Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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mmm Seite 358 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31 Aufgaben der künftigen Generation *ei». Jedoch ich fürchte, diese Schule» würde» aut dem Gebiete der 1 u (je n der zieh uh(׳ bald als halbe Arbeit anerkannt werden. Sic könnten allenfalls ihren Hesuchcru einen Hinblick in de» Zionismus gewähren. Ist das denn alles, was die heutige jüdische Jugend braucht? Nein! Jmig-Jmln will vo»1 jüdische» Geiste durchdrungen, will vom Glanze nationaljiidischcr Kultur begeistert sein i Werde» das die Parteischulen vollbringen könne»? Ich zweifle! Wenn wir aber auf der Gedankenleiter, die Herr» Michel zu de» Parteischulen führte, noch einige Sprossen höher schreiten, dann gelangen wir zu jener Hinrichtung, die wir Söhne Israels von unseren 1*1111• rem und Erziehern zu fordern berechtigt sind, ״z u r freien Akademie f ii r n a t i 011 a 1 j ü d i s c h c Künste und Wissenschaften״!-— Hs Ist ans der Talmudgeschichte zur Genüge bcknnnt, daß die Erhaltung des Judentums seinen wichtigslcn Ursprung in der Ucberlicfertmg des Volksgeistes an die Jugend und deren verständnisvolle Erziehung zu bcwuliten Juden hatte. In unserer heu* tigen Zeit, in der Fahnenflucht unter den Israeliten alltägliche Ereignisse sind, muß cs wieder Erziehung und Ucbcriicfcrung sein, die erhaltend und erstarkend aut unser werdendes Volkstum wirken! Werden aber Parteischulen und ähnliche Unternehmen dieselbe Wirkung auslösen, wie die kongeniale Kraft der Talmudiehrc sic hervorzurufc» vermochte? Für den Wiederaufbau unserer Nationalkultur brauchen wir wieder eine großzügige, ideale Ein• riclitung; und diese ist die von mir geplante freie Akademie für nationaljüdischc Künste und Wissenschäften. Für uns. die wir uns mit Stolz zu den künftigen Gestaltern des jüdischen Volksgeschickcs zählen, be* deutet eine derartige Lehranstalt ein unschätzbares Icicall Mit viel größerer Begeisterung werden wir uns in den Hallen einer jüdischen Hochschule mit nationalem Können und wollen cinfindcn, als in den Parteischulen I Und mit tms ganz fung-lsracll Die Grundfrage Ist nun die Hcschaficnhcit der Akademie! Wenn wir unsere ursprüngliche Idee im Auge bchalten, daß wir hier ein Werk für die werdende Generation schaffen wollen, so müssen großzügige Freiheit und individuelle Berücksichtigung die ersten Bedingungen sein. Wir werden also keine Lehranstalt ins Leben rufen, deren Besuch von irgend einem Keife• Zeugnis abhängig ist; jeder strebsame und willbegierige Jude soll aus dem Quell der Lehren schöpfen können! 0,18 System der freien Volkshochschulen muh die Basis unserer Hochschule sein. Mit Leich* tigkeit und vor allem ohne besondere Finanzschwierig• keiten könnte man die Einrichtung des Institutes in Angriff nehmen. Es wäre ׳zunächst c'm Kuratorium zu nllden, das die Vcrwallungsprinzipien der Volks- Hochschule festziisetzcn hätte. Eine Zentrnlanstalt müßte in einer europäischen Hauptstadt oder gar in Jerusalem selbst gegründet werden. In allen Städten mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung sind Tochterinsfilutc zu gründen, die eine von der Zentralstelle möglichst unabhängige Selbstverwaltung haben müßten. Nur der Ausgleich der Finanzen, d. h. die Ucbcrschüssc oder IJutcrbilanzcn der Tochtcrmslitutc, sollte nach Abschluß des Rechnungsjahres durch die Zentrale geregelt werden. Ausgaben und Einnahmen der Institute würden sich decken; denn die ersteren sind gering, da der Unterricht in umsonst oder gegen billige Miele zur Verfügung gestellten Räumen stattfindet. Pic Hörer und Schüler zahlen ein geringes Honorar (etwa 5—(» Mk. für das Halbjahr bei wöchentlieh einer Stunde), Von diesem Honorar erhalten die Dozenten einen bestimmten Prozentsatz. — Wem schließlich die ganze Leitung der Schule unterstellen würde, kann ich bisher noch nicht beurteilen; am besten begründete man hierfür ein ״Kulturamt“! Alles, was ich über die Einrichtung der ,,Freien Akademie für nationaljüdischc Künste und Wissenschäften“ gesagt habe, ist natürlich mir skizzenhaft, und das ganze Unternehmen nur ein Problem. Wird dieses Problem aber ausgeführt, so wird cs sicherlieh ein nationaljüdisches Kulturwerk ersten Ranges sein. Hier wäre das Herz unseres Kulturlebens, hier könnten sich erste jüdische Gelehrte und Künstler zu segensreichem Wirken versammeln und den ciiaraktiristischcn Stempel ihres jüdischen Schaffens dem ganzen Volke aufnrägen. Das wäre nicht allein Jugenderziehung, das wäre wirkliche Renaissance! Eine weitere, wichtige Aufgabe, die Herr Perlmutter richtig erkennt, ist die körperliche Erziehung der jüdischen Jugend und Uwe HmwWMwng 711 einer kräftigen, den gesunden Fortbestand unseres Volkes verbürgenden Generation. Die einzige, heute überall anerkannte, Möglichkeit zur Erreichung dieses Ziels ist Turnen und Sport. Wir haben schon eine Anzahl von Turn- und Sportvereinen mit national- . jüdischem Geiste, die sehr viel leisten; aber der großen Masse der Juden bleibt diese Wohltat ver• schlossen, weil sie noch nicht volkstümlich genug ist. Hier kann Abhilfe geschaffen werden, Die bereits bestehenden nntionaljüdischcu Turnvereine müssen e nen Teil ihrer Turner aussonder» und aus ihnen eine •Jungmannschaft“ zusammcnsctz.cn, die — losgelöst von Ihren Vereinen — ein wichtiges Werklcuß dqr Jugenderziehung sein würde. Ein hoher erzieherischer Wert liegt in dieser Jungmannschaft. Allmählich muß in allen Abteilungen ״ c b r h i sehe als T u r n e r s p r a c 11 c cingc- 1׳", »״״erden. Jüdische Mnrschlicdcr erfüllen 1 nn״£.na'cm Q^istc! Mindestens einmal an dcn^Jui'Vkröntcn Tur.nlnKc abgchalten werden, Bcmelmtam k״?C1n?cr vcr8chicdcncn Gruppen 8 äben• Au» keinem Kongreß dürften die Delegierten der Jungmannschaft fehlen; mit wellenden Sternenbannern und klingendem Spiel müßten sic antreten, um sielt den Besuchern dtp Kongresses als «r.'iftiger, gesunder Nachwuchs zu präsentieren und der Welt zu zeigen, daß sielt Jung-Juda vor der Faust des antisemitischen Pöbels nicht fürchtet. Hätten wir früher schon In Rußland eine solche Jungmannschaft besessen, es wäre gewiß zu keinem Pogrom gekommen 1 Der Kongreß steht vor der Tür, und die wichtigsten Aufgaben harren seinerI Wird er sich mit diesen hier angeführten Fragen beschäftigen können? Wird er vielleicht beide Vorschläge einer Koniinission zur Wciterheratmig überweisen? Hoffen wir, daß sich auch für Jmig-Juda in unserem Parlamente ein Sprecher finde. Welche Beschlüsse aber mich gcfallt werden, cs dart nicht gleichgültig angesehen werden, wie Judas junge Saat heranreift I Dem Andenken eines jüdischen Erfinders Die letzten Nummern der Hardenschen ״Zukunft“ befasse» sich mit Zeppelin und seinem Luftschiff. Harden sucht »aclizuwcisen, daß Zeppelin mit seinem System ein Fiasko erlitten habe, eine Behauptung, die von dem Vertreter Zeppelins, Herrn Direktor Colsinann, sowohl in Zuschriften an die ״Zukunft“, wie an würitemhcrgischc Tageszeitungen zu widerlegen versucht wird. Bei dieser Kontroverse wird aber auch eine in Fachkreisen längst bekannte, der Ocffcntlichkcit und insbesondere der jüdischen Oeffentlichkeit gegenüber bisher nicht genügend betonte Tatsache klar und deutlich dargeiegt, nämlich die, daß der Ursprung• liehe und erste Erfinder des starren Luftschiffsystems ein Jude ist. Bei aller Anerkennung der von Zeppelin hewiesenen unvergleichlichen Energie und Tatkraft und bei aber Verehrung für seine Person haben wir Juden allen Grund dafür zu sorgen, daß die Er■ findung des starren Luftschiffsystems als das ge« wertet wird, was sic ist: als die Erfindung eines Juden. Harden faßt die unbestreitbaren, und wie oben bereits gesagt, früher schon bekannten Tatsachen in folgenden Worten zusammen: ״Iler Hoizhündler David Schwarz kam als erster auf den Gedanken, ein lenkbares Luftschiff aus starrem Stoff zu bauen. Er studierte, zeitweise als Arbeiter verkleidet, mehrere Aluminiumfabriken und legte sein Projekt 1800 dem österreichischen Kriegsministcr vor. Da die österreichische Regierung die notwendigen Geldmittel nicht zur Verfügung stellen konnte, wurde Schwarz russischer Regicrungsiiigenieur und baute 1802 in Petersburg sein erstes Luftschiff, das aber nicht mit Gas gefüllt werden konnte, da schlechtes Material geliefert worden war. Schwarz wandte sich dann nach Berlin, wo sein Projekt eines Aluminium׳ Icnkhnllons von 80 in Länge und 12 m Breite gut* geheißen wurde. Die Militärbehörde versprach, den Ballon bei erfüllten Erwartungen für 300 000 M, nimikaufc». Am 13. Januar 1807 wurde Schwarz zum Prohcfhig telegraphisch von Wien nach Berlin gerufen. Er starb kurz nach Empfang der Depesche auf offener Straße an! Herzschlag, Seiner Witwe, Frau Melanie Schwarz, wurde auf Befehl des Kaisers die• Vorarbeit und Demonstration im Luftschifferpark anvertraut. Das Luftschiff stieg am 3. November 1807 auf dem Tompclhofcr Feld auf. Die Führung war den Offizieren nicht erlaubt und deshalb einem jüngeren Maschinisten überlassen worden. Das Luftschiff wurde hei zu rascher Landung zerstört. Graf Zeppelin war bei diesem Probeflug zugegen. Sein Patent vom 31. August 1803 spricht weder von Aluminium noch von einer Verbindung der beiden Gondeln, die vier Monate später einem Amerikaner patentiert wurde. Er hat erst nach Schwabens Tode ein Luftschiff gebaut und Aluminium sowie Propeller von den gleichen Fabriken wie Schwarz bezogen. Am 10. Februar 1808 haben Graf Zeppelin Und Kouuuer/knrat Karl Berg ln Stuttgart mit Frau Schwarz, zwei Verträge geschlossen. Durch den ersten Vertrag erwarb Herr Berg das Recht, über die ״ihm mit den Sclnvarzsclien Erben gemeinschaftlich gehörigen, patentierten und nicht patentierten Erfindungen“ in Deutschland frei zu verfügen. Durch den zweiten Vertrag sicherte Graf Zeppelin der ״Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt“ das Vorkaufsrecht für die den Schwarzschen Erben außerhalb des Deutsehen Reiches zustelieiulcn Rechte“. Nach Hardcns Mitteilungen bat die Gesellschaft, die nach den mißglückt(?» Versuchen des Grafen Zeppelin im Sommer und Herbst 1000׳ aufgelöst wurde ihre Verpflichtungen gegenüber Frau Schwarz nicht erfüllt. An uns jetzt lebenden Juden ist cs, dafür zu sorgen, daß auch späteren Geschlechtern bekannt wird, daß die erste Idee zur Konstruktion eines starren Luftschiffes von einem Juden entstammte. Der Unterzeichnete hat sich deswegen an die Witwe des Erfinders, Frau Melanie Schwarz, gewandt, um von Ihr Pläne und Patentschriften zu erhalten, die dem Deutschen Museum, München, Abteilung Luitschiffahrt, übergehen werden sollen. Aber auch an alle Leser dieses Artikels, die etwaiges Material zu dieser Frage besitzen, sei die Bitte gerichtet, solches dem Unterzeichneten — wenn auch nur leihweise - - überlassen zu wollen. Ignaz. L a m m , Metailhandhmg, München SO. 2. Frauenarbeit in Palästina Von Sonja Grnncmä n n. Der ״Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" hat in der ganzen Zeit seiner Gründung auf dem Haager Kongreß seine Arbeit still und fleißig verrichtet. Es dürfte aber jetzt, kurz vor dem Jubiiüumskongieß, auf dem die zionistische Frauenwelt einen Zusammenschluß samt• lieber Frauenvercinc plant, für viele von Interesse sein, über die Tätigkeit dieses Verbandes näheres zu erfahren. Ich wage zu behaupten -־- und werde mich freuen, wenn mir das Gegenteil bewiesen wird —, daß viele zionistische Frauenvercinc von den Leistungen des Verbandes wenig Notiz nehmen, ja, daß sie noch immer nicht Mitglieder des Verbandes sind. Es gibt aber auch rühmliche Ausnahmen, so vor allem die Moskauer Frauengruppe, die den Verband tatkräftig unterstützt und Hand in Hand mit ihm arbeitet. Wenn man bedenkt, daß .der Verband jüdischer Frauen auf einem zionistischen Kongreß von Zionistiimcn gegründet worden ist, daß die Arbeit, die er in Palästina leistet, vollständig in unserem Sinne ist, und daß er trotzdem auch anderen jüdischen Frauen, die, ohne sich unseren politischen Tendenzen anschlicßcn zu können, gern bei praktischcr Arbeit auf unserer Seite stehen, die Möglichkeit sich zu betätigen gibt, so muß man sich wundern, wenn cs auch nur noch eine Zionistin gibt, die interesselos beiseite stellt. Der Verband fing seine Tätigkeit in Palästina mit der Errichtung eines Ateliers für Spitzenarbeiten in Jaffa an. Junge Mädchen, die ihre Tage ziemlich nutzlos verbrachten, wurden in das Atelier aufgenommen und in der Anfertigung arabischer Spitzen unterrichtet. Es war ein schwerer Anfang, denn nur gegen sofortige Bezahlung konnten Schülerinnen angclockt werden. Die ganze Arbeit mußte und muß auch noch heute in dem Atelier gemacht werden, da der Schmutz, der in den Häusern herrscht, die Ablieferung sauberer Arbeiten unmöglich macht, ln ganz kurzer Zeit hatte sich das Atelier in Jaffa so gut bewährt, daß drei andere in Jcrtis a I c it!, T i h c r i n s und E k r 0 n eingerichtet wer• den konnten. Im ganzen arbeiteten in den Ateliers ca. 150 Mädchen. Der Lohn einer fortgeschrittenen Spitzenarbeitern! stellt sici! auf 6—7 Frcs. in der Woche, bei sechsstündiger Arbeitszeit. Außer der Anfertigung von Spitzen wird den Mädchen da T urnen und H e b r ä i s c I! beigebracht und auf Ordnung und Sauberkeit gesehen. Pie Erzeugnisse der Ateliers werden nach Europa gesandt und da in Ausstellungen und privatim verkauft. In den drei Jahren seit der Gründung des ersten Ateliers sind vom Verband für 5500 M. Spitzen verkauft worden. Die nächste Sorge des Fraucnvcrbaudcs war von seiner Gründung an die Krankenpflege. Fr wendete zunächst seine Aufmerksamkeit dem JaH.wr Krankcnhause zu, dem er eine in Europa ausgchildete Schwester zur Verfügung stellte. Er ließ noch eine zweite Schwester ausbildcn und schickte sic nach Jerusalem. Duich eine größere Zuwendung der Mos• kauer Frauengruppe wurde cs ermöglicht, eine W« ch• nerinnenstube au dem Jaffacr Krankenhause eiczu* richten. Für ein von Dr. Auerbach in liaiia geplantes jüdisches Krankenhaus ־-- in Haifa existieren bis jetzt nur Missionskrankenliäu'cr, übernahm der Verband die Kosten der hmcneinrich• tung in Höhe von 6000 Frcs. und verpflichtete sie!! z« einer jährlichen Subvention von 1000 Frcs. Das Krankenhaus soll in nächster Zelt eröffnet weiden. ln der letzten Zeit trat der Verband an die Vorwirkiiehung eines seiner größten Pläne, an die ihm so am Herzen liegende Heranziehung der Frauen zur 1 a n d w i r t s c h a f 11 i c 11 c נו Tätigkeit luvan. Seine für diesen Zweck noch so schwachen -Mittel erlaubten ihm leider nicht, sofort an die Errichtung einer Schule für Landwirtschaft und 11־ aushalt zu gehen. Dennoch wollte der Verband einen kleinen Anfang machen, in der Hoffnung, daß die Sache, wenn sic sich gut bewährt, siel» zu einer solchen Institution Auswachsen wird, Auf der Farm K i n c r c t h arbeiten seit ein paar Monaten 6 junge Mädchen unter der Leitung einer in Europa ausgebildeten Lehrerin,• und der Verband hat allen Grund, mit diesem Anfang zufrieden zu sein. Es haben sieh in der kurzen Zeit eine ganze Anzahl Mädchen freiwillig als Schülerinnen gemeldet — manche, die gern iiirc Lehrzeit bezahlen würden —, leider mußten sic abgewiesen werden, da keine Wohnungen da sind und man nicht weiß, wo man sic unterbringen soll. Die Hauptauf* gäbe des Verbandes jüdischer Frauen wird in nächster