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Jüdische Rundschau · 1911-07-21 · Heft 29 (21.7.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 331 Nr. 29 •jicfi Projekten. Ein Programm kann aber mir urCh tiefes Studium geschaffen werden, und 1S unterliell unsere Leitung. Es ist freilich nie 1 ‘ späf, das zu beginnen. ' Es mild aber jedem Kenner der Verhältii'sse ar sein, «lall sogar bei planmäßiger und syste־ atischer vorbereitender Tätigkeit in Palästina jr noch sehr weit von dem grollen Momente ,gerat sind, wo wir an eine Ansiedelung im rolleren Stile denken können. Unsere Arbeit t dazu viel zu schwer und viel zji mühselig, ’,H| nur in der ersten jugendlichen Begeisterung 01111le man an eine Wundermacht glauben, die stand•? wäre, die Tore Palästinas mit einem nie v״r dem Judenvolke zu öffnen, Gesetzt gar, .las Unmögliche geschieht und die 1111• chiiuli'le Einwanderung ins Land der Väter ן geg.ben, so würden wir uns doch sehr schnell 1it der tief schmerzlichen und demütigenden ׳alsaclie ahfindeii müssen, dal! die Judenmassen ״d vor allem die konstruktiven Elemente sich icht so rasch bewegen werden. Denn das Volk t jel/i noch ebenso wenig vorbereitet für den intriU ins Land, wie das Land für die Auf• alunc ucs Volkes. Und diese Vorbereitung es Volkes bat die zionistische Partei infolge Jncr ganzen Reihe von unliebsamen und tra• isclKi! Umständen sehr vernachlässigt. Diese Behauptung mag manchem paradox lingei;. Haben wir doch agitiert, die zionistische cc laut proklamiert, haben wir doch das Juden• ben mit neuen Werten bereichert, kurz einen c 11 c 11 Geist der Freiheit ins dunkle ictto getragen. Das ist alles wahr! Vieles ist geschehen, ber das ist bei weitem nicht genug. Vor allem erstand die Partei es nicht immer, diesen neuen leist der Freiheit zu einem jüdischen Geiste u machen, und wie oft klingen unsere besten ionistischen Reden und Schriften wie eine Nachihmung der Worte christlicher Freiheitskämpfer. Jcsomlers in Westeuropa fehlte immer die Vuclit des Unmittelbaren, der Kontakt mit der Urquclic 1 Es fehlte die Verbindung Jes Neuen mit dem altelirwürdigen Historischen. Die Offiziere der zionistischen Armee kamen a meistens aus Westeuropa. Sic leiteten die Schicksale der Bewegung. Erzogen in einem tinjüdischen Milieu, entrückt von der jüdischen Fradiiion, klammerten sie sich oft nur an die iußeren Formen. Den Inhalt, den die Osteuro• päer in diese Formen hineinzutragen strebten, racliteten sie aber gar oft als überflüssig, ja ach ihrer Auffassung als antizionistiscli, denn er Zionismus begann für die meisten von ihnen eider erst mit Basel. Jetzt noch, wo schon manche Brücke wischen Ost und West geschlagen ist, wo schon 'iel mehr gegenseitiges Verständnis herrscht, ist ic Kluft noch nicht ausgefüllt. Während sich H, die Westeuropäer über sehr komplizierte, mit allen Künsten und Klügeleien der Juris• Das kleine Büchlein (das auch eine gute Wieder• Igabe Ucs Oppenheimsclien Ricsserporträls enthält), [ist bei dem noch immer herrschenden Mangel an cmi;;crmaßcn brauchbaren jüdischen Jugendsehriften »ehr zu empfehlen, und das auch für unsere z i 0 ■ ״htische Jugend, obwohl es weder dem Stoff noch der Behandlung nach nationaljüdisch gehalten is'• Aber was kann das da ausmachen, wo Selm• siidit und Zorn in so reichem Maße zu finden sind, d!csc beiden Grundpfeiler alles Zionismus! C, Kaiser. Johann Gottlieh Fichte Bemerkungen mit Lcscfrüchten aus seinen Werken, zusammcngcstcllt von Fritz Abraham. Bl. Die Jugend als Vorkämpfer der nationalen Befreiung. Nur mit einem Gefühle bitterer Wehmut können "זי uns heute des frohen Optimismus erinnern, mit dem Theodor Hcrzl auszog, um das jüdische Volk fu seiner großen Befreiungstat zu einen. Er war so ltn tiefsten Innern überzeugt, für eine gute Sache zu streiten, und so groß war sein Olaube an den Ptcn Willen der berufenen jüdischen Vertreter, wie pr Reichen in Israel, von alt und jung, von Oc• lc״rtcn und erwerbenden Ständen, daß es ihm ganz selbstverständlich erschien,!daß sein Ruf allüberall pnulcnz ausgestattete Organisatiousstatutc den Kopf zerbrechen, scheinen die osteuropäischen Zionisten wenig Interesse an dieser Frage zu nehmen. Dagegen beschäftigt sie die Kernfrage der Bewegung: ״Wie kommt man Palästina näher?“ Don eben geschilderten Umständen haben wir es hauptsächlich zu verdanken, daß die so• genannte ״l< u 11 u r f r a g e“ aus dem Programm der Kongresse eliminiert wurde. Es war für die Frage weder Verständnis noch Sympathie. Bei der herrschenden rein ״meelianisüien“ Auffassung der Bewegung war für jüdische Kulturbestrehungen kein Platz. Oer Punkt des Baseler Programms, welcher die ernste Behandlung dieser Fragen uns zur Pflicht machte, wurde zu einem toten Buchstaben. Erfreulicherweise macht sieh aber eine andere .-.׳konutiiis jetzt bemerkbar. Die Notwendigkeit, die Kulturarbeit zu einem wichtigen Programm• pmikt zu erheben, wird jetzt auch von vielen früheren Gegnern Ungesehen. Nicht nur als Selbstzweck ist diese Arbeit unumgänglich notwendig. Die Schaffung jüdisch •nationaler geistiger Werte, die Belebung unserer Sprache, die Entwicklung unserer Literatur wird notwendigerweise zur endgültigen S y n ■ 111 e s e z. w i s c 11 c n jüdischer Kultur u n d e u r o p ä i s c h e r Z i v i I i s a t i o n führen — und dadurch zur Konservierung, Stärkung und Regeneration des ganzen Volkes. 1111 modernen Palästina, in der Türkei, so• wie in allen Golusländern müssen wir die Kultur• arheit mifnehmeii und auf diese Weise die Cadrcs der zukünftigen Zionskiimpfcr schaffen. Eine jüd isch• na tionaIc Schule in Palästina oder in Saloniki ist für uns unvergleichlich viel wichtiger, als eine Bankfiliale in Whitechapel, als ein ״diplomatischer Erfolg“ bei einem curopäisclien Machthaber, oder sogar als einige ״zio• nislisclie Sitze“ in einem europäischen Paria• mente. Wir werden in der Türkei die Judenhcit für uns gewinnen, wenn wir den türkischen Juden Erzieluingsgclegcniieit in unseren von uns gegründeten und von uns ge• leiteten Schulen bieten. Es ist vergeh■ lieh, Reiiincli und seine Genossen In Paris oder London mit Worten und Protesten zu bekämpfen. Der Kampf gegen die assimilatorische Tätigkeit der großen pliilantropisclicn Gesellschaften muß nach der Türkei verlegt werden und muß unsererseits in rein konstruktiver, aufbauender, schaffender Form geführt werden. * י * In das E. A. C. müssen deshalb Männer hineinkommen, die für diese schwierigen Fragen auch Verständnis haben und in dieser Beziehung leistungsfähig sind. Es wird sich als sehr nötig erweisen, genaue Kenntnis über das Erzichüngswesen im Orient zu gewinnen, mit den dort mit uns sympathisierenden Kreisen in Berührung willige Ohren, hilfsbereite Arme und offene Taschen finden werde. ׳ Und er hat dieser Zuversicht auch Ausdruck gegeben, indem er die moralische und praktische Notwendigkeit des Zionismus für die ver* schiedeneu Gruppen im Judentum in überzeugender Weise darlegte. — Es ist anders gekommen, Oer Kongreß wurde einberufen und die zionistische Bewegung geschaffen. Und als Hcrzl starb, hatte er die tröstliche Gewißheit, daß die Bewegung nicht untergehen wird, bevor ihr Ziel erreicht sei. Aber gerade jene jüdischen Kreise, auf die er so große I!* 1Öffnungen gesetzt hatte, haben enttäuscht. Um sie, die die Führenden des Volkes sein sollten, für das Werk zu gewinnen, ist eine langwierige zähe Aufklärungsarbeit nötig geworden. Nur die hegeistcrungsfiihige Jugend hat Hcrzls Zuversicht nicht zuschanden worden lassen. Sie ist uns die Gewähr der Zukunft. Was die Jugend zu so ausgezeichneten Vorkiimpferu des nationalen Befreiungswerkes macht, das hat Fichte in der letzten seiner ״Reden an die deutsche Nation“ in schönen Worten dargelegt. Sie seien •unserer jungen ־zionistischen Garde ins Stammbuch geschrieben: ״Diese Reden beschwören euch, Jünglinge. Ich, der ich schon seit geraumer Zeit aufgehört habe, zu euch zu gehören, halte dafür und habe cs auch in diesen Reden ausgesprochen, daß ihr noch fähiger seid eines jeglichen über das Ocmcine hinauslicgcnden Gedankens und erregbarer für jedes Gute und Tuchtige, weil euer Alter noch .näher liegt den Jahren zu treten. Wenn wir die Kuiturbediirfnisse des jüdischen Orients erst kennen, so können wir auch für deren Befriedigung eine Agitation entfalten. Es wird sich auch bald heraussteilen, . daß ein K ul t ur R c sso r t ebenso nottut, wie ein Palästina-Ressort. Wir werden für dieses Ressort auch leichter die Mittel finden als für viele andere Tätigkeiten; wir werden weite Kreise lim uns ziehen und vielleicht mit niodern-jü־ diselieu Gesellschaften Hand in Hand gehen können. Es ist auch eine Arheit, zu der wir vielleicht im gegenwärtigen Augenblicke am mciseut befähigt sind und für die wir am ehesten Kräfte genug besitzen. * * Mannigfaltig und schwer sind also die Ar• beiten, die uns in den wenigen Baseler Tagen bevorstehen. Mögen die Delegierten und die Leiter des Kongresses alle vom tiefen Ernste dieser Probleme durchdrungen sein und mit Ruhe und Verständnis ihre Lösung versuchen. Das wird die höchste Würdigung sein, die sie dem J u b i 1 ä u m s k 0 n g r c ß bezeigen können! Gartenstadt- Probleme Von Davis Tr icts ch. II. Manche argumentieren gegen die industrielle Ko• Ionisation, daß nur eine gcnerationcnlangc Vorarbeit ein Volksclcmcnt befähigen könne, auf dem Gebiete der Industrie erfolgreich zu konkurrieren. Da derlei Unsinn von unseren Fanatikern der nur-land• wirtschaftlichen Kolonisation gierig aufgegriffen wird, so muß man sich wohl damit auscinamicrsetzen. Hie! einige Beispiele. Der deutsche Konsul in Manila berichtet soeben über eine neue Industrie, die noch nicht zwei Jahre alt ist und deren Export jetzt bereits mehr als 21,י• «Millionen per Jahr ausmacht. Es ist die Herstellung geknüpften Hanfs, der statt Stroh und Seide zu Geflechten für Damcnhiitc und dergleichen verwendet wird. Es ist Frauen- und Kinderarbeit. Der rapid steigende Absatz hat schon die Japaner veranlaßt, philinoinUchen Rohhanf zu importieren, um ihn im eigen••« Lande weiterzuverarbeiten. — Gerte• rationenlang(• ',erarbeit! -- (Hanfbau wäre übrigens auch für P;*Hstinn geeignet.) Die Z i״״ r c 11 e n i nd u s tri e , die ictzt viele Zehntausende beschäftigt (worunter in fast allen Produktionsliindcrn auch zahlreiche Juden), ist in ihrer gegenwärtigen Bedeutung noch viel zu jungen Datums, als daß man von Generationen auch nur s p r c c h e n könnte. . rn der S p i t z c n I n d u s t r i c sind gelegen^ lieh innerhalb weniger Monate oder Jahre ganz neue Techniken in Gebieten eingeführt worden, wo früher derlei Arbeiten überhaupt unbekannt waren. Das Kunstgewerbe in seinen zahlreichen Zweigen benutzt in den Kulturländern allenfalls alte An• regungen in Materialien und •Mustern, aber die Aus- Übung hat gneist gar nichts mit ״ererbten Fälligkeiten" zu tun. Diese Beispiele •könnten bis ins Endlose fort■• gesetzt werden. Aber den schlagendsten Gegenbeweis der kindlichen Unschuld und der Natur. Ganz an• ders sicht diesen Gruiulzug an euch an die Mehr• heit der altern Welt. Diese klaget euch an der Anmaßung, des vorschnellen, vermessenen und eure Kräfte überfliegenden Urteils, der Rechthaberei, der Neucrungssucht. Jedoch, lächelt sie nur gutmütig dieser eurer Fehler. Alles dieses, meint sie, sei be• gründet lediglich durch euren Mangel an Kenntnis der Welt, d. h. des allgemeinen menschlichen Ver• derbens, denn für etwas anderes an der Welt haben sie nicht Augen. Jetzt nur, weil ihr gleichgesinnte rtchilfeu zu finden hofftet und den grimmigen und hartnäckigen Widerstand, den man euren Entwürfen des Bessern entgegensetzen werde, nicht kenntet, hättet ihr Mut. Wenn nur das jugendliche Feuer eurer Einbildungskraft einmal verflogen sein werde, wenn ihr nur die allgemeine Selbstsucht, Trägheit und Arbeitsscheu wahrnehmen würdet, wenn ihr nur die Süßigkeit des Fortgehens in dein gewohnten Ge• leise selbst einmal recht würdet geschmeckt haben: so werde euch die Lust, besser und klüger sein zu wollen denn die andern alle, schon vergehen. Sie greifen diese gute Hoffnung von euch nicht etwa aus der Luft; sic haben dieselbe an ihrer eigenen Person bestätigt gefunden. Sie müssen bc* kennen, daß sic in den Tagen ihrer unverständigen Jugend ebenso von Weltverbesserung geträuinct haben, wie ihr jetzt: dennoch seien sie bei zu• nehmender Reife so zahm und ruhig geworden, wie ihr sie jetzo sehet, leb glaube ihnen; ich habe selbst schon in meiner nicht sehr langwierigen Er•

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