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Jüdische Rundschau · 1911-08-04 · Heft 31 (4.8.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Unsere kulturelle Arbeit zum X. Kongreß Von NahumOoldnimn, Frankfurt a. M. jemand, der de» Zionismus nur in seine» theoreti• sehen Grundlagen kannte, mit seiner bisherigen Ent- Wicklung aber «auf der einen Seite und den anormalen inneren Verhältnissen im heutigen Judentum auf der anderen Seite nicht vertraut wüte, würde sehr staunen, wenn er nun sähe, wie man jetzt, nach Q Kongressen und 17 Jahren Zionismus noch ernstlich die Frage erörtern muß, ob der Zionismus kulturell arbeiten soll oder nicht. Fr, der aus der theoretischen Frfassung des Zionismus als der Bewegung zur Rcgcnc• ration des jüdischen Volkes und seiner Kultur heraus die Kulturarbeit als die vornehmste Aufgabe der zionistischen Bewegung erkannt hätte, würde es immöglich begreife» können, daß Männer, die jahrelang der Zionistischen Bewegung •׳ingehören, von ihr allen Ernstes den Verzicht auf jede kulturelle Betätigung fordern. Nun hat ja glücklicherweise die Zeit, die große Lehrmeister»«, alle, die klar sehen wollen und sich nicht vo«1 politische» Absichten leiten lassen, davon überzeugt, wie sinnlos, ja wie gefährlich eine solche Forderung ist; sie hat gezeigt, daß für die Kulturarbeit in der Diaspora die Gründung einer neuen Organisation notwendig war, daß in Palästina das kulturelle Leben ohne irgendwelche Beeinflussung durch den Zionismus verläuft, und daß die türkische Juden heit sicli in ihren leitenden Männern gegen den Zionismus ausspricht und in den Aliiancewahlcn Rcinachs Sieg herbeigeführt hat. AH diesen Lchra> haben wir es Jiur zu ver• danken, daß heute, vor dem X. .Kongreß, die große Majorität der Zionisten f ü r die Kulturarbeit und nur noch wenige gegen sie sind. Und von all den Argu־ menten, die die Gegner der Kulturarbeit noch vor• bringen, ist ja eigentlich nur ein einziges ernst zu nehmen; es kommt vom Misrachi her: cs will nicht, daß der Zionismus auch solche kulturelle Institutionen unterstütze, die national, aber nicht religiös sind. Auf dieses eine Argument gibt ׳es nur eine An(• wort: Wer «rieht anerkennt, daß die religiöse lieberzeugung nicht in Betracht kommt, um Zionist .zu sein, daß der Zionismus nur national, aber nicht religiös ist, ist eben noch kein Zionist. Dieser Ein• wand ist — wie gesagt — der einzige, der einer prinzipiellen Anschauung entspringt; die anderen ׳sind nur politischer und taktischer Natur und in diesem Falle daher belanglos. Wenn man sagt, daß cs aus politischen Gründen, um nicht dem ״Misrachi“ vor den Kopf zu stoßen, und■ ihn etwa zum Austritt aus der Bewegung zu veranlassen, geboten ist, die Frage der Kulturarbeit auf dem Kongreß zu erörtern, so ist zu erwidern, daß cs schlimmstenfalls nicht so viele sein werden, die austreten werden, als es den Anschein hat, daß diejenigen, die austreten, ja gar nicht z« uns gc• hören und ihr Austritt daher nicht von Schaden wäre und daß ein solcher Einwand berechtigt wäre, wo cs sich um taktische Fragen nebensächlicher Natur han• dein würdet daß cs aber!sinnlos ist, hier, wo cs sich um eine prinzipielle Sache, um eine Lebensfrage des Zionismus handelt, eine Lebensfrage nicht nur aus prinzipiell-theoretischen, sondern auch aus prak• tisch-realen Gründen. Wem! endlich unser verehrter Dr. Jeremias der noch nie gehörten Meinung ist, man könne ja sonst Kulturarbeit leisten, nur nicht auf dem Gc• biete iler Schulen, weil es liier so leicht zu Gegensät/.cu führt, dann hat er einmal vergessen, daß die Arbeit auf dem Gebiete der Schulen ja gerade die wichtigste für uns ist, da ohne sie eine Erziehung der türkischen Judcnlieit in unserem Sinne umnög• lieh ist, feiner aber, daß, wenn es Gegensätze gehen wird, diese sich überall cinstellcn müssen; um nur ein Beispiel zu wählen: Dr. Jeremias schlägt die Tätigkeit auf dem Gebiete der Presse vor; ich frage ihn, ob er und der Misrachi zufrieden sein werden, wenn das Aktionskomitee den ״H a p o c I I« a 1 o i r" und ״II a n c h d t« t h" unterstützen werden, zwei Zci• tungen, die beide zionistisch sind? Nein, durch solche kleinliche taktische Erwägungen kommt man der Kul• tnrfrage nicht hei. Eine prinzipielle Frage kann nur 'prinzipiell gelüst werden. Doch ich wollte hier nicht so sehr die Frage erörtern, o l> der Zionismus sich kulturell betätigen soll, als vielmehr die andere, für uns jetzt wichtigere behandeln, wie er sich kulturell betätigen soll. Es ist klar, dyiß ich das schwere •Problem liier nicht in all seinen Einzelheiten untersuchen kann; dafür reichte weder der Raum unseres Artikels, noch die Geduld unserer Leser aus. Worauf cs liier ankommt, ist, die prinzipiellen Grundlinien der Art und Weise unserer kulturellen Arbeit zu untersuchen und fest/ulegen. Man kann jedes Problem von einen« zweifachen Standpunkt aus betrachten: vom theoretischen und vom praktische n. Man wird da meist zu ׳Resultaten gelangen, die ein wenig voneinander ab• weichen. Ti« care tisch ist das Problem für mich 8011• nenkiar. Theoretisch ist der Zionismus für mich die Bewegung zur Herbeiführung der Regent•• rat i o 1« des jüdischen Volkes und der jii• disch cn Kultur; theoretisch muß also der Zio• nistuus au allen kulturellen Schöpfungen des Juden• lums der Gegenwart mitarbeiten, ganz gleich, ob sie in Palästina oder in der Diaspora unternommen werden. Denn •— darüber herrscht wohl kein Zweifel — wenn auch die Grundlagen der neuen jü• disdieu Kultur in Palästina geschaffen werden, wenn auch dort die Fundamente unserer Zukunft gelegt werden, das jüdische Kulturleben der 0 c gen wart spielt siel« in seinem weitaus größeren Teile iu der Diaspora ab. Einzig und allein für die neue jüdische Kultur iu Palästina arbeiten wollen um( die gegenwärtige jüdische Kultur der Diaspora sich selbst überlassen,!ließe für die Zukunft schaffen ohne die Gegenwart zu berücksichtigen, hieße für das Morgen sorgen, ohne sich um das Heute zu be• kümmern, wobei die Gefahr ualieliegt, daß man noch heute, ehe das Morgen da ist, verhungert. Theoretisch ist also das Problem wohl klar und einfach. Praktisei« betrachtet nimmt cs zun! Teil eine wesentlich andere Form an. Wenn wir nämlich die Frage praktisch anpacken, gilt cs nicht nur zu wissen, was wir tun sollen, sondern was wir tun können, gilt cs nicht nur das Postulat zu be• rücksicbtigcn, sondern vor allen» die Realität. Jedem von uns, der sich nicht Täuschungen Irin• geben will, ist cs wohl klar, daß es für den Zio• nismus, wie er heute ist, ganz ausgc• schlossen ist, an allen Kulturarbeiten des modernen Judentums t e i | z u n c 11 m c n. Selbst wenn wir all unsere Mittel und unsere Kräfte in den Dienst der Kulturarbeit stellen wollten — ■wa! natürlich wahnwitzig wäre —, selbst dann könnten wir nicht an allen KulUirschöpftpigcn des jüdischen Volkes der Gegenwart mitarbeiten, geschweige denn sic •mitschaffen. Wir dürfen aber nicht vergessen daß — so wichtig die Kulturarbeit für uns ist J vom theoretischen Standpunkt ist sie die wichtigste — wir doch in erster Linie uns kolonisatorisch betätigen und für den Landerwerb sorgen müssen. Es ergibt sich also für uns ein Dilemma; auf der einen Seite sagt uns die Theorie, daß wir überall kulturell arbeiten müssen; auf der anderen Seite belehrt uns die Praxis, daß wir dieses Postulat nicht ganz, erfüllen können. Es fragt sich also: Was tun? Da geht es denn nicht an, die Praxis der Theorie zu opfern, und zu sagen, wir!» 11 s s e 11 cs können, aber auch nicht — wie manche wollen — um der Praxis willen die Theorie zur Seite werfen mul resig. liiert erklären, weil wir nicht alles können, tun wir gar nichts. Vielmehr gilt cs, ein Kompromili *u schließen. Und da fragt es sielt eben: Welcher Teil der Kulturarbeit ist für den Zionismus wichtiger? Nun, man braucht nur das Baseler Programin zu lesen, um zu verstehen, daß für »1 n s vor allem die Kulturarbeit in der Türk e i i m allgemeinen, in P a I ä s t i n a im besonderen in Betracht kommt. Palästina ist ja die eigentliche Stätte unserer Arbeit. Uns ist die Arbeit in Solutli mir indirektes Mittel für die Arbeit in Palästina; da wir aber alles nicht ver• richten können, müssen wir auf den weniger wichtigen Teil, au^f die Kulturarbeit im Gohitli verzichten und uns auf die in Palästina und der Türkei beschränken. Damit ist die Frage noch nicht ganz, gelöst. Sollten wir die Kulturarbeit in der Diaspora ganz und gar vernachlässigen, so würden wir ja notgedrungen in den Felder verfallen, den ich vorhin gekennzeichnet habe, würden für das Morgen sorgen, ohne uns um das Heute zu bekümmern und kämen dann leicht in die Gefahr, noch heute, bevor das Morgen da ist, zu verhungern. Ja, nicht nur, daß wir in die Gefahr kommen könnten, wir sind schon zum Teil in sie gekommen. Schon beginnt der Prozeß des kulturellen Verhungerns sich leise bemerkbar zu machen, in erster Linie hei uns in Westeuropa, weil die Kulturarbeit liier am meisten vernachlässigt worden ist. Was bedeuten denn sonst all die Klagen, die in den letzten Jahren gar nicht verstummen wollen, über den Stillstand der inneren zionistischen Arbeit, über die Leere und Gede in unserem zionistischen Leben? Dies alles sind ja für den Ticferhlickcndcn nur Symptome des Pro• zesscs. Man siciit: Wir müssen Kulturarbeit .mch für die Diaspora leisten, wenn wir überhaupt bestellen wollen. Also — scheinbar ein Widerspruch? Ich beweise soeben, daß der Zionismus für die Diaspora keine Kulturarbeit leisten k a 1111 und zeige jetzt, daß er cs tun m u ß. Der Widerspruch bestellt aber in Wirklichkeit nicht, er ist nur scheinbar. Für wen war es gesagt, daß man auf die Kulturarbeit in der Diaspora verzichten soll? Für den Gesamt- Zionismus, für die zionistische Bewegung als solche, für die G e sa mtorg a » i sat ion. Aber nur für diese, Es war nicht gesagt für all die, die in die Gefahr des Verhungerns schon gekommen sind oder bald kommen werden, für die einzelnen Gruppen oder Vereine. Diese sollen, müssen, — können Kulturarbeit auch in der Tisclia b’Ab Von Hans Goslar. Der neunte Ab ist das Gewissen des jüdischen Volkes. Mit den sdircckcnsvollen Begebenheiten, die an ilun verzeichnet wurden, mit den Blitzen gölt• lidhen Zornes, die an ihm Schlag auf Schlag auf das Judentum sich entluden, mit seinen herzzerreißen• den Klagen und nufpeitsehenden Trauerpsalmen stellt er einen Faktor Uu fließenden und wogenden jüüisehen Leben dar, der niemals hinwegzudenken sein wird. Die ganze jüdische Geschichte drängt sich fast in diesem einen Tage zusammen. Die beiden größten nationalen Trauertage im alten Stnmmlamlc fallen auf ihn; zweimal sank der Tempel in Trümmer, zweimal stürmten rohe Söldnerscharen das Allerheiligste, zweimal griffen Israels Söhne nach einem letzten Blick auf die turmhohen Lcichcnborgc ihrer Lieben und Kampfgenossen zum Wanderstab, tränenden Auges fast immer auf Nimmerwiedersehen Ab• schied nehmend von dem Lande ihrer Kindheit. Und der ganze Jammer und die ganze Blut• Beschichte des Goius drängt siel» fünfzehn und ein halbes Jahrhundert später wieder am Tisclia b’Ab zu■ samtnen. Als «kr Himmel über der Pyrcnäcn-I lalb■ Insel glutrot strahlte von dem Widerschein der flam׳ menden Scheiterhaufen und als eine bunte, äußcrlicl zwar von den Schrecknissen der Inquisition und dci Verfolgung gebrochene, aber innerlich stolze uni mit dem Glauben ihrer Väter als einzigem Gut bc lndonc, nach Huudcrttausenden zählende Menge aus Spanien zog, — größtenteils der Ungewißheit und dein Elend entgegen. Ja, der neunte Ab ist das lebendige Ocwisscn unseres Volkes, mächtiger als Schofartönc es zu tun vermöchten, rüttelt er uns aus dem Schlafe, aus unserer Selbstzufriedenheit und Selbstvcrgcssenheit auf und hißt in flammenden blutigen Bildern die Ge• schichte unseres Stammes an unseren Augen vorbei• ziehen. Er wühlt unser Innerstes gewaltig auf, uns mit eherner Stimme die Mahnung zurufend, die aus jedem Worte der Trauerpsalmen, aus jedem Bilde der Geschichte spricht. ״Einigkeit" heißt die Lehre des Tisclia b'Ab, ״Einigkeit“ seine Losung, ״Einigkeit" seine Weihe. Euer Gewissen soll der Tisclia b'Ab sein, Juden I Wie ein Spiegel ist er, der Euch vorgchaltcn wird und in dem Ihr Eure Fehler und Schwächen mit beängstigender Deutlichkeit erkennt. Der Mangel an Einigkeit, die innerliche Zerrisseuheit und der Unfriede waren es, die Euch das erste und das zweite Mal den Tisch״ b’Ab bereitet haben, alles spätere Unglück, der dritte Tisclia b’Ab und alles vergossene Blut der Märtyrer resultiert aus den Folgen des ersten. Hütet Euch, daß nicht Euer Mangel au Solidaritätsgefühl, Eure Uneinigkeit und gegenseitige Unduldsamkeit, Eure Kurzsichtigkeit und Eure Wankelmütigkeit Euch zum vierten Male ein Tisclia b'Ab bereite, Euch Jerusalem zum dritten Male zerstören lasse I Schließt Euch zusammen, Juden, lernet aus der Geschichte, denket des Tisclia b'Ab, der unnatürlichen Grausamkeit des üolus, der dahin* gemordeten Generationen von Märtyrern! Denket auch an die Geschichte des deutschen Volkes, auch cs war von Bruderstreit und Uneinig* keit zerrissen, aber unter dem Banner des neuerwachten jugendfrohen Nationalgcfühls fand sich Nord und Süd mit Begeisterung und Opfermut zusummen. Werfet ab kleinliche Rücksichtnahme auf persönliche, auf partikulavvsUsche Sonderham*.••*««» haltet Euch nur vor Augen das Ideal eines innerlich gesundeten und nicht nur äußerlich geeinten jüdisehen Volkes, eines Volkes mit jüdischen Idealen, jüdischer Sprache, jüdischer Kultur — auf jüdischem Boden! Denket, daß cs der Sinn des Tisclia b'Ab Festtages ist, sich selbst zu prüfen, ob man für diesen Moment schon reif ist und ob es nicht an jedem von uns sei, sich an die Brust zu schlagen und z.n geloben, in Zukunft mehr als bisher dem Gedanken unseres Trauertages gerecht zu werden. Nationale und religiöse Sammlung, Einigkeit und Opfermut, tönt es aus den Melodien der Trauerpsalmen. Werdet endlich ein einig Volk von Brüdern, Juden, die Zerrissenheit ist groß, die Not wächst ins Riesenhafte, die Rettung ist fern! Denkt daran, welche Verantwortung der auf sich ladet, der sich dem letzten großen Rettungswerk, dem letzte״ Versuch zur Sammlung jüdischer Kräfte, eigensinnig entgegenstemmt, kommet und helft-uns-־־־ Euch! Euer Gewissen sei Tischa b’Ab.

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