Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 332 1UEPISCHE RUNDSCHAU bieten ja die osteuropäischen Juden selbst, die in Nordamerika zu vielen Huiulertlausendcn mit bestem Erfolg i« industriellen Berufen tätig sind, die ihnen vorher völlig fremd waren. Das amerikanische System der Arbeitsteilung war nämlich so grundverschieden von der handwerklichen Arbeitsweise, beispielsweise der jüdischen Schneider und Schuster aus Osteuropa, daß cs sich als leichter herausstellte, die früheren Schneider in Schuhfabriken und die früheren Schuster in Schncidereibetricben zu beschäftigen, in n e u e n berufen also, in denen ״ihre Hand noch nicht verdorben war", wie man sieh dort ausdrückte. Soeben werde ich darauf .aufmerksam gemacht, daß cs!noch viel n ä I» c r c jüdische Bespiele gibt, ln dem russischen Städtchen K a I i s c h (nahe der deutschen Grenze) haben Juden vor etwa 10 Jahren ers.t begonnen, Schweizer und Voigtländische Stickereien nachzuahmen. Anfangs genügte das minderwertige Fabrikat nur für den russischen Markt. Seit 2 Jahren aber ist durch Einführung verbesserter Maschinerie ein so rapider Fortschritt zu verzeichnen, daß die Kalischer Arbeit in manchen Spezialitäten schon die entsprechenden ausländischen Fabrikate übcrtrifftl — So sieht es mit der Notwendigkeit generationenlanger Vorarbeit aus! Argumente, wie das hier beleuchtete, chaiakterislercn sich demnach als blanke Gedankenlosigkeit oder als Irreführung der öffentlichen Meinung und sind doppelt verwerflich und unsinnig, wenn damit für die Beibehaltung der einseitig landwirtschaftlichen Methode der jüdischen Kolonisation in Palästina Propaganda gemacht werden soll. Gerade zur Landwirtschaft sind ja die Juden am allerwenigsten geeignet. Gerade hier fehlt ihnen die Tradition am meisten. Und gerade in der Landwirtschaft hat die Forderung eines in Gencrationen ' erworbenen Verständnisses noch am meisten Sinn, soweit nämlich die .rückständige, extensive Landwirtschaft in Frage kommt, mit deren Methoden sich unsere Ackerbauschwärmer von jeher stillschweigend abgefunden haben. Dabei ist Palästina (und die Türkei) ein Gebiet, das landwirtschaftliche Produkte exportiert und Industricprodukte importiert. Unter solchen Umständen ein industriell hochhefähigtes {:iuwanderungselcment zwingen zu wollen, den Ackerbau neu zu lernen, den Export der Landesprodukte und den Import an Imlustriewareu zu vermehren, anstatt den überall erstrebten Ausgleich der Wirtschaft herbeiführen zu helfen . . . das schlägt so sehr aller Logik ins Gesicht, dal) mau meinen sollte, es genüge, diese Dinge einmal zu beleuchten, um derlei weitabgewandten Forderungen nie wieder zu be• g e g n e n 1 Die jüdischen Landwirlschaftsschwärmcr bevor« zugen die gröbsten Formen, Ackerbau, Körnerbau, extensive Kultur ist ihnen lieber als Plantagenwirtschalt, Die letztere ist ihnen zu sehr ״Unternehmertum". Dementsprechend sind sic auch noch nie für weitgehende Verwendung landwirtschaftlicher Maschincn cingetrctcn, obwohl nur auf diesem Wege jüdischer Ackerbau in Palästina einigen Sinn bckäme. Ihnen schsvebt eben — wie es scheint 1111• nusrottbar — als Idealbild vor: der Ghettojude mit einem richtigen Pflug in der Hand, hinter richtigen Ochsen hergehend. Die so schwärmen, sind selber meist von Ackerbau und Pflug sehr weit entfernt. — Hören wir dafahrung erlebt, daß Jünglinge, die erst andere Hoffnung erregten, dennoch späterhin jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters vollkommen entsprachen. Tut dies nicht länger, Jiinglingc, denn wie könnte sonst jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz, der Jugend zwar wird von euch nbfallcn, und die Flamme eurer Einbildungskraft wird aufhören, sich aus sich selber zu ernähren׳, ober fasset diese Flamme und verdichtet sie durch klares Denken, macht euch zu eigen die Kunst dieses Denkens, und ihr werdet die schönste Ausstattung des Menschen, den Charakter, noch zur Zugabe bekommen, An jenem klaren Denken erhaltet ihr die Quelle der ewigen Jugendblüte; wie auch euer Körper altere oder eure Knie wanken, euer Geist wird in stets erneuerter Frisclilieit sich wiedergebären, und euer Charakter feststellen und olme Wandel, Ergreift sogleich die sich hier euch darbietende Gelegenheit; denkt klar über den euch zur Beratung vorgelegten Gegenstand; die Klarheit, die in einem Punkte für euch angebrochen ist, wird sich allmählich auch über alle übrige verbreiten." Das ist der warmherzige Appell Fichtcs. Er verklang nicht ungehört. Er wirkte, wie jede starke begcisterungsfrohc Parole hui der Jugend wirkt, und wie auch jene schlichten Worte llcrzls gewirkt haben die er der Jugendzeitschrift ״Unsere Hoffnung" zum!adelte gab: »,Ihr seid unsere Hoffnung!" gegen einmal, was ein wirklicher Fachmann für orienlalischc Landwirtschaft zu dieser Frage zu sagen hat. Der Leiter des eyprisclicn Lamhvirtschaftsamtes, I). Saraeomcnos, äußert •in einem seitens der Regierung veröffentlichten Berichte: , ״Die Grundlage der hiesigen Landwirtschaft bildet der Anbau von Cerealien. Das ist aber bei diesem warmen mul trockenen Klima 11ml bei den gegenwärligen Produktionsverhältnissen •** ein geschältlieber Fehler. In solchen Klimalen ist jährlicher A11hau ohne gesicherte Dewässerimg riskant. .In der Zone des Oelbaiimes ist abgesehen von dem, was mit künstlicher Bewässerung aiigchaut werde — die Paiimzuelit hei weitem vor/iiziclicn, denn die Bäume schicken ihre Wurzeln bis in Tiefen, die auch in trockenen Jahren genügend Feuchtigkeit enthalten. So wenig diese Länder mit ihrem langen regenlosen Sommer, wo alles von dem günstigen Eintreffen so• wohl der Frühwie der Spätreren abhängt, sich für den!Anbau von Cerealien eignen, so günstig liegen die Verhältnisse für die Bnumzucht. Im allgemeinen kann man sagen, daß Fruehthäuinc in der Zone des xOcIlmnncs mul des Feigenbaumes am besten forlkommeii, und daß dagegen die Cerealien um so bessere Bedingungen des Gedeihens finden, je näher ein Land zum Nord- oder Südpol liegt." Der Bericht sagt daun weiter, daß, seihst wo Cerealien einen guten Ertrag bringen, die Baumzucht ein Mehrfaches (bis zum Fünffachen) einträgt. Baumzucht — wie auch Gemüsebau — führe auch zu dichterer Bevölkerung und solle daher praktischerweise überall an die Stelle des Getreidebaues treten, und von dem Erlös des exportierten Ucbcrschusscs solle man — hei den bequemen und billigen Transport- Verhältnissen der Neuzeit — das notwendige Brotgetreide lieber von den Ländern her beziehen, wo cs unter günstigeren ■Bedingungen wachse. So weit möchte ich nun selbst dem Autor nicht folgen. Jedes Land soll wohl nach .Möglichkeit seinen eigenen Getreidebedarf nnbaucn, und ich bin ziemlich geneigt, auch der Forderung zuzustimmen, daß jede Kolonie ihren Brotbedarf durch eigenen Anbau decken solle. Aber d i e Forderung ist gewiß zu verwerfen, daß die neue jüdische Landwirtschaft sich auf die gröbsten Methoden und die einfachsten Produkte beschränken solle, weil cs einer Anzahl von Ideologen Vergnügen macht zu beweisen, daß der Jude auch zu den Berufen tauge, die ihm am allerwenigsten z.ugetrnut werden. Ausweis Schekel: Rappenau 2 Mk.. Kempen i. P. 5 Mk., Dessau 15 Mk.. Aachen 2 Mk., Stuttgart 3 Mk. Landesbeitrage! Berlin 10 Mk., Holicusalza 13,25 Mark, Gucscn 21 Mk״ Kempen i. P. 7 Alk., Mannheim 131,50 Mk., Aachen 10 Mk. Organisationsfonds: Dr. S. Bcrlowitz, Königsberg 5 Mk., Willi David, Mannheim 20 Mk., Dr. A. Jacobsohn, Hannover 5 Mk., 2. Rate, Mainz a. Rh. 5 Mk., aus Berlin 31,50 Mk, und Hamburg 4 Mk. (siehe ״Verschiedene Spenden"). Eingang vom 14.-19. Julis Schekel 27 Mk., Landesbeiträge 105,75 Mk,, Orgnnisationsfonds 70,50 Mark. Gcsamtcingangi Sclickcl 7752,55 Mk., Landesbeitrage: 5057,05 Mk., Organisationsfonds: 8913,25 Mark. י Der Untergang der : deutschen Juden betitelt sich eine volkswirtschaftliche Studie, die unser Freund Dr. Felix A. Th eil habe r soeben im yerlagc von Ernst Reinhardt, München, er• scheinen ließ*). Das Werk, auf das Dr. Ludwig Wassermann vor wenigen Wochen in unserem Blatte hittgcwlcscn hat, wird zweifellos In weitesten Kreisen die verdiente Aufmerksamkeit finden. Wir beschränken uns für heute auf die Wiedergabe der Begleitworte, die der Verlag dem Werke beigegeben hat, und verweisen auf die eingehende Würdigung der Arbeit, die wir in Kürze folgen lassen: ״Einen wissenschaftlichen Roman, in dem Ahasver» der ewige Jude, endlich seine Erlösung findet, nennt einmal der Verfasser sein Werk. Wahrhaftig I Wie ein Roman mutet uns das Werk oft an, so spannend beschreibt der Verfasser die Geschichte der dcutscheu Juden, Und das ist das Schöne an dem Buch, daß es uns unvermutet mit allen neuen Problemen der Volkswirtschaft, der Biologie, der Medizin vertraut macht, die hier einschlägig sind, olme dabei irgendwie schulmeisterlich zu sein. Während cs die eine große Frage zu lösen sucht, die auch unsere! •) 180 Seiten gr. 8״, Preis M. 2,50, zu beziehen durch die Sortimentsabteilung der ״Jüdischen Rundschau", __ Nr. 29 5 1 ״Misrachi“ und ״Disziplin11 1 s Als Antwort auf die vom Zentralkomitee de i''׳ ״Zionistischen Vereinigung > für Deutschland" \J H öffentlichten Resolutionen hat das Zentralkomitee; ' Zionistischen Föderation •Misrachi das Frankfurt״ t Zentralbureau 'einstimmig zur Veröffentlichung y f geiulcr Resolutionen ermächtigt, die wir nach*, stellend wiedergeben: 1. Das Zentralkomitee des Misrachi bedauert daß die beiden Ortsgruppen der ״Zionistischen Vc'rcini. gütig für Deutschland" in Nürnberg und Franki furt a. M., die eine große Zahl von Misrachistcii unter ihren Mitgliedern hatten, trotz aller Billen und Vorstellungen von dem Vortrag des Herrn Dr Mossinsohu nicht Abstand nahmen und da^ durch nicht mir das gute Einvernehmen unter den Zionisten gestört, Sondern auch die zionistische Be. wegung empfindlich geschädigt haben. 2. Das Zentralkomitee des Misrachi sprich! $0• wohl den Misrachi-Ortsgruppen als auch den ein• zclnen Misracliisten in Nürnberg und Frankfurt a, M, sein vollstes Vertrauen aus und dankt ihnen für ihre energische Abwehr irreligiöser Tendenzen in der do. nistischcn Organisation. 3. Das Zentralkomitee des Misrachi bedauert daß die Leitung der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland" nichts unternommen hat, um den den Misracliisten nufgezwuiigcnen Kampf, wozu sic ohne Schwierigkeit in der Lage gewesen wäre, zu verhüten und weist es zurück, daß dieser Kampf, der für die Misracliisten eine Gewissensfrage ist, ak Disziplinlosigkeit hingestclit wird. 4. Das Zentralkomitee des Misrachi spricht sein Bedauern darüber aus, daß das Zentralkomitee der Z. V, f. D. den Streit zwischen den Ortsgruppen durch seine Resolutionen zu einem Streitfall zwischen der Z; V. f. D. und der Föderation Misrachi gemacht hat. 5. Das Zentralkomitee des •Misrachi vermißt in den Resolutionen des Zentralkomitee der Z. V. I. D. eine gebührende Stellungnahme zu den Bcschimplun• gen von Angehörigen des Misrachi durch den Partei- Sekretär Herrn Kurt B1 u m c n f c I d. Wir haben aus Gründen der Loyalität keinen Anstand genommen, die vorstehenden Resolutionen zu veröffentlichen, müssen aber — ohne auf den Streit• fall sachlich einzugehen, was längere Auseinander• Setzungen erfordern würde — betonen, daß die Reso• lutionen des Zentralkomitees des Misrachi uns nicht geeignet scheinen, den Frieden wicdcrhcrstcllcn zu helfen. Es gellt doch unmöglich an, daß eine kleine Gruppe der hinter der Parteileitung stehenden über• wiegenden Majorität ihren Willen einfach auf• zwingt! Und ganz unerhört finden wir cs, daß die Zentralinstanz einer Föderation kein Wort der Mißbilligung findet für Mitglieder, die sich zweifellos gröbster Disziplinlosigkeiten gegen die Oe• snnitpnrtei schuldig gemacht haben — mögen sie nach Meinung der Föderation sachlich noch so sehr im Recht gewesen sein. Das k a n n und darf sich keine Parteileitung gefallen lassen, wenn tie nicht den Ast absiigen will, auf dem sic sitzt. Zeit noch mächtig berührt, deutet cs viele andere an. Es regt Avic wenig Bücher zum Nachdenken an. Welche Wichtigkeit hat nicht die Judenhaß« für die Politik des deutschen Volkes (antiscmiiPclic Be• wegung), für die Wirtschaft, für die kultmellc Ent• Wicklung, für ,die religiöse Frage. Es gibt keinen Gebildeten, der nicht in der einen oder .!״deren Frage irgendwie Stellung zu den von der deutschen Judenheit ausgehenden, oben angcdcute»m Ein• Bussen genommen hätte, oder der nicht gerade an diesem exquisiten Beispiel die Entwicklung »'•ner Bc־ völkerung studieren möchte. Es ist hochgradig interessant, wie der Verfasser das Problem der Unfruchtbarkeit kennzeicluct. Der weiße Tod tritt uns plastisch vor Augen und was er theoretisch von den Einflüssen des Kapitalismus und der religiös-sittlichen Welt hiezu zu sagen hat, das ist wohl eine der interessantesten nntionalökono• mischen Auslassungen der Modernen. Gerade der Umstand, (laß Dr. Thcilhaher von Hause aus Naturwissenschaftler (Arzt) ist und von hier aus die nationalökonomische Wissenschaft du• Gierte, gab dem Verfasser die Möglichkeit, vielen Fragen wie z. B, der der Entartung wirklich gerccni zu werden. Nicht nur alle, die an der Judenfragc interessier* sind, sondern jeder, der Sinn hat für den Werde* gang der Völker, wird das Buch mit Interesse lese״ und es nicht weglcgen. bevor er die letzte Seite kennen gelernt hat." r!. :. I-■ C f ,״ » I