gelingen unseres Werkes ist in meiner Seele kein Raum. (Lebhafter Beifall.) Ich würd kein Jude sein, wenn ich nicht bis in die innersten Fasern meines Wesens Optimist wäre. (Heiterkeit und Beifall.) Wir hören nicTit nur die Gegner mit Schadenfreude, sondern auch die Anhänger unserer IU• svegung mit einem tiefen Seufzer sagen: ״Wenn dt r Zionismus auch in der Türkei geächtet wird, dann st ihm das Todesurteil gesprochen I" Gewiß, wenn der Zionismus für ewige Zeiten aus der Türkei ver. bannt wäre, dann würde er aussichtslos sein, denn er wäre ein Zionismus ohne Zion. Aber ich glaub.• keinen Augenblick lang an die Ewigkeit der Strenge der türkischen Regierung gegen uns. Wir haben uns keinen Vorwurf z.u machen. Wir liaocn nie ein Wort gesagt, nie eine Handlung begangen, durch die wir uns die Abgunst der türkischen Regierung verdient und ihr Mißtrauen gegen uns gerechtfertigt hätten. Wir sind Opfer einer niederträchtigen Angeberei. Wir werden nichts unterlassen, um die irregeführte Regierung und öffentliche Meinung des ottomanischen Reiches mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und wir zweifeln nicht am Erfolge unserer Bemühungen, denn wir glauben an die Macht der Wahrheit und an den gesunden Menschenverstand der türkischen Staatsmänner. Aber die unerläßliche Voraussetzung dieses Erfolgcs ist,• daß wir bestehen, daß wir uns nicht in kleinlichem, unfruchtbarem, innerem Oc/iinkc auf• reiben, nicht durch beschämende Mittellosigkeit zur Ohnmacht verurteilt sind. Daraus ergeben sich hochwichtige Aufgaben, durch deren glückliche Lösung dieser Kongreß sich Verdienste erwerben wird, die ihn zu einem der bedeutungsvollsten und folgenreich• steil der Reihe machen werden. Die zionistische Organisation ist der Rahmen des künftigen erlösten Judenvolkes. Dieser Rahmen kann nicht kräftig genug gezimmert sein. Er muß so stark dnslehcu, daß keine äußere oder innere Erschütteruiig sein Gefüge lockern kann und daß jeder Betrachter von ihm den beruhigenden Eindruck einer allen Prüfungen gewachsenen Solidität empfangen muß. Wir müssen Anstrengungen machen, lim die Organisation i»1 den Stand z.u setzen, ihre Obliegenheilen zu erfüllen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß der Schekel allein dazu bei weitem nicht ausreicht. Opfcrwilligkcit ist die nützlichste Form der Begei- Sterling und Gesinnung wirkt erst überzeugend, wenn sie in die eigene Tasche greift. (Sehr richtig und Beifall.) Nur durch die Verabschiedung des neuen Organisation»• entwürfe» mul durch die Erschließung ergiebiger Hilfsquellen für die Bedürfnisse der Bewegung wird dieser Kongreß die Erwartungen erfüllen, die das zionistisch( Judentum in ihn setzt. Geeinter Kongreß! Eine zu'änglich ausgeslatlct»• starke Organisation, die ruhig und gleichmäßig arbeiten kann, wird imstande sein, das jüdische Volk, di<. Welt und in erster Reihe die Türkei von dem heilige•• Frust, der Unbeirrbaren Zielsicherheit und der hohe׳‘ sittlichen Würde der zionistischen Bewegung 11יח Arbeit zu überzeugen. Das jüdische Volk will lebe:’ Der Zionismus ist der Ausdruck dieses Lebenswillen• Sollten wir einstweilen verhindert sein, in Palnstin:1 seihst an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwic lung des Landes zu arbeiten, so werden wir die!•• Entwicklung vorläufig nach Kräften von nullen v׳;״ bereiten. Unser zionistisches Bekenntnis, unsere durU׳ nichts zu entmutigende zionistische Arbeit bedeuten. iVaß das jiüVische Volk sich seihst und seinen zw,: tausendjährigen Idealen treu bleibt. Solche Treu.’ übe!• windet jedes Verhängnis. (Stürmischer minutenlang״!' Beifall. Kundgebungen und * lochrufe erheben sier. immer von neuem.) Die folgende Debatte über die Geschäftsordnung haben wir bereits in voriger Nummer gebracht. Erster Verlmndlungstag — Mittwoch, 9. August Nachmittagssitzung. Auf den von Gold re ich erstatteten Bericht des Lcgitiinationsausschusses, den wir bereits mit״ geteilt naben, folgt die Generaldebatte. Der Präsident des A. C., David W 01 f f י sahn (von lebhaftem Beifall begrüßt), leitet die Debatte über den Bericht des A. G. ein: Wir haben in dem Berichte, der Ihnen gedruckt vorlicgt, unsere gesamte Tätigkeit schriftlich zu• sammcngefallt; denn cs ist besser, wenn Sic den Bericht lesen, «18 daß mit langen Reden die Zeit de» Kongresse» verbracht wird. Ich beabsichtige Jetzt,