Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hier wurde vor vierzehn Jahren unser Programm geschaffen, hier wurden alle die Kämpfe aiisgekämpft, hier wurde auch nach vielem Kampf und Streit Friede geschlossen, und hier soll nun auch der Kampf, den der IX. Kongreß in Hamburg nicht zu Ende bringen konnte, einer friedlichen Lösung zugeführt werden. Uebcr fünfhundert Delegierte sind zum X. Kongreß gewählt worden, und 324 sind bereits vor Beginn des Kongresses in Basel anwesend. Weit über tausend Gäste, für die nur mit Mühe PIMz geschaffen werden konnte, wollen den Ver* handhmgen des Kongresses beiwohnen. Lauge vor dem auf zehn Uhr angesetzten Beginn der Eröffnungssitzung ist der Saal des Baseler Stadtcasinos gefüllt — überfüllt, denn der nicht allzu große Saal erscheint geradezu beängstigend voll, wenn man di? Kopf an Kopf gedrängte Menge der Delegierten und Gäste überblickt. Kurz nach 10>/1 Uhr erscheint das A k tlo n s- Comitö mit Präsident Wolffsohn und Max Nordau an der Spitze. Die Versammlung erbebt sich und applaudiert. Gespannt lauscht man Iden Reden Wolffsohns und des feinen Wort- Künstlers Nordau, der — wie immer — prägnantc Sätze findet, die den lebhaftesten Beifall auslösen, Eröffnungs-Rede Wolffsohns I Occhrtcr Kongreß! I Zum zehnten Male sind wir heute versammelt |Un'l dieses Mal wiederum in Hasel, der schönen I gastfreundlichen Stadt, in der wir zum ersten Male, jdem Rufe Theodor Herzls folgend, uns von allen hier linden der Welt zusammengefunden haben. I Damals, vor genau vierzehn Jahren, haben wir |dcu C wundstem gelegt, auf dem wir die zionistische IOrganisation aufgebaut; damals haben wir zum ersten IMnlc der ganzen Welt offen und frei verkündet, Idali Wir uns als Mitglieder der jüdischen Nation I lülilen, daß wir eine Nation sind und sein wollen. 1 Das war ja eigentlich selbstverständlich, aber es klang ״c״ und rief das Erstaunen selbst unserer eigenen Volksgenossen hervor und auch vielseitigen Wider- Spruch. Wir aber sind unseren Weg, den wir als ״tn richtigen erkannt hatten, weitergegangen, Wir nahen Rat gehalten und uns alle darin einig gefunden, daß {!ן t|cr Heimatlosigkeit unseres Volkes unser |roßes Unglück liegt, unser großes, tausendjähriges j-eid begründet ist. Wir sind zu dem Schlüsse gc- ״״Id, daß es für uns nur ein Heilmittel gibt: Wir Russen eine Heimstätte auf dein Boden unserer Väter, 11J Lrez-lsracl, errichten, die öffentlich-rechtlich gc- ‘1«icrt zu sein hat. Diese Idee haben wir damals nicht ״st entdeckt. Nicht Herzl und nicht wir sind die «linder des Zionismus gewesen, der so viel Jahr- «usendc alt ist, wie unser Volk selbst. Was wir *mals geschaffen, das war die Organisation! Die große Tat Herzls besteht hauptsächlich darin, daß er die Zerstreuten von allen vier linden der Welt zusammengefülirt und zu gemeinsamer Arbeit organisiert hat, daß er den alten Wünschen und Hoffnungen unseres Volkes die neue faßliche Form gegeben, daß er den gewaltigen Versuch unternommen hat, die erhabene zionistische Idee in die Tat timzusct/cn und durch die Schaffung unserer Organisation ihre Verwirklichung zu ermügliehen. In unserer ersten Begeisterung haben wir geglaubt, daß alle unsere Volksgenossen mit uns einer Meinung sein werden, daß besonders die Führer in Israel und die Rabbiner uns helfen werden, die große Arbeit zu vollbringen. Es kam aber anders. Gerade die, die in erster Linie dazu berufen gewesen wären, uns beizustehen, haben uns im Stiche gelassen. Nein, schlimmer noch! Sie bekämpften uns und erschwerten unsere mühsame Arbeit! Wenn wir jetzt auf die verflossenen vierzehn Jahre zurückhlickcu, auf die mühevolle, schwere Arbeit, die wir getan, auf die großen Opfer, die wir gebracht, auf die herben Verluste, die wir erlitten, dürfen wir dennoch Befriedigung und einigen Stolz über das empfinden, was wir geschaffen haben, und daraus wieder neue Kräfte und neue Hoffnungen für die Zukunft schöpfen. Vor vierzehn Jahren war der Zionismus eine Sensation, heute ist er eine feststehende Tatsache! Die Stellung, die der Zionismus sich im Judentum errungen, kann ihm nicht mehr genommen werden. Vom ersten Tage an sind wir uns stets bewußt gewesen, wie schwer unsere Aufgabe ist. Auch jetzt wissen wir, daß wir noch am Anfänge ihrer Verwirklichung stehen, daß wir noch viel» sehr viel zu tun haben, bis wir unser Ziel erreicht haben werden I Aber das dürfen wir ohne Uebertreihung schon jetzt sagen: Ein großes Stück vorwärts sind wir doch gekommen! Die Saat, die wir ausgestreut, beginnt zu keimen und schießt schon hie und da in die Halme. Die Hebung unseres Volkshcwußtscins hat Fortschritte gemacht, die Liehe zum Judentum, zu der hebräischen Sprache und zum Lande unserer Väter hat in Tausenden jüdischer Herzen tiefe Wurzeln geschlagen und ergreift immer neue Kreise, die früher abseits gestanden. Die jüdische Jugend,, unsere Zukunft, heginnt uns zu verstehen und am /ionistischen Ideal einen Halt zu finden. Die Institutionen, die wir uns geschaffen, haben sich bewährt. Unser finanziclles Instrument, die Jüdische Kolonialbank, hat es ermöglicht, neue Finanzinstituto zu schaffen, die segensreich In Palästina wirken. Der Jüdische Na* tionalfouds und alle unsere anderen Gründungen und Einrichtungen, über die Sie hier Berichte erhalten werden, entwickeln sich gut. Unsere Organisation wird immer fester und gewinnt immer mehr an Sicherheit und Kraft. Wohl ist vieles noch der Verbesserung bedürftig, aber die Anfangsschwierigkeiten sind überwunden, und eine feste Grundlage für den weiteren Aufbau ist geschaffen. Der Bestand unserer Organisation ist für alle Zeiten gesichert! Occhrtcr Kongreß! Blicken wir auf die allgemeine Lage unseres Volkes in den letzten vierzehn Jahren zurück, so können wir eine Besserung nicht konstatieren, viel eher eine bedeutende Verschlechterung I In Rußland, wo die Hälfte unseres Volkes lebt, seufzen noch sechs Millionen' Juden unter fürchterlichem, unerträglichem Drucke. Die Lage hat sich dort bis zur Unleidliclikeit verschlimmert, und die Aussichten in die Zukunft sind überaus düster. In Rumänien, nach Rußland dem zweite« Leidenstande, bestehen die Feindseligkeiten gegen die Juden noch zumindest in demselben Maße, wie zuvor. Noch werden unsere Brüder dort, trotz des Berliner Vertrages, als Fremde behandelt und zwar im grau- Samen Gegensatz zum biblischen, zum jüdischen Rrinzip, daß seihst den Fremden Gastfreundschaft und gleiches Recht gewährt werden muß. In Galizien, wo eine Million unserer Brüder lebt,!iahen die Not und das Elend, trotz der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, immer noch nicht abgenoinmen. Die materielle Not wächst dort ebenso wie die moralische Judennot, unter der wir in vielen Ländern gemeinsam leiden. In Amerika und England, den neuen Zufluchtsstättcn der Juden, werden jetzt nach dem alten ägyptischen Prinzip ״Pen Jirbu" — ״daß ihrer nicht zuviel werden“ — Absperrtingsmnßrcgeln gegen die jüdische Einwanderung getroffen. Der Antisemitismus findet auch in die neue Welt seine Wege und dringt in große Schichten der Bevölkerung ebenso ein, wie hier in der alten Welt mit unseren alten Leiden. Nirgends spüren wir eine Besserung. UebcraU lauert der gleiche Haß gegen uns, überall die Aus- Schließung. Und selbst in den wenigen Ausnahmeländern, die bis jetzt als immun gegen den Anti* semitismus gegolten, sehen wir ihn drohend sein häßliches Haupt erheben. Den einzigen Lichtpunkt, die einzige Besserung sehen wir in der Türkei. IV>rt hnbeh unsere Brüder nach den politischen Umwälzungen der letzten Jahre die gleichen Vorteile von der errungenen Freiheit erhallen, wie die »ihrige Bevölkerung des ottomanischen Reiches. Die staatsbürgerliche Gleich- Berechtigung, die dort den Juden gewährt wurde, ist allem Anscheine nach ernst gemeint. Sind doch die Türken stets freundlich zu den Juden gewesen, und haben sic doch in jener finsteren Zeit, als wir überall geächtet und verfolgt wurden, den aus Spanien vertriebenen Juden Gastfreundschaft und ein Asyl gewährt. Mit dieser Tatsache haben wir gleich von vornherein gerechnet und rechnen auch heute mit ihr, obgleich sich anscheinend gegenwiirtig auch dort Strömungen bemerkbar machen, die sich gegen den Zionismus richten. Diese durch Unkenntnis oder gar Böswilligkeit einzelner hervorgerufenen Stimmungen können nicht von langer Dauer sein, weil sie auf falschen und unwahren Voraus- Setzungen beruhen. Traurig und schmerzlich ist cs für uns nur, daß auch einzelne Juden! Söhne unseres eigenen Stammes, mithclfen, die öffentliche Meinung gegen »ms mifznhriiigon, ohne zu bedenken! daß sic* damit das Wohl der jüdischen Gesamtheit gefährden. Die Wahrheit wird aber diirchdringen, und mit ihr die Erkenntnis, daß der Zionismus dem ottomanischen. Reiche ebensoviel Vorteile und Nutzen bringt, wie dem jüdischen Volke selbst. Das ottomauisclie Reich ist Jahrhunderte hindurch wirtschaftlich vernachlässigt worden; cs ist auf eine Einwanderung nützlicher Elemente jetzt mehr als jemals zuvor angewiesen. Bessere, nützlichere und loyalere Einwanderer als die heimatlosen Juden aber wird es niemals und nirgends finden! Vorläufig ist diese Erkenntnis dort noch nicht durchgedrungen. Die 6'cbattcn in der türkischen Kammer über dem Zionismus haben deutlich gezeigt, wie wenig noch unsere Bestrebungen in vielen türkischen Kreisen