Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 371 In der Abendsitzuiig vom 7. August hielt Herr ׳\\10יוי$01 ,א eine großangeiegte, wirkungsvolle Pro• ,rraiiimretle, die geradezu, einen Beifallssturm entfesselte. Am Dienstag, 8, Juli, befalltu sich die russisch«• l.andsmanusehuft im Anschluß an ein.Re• lernt d א Herrn Horttelmw mit Paliistinafrageii. Wir und der ״Judenstaat“ Eine Replik an die Kommentatoren Herzls, Von Richard L i c 111 h e i in. In ll’rcssi IZioni' jtisclif wurd 1• 111 h< i sein 11.1t j•׳ den >;cm• Prä; islii den letzten Wochen sind in der zionistischen Artikel erschienen, in denen die Streitfragen ..־.us und Territorialismus, praktische und poii- Arbeit, Ost und West usw. wiederum berührt beabsichtige nicht, mich an dieser Diskiissian .!igen, die jetzt, in der KongreHzcit, mir geeignet .1111, alte 'Feindschaften zu erneuern. Zudem nie Parteileitung durch ihr offiziicllcs Organ in . eit eingegriffen und damit allen loyalen Partei• - 11 die Marschroute vorgezeichnet. Mit der ,1/. und Klarheit, die ein untrügliches Charakte-;11 seines Stils ist, hat uns der Leitartikler der \Vw;■’ darüber belehrt, daß viele von uns den rechten W'c״ verlassen hätten und daher ״z u llcrzl zuüo. kehren" müßten. Wir haben gehört, daß ,de« historisch ewige Charakter unseres nationalen V״! ■ ns“ heute leider ״g e s c h in ä 1 e r t“ werde, daß ,111.1!:'* mitunter ״die Rückkehr zum Chawcwc-Zionis• im.»‘־ verlange, die ״im Grunde genommen" (sic!) ,da» Preisgeben der zionistischen Eigenart zu he• dciiuii hätte". ’ Nun wissen wir also, was wir zu tun haben und iümicn ״gegenüber den auch iu unseren Reihen noch *nzuireffcitden krankhaften Acußcrungen vcrschielemi Geistesrichtungen" — wie es in der Sprache Unseres Zcntralorgans heißt — beruhigt schlafen gehen. Wenn ich mich trotzdem zum Wort melde, so cschieht cs, weil meine Person in die Diskussion;czetgen worden ist, und zwar durch Herrn Dr. J crcnias in Posen. Herr Dr. Jeremias stellt in seiner Entgegnung an Herrn Prof. Wcizmann Pchaup• tungen auf, die ich, soweit sic meine Person betreffen, als 11 n w a 11 r zurückwcisc. Herr Dr. Jeremias schreibt wörtlich: ״Und leset um des Zionismus willen den ״luden• Ich fürchte, ein großer Teil unserer Jungen kennt dies titanische Werk nur aus der Kritik der ״pr:tl-1i rtu•;,״ Zionisten. Herr Wcizmann wendet dar• aiil zwei׳ '.’os den mit Recht — meist gegen den Z׳'; vi׳.׳s —• beliebten termimis ״utopistischc *; imereien" an. Herr Lichthcim spricht neben ei..1,;111 verschämten Komplimenten von ״Phan• tasterei“ und ״grellfarbigem Bild" und HerrSokolow hat den Judcustaat einmal eine ״hirnverbrannte Chi• Zionist geworden. .׳ Der Ausdruck ״Phan• tasterei", den Herr Dr. Jeremias mir vorwirft, kommt in dem iu meiner Broschüre befindlichen Ahs.it/, über den Judeustaalshegriff überhaupt nicht vor, Ich ver• wende ihn vielmehr gegen die T e r r i t o r i a I i s t c n , mul darüber kann sieh mir derjenige erregen, der d i c zionistische Bewegung mit der sceli* gen ״Ito" verwechselt, Was Herr Dr. J. mit den ״verschämten Komplimeiiten" meint, ist mir unverständlich. Wer den Juilenslaal nicht als Grenzbcgriff im Sinne obiger Ausführungen, sondern als greifbares Ziel mul damit als P r 0 g r n 111 m p 1111 k t des Zio• nisinus verstanden wissen will, mag ruhig seine Meinung ausspreeheu. Nur soll er sich nicht als Verfechter llerzlscher Ideen ntifspielen. Die Gruppe der sogenannten politischen Zionisten, deren politischer Blick sich in der Frage des Terri• torialismus so herrlich bewährt hat, sollte endlich auf• hören, sich als Siegelbewahrer des Herzlschcn Testa• meuts zu betrachten. Die ״praktischen" Zionisten d. h. die Anhänger unentwegter Palästinaarbeit und Gegner pscudopolilischer Spielereien, wissen llcrzls Größe mul ganz besonders seine politischen Ideen mindestens ebenso zu würdigen, wie die paten• tiertcii ״I lerzlianer". Die Irrtiimer des Charterismus ändern nichts an der Tatsache, daß llcrzl die Judenfrage als nationale Frage verstanden und ihre Lösung durch ein System nationaler Politik cingclcitct hat. Ucbcr die Einzelheiten dieser Politik herrscht Streit, ihr Sinn aber ist für alle, die llcrzl verstanden haben, der gleiche: Die Politisierung und Nationalisierung des Judentums durch die Schatfung eines jüdischen Zcntrmns in Palästina. märe" genannt!" Aus diesen Sätzen nuiß der unbefangene Leser chlifllcn, daß ich in meiner Broschüre, auf die sich lerr Dr. Jeremias offenbar bezieht, llcrzls Ij ml e n s t a a t", also den Inhalt der berühmten grund• legenden Schrift, einer unziemlichen Kritik unterworfen hät;»־. In Wahrheit stellt in meiner Broschüre kein W־״t über Herzls Judenstaat, da ich absichtlich alle historischen Exkurse vermieden und mich auf eine rein programmatische Darstellung beschränkt habe. ,Ich würde cs für ebenso unklug wie 'geschmacklos halten, in einer Agi י ו• י i 0 n s b r 0 s c h ü r e an llcrzls Wirken irgendwelche abfällige Kritik z u ü b e n. Bi«• Sätze meiner Broschüre, auf die sich Herr Dr, Jer -niias bezieht, behandeln den Begriff des Ji״!;nstnats und richten ihre Polemik gegen die 1•''ml c des Zionismus, die seine Ziele als Pit' ׳tastercicn bezeichnen. 1111־ stellte demgegenüber fest, daß der Zionismus nie;■: einen ״Judenstaat“ ״gründen", sondern eine Hvi..:slättc schaffen will, und ich stellte weiter fest, •tob die Verwendung des Wortes ״Judenstaat" in der rioi.1.tischen Literatur nicht besagen wolle, daß der »Juki ustaat" ein politisch greifbares Ziel darstclle, soiiu.Tn einen Grenzbcgriff, ״die Ausmalung ciius Idealzustandes, der die letzten überhaupt denk• ba1׳a Enlwicklungsmögliclikeiten des neuen Juden■ tum. in einem grellfarbigen JJilde Uarstellt." Aus dieser Darstellung herzuleiten, ich hätte Herzls ״Judenstaat" eine ״Phantasterei" und Hn ״grellfarbiges Bild" genannt, ist wahrlich du starkes Stück, Oder ist Herr Dr. Jeremias der Ansicht, die Bc• deutung der Herzlschcn Schrift beruhe im wesent• liehen in der Anwendung des Wortes .Judenstaat"? Er sollte wissen, daß Herzt selbst den Judenstaat seit Bestellen der Organisation als p 01 i t i 8 c 11 e s Ziel stets mit scharfen Worten — weit schärfer, als ich dies in meiner Broschüre tue — a b g e I c h n t jwd in einer für die Parteigeschichtc wichtigen Er• klärung gesagt hat, er sei in die Bewegung gekommen und• habe seine Visitenkarte abgegeben, auf der die Worte ״Hcrzl, Judcnstaatler" gestanden hätten. Baun aber habe er zugclernt und sei ״Auch Einer“ Offene Antwort an die Redaktion der ״Welt"• Die letzte Nummer der ״W c 1t" enthält eine Kritik der von uns in Nr. 30 unter der Ueherschrift ״Auch Einer" auszugsweise wiedergegebonen Zuschrift eines alten deutschen Zionisten, Die Erwiderung unseres Zcntralorgans ist in einem so unsachlichen, schimp• fciidcn Tone gehalten, daß wir es abgelehut hätten, überhaupt darauf ciimigchcn, wenn sich die Redaktion der ״Welt" nicht nebenbei einige Sclmlmeistcrcieii uns gegenüber erlaubt hätte, die wir uns ernstlich ver• bitten müssen. Wir wollen es nicht ebenso machen wie die ״Welt", die unsere Notiz, gegen die sie loszieht, ihren Lesern vollkommen unterschlägt, lind geben deshalb zunächst wortgetreu wieder, was die ״Welt" schreibt: Die jüngste Nummer der ״Jüdischen Rundschau" druckt eine ״Auch Einer" über• schriehene Einsendung ah, in der das (aus dem ueuvcrleglcii Protokoll des ersten Kongresses) in der ״Welt" wiedergegebeue Vorwort von Dr. Max N ord a 11 ״Der erste Kongreß", die Artikel ״Zurück zu Ilerzl" von Dr. J u k ob K1 a t zk i n mul ״Die Kulturfrage" von K. kindisch bespöttelt werden. Der Einsender fragt die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau", ob er zum Kongreß fahren soll, da man jetzt ״zurück zu Herz!" rufe und — kein Palästina• referat auf die Tagesordnung des X. Kongresses gesetzt sei. Obgleich wir wissen, daß die ״Jüdische Rund• schau", die das Organ ocr deutschen Zionisten ist, vielfach im Gegensatz zu den Anschauungen der Majorität der deutschen Zionisten stellt, befremdet es uns doch, daß unser Brudcrblatt, ein offizielles zionistisches Organ, solchen täppischen Anrempc• hingen Raum gewährt. Wem! irgend ein anonymer Querulant, seihst wenn er Zionist ist, eine ungc• reimte Frage stellt, so ist die ״Jüdische Rundschau" noch nicht verpflichtet, diese Frage ihren Lesern mitzuteilen. Es ist aber vor allem beschämend, daß dies• Aufsätze wie die von Dr. Nord au und )>..*. Klatzkin hei manchen Zionisten Entrüstung her• vorrufen konnten. Wenn cs so weiter gellt, können wir es auch noch dahin bringen, daß die ÜcrufiMg aut llcrzl in zionistischen Kreisen als verpönt gcl.cn wird. ־ Mehr als befremdend ist es auch! daß *üc Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" die Anklage wegen Unterlassung eines Palästinareferatcs ohne jede Zurückweisung wiedergibt, während sie doch soviel politisches Verständnis besitzen sollte, um zu begreifen, weshalb das AcUons-Comite ein Pa• lästinareferat nicht ausctzcii konnte. Wir müssen vorerst den Einsender dagegen in Schutz, nehmen, daß die ״Welt" sich erdreistet, ihn als ״anonymen Querulanten" zu bezeichnen. Der Ein• sender ist uns selbstverständlich wohl bekannt, und wenn w i r seinen Namen nicht genannt haben, so hatten wir dazu sicherlich Gründe, die besser er* wogen waren als die Beschuldigungen, welche die Redaktion der ״Welt" gegen uns erhebt. Wir müssen unbedingt dagegen protestieren, daß es als ״beschämend" bezeichnet wird, wenn die Artikel von Dr. Nordnu und Dr. Klatzkin bei manchen Zio• nisten Entrüstung hervorgerufen haben. Beide Artikel sind derart einseitig subjektiv geschrieben ‘und zu einem großen Teil auch objektiv gänzlich unhaltbar, daß es durchaus verständlich, ja sogar sei bst vorstündlich ist, dal) sie nicht nur hei manch •11, sondern hei sehr vielen Zionisten ernstes Kopfselüittehi hervorgerufen liahcu. Eine schlimme Verdächtigem׳ ist es dagegen seitens der Redaktion der ״Welt", wenn sie daran ganz, harmlos die Schlußfolgerung aiiknüpft, cs werde iu zionistischen Kreisen bald die Berufung auf I ler/l als verpönt gelten. Eine einseitige und schiefe historische Darstellung, die hinter dem im!־, allen teuren Namen Herzls Deckung sucht, dari uns nicht eben deshalb als sakrosankt gelten, well sie den Namen unseres toten Führers für ilire Zwecke in Anspruch nimmt. Das mag in sachlicher Beziehung genügen. Nun noch ein Wort iu eig e n er Sacli e an die Redaktion der ״Welt". Die ״Welt" versucht es, uns ein wenig von hinten herum ihren Lesern dadurch verdächtig zu machen, daß sic ihnen erzählt, die ״Jüdische Rundschau", die das Organ der deutschen Zionisten ist, stehe vielfach im Gegensatz zu den Anschauungen der Majorität der deutschen Zionisten. Wir könnten darauf mit Recht erwidern, daß die ״Welt" bekanntlich seit Jahren sich recht oft in Widerspruch zu der Meinung der Majorität der Zionisten der ganzen Welt gesetzt hat, aber wir beabsichtigen nicht, die Polemik nach dieser RichUmg hin zu führen. Wir müssen cs mir ztirückwcrscu, daß die ״Welt" sich die Bemerkung erlaubt, wir gäben in unserem Blatte ״t ii p p i s c 11 e 1! A 11 r e 111 p e I u 11 gen" Raum. Wenn wir nicht von der tiefiuiieren Be• rechtigung der ein wenig ironisch gestellten Fragen überzeugt gewesen wären, und wenn wir nicht genau wüßten, wie bitter ernst es dem Einsender mit seinen ״ungereimten Fragen" ist, so hätten wir selbst gc* wußt, was wir zu tun haben. Ebenso entschieden müssen wir es nblchncn, die Anklage des Einsenders wegen Unterlassung eines P a l ii s t i n a r e f e r a t e s auf dem Kongreß zurück• zuweisen, und — wir sind bestimmt genau so gut informiert wie die ״Welt"! — die Sorge der Redaktion der ״Welt" lim unser politisches Verständnis charnk• terisiert sich als eine recht alberne Anmaßung. Weiter haben wir nichts zu sagen, und unsere Leser mögen sich selbst die Frage beantworten, warum wollt die Redaktion der ״Welt" gerade den gegenwärtigen Moment für geeignet hält, um gegen ihr ״Bruderblatt" in so taktvoller Form zu polemisieren. Bericht des Aktions-Komitees Das Aktionskomitee hat dem X. Kongreß einen ausführlichen Bericht vorgelegt. Wir entnehmen dem über 250 Seiten starken Bande folgende Stellen: Politische Tätigkeit ln der Rede, mit welcher der Präsident der Or• ganisation am Sonntag, den 2(1. Dezember 1000, zu Hamburg den Neunten Kongreß eröffuete, legte er, »luter begeisterter Zustimmung des Kongresses, die S t c 11 u rt g 11 a 11 in e d es Z i 011 i s tu 11$ zur o 11 oni a 11 i s c 11 c 11 St a a t s i d e e , die sich in den glorreichen Tagen der Julircvnlution ,1008 zu neuer Kraft durehgerimgcii hatte, in folgenden programma• tischen Ausführungen fest: ״Wir können keinen Gegensatz, finden zwischen ottomanischen Interessen und zionistischen Bestre* bungen. Es soll nicht getrennt werden, was zu• sainmengehört und sich gegenseitig ergänzt! Wohl spukt noch wie ein altes Gespenst das Vorurteil, das in manchen Gemütern die Gewalt eines äugst• liehen Aberglaubens erreicht hat, der Zionismus könnte als eine Tendenz aufgefaßt werden, die dem Einlieitsgcdanken der ottomanischen Monarchie widerstrebe: . Demgegenüber erklären wir feierlichst: Die oWomauische Staatscinheil, die Weltmacht- Stellung und die innere Wohlfahrt dieser Monarchie, ihr Schutz, und die gedeihliche Entwicklung ihrer Gcsanitcinrichtungcn sind die selbstverständliche Voraussetzung all unserer Arbeiten. Die ottomauisehen Gesetze werden die Richtschnur sein für all unsere Unternehmungen, und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich all unsere Pläne aufbaucn. Denn in der nunmehrigen Rechtsstellung, in den stnatsgruiulgesctzlich gewährleisteten und in einer fortschrittlichen Entwicklung begriffenen Einrichtungen erblicken wir die Garantien unserer persönlichen und nationalen Sicherheit. Der Kongreß möge alle, die es wissen wollen, . in dieser Beziehung belehren, und mögen diese Worte den weitesten Widerhall finden, damit man wisse, daß in zionistischen Kreisen eine gesunde Auffassung der Dinge herrscht, und daß sämtliche von uns geleiteten Volksclementc zurückhaltend und ruhig, niemals aggressiv und verletzend, immer loyal und zielbcwußt durch ehrliche Arbeit die In• 1 tercssen Palästinas und damit die des ottomanischen Reichs fördern werden,"