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Jüdische Rundschau · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Seite 367 JUEDiSCHE RUNDSCHAU ,rrgcii Zionismus geführten Vcrlcumdungsfcldzug, jer nii-h /u einer Gefahr für die gesamte türkische juifcnlicit ausgewachsen hatte, zu beenden. NX'ir aber werden uns nicht beirren lassen, und werde!! nach wie vor im Sinne unseres Arbcifsprogramstes unser־ Aufmerksamkeit dem Emlgratlonsproblcm /uwt-den, dem Probleme, das für einen grollen Teil ׳ י'scres Volkes die ganze Schwere des Qaluth verk1• ׳'crt. .* ach mit unserer n a t i 0 n a I c n S p r a c h e wer• Jen -• ‘r uns diesmal eingehender als zuvor beschaf• tiger Hie hebräische Sprache, ein I lauptbestaml• teil;• ־ lerer jüdischen Kultur, hat stets unsere innigste l.icl׳ und unser höchstes Interesse gefunden. Haben■ wir •cli sogar, der Zeit vorauscilend, hebräisch zur 0 f f /i eilen Sprache des Kongresses be• stiu■ ’• Hie zionistisclie Organisation kann und soll abe; •Ulf diesem Gebiete nicht alles allein tun. Wir hat., kleine Anfänge gemacht, einige hebräische Zci• tur. •1 mit Mühe und grollen Opfern gegründet, die Hu •gäbe hebräischer Werke unterstützt. Aber uif. u־ Aufgabe kann sich naturgeniäll nur darauf Shv ränketi, Anregungen zu gehen und allen Unterin I,.;tilgen auf diesem Gebiet; unsere moralische mV in beschränktem Maße unsere materielle Unter• •1 .י ,mg zu gewähren. Zu unserer Freude ist jetzt dir i I i s t ad r 11111, die Organisation für hchräisclie Spi n he und Kultur, entstanden, die gewiß unserer all.. Unterstützung sicher sein kann, 1 »er Frauenarbeit im Zionismus haben wir hi• id/t keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir haben imsern Frauen von vornherein volles und ״k.dics Recht gegeben, aber die Pflichten, die mit tli! ein Rechte verbunden sein müssen, nicht deutlich genug umschrieben und nicht ernstlich genug gefor• den. Wir müssen cs jetzt endlfclt lim und müssen im-ercn Frauen den Weg zeigen zu einer ersprießlichen */iriiiistisclicn Arbeit, damit auch sic ihre Pflichten :crlußeii und, wie einst unsere Mütter in alter Zeit, an der Erlösung unseres Volkes mitarbeiten können. Die allerwichtigste Aufgabe aber, die Sic diesmal zu lösen haben, ist die Einsetzung einer neuen Leitung. Ich trete von der Leitung zurück, weil ich muß. I c 11 ruuß cs tun, so w o 111 im 1 n t c ׳ e s s e der Bewegung, als auch i m 111 teresse meiner geschwächten Gesund• I! v i t. di«־ mir Ruhe gebietet und cs mir 1» **.*:> 1 tu ehr gestattet, der erste 1 ׳ <■ im• r ■״. יervrOrganisationzublcibcn. (1 c e 11 r t e r Kongreß! Die Geschichte unserer jungen Bewegung ist in zwei Perioden cinzutcilcn. Die erste, die Glanz• Periode mit Hcrzl an der Spitzte, spielte sich in W11• n ab. Es ist geradezu sündhaft, wenn jetzt u־M1cht wird, die Bedeutung dieser großen Zeit Ilerab/1׳sct/cn und zu behaupten, daß sie praktisch nicht produktiv gewesen sei. Die größten praktischen Ar• liciun sind gerade in diesem Zeitabschnitt geleistet «1, len. Die Organisation selbst, der Kongreß, die Jüdische Kolonialbank, die Anglo-Palcstinc Company um! der Jüdische Nationalfonds, lauter Institutionen, die die Grimdsäulc» unserer Bewegung geworden sind, der feste Kitt, der unsere Organisation in den allerui'rmischstcn Zeiten zusanimcngchaltcn hat und noch ** ' 1 ..."■■■י....1 ,!"■•■-_UHU Der erste Zionistenkongreß Aus Erinnerungsblättern. Von Leo Motzkin. Der erste Zionistenkongreß war auch für uns fm. Ucbcrraschung, für diejenigen unter uns* die keuas Jahre zuvor In Westeuropa dem Zionismus dir.. Kräfte gewidmet hatten, vielleicht die stärkste Ptk.rraschung. Die Idee des Kongresses war uns ״Mi neu: waren wir doch aus der Schule Pinskers her; .!gegangen, der vierzehn Jahre vor Herzl in K־iiu.!1 flammenden Appell die Einberufung eines '1ati.11.alcn Judenkongresses mit solcher Kraft vertreten hatte. Die Mutigeren unter uns hatten sich;me!1 schon zu Beginn der neunziger Jahre an die Ver- 'Wrklichung des Pinskcrschen Planes herangewagt. So war in! Jahre 1891 zugleich von Berlin, und namentlich von Wien aus, unter der Acgide Bim• bäum« der Ruf nach Organisierung sämtlicher jüdisch• nationalen Elemente erklungen, In den Jahren 1892 und 1S93 hatten wir uns viele Monate hindurch mit Beratungen über die Art und Weise, wie das ersehnte Ziel zu erreichen sei, befaßt, und ein paar Jahre Später waren von einer erweiterten Gruppe direkte Versuche zur Einberufung eines Kongresses gemacht 'worden. Und wir waren nicht die einzigen, die diesem Hane zustrebten, es gab nicht wenige Gleichgesinnte, ״it an anderen Orten dasselbe taten. Wir batten jfotzdem keinen Erfolg, wir stießen selbst in den Kcihen der Gesinnungsgenossen auf den heftigsten Zusammenhalt. Allerdings waren diese Schöpfungen, wie cs auch nicht anders sein konnte, noch nicht fest gefügt, da uns damals doch noch jede Erfahrung auf diesem ganz, neuen Gebiete gefehlt hat. Erst der zweiten Periode, die ich als die Kölner bezeichnen will, ist die Festigung und der Ausbau dieser Institutionen Vorbehalten geblieben. Diese Kölner Periode hat unter den denkbar ungünstigsten Umständen begonnen. Dr. I icrzl, der Schöpfer unserer modernen Bewegung, der geniale Führer, der Moses unserer Zeit, war mitten in seinem Wirken plötzlich gestorben. Der Ug.nulastreit tobte in allen Ecken und brachte uns rias Schlimmste, was eine junge Bewegung treffen kann, den Riß, die Spaltung. Gleich darauf brach in Rußland die Sclireckonszcit der Pogrome herein, die unsere Organisation dort lahm legte und eine Zeillang nicht nur die Leitung, sondern auch die gesamte Organisation gänzlich in Anspruch nahm. So folgte Schlag auf Schlag, und es erforderte mehrere Jahre, bis wir uns erholen und wieder sam• mein konnten. Mit Einsetzung der größten Energie ist es uns schließlich doeli gelungen, manche Schäden atis/tibcsscrii, die in der ersten Periode begonnenen Arbeiten zu entwickeln mul auch manches Nette hin• /n/ufiigcn. Unsere Organisation wurde fester, die Pauken einträglicher, und der Nationalfonds erreichte den jetzigen hohen Aufschwung. Außer den Filialen der Anglo-Palcstinc Company haben wir in dieser Periode die Anglo Lcvantinc Banking Company neu geschaffen. Fine gute zuverlässige Vertretung an den wichtigsten Punkten, in Palästina und in der Hauptstadt des türkischen Reiches, haben wir ttns eingerichtet und in allen Zweigen unserer Verwaltung uns einen tüchtigen Dcnuitcnstab herangebildet. Die Sicdelhingsgonosseiischnft und noch eine ganze Reihe anderer Institutionen sind teils direkt von uns ge• gründet, teils indirekt durch unsere Mithilfe entstan• den, uiul andere sind noch in der Entstehung begriffen. Dies,'geehrter Kongreß, sind die praktischen Lelstuii• geil der zweiten, der Kölner Periode! Der zionistische Geist hat auch in dieser Zeit nicht geruht. Wir hören seine Schwingen lauter und kräftiger rauschen als jemals zuvor. Mit diesem Kongreß treten wir in den dritten Zeitabschnitt der zionistischen Geschichte ein, in eine neue Periode. Diese beginnt erfreulicher• weise unter günstigeren und glücklicheren Bedingtm• gen als die vorherige. Möge sie auch fernerhin vom Glücke begünstigt werden und möge es ihr gelingen, 1ms zum heißersehnten Ziele zu führen, nach Z i 0 11. Geehrter Kongreß! Im Namen des Großen und Engeren Actions• Comites und auch in meinem eigenen Namen be• grüße i c 11 Sie alle, die Delegierten und a 11 c 11 di e G ä s t e, die hergekonunen sind, um unserem Zehnten Kongreß beizuwohnen! Möge dieser Kongreß seine hohe Mission erfüllen und seine Auf• gaben glücklich lösen. Möge er uns vor allem das bringen, was uns am meisten nottut, die Einigkeit. Die Uneinigkeit hat viel dazu beigetragen, daß wir von unserem Land entfernt worden sind. Nur durch Einigkeit können wir die Rückkehr ins Land beschleunigen. Einigkeit und Einheit muß unser Lo• sungswort sein. Ein Gott, ein Volk, eine Sprache, ein Land, ein Zionismus! Ich eröffne den Zehnten Kongrcßl Widerstand. Wir waren gern bereit, die Ausführung unseres Planes den Händen anderer anzuvcrtraucn, aber unser Streben wurde von den Persönlichkeiten, die als autoritativ galten, energisch zurückgewiesen. Ein so einfaches Ziel, wie die Einberufung eines Kon• grosses von Gesinnungsgenossen, seiden unerreichbar. Da kam ein anderer, seinem Wesen und seiner Vergangenheit nach ein Fremder und brachte das fertig, was wir als einen Traum fast aufgegeben batten. Nur natürlich war es, daß wir, die eifrigsten Anbänger des Zionistenkongresses, zu ihm zweifelnd kamen. Wir fürchteten ein doppeltes Fiasko, ein äußeres und ein inneres. Die neuen Männer hatten noch keineswegs unser Vertrauen. Wir, im Leben die Jungen, im Zionismus die Alten, folgten ihrem Rufe, nicht ihrer Autorität. Daß sic auch für uns autoritativ werden könnten, sollten wir erst nach und nach lernen. Mit dem ersten Zionistenkongreß und seinen Führern erging cs wie beim Anblick eines hohen Turmes, einer liimmelhoch ragenden Kathedrale; je mehr wir uns von diesem Turme entfernen, desto mehr gewahren wir seine alles beherrschende Höhe. Je länger der erste Kongreß hinter uns lag, desto mächtiger hoben sich auch für uns Augenzeugen seine Gipfelpunkte ab. Was uns am ersten Kongreß besonders imponierte, war der Mut, mit dem alles gesagt wurde, die Rück* sichtsiosigkcit, mit der zum Judentum und zur Welt geredet wurde. Aus allem klang cs heraus: so sind wir und das wollen wir, und so müßt ihr alle sein und so müßt ihr alle wollen. Sieger des Geistes Präsident Wolllsohn schließt seine Rede in hebrä• isclicr Sprache. Präsident Wollfsohn teilt darauf aus der großen Reihe der cingvtaufcncn Begrüßungsschreiben einige mit. Die Baseler Regierung hat an den Kongreß folgendes Schreiben gerichtet: Basel, den 7. August 1911. Der Regierungsrat des Kantons B a $ c I S t a d t an das Bureau des Zehnten Zionisten• Kongresses in B a s e 1■ Für die Aufmerksamkeit, die Sie uns durch den Besuch liircs Herrn Präsidenten erwiesen haben, heehren wir uns, Ihnen aufrichtig zu danken, ebenso für die Einladung, uns bei der feierlichen Erüffmnigs• Sitzung vertreten zu lassen. Da es aus geschäftlichen Gründen voraussichtlich nicht möglich sein wird, dieser Einladung zu entsprechen, möchten wir Sie bitten, dem Kongresse in unserem Namen den Will• komm engruß zu entbieten. Wir hoffen, die neue Basler Tagung möchte seinen Bestrebungen ebenso förderlich sein wie die früheren mul n e 11 m e n die Rückkehr des Kongresses n a c 11 Basel als ein Zeichen dafür a n , d a ß er d c 11 g c 1t i 11 s loci als i 11 m günstig gestimmt e r k c n n t. Und gewiß wird die Bevölkerung Basels auch bei dieser Tagung in i t h e r /1 i c 11 e r T e i I n a h m e d ns Ri 11 g e 11 u in 11 i e g r o II e 11 Ziel e verfolgen, die den Kongreß bewegen; ein Ringen, bei dem die Größe der Ziele die aus allen Gegenden der Erde ziisaminengeslrömtcn (Bieder der Versammlung bisher stets wieder zu der gleichen hellen Begeistc• rung entflammt hat. Im Namen des Regierungsrates D1׳f Vlc<'|.r,״t«1tU«nl: Dr. II. B loch er. Dur Sekretär: Dr. A. Im Hof. Präsident Wolffsohn stellt fest, daß der Kongreß sicli zum Zeichen des Dankes erhoben hat. Wir danken der Regierung auf das wärmste für den liehcnswiirdigen Empfang, den sie uns geboten hat. (Lebhafter Beifall.) Ein Schreiben mit mehreren hundert Untersciirif• ten von Juden der Baseler Gemeinde lautet: An den X. Zionistenkongreß, Basel. Hochgeachteter Herr Präsident! Hochgeachtete Herren! Als sich im Jahre 1897 der I. Zionistenkongreß in den Mauern Basels versammelte und seinem hier mit Ernst und Begeisterung festgcleglen Programme den Namen unserer Stadt vorausset/te, da war uns allen Ihre Bewegung neu und fremd. Seither hat die durch die Basler Kongresse verbreitete Idee der Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heim- Stätte für die Juden in Palästina in allen Schichten unseres über den Erdball verstreuten Volkes begei• sterte Anhänger gefunden. und des Willens redeten zu den moralisch Besiegten, und herausfordernd schauten wir auf die Draußen• stehenden herab. Und wir, zue d ein Häuflein Zionisten, erlebten schon in Basel schnelle Siege: wer irgendwelche Beziehung zum Zionismus hatte, wurde mitgezogen, mitgerissen, und es gab feierliche, er• schlitternde Momente, in denen das Denken in Glauben und das Glauben in Denken überging. Nach der großen Hede Nonkms liefen gar viele wie in einem Taumclzustandc herum, und die ältesten Mitglieder des Kongresses wurden die jüngsten. Was wir alln an Temperament, an Zorn, an Sehnsucht, an Kampfbereitscliaft, an Lebensfähigkeit besaßen, verstand cs der Prediger des ersten Kongresses in uns und aus uns auf/.upeitschen. In diesem Augenblick waren Skeptiker sprachlos und Ungläubige berauscht. Vielleicht schüttelt mancher heute noch den Kopf, wenn er die Rede nachlicst. Hatte jener ergraute Volks• freund aus Kiew recht, der nach Nordaus Worten von einem Ende des Saales zum anderen rannte und immer wieder rief, daß er etwas so Machtvolles noch nicht erlebt habe? War es eine suggestive Uebcrtreibung, daß er diese Stunde als die glück• liebste Stunde seines Lebens pries? Warum lächelte damals niemand über diese Uebcrtreibung? Warum waren wir so glücklich, daß wir einander, Bekannte und Unbekannte, die Hände preßten und mit leuchfaulen, vielsagenden Augen einander beglückwünsch• teil? Woher kam es, daß wir alle, ausnahmslos alle ergriffen waren und bald laut unser Entzücken kundtaten, bald nachdenklich schweigend in uns gingen?

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