Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seile 355 Diaspora leisten. Denn für diese bildet die Llturnrkit die Grundlage ihres Lebens, ihrer He* nliß*,״K• Schekel sanuuelit, Nnlionnlfoiulshüchseii vcH»rcil»11־. (>elb״umsammlu״g fordern, Aktien ver* kl״fen, all dies ist gewiß notwendig; aber dies kann 0 die eine Seite ihrer Arbeit bilden. Diese, He* ׳וחיובו ist mir für tlie wirklichen Arbeiter, die ,licht .Mi'ilic uml /•eit scheuen, Für die Masse der Vcreinsiuitf'licder und auch schlielllich für diese Ar* l,citer selbst kann überall dies nicht die Seele ihres Vereinslebens bilden; es kann sie nicht anziehen, fördern, er/ichen und *begeistern. Das kann nur durch Kulturalbeit geschehen, durch praktische, reale K»d* lurarbeu. Weil diese bisher in Westeuropa fehlte, jjlicr stammt die Leere, die Oede, der Stillstand und Rückgang. Ls «muß für die Dauer trocken, lang- ״eilig, ja abstoßend werden, immer nur von Schekeln mul i.amlesbeitriigcn zu hören, und auch die alten Lieder von der Judennot und dem Judculeid, von den Pogromen und Massakres, ja selbst von Jlerzls (׳,rode und Pinskers Bedeutung sind so bekannt und nheninissig geworden, daII sie zwar noch nicht die Spai/cit von den Dächern licrunlerpfeifcn, aber alle Zimi'Mcii und seihst alle die, die sich für jüdische Dinge interessieren, fast auswendig wissen. In 17 Jahren muhten sie sieii erschöpfen. Jetzt muh die Kulturarbeit einsetzen. liier liegt ein uncml* lieh grobes, unerschöpfliches Gebiet vor uns, und tlie Beschäftigung mit ihm lehrt, bildet, erzieht, begeistert und erlicht. So werden gleichzeitig zwei Fliegen mit einet Klappe gefangen. Einerseits wird die Kulturafbeit in der Diaspora, die die Organisation als Milche nicht leisten kamt und die doch geleistet ״erden muh, wirklich vollbracht, und andererseits gewinnen die einzelnen Gruppen neuen Lebensinhalt, neues Schaffenslüsten»), neue Kraft und neuen Odem. ITir diese einzelnen Gruppen fällt auch das Gebot der unbedingten Neutralität in religiöser Beziehung, das niaiichmal hemmend wirkt, fort; jede Gruppe, jeder Verein arbeitet in seinem Geiste. Damit ist auch eine andere Frage gelöst, die in letzter Zeit viele in unseren Reihen beschäftigt hat und die wahrscheinlich auch auf dem Kongresse zur Sprache kommen wird: das Verhältnis zur Organisation für hebräische Sprache und Kultur. Bekanntlich gibt es in Rußland viele namhafte Gesinnungsgenossen, die gegen diese Or* ganisation sind, weil sic die Kulturarbeit für den Zionismus beanspruchen. Akzeptiert man meine Losung, so sind beide befriedigt. Mit dem Momente, da die zionistische Gesamtorganisation als solche in der Diaspora keine Kulturarbeit leistet und diese den einzelnen Gruppen überläßt, haben wir keinen Grund, die Histadruth irgendwie zu bekämpfen; im Gegenteil, wir — d. h. die einzelnen Gruppen oder Vereine müssen sie fördern und gemeinsam mit ihr arbeiten. Wir Zionisten würden dadurch unsere Pflicht der jüdischen Kultur der Gegenwart gegen* über voll und ganz, erfüllen, würden auch unseren Einfluß auf sie ausüben, und auf der anderen Seite wird durch diese Arbeitsteilung auch praktisch mehr erreicht werden. Ich resümiere; Es steht fest, daß der Zionismus Kulturarbeit leisten muß. Es ist der Gesamtorgani* satioii als solcher bei ihren Mitteln nicht möglich, sich überall kulturell zu betätigen. Wir nehmen daher eine Teilung vor: Die Organisation als solche be* schränkt sich in ihrer Kulturarbeit auf Palästina, der unmittelbaren Stätte ihrer Wirksamkeit. Die Drei Reden über das Judentum*) Ich hörte zwei dieser Reden Martin Bubers und hatte die Empfindung, cs seien Selbstgespräche — nein, Zwiegespräche mit. der eigenen Seele in einer Stunde großer Stille; zufällig ist auch Publikum dabei. Nicht zu ihm in seiner Gesamtheit spricht der Reducr, sondern zu sich und zum verwandten Juden. — ich der einzelne Zuhörer. — Ich hatte damals, als ich die Reden hörte, den dunklen Wunsch, sic in Buchform zu sehen, als Worte Eines an einen anderen Einen, gesprochen und aufgenommen etwa m der nachdenklichen Stille klarer Sommerabende, vielleicht nach einem Gewitter. — Nun sind die drei Reden, zuin Buch gefaßt! er* schienen. Sic haben manches von dem, was Buber m der einfachen Vorrede des kleinen Büchleins ,!Ein* gebung subjektiven Mitlebcns“ nennt, abgestreift und haben sich durch eine Art Abstraktion der Gedanken *u einer einzigen Gcdankcnkcttc incinandcrgcschltmgen. Kein Buch für die Vielen ist daraus geworden, keine Worte für die Allgemeinheit sind darin gesprochen, keine Rufe der Erkenntnis werden dort laut. Das ist ein Buch geworden, das den Einen etwas zuflüstert, etwas, das sie lange raunen hörten; und cs spricht nicht für die Allgemeinheit, sondern von der Gemeinschaft, welche die Einzelnen in sich •) Martin Buber: Drei Reden über das Judentum. — Literarische Anstalt Riitten & Loenfng, Frankfurt a. M. — 1911, Kulturarbeit in der Diaspora wird von den einzelnen Vereinen und Gruppen geleistet, die dadurch neue» Schaffeusinhalt bekommen. Die einzelnen Vereine und Gruppen fördern die Histadruth und arbeiten mit ihr gemeinsam und unter ihrer Leitung. Wenn der Kongreß diese Leitsätze akzeptiert, dann hin ich iibeiveiigl, daß er sieh sowohl um den Ziouis* mtis als auch um die gesamte jüdische Kultur ein großes Verdienst erwerben wird. Dem Zionismus wird er einen neuen mächtigen Impuls und einen neuen Inhalt gehen, und die jüdische Kultur wird er in hohem Maße fördern und ausbreiten helfen. Die Arbeitsmöglichkeitcn des Nationalfonds in Palästina Von Prof. Dr. O. War bürg״). Der Nationalfonds, der ja in den letzten Jahren recht erfreuliche Fortschritte gemacht *hat, steht jetzt vor der immer gebieterischer werdenden Frage der Anwendung seiner (leider. Bisher hat er Gelder verausgabt zum Ankauf von Ländereien, für Lehrfarm, Oclhamnspciulc und genossenschaftliches Gut, für llattiu, ferner hat er für Institutionen in Jerusalem und Jaffa städtischen Boden, resp. I liiuser gekauft. Außerdem hat er noch eine Reibe Anleihen, resp. Hypotheken für städtischen uml ländliehen Terrainkauf, sowie für ländliche Kredit* küssen und Genossenschaften gegeben. Ein großer Betrag ist schließlich reserviert für ein größeres Be* wässerungsimteruehmen. Untersuchen wir nun; was sind die Aufgaben des Nationalfonds für die Zukunft? Nationale in* stitutioncu, denen der Nationalfomls Hypotheken zu gewähren oder Terrains zu kaufen hat, werden in näherer Zukunft bis auf die Bibliothek kaum in Erscheinung treten, denn das hygienische Institut stellt leider noch in weiter Ferne. Der Bedarf für ge* nossenschaftliche Kreditkassen scheint für die Zu* kunft kein großer mehr zu sein. Bis neue genossen* schaftliche Güter entstehen können, werden Jahre vergelten. Die Oclbaumspcudc bedarf bei 80 000 Frcs. Jahrescinnahmc noch nicht für 20000 Frcs. Land jährlich und besitzt noch für Jahre hinaus genug Terrains. Das in Aussicht genommene Bewässcrungs* unternehmen dürfte sich noch über Jahre hinaus* ziehen, bevor wirklich etwas Größeres geschehen kann und das Geld Verwendung finden wird. . Für städtische Hausbaugcscllscliaftcn könnten bin* gegen noch größere Summen bcrcitgcstcllt werden, vor allem aber für vorstädtische Gartenstädte, womit bei Haifa der erste Anfang gemacht werden sollte. Die PLDC. wird wohl erst in einigen Jahren weitere Summen zu Parzcllicrungszweckcn gebrauchen über das jetzige Darlehen von 10000 Pfd. Stcrl. hinaus, da das Aktienkapital der PLDC. bedeutend zunelintcn muß, um das •Risiko der Parzellierung mehrerer Güter gleichzeitig zu rechtfertigen, Hingegen muß vom wirklichen Landankauf seitens des NF. nach wie vor abgeraten werden, solange keine greifbare Verwendung für diese Ländereien vorhanden ist. Eine solche aber existiert nicht, da cs au wohlhabenden jüdischen Pächtern leider durchaus fehlt. Kredite au solche zu geben, käme aber erst dann in die Frage, wenn es sich als zweifellos Herausstellen wird, daß sich jüdische Bauern Wirt* schäften in Palästina rentieren. In der April-Nummer der Zeitschrift ״Palästina“ geht aber aus den Zahlen eines Kolonisten hervor*), (laß das durchaus nicht sicher der Fall ist, und zwar scheint dies im wesent* liehen zu liegen: 1. au der geringen Ergiebigkeit des Bodens in* folge extensiver Kultur, 2. dem teuren Leben der Bauern, da sie nur in geringem Malle von den Produkten ihrer Scholle leben, 3. den teuren Arbeitskräften, falls sie Juden ver* wenden, 4. maßlos teurer Viehhaltung, indem zwei Pferde mehr als ein Drittel des Bruttoverdieustes, mehr als die Produkte von fast 10 Ita gebrauchen. Will der NF. ein nicht verlustreiches Betäligungs* fehl für die Zukunft finden, so muß er erst diese ruinösen Zustände verbessern; tut er das nicht, so wird der Fonds seinen Hauptzweck nicht erfüllen können. Nach seinen Statuten hat der NF. durch* aus das Recht, alles zu tun, was zur Hebung der Landwirtschaft und damit zugleich des Wertes der von ihm gekauften Böden beitragen kann, und nur, wenn sich das Direktorium des NF. auf diesen Standpunkt stellt, wird der NI־', zu fruchttragender Arbeit grollen Stiles in Palästina gelangen. * Was kann der NF. nun zur Verbesserung der Grundlage jüdischen Bauerntums in Palästina tun? ad 1. Die Ausbildung der Methode ratio* nellen Ackerbaues in Palästina ist zwar Sache der Versuchsstation, besonders in wissenschaftlicher Be* Ziehung, dagegen sollte die Popularisierung Aufgabe der landwirtschaftlichen Verwaltung des NF. sein, die speziell auch praktische Düngungsversuche machen, passende Sorten verbreiten, verbesserte Ge* rätc cinfülircn, sowie Wanderlehrer anstellen, ferner Ausstellungen veranlassen und prämiieren sollte. Auch die von Herrn Dr. Kuppin angeregten Stipendien für landwirtschaftliche Ausbildung von Agronomen sind ein gutes Mittel zur Hebung der Agrikultur in Palästina. Ebenso muß natürlich für Unterkunft derselben nach dem Vorschläge Dr. Ruppins gesorgt werden, wozu ein Anfang in Heu Schämen gemacht wurde. ad 2. Das teure Leben der Bauern beruht im wesentlichen darauf, daß weder Gemüsebau, noch Geflügelzucht oder Milchwirtschaft betrieben wird, da die jüdischen Frauen in Palästina im allgemeinen keinen Sinn hierfür haben. Es ist eine dringende Aufgabe, hier für die Zukunft Wandel zu schaffen. Der ״Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“ will diese Ausbildung von Frauen in prak* tiseber ländlicher Wirtschaft unternehmen, jedoch fehlt cs ihm vorläufig an Mitteln. Hier sollte der NF. also c i n spri ng e 11, da init möglichst an mch• rcrcnOrtcn — sowohl in Judäa als auch in Galiläa — solche A u s b i lü u n gs s t ä 11 c n eiligeri eiltet werden können. Auch sollten des» Beispiels wegen einige jüdische Arbeiterfamilien mit energisch arbeitenden Frauen aus den südrussischen Baucrnkolonicn nach Palästina überführt werden. Fer* *) Aus der sehr lesenswerten Kongreß-Sondcr* nunimcr der Zeitschrift ,.Palästina“ (Vlll. Jahr* gang. Heft 7 bis 9), Verlag Wien IX, deren An- Schaffung wir unseren Lesern dringend anempfehlcn. erfaßt. Uml es ruft sie alle zu Bckcnncrn aus cigenein Bekennen. Wieder eine Zwiesprache. Die muß der Leser mit sich selbst führen in der Zeit des Sich- Besinnens. — Vom Judentum ist die Rede; niclü von dem, welches der helle Tag bcschcint mit seinem Schattenspiel und seinen Lichtrcflexcn, nicht von dem» wcldies sich kundgibt in den Gemeinsamkeiten, die man Religion, Nation, Eigenwirtschaft oder Sprache oder Klasse nennen kann; sondern das Judentum stellt in den Worten Bubers auf, das )enseit des Tageskreises webt in den Feierruhen der kämpfstillen Seele, die entschieden hat, das Judentum, das im Einzelnen wird aus dem Blute der Urgemeinscliaft, ein überkommenes Geschenk, das er nach der Stärke seiner Wahl wahren und mehren muß, auf daß cs ihn zu seinen Höhen und damit zur Höhe der Menschheit führe. Und die Höhen des einzelnen, walilstarken, selbstbefreiten Juden sind die neue Kraft des Judentums als Gemeinschaft, der Tag der Erneuerung, der stets aus dem Dämmer steigt. Erneuerung des Judentums: das ist das Ziel der Gedanken Bubers über das Judentum. Erneueriing beiß» die neue, mächtige Erfüllung des unbedingten Lebens in uns, in den Einzelnen, die das ganze Volk erfassen und jeden von ihnen, wie einst der Herr den Propheten, ״fassen und im Sturme gen Jerusalem führen“ muß. Sic wird bedingt durch unsere Wald, und sie erst bedingt unser Leben, unser Wohl, unser Eigenleben in der Menschheit, der Menschheit höchstes Leben in uns. Auf jedem von uns ruht das Geschick seines Volkes und damit der Menschheit, wie er wählt. Sein Schaffen ist das Schaffen seines Volkes, seine Lösung die des Volkes, er ist das Volk. Und in jedem Einzelnen liegt die Erneuerung, die Erlösung beschlossen. Das ist der Sinn der drei Reden, der Reden über ״das Juden* tum und die Juden“, über ״Das Judentum und die Menschheit“ und über ״Die Erneuerung des Judentums“. Jenes ״autonome Judentum“, das unser Blut uns gab, das in uns besteht >,aU Gemcinschaft gleicher Substanz“, auch ohne die ״Wirk* lichkciten, welche lins die Nation konstituieren“» zu leben, ist für Buber der Sinn des Judentums für die Juden. Das ist der Weg, der zur unbedingten Tatidee führt. Das Menschlieitsproblem des Juden* tums aber — das Mcnschheitsproblcin jedes Volkes ist eben sein Scliaffcusproblem — ist sein Streben nach Einheit, Der Jude, der sich aus der Zweiheit seiner Seele zur Einheit erlöst, ist schöpferisch. Das Streben nach Einheit hebt den Juden — und damit die Juden — zu den Höhen der Menschheit, cs gibt ihr die Möglichkeiten der Synthese. Die Einhcitsidcc ist die Schaffensidec des Juden im großen Schaffen des Menschcngeistes. Sie mußderjude wieder leben. Und die Idee der absoluten Zu* kunft, die fern und nah zugleich ist, zu leben, ist die Kraft des Juden, sich mitten in der Zerrissen* heit zur Oröße zu einen, sein Judentum aus der grauenhaften Zermürbtheit des Alltags-Judentums zu erlösen. Die Erlösung des Einzelnen ist die Er- ז