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Jüdische Rundschau · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 381 im ganzen »,h geringer Einbuße an Würde und mit wenig wirklichem Schaden hinweg. Aber was sollen wir in den Ländern anfangen, wo man amtlich keine Vorurteilslosigkeit »ns gegenüber heuchelt, wo man oits nicht die Komödie der gesetzlichen Uleichberechti• gung vorspielt? Dort arbeitet man mit der wilden Energie der ,Mordlust auf unsere vollständige Vernichtung hin. ,,Diese Brut muh ausgerottet werden!1* ist der Leit• gedanke, der dort alle Regicrimgsmnßrcgeln gegen unsere unglücklichen Brüder bestimmt. Man keim• zeichnet die Behandlung, der sie unterworfen werden, gemeinhin mit den Worten, dal) man die Juden ״c n t ז ceh ten und pro I c t a risi c r en** will. Diese Ausdrücke sind viel zu schwach. Der Entrechtung wird ein gebildeter Solm des 20. Jahrhunderts niemals die furchtbare Bedeutung beimessen, die sie in den hitreffenden Ländern tatsächlich hat. Die Juden sollen nicht mir keine StaatsbürgcrrcclKv haben, man versagt ihnen auch die Menschenrechte, ja die Rechte, die man sogar dem Tier cinrüumt mul deren Verteidigung aller Orten Tierschutzvereine sich angelegen sein lassen. IX*r Jude ist vogelfrei. Man darf ihn beschimp• fen, mißhandeln, bestehlen, berauben, sogar ermorden, ohne dal) es für ihn bei dem Gesetz und bei den Be• Itordeit einen Schutz gibt. Wollen sic sieb wehren, so wird diese Regung des ursprünglichsten Selbst• crhalnmgstriebes wie die verwegenste Rebellion bc• straft. Der Jude mul) sich ergebe» plündern lassen, er mul) seinen Hals widerstandslos dem Messer der .Mörder darbieten! Sind die Verbrecher Beamte, so gibt es gegen sie weder Kläger noch Richter, Sind sie Private, so werden sie infolge eines gewissen Auto• mntismus der staatlichen Einrichtungen, die in ihrer he• stimmten Weise arbeiten, wenn sie nach dem Betriebs• geset/e ihrer eigenen Mechanik in Bewegung gesetzt werden, mitunter verurteilt, doch nur, um alsbald he• gnadigt zu werden. (Stürmische Zustimmung). Wenn man a» den Juden keine Gewalt verübt, so erprellt man ihnen wenigstens ein willkürlich bemessenes und nach Belieben erhobenes Lüscgcld und unterhält in ihnen mit allen Mitteln der raffiniertesten Verüngsli• gung einen dauernden Zustand des Hangens und Zagcns vor den Möglichkeiten der nächsten Stunden, der ihr Hirn und Nervensystem zur grollen Genug• tmmg ihrer Peiniger vollständig zerrüttet. Das ist der wirkliche Sinn des Wortes Entrechtung, das dem Ohr eines ungewarnten Gesittungsmcnschen nicht mehr gar zu furchtbar klingt. Und ganz ähnlich verhält cs sich mit der angeblichen Prolctarisierunß der jüdischen Massen. Unter Prolctarisierung versteht man gemeinhin diu Her• abdrückung von einzelnen mul Bcvölkcrungsgruppen /ur niedrigen Gesellschaftsklasse, ihre Umwandlung in abhängige Lohnempfänger ohne die wirtschaftliche Sicherheit des folgenden Tages, ihre Ausschließung aus den höheren Berufen und der reicheren Geistes• bildung, mit ihren inneren moralischen Gemigtuun• gen und ihren äulleren Ehren und materiellen Er• folgen. Von einer Prolelarisierung in dies e m Sinne kann bei der Behandlung der jüdischen Massen nicht die Rede sein. Man schließt sie aus allen höheren Berufen aus, mau sperrt sie von jeder Bildung ab, das ist richtig; aber man verwandelt sie nicht in Lo 11 n a r b c i t e r; im Gegenteil, m a n v e r h i 11 der! sie, Lohnarbeiter zu werden, indem man ihnen den Aufenthalt in fast allen Industriebezirkeu verbietet, wo sic Löhne verdienen könnten, und indem man ihnen auch da, wo man sic duldet, fast alle ge• werblichen Betriebe unzugänglich macht. Es ist soweit gekommen, dal) heute bereits Millionen Juden nichts sehnlicher wünschen, als Proletarier werden zu können. Aber man lallt selbst das nicht zu.!י a r i a s an Bildung und Geisteseiitwicklung, Parias an Würdelosigkeit und allgemeiner Verkommenheit sollen sie werden, gewib, aber Proletarier im modernen wirl• schaltlichcn Sinne dieses Wortes nicht. Nicht auf die einfache Entrechtung, nicht auf die hloBe Prolctari• sicrung, auf die Entehrung auf die Verticrung, auf die langsame Abwürgung ist cs abgesehen. (Stürmische Zustimmung,) An Millionen schuldloser Menschen wird da ein Verbrechen begangen, für die es selbst in der an Massenmorden doch so reichen Geschichte kein Beispiel gibt. Wenn die Eroberer des Altertunis ganze Völkerschaften aussclilacliteten und in die Sklaverei verschleppten, floß mehr Blut. Aber diese Missetaten waren der brutale Mißbrauch von Siegen, geschahen in der Erregung von Kampf und frischer Feindschaft, hatten nicht die Abscheulichkeit einer langsamen, beharrlichen, tückischen kaltblütigen Er• stickung, ohne anderen Nutzen für die Mörder als die sadische Lust an den verübten Greueln. Die Nicdcrmctzelung der Albigenser traf nicht so viele wie ein Zwanzigstel der heutigen Opfer des Juden• Hasses. Die Vertreibung der Juden aus dem England Eduards |,, aus dem Frankreich Philipps des Schönen, aus dem Rlieingau zur Zeit des schwarzen Todes, aus dem Spanien der katholischen Könige, war eine ertrag• liehe Maßregel mit einem ganz schwachen Ein• schlag v o 11 I) a r m 11 e r z i g k c i t und Gewissen, verglichen mit der inethodiselien Tötung durch planmäßige Entziehung der Lebensluft. Ucberdies: den verjagten Juden öffneten sich Zufluclits. statten; den englischen Frankreich, den französischen Lothringen und Deutschland, den deutschen das Polen Kasimirs des Großen, den spanischen die Türkei des Sultans Selim. Heute stößt man die Juden nicht offen in die Fremde hinaus; man zieht vor, sie an Ort und Stelle allmählich vcrkomme'i zu lassen. Wenn sie sieb aber vor der dauernden Folterung durch die Mnsscnfluclit reiten wollen, gibt es für sie keine Aus• gangstüre aus dem unerträglichen Elend. Alle Grenzen starren von Bajonetten, die ihre Spitze gegen ihre Brust richten. Uchcrull stoßen sie auf Gräben und Schranken; den Aermsten der Armen ist schon beute kein einziges Land mehr gastlich, und selbst die Gc• bildeten, die nicht völlig Mittellosen, haben die größte Mühe, noch irgendwo Einlaß zu erlangen. Man kann sagen, daß die Stätten der Verfolgung für die Juden heute immer mehr zu einem Kerker werden, in den sie eingeinauert sind, (Sehr richtig!) Die schamlose Lüge der Heutigen Gesittung ertappen wir hier auf frischer Tat. Wie nehmen die Schönredner, die Klugschwätzer, die amtlichen, die regierenden noch viel mehr als die privaten, den Mund voll von Fortschritt, von Entwicklung, von Menschenwürde, von Gerechtigkeit! Wie läßt man uns die hochtrabenden, großsprecherischen und wich• tigtiieiulen Worte: soziales Empfinden, Bruderliebe, menschliche Gemeiiibürgscliaft, hageldicht um die Ohren!)rasseln! Man hält feierliche Fricdcnskon• gresse ab, auf denen mah gegen den Krieg deklamiert und zu seiner Verhütung paragraplicnreiclie Scliieds• gerichtsvcrfräge zu Dutzenden abschließt und für die ein großer Menschenfreund einen prächtigen Palast erbauen läßt. Man stiftet mit Aufwand zahlreicher Millionen in allen großen!.ändern ״Herofmids" zur Belohnung tapferer Taten im Dienste der Menschheit. Man gründet in zahlreichen Großstädten reiche Büche• reien zur Verbreitung der Bildung. Sehr schön! Willi• derschön! Aber die tugendhaften Regierungen, die mit so edlem Eifer an der Vorbereitung des ewigen Friedens arbeiten, bereiten eingestiindig sechs Milli 0 11 e 11 M e 11 s c 11 e 11 den Unter* g a 11 g, und niemand außer den Opfern erhebt dagegen seine Stimme, obsebon dies doch ein ungleich größeres Verbrechen ist als i r g e n d e i 11 Krieg, der noc 11 nie sechs M i 11 i o 11 e n M e n s c 11 e 111 e h e 11 v c r n i c!11 e t 11 a t. (Stürmische Zustimmung!) Mail legt die Verwaltung der Hcrofunds und die Verteilung ihrer Zinsen in die Hände von Behörden, die Judengcmctzcl begünstigen, wenn sie sie nicht uniuittelhnr seihst veranstalten. Und in den von den großen Menschenfreunden ge• gründeten Bibliotheken studieren Wissensdurstige mit leidenschaftlichstem Fleiß die - Ritualmordgcscliich• teil von Irrsinnigen, Seliwacliköpfen und Schurken alter mul neuer Zeit. (Stürmische Zustimmung.) Wenn man die elenden Heuchler der ״Mensch• lichkcit“, des ״Fortschritts“, der ״Gerechtigkeit“ an. ruft, ihnen die an unseren Brüdern begangenen Greuel zeigt und sie fragt, wie sie dieses Massenverhrechen seelenruliig mit auselien können, zucken sie gelang• weilt die Achseln und murmeln etwas wie: ״ln die i 11 n e r c 11 A tt g e I c g e n lieit e n souveräner Staaten darf man sieh nicht einmisclien“. (Große Bewegung.) Gut gebrüllt, Löwen - oder gut gesäuselt, gut gelispelt, glattzüngige Gleißner! Gewiß, dies ist das erste und heiligste Gesetz im Völkerverkelir: man muß die Unabhängigkeit jedes souveränen Staates achten; man darf ihm in seine inneren Angelegen• beiten nicht drciiireden. Aber dieses Grundgesetz hat doch eine kleine Einschränkung: cs gilt itiim• 1 i c 11 11 u r, wenn d e r 8 o u v e r ä 11 c S t a a t s t a r k ist; ist er dagegen schwach (sehr richtig!), dann freilich.... (Stürmischer Beifall) - dann freilich hält man sich bei seiner Unabhängigkeit nicht aut, dann lacht man über seine Souvcränctüt, dann greift man in seine inneren Angelegenheiten nach Herzenslust ein, so oft, so tief, wie man das irgend für nützlich hält. Für nützlich! Das ist der springende Punkt. Das einzige Gesetz, das man in den Beziehungen von Mensch zu Mensch, und von Volk zu Volk als bestimmend anerkennt, ist der Nutzen. Wenn man die ״Menschlichkeit*', die ״menschliche Gemehibürg. schaft" der Regierungen und Völker anruft und von ihnen Taten fordert, dann antworten sietrocken: ״Eine Tat der Menschlichkeit? Was bringt sie uns ein?“ (Heiterkeit, Beifall und Zustimmung.) Politik, Diplo• malie, internationale Beziehungen sind eine doppelte Buchführung mit Soli und Haben. Und haben Regie• rungen und Völker sich ausgerechnet, daß ein Schritt zugunsten von Millionen ruchlos mißhandelter Neben• meiisclien ihnen kein Profitchcn abwirft, so weisen sie das ihnen zuge mutete u 11 ein tragliehe Geschäft kaltblütig zurück, dann ziehen sie den Kontorrock aus, sind wieder Idealisten (Heiterkeit), beglückwünschen sich zu ihrer adligen Gesinnung und brandmarken uns Juden w e gen unseres g c m e i 11 c n S c 11 a c 11 e r. ge ist es und unserer semitischen Unfähigkeit, uns zu vornehmer, idealer Selbstlosigkeit zu erheben. (Sliirniisclier, minutenlanger Beifall und Hände, klatschen.) Ich weiß nicht, oh es unter uns Juden noch kitul. liehe Seelen gibt, die auf eine Regung des viclbcrufcncn europäischen Gewissens hoffen und von einer Interpellation in einem Parlament, einer Rede in einer Volksversammlung, einem Artikel in einer großen Zeitung eine Besserung der Lage er• warten. Das europäische Gewissen! Fs ist eine höehst diskrete Person (lebhafte Heiterkeit), die wohl, erzogen zu schweigen weiß, wenn ihre Stimme von vornehmen Ohren als störend empfunden werden könnte. (Heiterkeit). Wir haben das europäische Gewissen in Palästen, Miuisterhotels, Volksverlretungs. sälen bisher noch immer vergebens gesucht ■ wir haben es nie angetroffen. Es war offenbar immer viel zu sehr von Ordensvorschlägeii lind Loheshynmeii auf große Staatsmänner in Anspruch genommen, die irgendeine neue Folterung für die jüdischen Massen ersonnen hatten. Wir 11 a b e 11 d e 11 n a u c 11 das europäische Gewissen v o 11 unserer Be. suchslist c gestrichen. (Heiterkeit.) Wenn wir die Verbrechen, die an unseren Brüdern begangen werden, gleichwohl in die Welt liinaussclireien, so ist cs nicht, weil wir davon irgendeinen Erfolg erwarteten! Wir tun es, weil cs ein Ochot der Sittlich, k e i t ist, Heuchlern d i e Maske v o 111 G e. sicht zu reißen (stürmischer Beifall), und Misse• täter vor dem Richterstuhl der Geschichte und der ewigen Moral an/nklagen, gleichgültig, oh die An. klage einen praktischen Nutzen haben wird oder nicht. (Erneute Beifallskundgebung.) Doch damit, daß wir unser Iler/erleichtern, haben wir unseren unglücklichen Brüdern nicht geholfen. Keiner von uns kann des eigenen Lehens froh werden, sollte des eigenen Lehens froh werden können, so. lange er nicht alles daran gesetzt hat, um ihren Leiden ein Ende zu machen. (Stürmischer Beifall.) Mögen die Satten, die Schlappen, die feigen Kneclitseeleii ihre Tatenlosigkeit vor sich und den andern mit der bequemen Redensart beschönigen: ״Nur Geduld — der Fortschritt der Gesittung wird auch den Juden. Verfolgungen unfehlbar ein Ende bereiten!“ — Wir haben uns den Fortschritt der Gesittung beim hellen Lieht des 10. und 20. Jahrhunderts genau angesehen; wir haben ilm sorgfältig gemessen und wir haben fcstgestellt, daß er weit langsamer ist als die Verwüstung, die der Judenhaß unter uns anrichtet, (Sehr richtig!) Unsere unglücklichen Briuler können nicht warten, bis der Fortschritt der Gesittung auch ihre Henker und Folterknechte erreicht haben wird; sie würden vorher der Sorge, dem Kummer, dem Elend, der Not, der Unwissenheit, der Krankheit erlegen sei». E s g i!> t f ü r s i e » 11 r e i 11 c i n z i g e s Heil: die Aus w a 11 d c r u 11 g. Und nicht etwa wie früher die Auswanderung nach irgendeinem belie• bigen Lande. Sie haben heute leider nicht länger die Wahl. Ein Land nach dem andern verschließt sich vor ihnen, und die alte homöopathische Heilmethode der Woliltätigkeitsjuden mit Rats• mul Gelicimratsrang und dem Bändchen im Knopfloch, die darin bestellt, die Uehel der Zerstreuung mit einer noch weit ausgedcluiteren Zerstreuung zu behandeln, ist heute nicht länger anwendbar. Ohne zu verkeimen, was iiament• lieh die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten für unsere Brüder gewesen sind, olme zu übersehen, daß ein• /eine und Gruppen ausländischer Juden in England, Frankreich, Italien, Holland, den skandinavischen Ländern Ihr Glück versuchen dürfen, muß ich doch sagen: Ich sehe mir noch ein Land, das seine Grenzen gegen die M a s s e n einwanderimg der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedelung nicht grund. sätzlich versperrt hat: die Türkei. (Stürmischer, langallhaltender Beifall und Händeklatschen.) Es ist eine eigentümliche Fügung, daß alle Wege des wandernden Judcnvoikcs nach der Türkei führen, alle Beweggründe seiner Wanderung ihm diese Richtung weisen. Daß wir Zionisten von vornherein die Türkei in das Auge gefaßt haben, ist selbstverständlich, da Palästina eine Provinz des ottomnnisclien Reiches ist. Aber auch die nicht/ionistisclien Juden, die Juden, die dem Zionismus feindlich gcgemibcrstchcn, die nicht zu• geben wollen, daß Palästina für das jüdische Volk denn doch noch eine andere Bedeutung hat als irgendein beliebiges Land, das noch Menschen auf. nehmen und ihnen Erwcrhsgelcgenhcitcn bieten kann, auch die nicht/ionistisclien, ja /ionsfeindlichen Juden, sofern sic sich mit dem Problem der jüdischen Wände• rung und Ansiedelung beschäftigen, gelangen im Wege der Ausschließung zu demselben Punkt wie wir: zu Palästina, oder wenigstens zur Türkei. Nun würde cs jedem natürlich fühlenden Men• sehen, er sei Jude oder Nichtjude, selbstverständlich scheinen, daß alle Juden, gleichgültig welcher Rieh• tung, wenn sie noch die kleinste Spur von Mitgefühl

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