Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 369 Erste Sitzung der Deutschen Landsmannschaft 111 der ersten Sitzung der Deutschen Lmuisnumn• scliatt, die am Montag, den 7. August, abends S.UI1r, in üa.wl im Safran/umtliaus stallfand, wurde zunächst die! 1age erörtert, ob außer den von deutschen Ürupiווי.׳ gewählten Delegierten auch die aullerhalb Deuts.hlands gewählten Mitglieder der deutschen LamU: Organisation Sitz und Stimme in der deutschen Lam laiinschaft haben sollten. Nach längerer Aus• sprac:.•: wurde der Beschluß gefallt, dalt nur die in t: •: 111 s ch la 11 d g e wä h 11 cn Delegierten der u. titschen Landsmannschaft augehören sollen. Um abu .!;ich den anderen Mitgliedern der Zionistischen Vcri :•gung für Deutschlami, denen sämtlich der Zutritt ... den Sitzungen der deutschen Landsmannschaft gest.-tet worden war, tutd die in sehr grober Anzahl bei »r Sitzung erschienen waren, Gelegenheit zur Me. .ugsäuberung •zu geben, wurde beschlossen, allen ,Wh:-:.׳dem der deutschen Landcsorganisatioii Hedefre. 11 zu gewähren, allerdings mit der Einschnitt• km-dalt die Delegierten in der Rednerliste stets de., »׳ortritt haben sollen. .’.11r Tagesordnung der ersten Sitzung, die vom Vm t/enden des Zentralkomitees Rechtsanwalt Dr. M.• itke geleitet wurde — Wahl der vier deutschen M;t;!ieder fiir den Pcrmaiieiizausschuß — macht Wicner-Kattowitz den Vorschlag, in den Permanenz* au: cliult als Delegierte zu entsenden: Blumen־ I c 1 11 ,1׳ c y 111 a n 11. K 011 e u s e 11 e r, S i m o n. Dr, Stahl• larnowitz schlägt vor: Grone mann, Kol• lv׳!•scher, Loewe, Simon. Vor der Abstimmung entspann sich über die W.ml eine hochinteressante prinzipielle Debatte, in dm׳n Verlauf auch Präsident w 0 1 ff soll 11, der während der Sitzung erschien, das Wort ergriff. Zunächst erklärt Kollcuschcr» die Wahlen in den iVruiancnzausschuß mübten davon abhängig gemacht wnden, wie die Kandidaten sich zu der Präge der Wahl des Präsidenten durch den Kougreb stellten. IH.mntlich hätte die Jahreskonferenz den liescldub gcialit, dab der Präsident vom Engeren Aktions־ kninitee selbst aus seiner Mitte zu wählen sei. Eine Anzahl von Mitgliedern der Jahrcskonferenz hätten damals gegen diesen Beschluß einen Protest zu Pro• lokoll gegeben, aber dabei versprochen, sich bis zum Kougreb jeder Agitation gegen diesen Besclilub zu enthalten. Nun sei der Kongrcü da und mau müsse diese Frage, die von auberordentlicher prinzipieller Bedeutung sei, wieder aufrollen. Halnern widerspricht dieser Auffassung euer־ g.i'a. Die Frage sei durchaus von keiner prinzit׳..llcu Bedeutung, ob der Präsident vom Kougreb .!der vom E, A. C. gewählt würde. Auf keinen halt diu 11: es zu einem neuen Hamburger Kongr:" kommen. Man müsse sich unbedingt ׳..־••;,< , und man wisse doch genau, wie schwer es : •׳•.־ ׳;■eit sei, zu den Einigungsbeschliissen der Jalucskonfcreiiz zu gelangen. Daran müßte jetzt aber auch unbedingt festgehalten werden. Gronemann: Ich bin der Meinung, dab man siel! einigen muß und sich einigen wird, Bei der Wahl der Delegierten zum Permanenzaiisschub aber ist beim vorigen Kongreß die Stimmung der deutschen Delegierten nicht zum Ausdruck gekommen, da mau unter anderem zwei Gegner der Majorität der Lands Mannschaft mit der Vertretung beauftragt hatte. Der l'crmauenzausscliub aber soll die Stimtmuig der Lands tti-innschnft widerspiegeln. Die Frage, die Kotlen scher angeschnitten hat, ist in der lat von prin׳ zipieller Bedeutung, Dem neu zu wählenden I’• isidenten wird es nur gut tun, dab wir der ganzen Welt zeigen, das ist der von der zionistischen Welt• tognnisution gewählte Präsident. Man mub wissen, d 1b dieser Mann den Zionismus verkörpert. Ich bin * י•mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmrn gekämpft, mit allen Waffen des Geistes gekämpft. 'י ir hatten uns eine tiefgehende Idiologic ausgebildet ued waren aus diesen harten Kämpfen gegen versh.i.dnislose Gegner stets als Sieger hervorgegangen u-i Leben aber standen wir gerade vor dem ersten '':׳niistcnkongrcß vereinzelt da, waren wir die tat!• ciiiichcn Besiegten. Vielleicht war cs unsere Schuld, ■ wir noch gar nicht de» Versuch gemacht hatten, '׳.! wichtigeren Teil des Volkstums, das Volk selbst, *׳•» organisieren. Aber von dieser pessimistischen Nnmnung und der sie begleitenden inneren Zerrissen- * .;t, die in unseren eigenen Reihen herrschte, vormochten wir uns selbst während des Kongresses nicht s•■ '•eicht zu befreien, und einen Widerhall fand diese Kimmung in den endlosen Debatten, die wir in unserer viV.crcn Welt, auch in Basel führten. Eine Nuance dieser Stimmung kam auch in jenen Worten zum Ausdruck, mit denen ich, während der bekannten Gcneraldiskussion um das Programm, die Forderungen des politischen Zionismus zum Ausdruck brachte. War doch unser Pessimismus nicht unheilbar, gaben wir uns i•'» unter dem Einfluß des großen Erlebnisses leicht von neuem dem Glauben hin, daß wir die Volksmasscn für unsere Ideen gewinnen (müssen. Und dämm handelte cs sicli doch vorläufig! Wir wollten nur mit dem umfassenden Zionismus in seiner Eigenschaft als Bewegung für die Lösung der Judenfrage liclmkchren und damit kehrten wir auch heim. Eine andere, mehr äußerliche Erscheinung, gab e« am Kongresse, die uns, die damals Jugendlichen, und mit un» viele andere verletzte. Das war das bis P)U7 ist niemals cm wählt worden, Erst im begreiflichen Wunsch Modus geändert worden, aus darüber debattieren, durchaus dafür, daß diese Frage ganzen Sache gemacht wird. Ilaiitkc: Ich begreife die prinzipielle Wiel»• tigkeit, die diese!•'rage hier haben soll, gar nicht. Für die Unterzeichner des Protestes bei der Jahres• konferenz handelte es sich darum, sich die Mog• lk'hkcit zu sichern, Herrn Wolffsolin zum Priisi* deuten durch den Kongreß wählen zu lassen. Nun hat I lerr Wolffsolin aber erklärt, daß er für eine Wiederwahl nicht in Betracht komme, und da Herr Wolffsolin auch selbst dafür ist, daß die L c i 11111 g n a c 11 Bert in verlegt wird, so wäre cs ja ciin Unding, jemanden /.um Präsidenten zu wählen, der nicht am Orte der Leitung wohnt. Von Präsident vom Kongreß ge• Haag ist auf ausdrücklichen des Herrn Wolffsolin der Wollen Sic nun heute durch• dann gut. Aber ich hätte cs besser verstanden, wem» Sic über das Aktions* komitcc selbst debattieren wollten, statt über diese durchaus nicht so wichtige Frage. Trietsch: Wir wollen keine Unsicherheit liiiiausnclunen über die eine Frage, die uns eventuell den ganzen Kongreß stören kann. Deshalb würde ich gern Herrn Wolffsolin, .der zu meiner Freude hier erschienen ist, bitten, uns hier über das, was )r. I lantke erklärt hat, authentische A u s k 11 11 f t zu gehen. Dann werden wir einen guten arheits• reichen Kongreß haben, während andernfalls ntif dem ganzen Kougreb keine einzige Frage sachlich behandelt werden wird, Heymann gibt die Erklärung ab, dab er auf dem Boden der Beschlüsse der Jaltrcskoiifcrcnz stehe und seinen Protest gegen den bekannten Punkt 5 der Beschlüsse — Wahl des Präsidenten durch das E. A. C. — nicht aufrecht erhalte. Laclunann schlägt als Delegierte für den Permaiicnzausscliub vor: Köllen scher, Grone־, m a 1111, He y in a 11 n , H u 1 d s c 11 i 11 e r. Wolffsolin: Ich habe mich aufrichtig gefreut zu hören, dab Sie über die Wahl der Mitglieder zuni Permaiieii/aiisschiiß hier eine so eifrige Debatte führen, leb freue mich darüber besonders deshalb, weil man der deutschen Landsmannschaft beim vorigen Kongreß eine grobe Uninteressiert■« heit naeligesagt hat, da sie Gegner ihrer eigenen Anschauungen m den Pcrmanciizaiisschuß entsandt habe. Selhstverstäiidlich darf eine• Landsmannschaft nur Leute als ihre Vertreter entsenden, die ihre Au• sichten teilen. Da es nun einmal zwei grobe Richtungen gibt, die wir als die ,״politische‘* und die ״praktische" bezeichnet haben, muß 1mm diesen Umstand auch gebührend berücksichtigen. Ob die Bezeichnungen richtig oder falsch sind, ist ganz gleichgültig: jeder versteht, was darunter gemeint ist. Wem! man mm eine bestimmte Ansicht hat, ist mau auch verpflichtet, Vertreter dieser Ansicht zu entsenden. Es kann ja dazu kommen, daß cs im Permanenz• atissclmb gar keine Differenzen geben wird. Dann ist die Mmoritütsvertretung doch gewiß überflüssig. Gibt es aber im Permaneiizaiissclmb Differenzen, so muß unbedingt die Meinung der Majorität der Landsmannschaft dort vertreten sein. Die Delc• gierten können ja nicht jedesmal die Landsmannschaft befragen, wie sie zu stimmen haben. Und da es sich um wichtige Interessen unserer Politik handelt, so mub die Landsmannschaft Vertreter ihrer, d. 11. der Majoritätsmeimmg entsenden. In Rußland hat mail bereits Zirkulare verbreitet, dab die deutsche Landsmannschaft ihre Meinung geändert habe, daß ein vollständiger Umschwung der Stimmung eingetrelen sei. Ist das richtig, so wählen Sic z u S i m o 11 11 n d Holpern noch einen S i m 011 und einen Holpern dazu. Wenn zum Sehibolcth der 1 nicht, dann wählen Sie keinen von beiden! 'Dadurch wird es vermieden _ werden, daß der Pcrmaiienzaiisschub wieder wie heim vorigen Kongrell eine ganz andere Majorität hat als der Kongreß. Ich spreche nicht mehr pro domo, und also kann ich es erst recht sagen, obwohl ich es natürlich auch sonst sagen würde: es ist ein Verbrechen, dem Präsidenten das einzige, was wir ihm gehen können, . nämlich die Autorität, nicht zu gehen, dadurch daß matt ihn nicht vom Kongreß wählen läßt. Und das ist mich keine Politik, daß inan einen Gegner als Vertreter wählt, um Kompromisse zu machen. Schicken Sie erst ihre Vertreter, und dann, um zum Frieden zu gelangen, wird man Kompromisse machen. Ich will mich nun kurz auf die Anfrage dei Herrn Trietsch äußern: Die Präsidentschaft werde i e 11 unter keinen Umständen w i <•• der ü b e r n e h in c 11. I c 11 11 a he v i e 1 e ü r ü n d e dafür, über die ich mich noch äußern werde. Ich werde wahrscheinlich auch nicht in das E. D. C. eintreten, in erster Linie, weil ich das im Interesse der Bewegung nicht fiir gut halten würde, und dann auch im Interesse meiner Gesundheit. Herr Trietsch hat aber noch mehr gefragt, nämlich ob die Lei• tung nach Berlin kommt. Das weiß ich nicht, aber da i c 11 k e i 11 e 11 a 11 d e r e 11 P 1 a t z k e 1111 e und keine anderen ,Vorschläge zu m a c 11 c n habe, so 11 e 11 m e auch i c 11 a n , d a b d i e Leit u 11 g nach Berlin k o 111 m e 11 w i r d. Zur Frage der Wald des Präsidenten hin ich, wie gesagt, für die Wahl des Präsidenten durch den Kongreß, und ich sehe auch nicht ein, warum das nicht geschehen solle. Als mau keinen llcrzl hatte, nahm man einen Wolffsolin, und wenn mau keinen Wolffsolin hat, wird mail eben einen anderen nehmen. Kollcnsclier und Karcski schlagen folgende Liste fiir den Permaiien/ausschiiß vor: ü r o 11 e m a n 11, H u I d s c 11 i 11 e r, Kollcuschcr, Loewe. Loewe: Wenn hier vorgeselilagen worden׳ ist, die deutsche Laiidsmaimsehafi solle scharf ihre Mei• nimg vertreten, so soll das nicht heilten, dab wir dann nicht mehr mitarheiten würden, wenn die Sache nicht nach uns er m Willen geht. Wir müssen aber nalür• lieh nach Möglichkeit darauf bestellen, (laß unsere Meinungen aul dem Kongreß vertreten werden. Wir können es nicht zugeben, daß der Zionismus sieh auflöst in eine bloße Koloiiisatioiisbewegung, obwohl wir die Bedeutung der Kolonisation gewiß nicht unterschätzen. Ich halte aber unsere ganze Riehtung, die Wolffsolin die polnische genannt hat, für gefährdet, wenn wir die Kolonisationsbewcgung oder die Bestrebungen, die hebräische Kultur zu fordern, übergroß werden lassen innerhalb unserer Bewegimg. — Wir wollen gewiß Demokratie, eine Dem ok ra t i e 111 i t ei 11 e m s c 111 s tge w ä h 11c 11 Präsidenten. Was Sie wollen, das ist eine Aristokratie, und zwar die gehässigste Form der Aristokratie, eine Oligarchie. Ich glaube bestimmt, wir werden auf dem Kongreß die Majorität haben, wenn wir solche Leute wählen, die hinnen diesen acht Tagen ihre Meinung nicht ändern werden. Barth: Der Perinaiien/nusscliuß soll der Mikrokosmos des Kongresses sein. Deshall) muß eine größere Minorität, die innerhalb der Landsmannschaft existiert, auch im Periiiaiieii/atissclmß vertreten seilt. Stahl erklärt, er habe seinen Vorschlag gemacht, weil dieser einer proportionalen Vertretung etwa entsprechen dürfte . . . Als Stahl Vorwürfe erhebt, man habe in Deutschland ״Delegierte gemacht*', ja man habe sogar ״Schekel gemacht“, erklärt Vorsitzender Hantkc: Ich muß mich sehr wundern, daß Sie alle Wahlen haben bestätigen lassen, schnelle Tempo, in dem die wichtigsten Fragen er■ örtert wurden. Neben den teilweise ausgezeichneten Vorträgen und selbst tiefen Analysen (z. B. im Vorträge von Birnbaum) wurde jedwede Debatte nur ungern geduldet und zumeist von Anfang an abgeschnitten. Bei vielen wichtigen Fragen wurde nur die Oberfläche gestreift. Warum ließ cs Herd zu? Warum ließ er die zum erstenmal versammelten zionistischen Vertreter sich nicht mtsleben? Wir haben nachträglich seine Taktik verstehen lernen. Unmittelbar vor dem Kongreß hatten mehrere bekannte Zionisten die Parole ausgegeben, daß der Kongreß auf jeden Fall und mit allen Machtmitteln zu sprengen sei, und dieselben Zionisten fanden sich auch in Basel ein. Mehr als jemand fürchtete Herzl, daß die Herren ihre Drohungcti wahr machen könnten, daß sic eine passende Gelegenheit in den langen Debatten dazu finden würden, lind das Gespenst der Kongreßsprengung beeinflußte seine Handlungen, die wir ihm sehr übelgenommen haben. Was bedeutet ,aber diese Un־> freilich, was bedeuten diese Hemmungen und Reibilligen im Vergleich zu dem erhabenen Ziel, die große Organisation ins Leben zu rufen? Und dieser Zweck ward zu unserer übcrt|uclle1ulen Freude rascher, als tvir erwartet hatten, erreicht. Kaum war der Kongreß vorüber, als wir seine Größe erkannten. Wir vergaßen bald die kleinen und sahen nur die grandiosen Momente. Und mit uns begannen Zclui-, ja Hunderttauscnde sich zu rühren, zu fragen, zu antworten, zu fühlen und zu wollen. Vorüber ist heutzutage jene unvergleichliche Gärung, die sich damals der großen Judcmuasscn bemächtigt hat, aber was sie geschaffen lind erweckt hat, verdanken wir dem ersten Kongreß und dem Mut, den er uns gab und noch immer wieder gibt. Bücher und Zeitschriften Skizzen und Studien zur Geschichte, der Juden in Polen. Von Dr. Majer Balaban. 1011, Berlin, Louis Lamm. Preis 3 Mk., geh. •1 Mk. Das 127 Seiten starke Büchlein bringt — in nicht immer ganz einwandfreiem Deutsch und Druck־, aber inhaltlich mit viel Geschick — zum Teil recht interessante Beiträge zur Geschichte der polnischen Juden in der Zeit vom 16.— IS Jahrhundert. Von verschiedenen Gesichtspunkten zu begrüßen ist besonder« die Wiedergabe des ״Offiziellen Protokolls der Frankistemlisputation‘‘, die vom 17. Juli bis 10. September 1759 in Letnburg zwischen den Fraukisten und ״Talmudistcn‘* stattfand. Auch die übrigen, umsichtig gearbeiteten und fleißig kommentierten Abhandlungen des lesenswerten Büchleins sind anregend geschrieben und gewähren dem Laien wertvolle Ein* blicke in einen traurigen Zeitabschnitt der jüdischen Qeschichtc im Ausgang des Mittelalters. Dr. Bruno Kirschncr