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Jüdische Rundschau · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 368 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 32 Wir Basler Juden hatten das GlückhimJ die Freude, an mehreren Ihrer Kongrcssec als Zuhörer teilzu* nehmen und dadurch besser als andere die historisehe Bedeutung Ihrer Tagungen kennen und würdigen zu lernen. י Jetler Einzelne von uns war dadurch gezwungen, zum Zionlsimis innerlich Stellung zu nehmen, Viele haben sich begeistert der Bewegung angeschlossen, manche blieben skeptisch; einige glaubteil sogar, diese neue und fremde Strömung Im jiidisehen Leben als gefährlich und schädlich nblclmcn zu müssen. Einig aber Waren wir alle in der Anerkennung Ihrer tatkräftigen Arbeit für das Geschick des jiidisehen Volkes, und keiner von uns hat sich dem eigenartigen Reiz Ihrer Versammlungen und dem mächtigen Eindruck Ihrer grollen Führer entziehen können. Diesen Gefühlen haben wir alle schon an früheren Kongressen durch regen Besuch Ihrer Sitzungen und freundschaftlichen Verkehr mit Ihren Delegierten pri* vaten Ausdruck verliehen. Heute am X. Ziouisteiikoiigreß halten wir cs am Platze, durch diese gemeinsame Adresse öffentlich kund zu geben, daß wir Juden von Basel froh und stolz sind, zum siebenten Male die Elire zu haben, die Vertreter der Judeuschaft hei uns versammelt zu sehen. Wir begrüßen Sie freudig und wünschen Ihren Tagungen Gedeihen und Glück. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen!) Präsident Wolffsolm: Geehrter Kongreß! Im Namen des Aclions-Comites stelle ich den Antrag, der türkischen Regierung zu dem großen Unglück, das Konstantinopel durch den Brand betroffen hat, unser Beileid misziisprcchen und im Namen des Kongresses den Betrag von 5H00 Francs für die armen Unglückliehen bcizuslcucrn. (Stürmischer abseitiger Beifall.) Ich habe von Ihrem enthusiastischen Beifall, der allgemein war, Kenntnis genommen und werde ihn der türkischen Regierung übermitteln. Den Wortlaut der Rede Dr. Max Nordnus bringen wir in der nächsten Nummer zun! Abdruck! Debatte David W o I f f s 011 n richtet au die Versnminhing mininchr die Anfrage, ob sie mit der vom E. A. C. vorgcsehlagenen Geschäftsordnung einverstanden ist. Dr. Muss in so hu (hebräisch), mit Beifall bc* ^rübt, spricht dagegen, deshalb, weil die Vorlage den •elegierten zu spät zugegangen ist. Präs. Wolffsolm: Allen cs recht zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, so auch bei der Geschiiftsordnung. Aber wir müssen eine Geschäfts* ordmmg haben, der Kongreh kam! ohne eine solche nicht arbeiten. Daher ersuche ich den Kongreß, über die Geschäftsordnung abzustimiucn, K a p I a n s k i K a p I a n: Die geltende Geschäftsordnung schreibt vor, daß die Vorlage mehrere Wochen oder sogar Monate vorher den Delegierten mitgeteilt werden muß; das ist nicht geschehen. Aber außerdem enthält der Entwurf der neuen Geschäftsordnung bereits Begriffe und Einrichtungen aus dem neuen, l»is jetzt noch nicht akzeptierten ,Orgnnisations- Statut. Ein Teil dieser Geschäftsordnung wird als Entrechtung einer großen Minderheit ungesehen. Schon deshalb entspricht cs der Würde des Kongrosses, die Geschäftsordnung nach Erledigung des Orgaiiisatioiisstaluls zur Generaldebatte zu stellen. Präs. Wolffsolm: Der Kongreß urteilt selbst darüber, was seiner Würde entspricht; er ist voll•• ständig souverän, zu beschließen, was er für riehtig hält. Del. Ros ent ha! beantragt zur Geschäflsordniing, die neue Geschäftsordnung zusammen mit dem Orgaiiisatioiisstatut zur Abstimmung zu bringen und einstweilen die alte Geschäftsordnung maßgebend sein zu lassen. Dr. Boden hei mer bittet dagegen um Annähme des Antrages des E. A. C. Sie erleichtern damit dem künftigen Präsidium des Kongresses die Arbeit. Nur einen Punkt möchte Ich hcrvnrhcbcn: Wir haben in der bisherigen Geschäftsordnung keine Redeoriliuing für den Kongreß. Infolgedessen haben wir auf dein vorigen Kongreß bis zu llö Rednern zu einem Punkte auf der Rednerliste gehabt, «»lute daß es irgendwie festzuslellcii war, ol> sie die Slitnmuiig des Kongresses und der verschiedenen hier vertretenen Strömungen richtig Wiedergaben,• Die Red-!!erliste muH zuverlässig fcstgestellt werden, damit nicht wieder, wie auf clcm vorigen Kongreß, irgend eine Fraktion mit einem Schlag 17 Redner, einen nach dein anderen, auf die Rednerliste schreibt, so daß inan 17 Redner hört und meint, daß die kleine sollten, eine /וו rnifflU’il Diskussion Geschäftsordnung Es wird «!»gestimmt, Der Antrag Roscnthnl wird a n g e ח o 111 m e 11. Der stellvertretende . Vorsitzende des P e r m a 11 e n z.a ns s c h 1! s 8 cs, Dr. Welz mann (mit Beifall begrüßt), teilt nunmehr dem Kongreß die Vorschlüge des Permanenzausschusses für die Zusammen- Setzung der Leitung und des Bureaus mit: Ais Präsidenten des Kongresses u 118 e r c n Max Nord au (stürmischer Beifall). Die Vcrsammhing erhebt sieh und jubeh dem Altmeister zu. Max N o r!1 a 11 nimmt, mit einer erneuten Kundgebung empfangen, das Wort: Geehrter Kongreß! Ich bin Ihnen tiefen Dank seluililig für die Gesinnung, als deren Ausdruck ich diese Wald wohl ansprechen darf. Ich würde aber eine schwere Pflichtversiitimnis begehen, wenn ich ein Amt annehmen würde, dem ich mich physisch nicht gewachsen füldc. Ich danke Ihnen wiederholt mul bitte Sie. von meiner Wahl Abstand zu nehmen (Widerspruch). David Wol f f 80h n: Die Wahl ist vollzogen. Ich hoffe, wir werden gute Vizepräsidenten bekommen, die unserem Altmeister die •Last nbnvluucn werden. W c i z m a 1111 nennt jetzt die anderen vom Permnncnzaiisscliuß vorgcsehlagenen Persönlichkeiten. Als Vizepräsidenten: Dr. Botlenlieiiner (Beifall), Dr. Alexander Marmorck (Beifall), Adolf Stand (Beifall) Dr. Tschlenow und M. Ussischkin (Beifall). Als Beisitzer: Adolf Böhm, David Florentin, Isaak GoUlberg, Prof. Göttlich!, Ingenieur Kessler, Dr. Moser, Piuneles, Rabbiner Reines und Weil- Basel. Die Liste wird eit bloc angenommen. — Als Schriftführer: Für hebräisch Dr. Schcmnrja Lcwin; für russisch Leo Motzkin; für englisch Norman!)entwich; für jiddisch Ingenieur Svrkln; für deutsch Dr. Friedemann. Prof, Kellner; für polnisch Dr. J. Waldinann. Auch diese Liste wird cn bloc angenommen. David Wolffsolm übergibt den Vorsitz, dem Präsidenten Dr. Max Nordait, der ihn unter brausenilem Beifallsjubel mit folgenden Worten übernimmt: Ich fühle midi als lebendes Beispiel dafür, War die Rede Nordnus eine solche Offenbarung, daß der Kongreß zu einem wogenden Meere wurde und selbst jenen durchgeistigten Mann aus dem Volke binriß, der nachher im Haschiloali den ersten Zionistenkongreß so entschieden verurteilte? Vielleicht war es weniger der Geist der Rede, als die Stimmung, die sie hervorrief. Kundige unter uns empfanden wohl auch in den Worten Nordaus die Interpretation Pinskers, Heß und anderer Schöpfer des Zionismus, aber diese Interpretation war selbständig, war überwältigend, war ein Kampfesruf sondergleichen, war in ihrer Wahrbaltigkeit ein Kampfcsruf. Dies war der einzige Moment in der gesamten Herzlepoclte, da Herzl im Zionismus von jemand besiegt wurde. Beide waren sic damals frisch, hoffnuiigs- und kanipfcsfroh, und wir ahnten noch nicht, wer schon nach kurzem den unumstrittenen ersten Rang ciiinclimen würde. Als der Architekt Marmoreck in seiner impulsiven Art nach dem Beifallssturm, der Nordaus Rede begleitete, den Kongreß aulforderte, für die weiteteste Verbreitung der zwei ersten Kongrelircden Im Volke Vorsorge zu treffen, und enthusiasmiert ausrief: ״Was wir gehört haben, wir werden cs nie im Leben vergessen können, die Worte, die wir vernommen, werden nicht aus der Kulturgeschichte der Menschheit, nicht aus der Geschichte des Judentums verschwinden,“ da war kaum jemand im Saale, der diese Worte nicht in erster Reihe und vielleicht sogar ausschließlich auf die Ausführungen Nordaus bezogen hätte. Und doch hotten wir schon int Laufe des Kon« greises die Ucbcrzeugung gewonnen, daß die eigentliehe Seele der zionistischen Bewegung nicht der glänzende Rhetor, sondern jener träumerische M a n n sein würde, der uns noch zwei Jahre zuvor höchst gleichgültig gewesen war. Seine jugendliche Energie und wundersame Elastizität, sein relativ geschieklcs Zurechtfinden in einem ihm unbekannten Milieu, seine Kunst, in jedem Augenblick das Chaos aus dein Kongreß zu bannen, seine majestätische Art, selbst in das Kleine Großes, Allgemeines hineinzu• tragen, seine (eine Selhststcherheit und seht fester Glaube, daß der Kongreß berufen sei, ״den Grund• stein zu legen za den! Haus, das dereinst die jüdische Nation beherbergen werde“ —, all dies wies deutlich darauf hin, dab er Führer sein wollte und sein mußte. Trotzdem war er uns unheimlich. Wir kannten ihn auch am Schluß des Kongresses als Menschen noch nicht und ahnten nicht, wie wir ihn später verehren und liehen würden. Unseren! seelischen Lehen war er noch nicht näher getreten, unser Inneres hatte er nicht gepackt, Zwischen ihm und uns stand noch eine ganze uiinusgefülltc Welt, die uns oft schreckte und die erst im Laufe der Zeit schwinden sollte. Wir fühlten uns an der Stätte unserer ersten nationalen Vorcliiiguug nicht zu Hause und zuweilen unbehaglich. Manchmal schien cs uns, als ob wir nicht selbst unser Geschick schmiedeten, sondern von einer elementaren Macht dazu getrieben würden. Dann aber brauchten wir nur an die Größe 'des geschichtlichen Augenblicks zu denken, um die unangcnelimen Einzelheiten leicht zu vergessen. Wer heute das Protokoll des ersten Zlonlstenkongrcsses aufschliigt, der wird ei kaum daß Ihrem Willen nichts widerstehen kann. (Große״ Heiterkeit und Beifall.) Mit geschäftlichen Mitteilungen schließt Mnx Nordan die erste Sitzung um 12</j Uhr. * Nnclunittflgssltzung Präsident Max Nord au eröffnet die z.wci1e Sitzung um •I Uhr, Nach unserer alten Gewohnheit wollen wir in Trauer und Treue der Toten, zuniieh.t der seit dem Hamburger Kongreß verstorbenen simiimgsgcnosscn, in besonders eingehender Wehe der Mutter Theodor Her/.ls, Frau J e a nett c H e r z 1 des österreichischen Reiehstagsahgcordnetcn |)r| Gabel, gedenken. Der Kongreß hört diesen Nachruf sowie die Liste der Al»gescl1ictlenen in tiefer |׳•. wegung stellend an. Del. Max G o I d r e i c 11 erstattet den Bericht des Legitim a t i o 11 s a 11 s s c 1111 s s c s. Es sie«! 42<J Delegierte aus 28!.;indem gewählt. Leider I1.1l״•,! trotz des Beschlusses des A. C,, wonach für jed 1! einzelnen Delegierten volle 2011 Mark an das E. A. <1, ahzuführeii sind, •l Laiidcsorganisntioncn weiterhin einen gewissen Prozentsatz von den Schekolim abgczogen: Rtilll,and, Südafrika, die Bukowina und d',<s inncröstcrrcichischc Bez.irkskomitee. Der Legitim«, tionsausschuß hat trotzdem die Mandate gutgeheiih :t, weil das E. A. C. den abgezogenen Prozentsatz als Schuld der betreffenden Landesorganisationen he• trachtet, somit diu rückständigen Beiträge bloß als gestundet zu betrachten sind. Dem I.egitiinatiousaiissciiuß hat eine Anzahl ייויז• teste gegen die Wahlen Vorgelegen. Er hat sie sämtlich als sachlich «»der formell nicht begründet anerkannt, und beantragt die Feststellung der Gültig, keit sämtlicher Mandate, Der Kongreß beschließt demgemäß. Darauf folgt die Generaldebatte aus der wir auszugsweise folgendes bringen: Der Nachmittag des Eröffnungstages war, wie uns aus Basel telegraphiert wird, von der Generaldebatte atisgcfiillt. D« die Diskussion über den Bc• rieht des Aktionskomitees wegen der Fülle des zur Besprechung stellenden Materials nicht mehr am Miltwocli nachmittag zu Ende gebracht werden konnte, wurde die Generaldebatte auf Donnerstag vormittag vertagt. Der Vorschlag, vier Gciicralredncr zu wählen, fand Auklaug; aus der Wahl gingen die Herren Leo Motz.kin, Jacob Thon, Dr. Daniel Pas• m 11 ג i k und Prof. W e i z 111 a 1111 als Gciicralredncr hervor. Von den vier Gewählten ergriffen jedoch nur Dr. Pasinanik und Thon das Wort, wiili• remi die beiden andern Delegierten im Verlaufe der Debatte auf das Wort verzichteten. —• Aus dem weiteren Verlaufe der Verhandlungen ist hervorznheben, daß Professor Dr. Otto War bürg zu einer längeren Rede das Wort ergriff und unter lebhaftem Beifall des Kongresses die in einem Briefe S. II. Kanus gegen ihn erhobenen Vorwürfe entkräftigte. — Sodann wurde, nachdem die Debatte über den larieht des Aktionskomitees geschlossen worden war, die De cb arge erteilt, sowie der Dank des Kon• gresses an den bisherigen Präsidenten des Aktion־ Komitees, David Wolffsolm, gegen eine klein׳: Minorität zum Ausdruck gebracht. (Der ausführlich־.׳ Bericht folgt in nächster Nummer.) merken, daß es auch bei dieser ersten zionistisc’ •־. Kundgebung gar vielfach Momente des Aergers 1 :• gehen hat. Und doch! Die Erscheinung, daß ... erprobte Fahnenträger und Lehrer des Zionism.; scheinbar in den Hintergrund gedrängt waren, entlik ■i eine tragische Note, und uns, die jüngere Generali.:... schmerzte es sehr, obwohl uns unsere Wege liin, von jenen getrennt mul in das Lager des Hcrzlsci!* :1 Zionismus hinühcrgcleitet hatten. Daß wir uns d 1:m schließlich •alle Insgesamt einem Neuling, einem Fr.*«• den fügten, war vielleicht der größte Sieg der hl׳v. Der Kongreß bot uns in seinen EinzcImomenUn durchaus nicht immer Freude und Vergnügen, amr als Ganzes erhob er uns zu tatkräftigem Woliei, um! regenerierte er uns zu frischem Leben, ich spreche vor allem von der damaligen zionistisch* 11 Jugend, soweit sic auf dem Kongreß vertreten war. Da gab cs sozusagen zwei Familien: die eingeborene österreichische Studentenschaft und die in der Schweiz mul in Deutschland, vor allem in Berlin! studierende russische Jugend. Heide akademische Gruppen, die übrigens über nicht allzu große Armeen verfügten, erfaßten den Kongreß sehr verschieden und leinen in jenen stürmischen Tagen ein innerlich und äußer• lieh getrenntes Leben, Die Oestcrreiclicr waren die Optimisten, die mir frohlockten, wir waren die Pcssi• misten, Pessimisten mehr nach dem Trägheitsgesetz als entsprechend unserem momentanen Erleben. Jahre hindurch hatten wir in Versammlungen und bet einer unendlichen Anzahl sonstiger Gelegenheiten gegen die Assimilation in den akademischen Kreisen

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