Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 366 Nr. 32 JUEDISCHE RUNDSCHAU bekannt sind, wie vollständig sie atich von solchen, die sic dein Namen nach kennen, verkannt werden. Von der ersten Stunde an haben wir alle unsere Verhandlungen in der vollsten Ocffcntlichkcit geführt. Nicht ein einziges Mal haben wir hinter verschlossenen Türen getagt, nicht ein einziges Mal geheime Sit/un• gen abgehalten, weil es bei uns eben keinerlei Cie• hcimnissc gibt und wir nichts zu verbergen haben I Wir haben feierlichst erklärt, daß wir in der Gesetz• gchung der freiheitlichen Türkei die Garantien für unsere persönliche und nationale Sicherheit erblicken, daß cs unser Bestreben ist, unsere Wohlfahrt und unser Schicksal mit dem des ottomanischen Reiches zu verknüpfen, indem wir uns in einem Teile dieses Reiches, in Palästina, auf dein Boden unserer Väter, eine Heimstätte errichten wollen. Nur grobe Unkenntnis oder Bosheit können es fertig bringen, uns nachzusagen, daß wir die Lostrenuung Palästinas vom ottomanischen Reiche erstreben, daß wir ein selb• ständiges, jüdisches Königreich errichten wollen. Den Leuten, die solches behaupten, scheint — soweit sic cs ehrlich meinen — eine Verwechslung des Zionis* mus mit dein alt• und neutestnmcutlichcn Messias• glauben vorzuschweben. Es ist ja richtig, daß Mil• honen Juden,,und die gesamte gläubige Christenheit, an die mcssfanischc Zeit, die mit der triumphierenden Rückkehr der Juden nach Palästina verknüpft ist, fest glauben. Auch unsere grenzenlose Liebe für Palästina verdankt diesem Glauben ihren Ursprung, aber nicmats ist es uns modernen, praktischen Zio• nisten eingefallen, mcssianischc Tendenzen in unsere Bewegung hincinzutragcn. Niemals haben wir mit den religiösen Gefühlen der vielen Millionen Gtäu• bigen ein solch frevelhaftes Spiel zu treiben uns unterfangen. Um das Kindermärchen glaubhafter zu machen, daß wir ein jüdisches Königreich in.Palästina gründen wollen, wird auch versucht, uns H e r z I * s Buch ״Der Judenstaat“ als die Grundlage unserer Bewegung ent• gcgenzubaltcn. Aber gerade dieses Argument ist der beste Beweis für die Unrichtigkeit solcher Behaup• tungen. Ais Hcrzldcnjudcnstaatschricb, kannte er den Zionismus kaum. Er hatte die grandiose Idee, die brennende Judenfrage radikal zu lösen durch die Gründung eines Judenstaates irgend• wo in der Welt, wo ein freies Territorium dafür zu haben wäre. Als Herzl aber mit uns Zionisten in Fühlung trat, als er den Zionismus kennen gelernt hatte und wir unter seiner Leitung den ersten Zio• nistenkongreß hier in Basel abhielten, da w a r vo 11 •einem Judenstaat nicht mehr die Rede. Klipp und klar haben wir in unserem Programm unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unser Ziel zum Ausdruck gebracht und fcstgclcgt: ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Nicht einen Judenstaat• sondern eine Heimstätte, auf dem alten Boden unserer Väter, in der wir uns als Juden, ohne verfolgt und bedrängt zu werden, national ausicben können. Dazu brauchen wir die öffentlich-rechtliche Sicherung 1 Wie diese zu erreichen ist, hängt von den politischen Verhältnissen ab. Unter dem alten Regime stellten wir Wünsche auf, die den damaligen Verhältnissen angepaßt waren. In der neuen freiheitlichen Türkei erblicken wir — ich wiederhole cs — in den konstilutioncllcn Einrichtungen die volle Garantie unscrer persönlichen und nationalen Sicherheit. Was wir aber verlangen müssen, ist, daß dem jüdischen Einwanderer in Palästina die Möglichkeit gegeben wird, das ottomanische Bürgerrecht ohne Jedwede Einschränkung zu erlangen, und daß er dann den jüdischen Volkssitten entsprechend ungehindert leben kann. Diese Garantie, die uns nur durch das öffeiltliehe Recht gesichert werden kann, müssen wir ver* langen, in unserem eigenen Interesse, aber auch im Interesse des ottomanischen Reiches selbst. Denn nur als freies, allen anderen ottomanisehen Völkern gleichgestelltes Volk werden wir in der Lage sein, das zu leisten, was ein Volk wie das unsrige zu leisten vermag, zum Nutzen des gesamten ottomanischen Reiches ebensosehr wie zu unserem eigenen Wohl. Denn es ist unser Traum und sehnlicher Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Reiche ein blühendes und glückliches jüdisches Volk zu sein. Das und nichts arideres ist unser Ziel. Dieses Ziel ist groß und erhaben, denn es birgt in sich die helle Zukunft unseres Volkes. Wir müssen uns stets bewußt bleiben, daß unser Ziel nicht rasch, nicht ohne schwere Arbeit zu erreichen ist, daß wir alle unsere besten Kräfte cinsctzcn und uns mit Geduld und Ausdauer, vor allem aber mit Mut ausrüsten müssen. Unsere gefährlichsten Feinde, die wir mit der größten Energie bekämpfen müssen, sind der Kleinmut und die Schwachgläubigkeit. Diese Feinde könnten uns dazu verleiten, bei der ersten Schwierig• keit die Flinte ins Korn zu werfen, unser Baseler Programm einzuschränken und den jeweiligen Zeit• umständen anzupassen. Eine solche Politik würde dazu führen, daß wir und alle anderen den Glauben an uns selbst verlören und daß niemand uns noch ernst nehmen würde I Unsere Parole muß sein: Standhaft, fest und treu! Standhaft zu unserem Programm, fest das hohe Ziel im Auge und treu unserer Sache und uns selbst! Mit diesen Gedanken, geehrter Kongreß, wollen wir an die Aufgaben herantreten, die unser hier harren. Als eine der wichtigsten Aufgaben dieses Kon• grosses betrachte ich die endliche Verabschiedung des Organisntlonsstatuts. Der Entwurf, der Ihnen hier im Druck vorlicg», ist in mühevoller lind langwieriger Arbeit zustande ge• kommen. Er hat gewiß manche Mängel und wird in vielen Punkten wohl nicht alle Wünsche befried»- gen und daher kleine Abänderungen erfordern. Er enthält aber große und wichtige Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand, unter welchem unsere Organisation bislang zu leiden hatte. Es ist bedauerlich, daß bei uns bisher nur ein kleiner Kreis ein wirkliches Interesse und ein riehtiges Verständnis für die Notwendigkeit guter Organisationsformen gezeigt hat. Das Statut einer jeden Organisation gleicht dem Fundament eines Oebäudes. Nur auf einem festen, sicheren Fundament kann ein gutes, dauerhaftes Gebäude errichtet werden. Unser Orgauisatioiisstatut ist unsere Verfassung, und cs sollte doch jedem einleuchtcn, welcher Wert und welche Bedeutung der Verfassung menschlicher Gemeinschäften bei/.umessen ist. Und gerade bei unserer Organisation, deren Mitglieder räumlich soweit von• einander getrennt sind, und deren Mehrzahl zu in• dividualrstisch veranlagt ist, um sich leicht in eine Gesamtheit einzufügen, müßte die Verfassung eine viel größere Rolle spielen. Die Ansicht, daß das Die Kongreßstadt Basel, 7. August. Der Kongreß ändert diese stille Stadt mit ihren alten, farbenarmen Gassen durchaus. Sie• lärmt, oder scheint das uns nur so? Ich glaube, diese Stadt ist zu den Zeiten, wo kein Kongreß hier statt findet, freundlich und langsam, ihre schmalen Gäßchcn blicken mit altgraucr Ruhe in die helle, schattenlose Sonne, blinzelt ein wenig verschlafen in das helle Lieht I Das Treiben des Kongresses stört sie wohl ein wenig. Sic ist nicht gewohnt, daß das Fremde, Hastende sich lange in ihr aufhäit. Und jetzt hastet die Stadt. Oder scheint cs uns nur $0? Ich glaube, wir basten, wir haben Eile. Es ist, als ob sich in die kurzen Tage des Kongresses alles, was für uns groß ist, zusammendrängte. Wir haben keine Zeit. Wir haben nur kurze Zeit ru leben. Und der Kongreß ist das Leben, soll cs sein, ist cs für jeden Einzelnen von uns. Ich wandere durch die Qäßchcn. Da begrüße •Ich zwei Zionisten, lebhaft, eilig; keiner hat Zci und eilig sagen sie einander, was sic zu sagen habet Der Inhalt von zwei Lebensjahren zweier Mensche w rd in ein paar Minuten Gesprächs gefaßt. Di Worte gewinnen Bedeutung dadurch, wie alle Wort wlhrcfid de• Kongresses. In einem launisch winkligen Oäßchen stehen v< «utern grsucn kleinen Häuschen etwa ein Dützen Leute. Der Winkel ist schattig und staunt über das Ungewohnte seines Lebens. In diesem Winkel wird sonst nicht viel gesprochen; hie und da eilt sonst eine Taube hastig über ihn hin. Das ist sonst der einzige lebhafte Augenblick seines Daseins. Heute schreckt ilm ein lautes Gespräch auf. Da ״tagt“ eine improvisierte Laiulsmannschaftssitzung. Und man spricht vom ״Frieden,‘ der sein muß“. Der Winkel mag wohl verwundert mit dem Giebel des kleinen Häuschen wackeln. Hier ist doch der Friede. Wo der Schatten größerer Häuser die engen Straßen deckt, ist cs stiller. Dorthin dringt das nervöse Leben, das gedrängte Aclittagclcben des er• wachenden Judentums nicht so stark. Auf einem Türmchenhaus nach Nürnberger Art klebt an der festgefügten Holzlür ein Zettel: ״Deutsche Lands• mannschaft“. Ich trete ein. In einem großen Saal die markanten Gesichter unserer Gesinnungsgcnossen aus Deutschland, Die Debatte ist kühl, sach• lieh, ernst und voll verhaltener Leidenschaft. Ich denke an einen Abend am Zürichcrscc, einen dunklen, schweren Abend, voll schweren Regens , . . Ich trete auf die Straße. Es ist später Abend. Ucbcrall Stille. Man hört kaum den eigenen Schritt. Die Stadt schläft wie müde, schweren Schlaf. Ihn bewachen sorglich schimmernde Sterne. Ist auch unser heller Stern dabei? ... י Die Sterne spiegeln sich im Rhein. Ich bin an der Rheinbrücke . . . Rheinbrücke; ein Zauberwort. Ein Bild steigt in der samtenen Nacht vor mir auf, ein bekanntes Bild. Und cs wacht über dieser Stadt, Orgauisatioiisstatut mir eine formale Nebensache, daß nur die Idee von alleinigem Werte für unsere Bewegung sei, ist eine völlig irrige! Gewiß, zuerst die Idee nml dann die Tat! Aber Ideen ohne Tat, Ideen, die in der Luft schweben und nicht verwirklicht werden können, sind genau wie schöne Luftschlösser. Seihst die größten und genialsten Ideen, und die erst recht, erhallen erst ihre reale Bedeutung, wenn sic in praktische Taten umgesetzt werden. Die treibende Kraft ist die Idee, die schaffende Kraft aber liegt in der Organisation! Auch unsere ungünstige Finanzlage ist auf Schäden in unserer Organisation, denen wir abhellen müssen, ziirückzufiihrcn. In unseren Reihen fehlt cs durchaus nicht an Opferwilligst. Im Gegenteil, bei uns herrscht eine Opferfreudigkeit, wie wir sie kaum lni einer anderen Bewegung finden. Nur der Plan- und Ziellosigkeit und der Unregelmäßigkeit in der Eintreibung der Bei• träge und Spenden ist die Schuld an den ungünstigen Ergebnissen für die zentrale Organisation bei/umessen. Auch diesem Ucbelstand ist durch ein gutgefügtes, ein zu straffer Disziplin zwingendes Statut wenigstens teil• weise abzuhelfen. Sie werden daher diesem Punkte ,der Tagesordnung Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. Um unser Budget auf eine gesunde, feste Grundlage zu stellen, bat die Leitung eine Besteuerung unserer Finanzinsti* tutionen dein vorigen Kongresse vorgeschlngcn. Dieser Vorschlag hat aber die Zustimmung des Kongrosses nicht gefunden, und cs wird daher jetzt unsere Aufgabe sein müssen, neue Einnahmequellen, sei es durch Erhöhung des Schekels oder durch Ein• führung sonstiger Beiträge, zu schaffen. Zum ersten Male wird uns auf diesem Kongresse die Emigration »frage beschäftigen. Die Regelung der Emigration, so eminent wichtig sic auch ist, gehört nicht zu unseren direkten Aufgaben, und obgleich wir uns hüten müssen, unsere Kräfte, die unserem eignen Ziele gewidmet bleiben müssen,’zu zersplittern, haben wir dennoch nie aufgehört, diesem überaus wichtigen Problem unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht nur, daß an allen Orten, wo die Auswanderung organisiert ist, eine außerordentheb große Anzahl Zionisten die anerkannt besten Dienste leisten, auch direkt haben wir uns schon mit diesem Problem beschäftigt. Ich erinnere nur an die Brüsseler Konferenz, die wir im Januar 1006 nach den fürchterlichen Po• gronten zur Regelung der jüdischen Emigration einberufen haben. Unsere Bemühungen scheiterten darnals hauptsächlich an dem Widerstande der Alliance Israelitc Universelle und der Jewish Colonizatiou Association, die durch die Personalunion ihres Vorstandes mit der Alliance eng liiert ist. Wir haben damals in .dem Glauben gelebt, daß die Alliance, deren Devise lautet: ״Alle Juden sind einer für den andern verantwortlich“, selbst in erster Linie soviel Verantwortungsgefühl haben würde, daß sic in jener Schreckenszeit, in der Hundert• tausende unserer russischen Brüder zum Wnuderstabe greifen mußten, unsere und anderer grollen jüdischen Organisationen Mitarbeit bei der Brüsseler Konferenz nicht zurückweisen würde. Wir haben 1ms damals getäuscht, wie auch vor kurzer Zeit, als wir uns an die Alliance mit der Bitte gewandt haben, sie möchte uns helfen, den von einzelnen Juden in der Türkei wo wir wiederum uns versammeln, zum zehnten Male seit 15 Jahren. Es wacht über diesen Tagen, die uns überkommen, wie etwas Furchtbares, wie ein großes Olück des Lebens, welches ein Weinen auslüst. Es ist das Weinen der großen Freude, wenn man das Leben fühlt. Und darum ist unser Kongrcßlcben etwas so hastiges,' Nervöses. Wir wollen unsere Selbstbestimmung ganz auskosten. Da fühlen wir, daß wir ein Leben nach unserem eigenen Willen leben. Und er, der Herrliche, gab cs uns. Und wacht über dieser Stadt mit der großen, edlen Ruhe seines harmonischen Seins. Dieses harmonische Sein ist die Erfüllung unseres Strebens, Wann wir cs sehen werden? . . . Unser Kongreß aber soll cs herbeiführen helfen in allem, was er schafft. In zwei Tagen soll er seinen Lauf nehmen zu allem, was groß ist. Er möge nicht klein sein, damit er das Große bringen kann, das jeder von uns will. Aber auch die Oemcin* scliaft aller muß cs erfüllen wollen. Und er wird die sehnende Erfüllung nahen machen; denn das Bild dessen, der die große Ruhe ist, die herrlich-edle Würde, wacht an der Rheinbrücke in der Kongreßstadt, Und In der Nacht steigen die großen Schatten suf und ziehen fn die Zukunft, die Zukunft des Kon• greises, welche die Zukunft der Bewegung ist . . Siegfried Schmitz.