Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651740--07851-2665048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I i ו! i!! ' I , 1 ו¬ ו I 1 1 * T, - «* Seite 330 JUED1SCH E RUNDSCHAU Nr. 29 Die völlig veränderte Situation stellt völlig neue Anforderungen an die Partei, und wir müssen unsere besten Kräfte auf den verantwort* lienen politischen Wachtposten rücken. Dieses Komitee und die Presse müssen auch mit den nötigen materiellen Mitteln ausgerüstet werden. Sie sollen die Politik zur Spezialaufgabe machen und vom administrativen Teil der Leitung ge* trennt sein. * Im Liebte der oben geschilderten Auffassung erscheint cs überflüssig, noch weiter auf die in der Türkei herrschenden Vorurteile gegen den Zionismus einzugehen. Wenn wir es aber doch in wenigen Worten tun, so ist cs nur deshalb, weil sich daraus einige sehr nützliche Lehren für uns Zionisten ergeben. Die bewußten Nationaljuden haben zur Oe* nüge von der Geschichte gelernt, wie wenig cs von jeher dem Judcnvolke genützt hat, wenn cs versuchte, seine Interessen mit denen irgend* einer anderen Nation zu verknüpfen. Wir als die Schwächeren würden immer naturgemäß die Aus* genutzten bleiben. In dieser Auffassung unter* scheiden wir uns prinzipiell von unseren halbassi* milierten Brüdern. Wir Zionisten wollen nicht mehr als Anhängsel irgend* einer Nation fungieren, wir wollen auch nicht von der Türkei als solches betrachtet werden. Das ist eine Herabwürdigung des alten Judcnvolkcs, die lange genug gedauert hat. Wir wollen geben und empfangen. Die Beschuldi* gungen der ״Times“, daß wir germanophile, gegen England gerichtete Politik treiben, beruhen deshalb auf krasser Unkenntnis der Orundprin2ipien der zionistischen Bewegung. Wir werden uns aber gar nicht wundern, wenn morgen irgendein deutsches Blatt uns anglophiler Politik beschuldigt. Wir Juden hatten immer unter diesen tragischen Millver* ständnissen zu leiden, die gar oft als eine tiefe historische Ironie sich gestalteten. Die einzige Antwort, die wir darauf geben können und wollen, ist: jüdische Politik zu treiben. Die sogenannten offiziellen Vertreter der Judenhcit, in den meisten Fällen die Haute Finauce, tragen den größten Teil der Schuld für diese verhängnisvollen Mißverständnisse. Sie waren es, die sich immer ״plus roya* liste que Ic roi“ gebärdeten. Sie wollen immer mehr englisch sein als die Eng-!ander oder mehr französisch als die Franzosen, während sie in der Wirklichkeit doch international sind, wie cs das Kapital selber ist. Die Interessen dieses kleinen, aber leider einflußreichen Teiles der Judenhcit sind den Interessen der national* jüdischen Volksschichten entgegengesetzt. Es ist deswegen heller Unsinn, die Zionisten für die Handlungen eines Sir E. Cassel oder irgend* eines anderen Magnaten jüdischer Abstammung verantwortlich zu machen. Wir haben ja diese Sache wiederholt bc- Gabriel Riesser Gabriel Riesser ist zweifellos unter den deutschen Juden der Emnnzipationsepoche eine der sympathischsten Erscheinungen. Sein Auftreten war allezeit von einer so strahlenden Wärme, von einer so tiefinnerlichen Männlichkeit und Würde getragen, wie wir sic bei den liberalen Urollen der Judenschaft von heule vergeblich suchen. ־ Das vorliegende Büch* lein*) gibt eine kurze Geschichte seines Lebens und Ringens. Sehr zu loben ist die reichliche Einflechtung von Stehen aus Richers Reden und Schriften. Jeder Jude, auch wenn er Rieders politische Anschauungen und Hoffnungen nicht restlos zu teilen vermag, ja, jeder Mensch, der noch nicht völlig abgestumpft ist, muß seine helle Freude an den herben, glut• vollen Ergüssen dieser Feuerseele haben! Nicht mit dem maUherzigcn Tolcranzphrnsentum, wie wir es heute von den getauften und ungetanften Parlaments• Juden In Deutschland bestenfalls hören, nein, mit olympischem I>01mcrzorn und echter Empörung (aber freilich im wesentlichen ebenso erfolglos wie jene!) schlug er auf Israels Verächter ein, wehrte sich gegen jeden von ihnen ״wie gegen einen Mörder“! ״Wohl mir, daß ich es in freier deutscher Rede kann, daß mindestens die Muttersprache, liebreicher als . > Gabriel Riesser* Leben und Wir- *en. Ein Buch für jung und alt, von Rektor Jos. OusUv* Engel״C LeiPriß WH. Verlag von tont und wollen auch auf dem Kongresse nicht unterlassen, weitere Aufklärungen zu geben, und wir hoffen, daß man uns doch, endlich hören und verstehen wird.. * * * Die internen Angelegenheiten, welche dieser Kongreß zu behandeln haben wird, sind nicht minder wichtig. Die Parteileitung, welche auf dem vorigen Kongresse erschüttert wurde, muß jetzt reorganisiert und gestärkt wer* den, die Finanzen der Bewegung müssen konsolidiert werden. Schon auf der Jahreskonferenz wurde im Prinzip der Verlegung der Z c n t r a 11 e i t u 11 g von Köln nach Berlin zu* gestimmt. Ohne auf die Pcrsonalfrngen jetzt näher ein* gellen zu wollen, möchten wir doch betonen, daß es für ein harmonisches Wirken der oberen Leitung notwendig ist, den osteuropäischen Zio* nisten, vor allem unseren russischen Gesinnungs* genossen, eine adäquate Vertretung im E. A. C. cinzuräumcn. Es war ein verhängnisvoller Fehler, den der Permanenz-Ausschuß iin Haag begangen hat, indem er um des lieben Friedens willen die tüchtigsten russischen Arbeiter aus dein E. A. C. ausgcschaltct hat. Wir sahen die Folgen davon in Hamburg, und wir werden uns hüten müssen, den Fehler nochmals zu begehen. Er könnte dieses Mal fatal werden! Ein harmonisch zusammengesetztes E. A. C. mit einem vertrauenswürdigen politischen Komitee zur Seite, könnte die Aufgaben unter sich aufteilen. Auf diese Weise würde das Schicksal des E. A. C. nicht mehr von der für uns so verhängnisvollen Geographie abhängen. Die ganze Leitung, mit Ausnahme der politischen, könnte in Berlin sein; die politische Arbeit aber dürfte vielleicht am besten von London oder Paris aus erfolgen. Diese Einteilung würde viele befriedigen, vor allein aber hätte sic gar manches politische Bedenken aus der Welt geschafft. Es wird Aufgabe des nächsten E. A. C. werden, die Pa r t e i f i n a n z e n im engeren Sinne zu konsolidieren, indem es erstens neue Einnahmequellen schafft und zweitens die ad* ministrativeu Kosten, die in den letzten Jahren so gewachsen sind, zurückschraubt. Aber auch die Fiiianzinstitutc, die Bank und der National* Fonds bedürfen eines engeren Zusammenwirkens mit dem A. C. Die Leitung der Bank hat sich tatsächlich so gestaltet, daß der Kongreß keine direkte Beziehung zu ihr hat. Aus rein teeb* nischen Gründen ist eine Behandlung der Bank* fragen am Kongresse schwierig; sic ist aber notwendig, und die Notwendigkeit wird mit jedem Jahre dringender! ln dasselbe Gebiet fällt auch die Frage des Nationalfonds. Dem E. A. C. muß jetzt vom Kongresse der klare Auftrag gegeben werden, der die Tätigkeit der Bank und des Fonds bestimmt. Eine klare, auch dem Laien verständliche Ucbcrsicht der ■״ .!■■׳—■;׳׳....,״׳« ■«.■״.״׳■.״״■ ...״■״״. ׳ ׳״׳־׳״ — ihre Jünger, sich mütterlich meiner annimmt und mir ihre mächtigen Waffen zu dem Kampfe nicht versagt! Vielleicht wird mein Gegner an dem derben Einste ihrer Streiche den Deutschen erkennen!“ Nicht minder wetterte er gegen die Täuflinge und gegen jene vollends erbärmlichen Geschöpfe, die, selbst im Judentum verbleibend, ihre Kinder der christlichen Religion zuführen und sie nun lernen lassen, daß die eigenen Eltern und Ahnen ״aus• geschlossen sind von der ewigen Gnade Gottes I“ Bittere Worte gab er auch den Leisetretern und Vcr* tuschcrn: ״Das Unrecht, das man erlitt, mochte man lieber verbergen und verschweigen, anstatt cs offen zu bekämpfen, wo man sich seiner zu schämen schien, anstatt alle Schmach desselben auf alle die, die es ausübten, zu wälzen. Wer etwas gelten wollte, der tat, als wolle er vergessen machen, daß er der Unter* drückten einer sei, als habe er es selbst vergessen und möchte er lieber alles in dem kümmerlichen alten Zustande lassen, als durch den Kampf au sein Leiden erinnern und erinnert werden. So drohte das Lebens• band der Liebe aus der entseelten Gemeinschaft zu weichen.“ Und wenn seine erste Schrift noch den Titel trug ״Ucbcr die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland, An die Deut* scheu aller Konfessionen.“, so nannte er schon seine im Jahre 1832 gegründete Zeitschrift: ״Der Jude“ und begründete cs ausdrücklich in der Einleitung, warum er nicht von Bekcnnern des mosaischen Glau* bens, sondern von Juden spreche: ״Wenn ungerechter Hall an unserem Namen haftet, sollen wir ihn dann l'inan/.gcbahrung der Bank des N.-F., der p. 1 D. C., der A. P. C, sowie der für die allernächste Zukunft existierende Arbeitsplan dieser Institutionen muß in Form eines Blaubuchs zur schleunigsten Veröffentlichung gc. langen. In den letzten Jahren ist ferner die sogc• nannte ״praktische Arbeit in Palästina“ ein inte• grierender Bestandteil der zionistischen Tätig, keit geworden. Der Widerstand der politischen Zionisten von der alten Schule ist zum ןן.\ן gebrochen, und die Leitung mußte schweren Herzens dem Drucke der Partei iiacligeben, ein Palästina-Ressort schaffen und allen palästinen• sischen Fragen mehr Taten als Heden widmen. Unter der Leitung des Palästina-Hessorts entstand eine Reihe neuer Einrichtungen, für die die Partei Geld und Menschen gab und geben wird Et ist liier nicht der Ort, auf eine Kritik dieser Arbeiten, die durchaus keine leichten sind, ein• zugehen. Wir können nur sagen, daß diese ganze Tätigkeit uns als eine experimentelle er* scheint, und schon als solche ist sie von ungeheurer Bedeutung. Die Partei mit ihren schwachen Finanzinstituten kann unmöglich selber an Großkolonisation denken. Kolonien werden überhaupt nicht von politischen Parteien geschaffen. Die Partei kann und soll rein vor• bereitende experimentelle Arbeit schaffen und dadurch der Privatinitiative die Wege ebnen und dem in jüdischen Kreisen lang• snm anwachsenden Interesse für Palästina durch bewußt durchgeführte gelungene Versuche großen Ansporn verleihen. Die sogenannten praktischen Zionisten, zu denen auch der Vcr• lasser die Ehre hat sich zu zählen, können keines• wegs die jetzige Kolonisation als Selbstzweck be• trachten — dazu ist sie viel zu klein und zu unsystematisch, sondern als Mittel znm Zweck, als Vorbereitung für die bessere Zukunft. Was man von der Leitung erwartet, ist, daß sic diese Arbeit mit aller Energie und Umsicht, mit gutem Willen, nicht notgedrungen, und mit einem Plan auch durchführt. Sic darf deshalb die P. L. D. C. nicht als Stiefkind betrachten, sie müßte die A. P. C. mehr zu einem p o I i t i s c h ־ k o I on i s a t o r i s c h e n Institute als zu einem reinen Geldinstitute machen, sie muß versuchen als ihre Ratgeber in all diesen Fragen nicht' nur K a u f 1 e u t e, sondern auch F a c 11 g c lehrte, wie Politiker, Agronome, Techniker und N a t i o n aIö k o no m en hcrnnzuzichen. Die schon in Palästina vorhan• denen ernsten Kräfte müssen in allererster Linie konsultiert werden. Die burcaukratische Regie* rung vom grünen Tische aus sowie die Vor• höhnung der ״Doktoren“ und die Anpreisung des alleinseligmachenden ״kaufmännischen“ Systems muß bedeutend eingeschränkt werden. Die Leitung hatte aber bisher keinen Arbeitsplan in Palästina, lebte von der Hand in den Mund. Die Arbeiten trugen den Charakter von verein• verleugnen, anstatt alle unsere Kraft daran zu sei/eit, ihn zu Ehren zu bringen? Sind wir nicht töricht mit unseren modernen umschreibenden Bezeichnungen? Glaubt mir, der Haß weiß seinen Mann zu finden, so gut wie der Todcsettgel, und solange er ihn sucht, wird er ihn durch tausend begütigende Namen hin• durch erkennen!" Wir Juugjudcn von heute, denen Derartiges — auch aus vielen anderen Gründen — als eine banale Selbstverständlichkeit, ja, eine jede ״Begründung“ hierfür schon komisch erscheint, vcr* mögen kaum mehr zu ermessen, wieviel Mut und geistige Selbstständigkeit damals zu solchen Worten notwendig war! Uebrigcns soll ja selbst in unseren Tagen die Rubrik ״mosaisch“ und ״deutscher Staats• bürger jüdischen Glaubens“ noch nicht ganz aus• gestorben sein. Mit Recht konnte Riesser Tassos Worte prächtig variieren: ״Und wenn der Mensch in seinem Schmerz verstummt, Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich ztirncl" Die Gabe des Witzes dagegen, die sonst gerade den leidenschaftlichen Politiker davor zu bc• hüten vermag, sich durch seinen inneren Zorn gar zu sehr mitnehmen zu lassen (Bismarck!), war ihm zu seinem Bedauern versagt. ״Wäre ich witzig, ich brauchte nicht halb so grob in meinen Schriften zu sein.“ Aber Zorn und Sehnsucht hat dieser Mann gehabt wie wenige. Die jetzigen Führer der deutsch• liberalen Juden, will mir dünken, haben keins von beiden. (Witz, übrigens auch nicht.) Dafür Angst und Eitelkeit. k j l i י 1; I 1 1 I j i 15 טססממי־־־ד