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Jüdische Rundschau · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 322 JUEDISCHE RUNDSCHAU Reihen zu bringen. Ich weilt nicht, was Herr Dr. Mossinsohn in seinem (Jvinnasiuiu lehrt, aber was er hier vorgetragen hat, zeigt seine Liehe zu Zion uml sein Streben, in Palästina mit zu helfen, 41m das Land zu einem richtigen ״Jmlenstaat" zu machen. Nach Herrn l)r. Mossinsohn sprach in nackender Weise Herr Parteisekretär Hin men fe Id über ״I) i e d e u t s c h e 11 J u d e n 1111 d der Z i ״ n is in us“. Seine Ausführungen fanden den Ich• haften Beifall der Zuhörer. Ivrl. Von der Kolonisation in Argentinien lieber die Sitzung der J c w i s 11 C o l o 11 i s a t i o 11 Association, die unter dem Vorsitz von Franz Pliillipson am I. Juli in Paris stattfand, sind wif in der Lage, folgendes zu berichten: Die Kolonisationstäligkeit der lea blickte dieser Tage auf ein zwanzigjähriges Bestehen ztiriick. Ls war am 5. Juli 1891, als die ersten Hunderte von Emigranten über Hamburg nach Argentinien gingen. Kurz vorher hatte Baron Hirsch den Plan der argen• tinischcn Kolonisation gefallt und eine Kommission entsandt, die die Landcsverhältnisse studieren und die nötigen Ländereien erwerben sollte. Ein Jahr war für diese Arbeiten vorgesehen gewesen, aber als im Sommer 1891 die russischen Judeuaustrcilnmgen viele Tausende über die deutschen und österreichischen Grenzen brachte, hat inan Baron II i rscli, ohne Vcr• zug einziigreifen, und so geschah es, dali die argen• tiin'sche Kolonisation ihren Anfang nahm, ehe die geplanten Vorarbeiten ordnungsmällig ins Werk ge• setzt werden konnten. Die langjährigen Mißerfolge (besonders in der ersten Zeit) dürften zum Teil wenigstens auf diese notwendige Ucbcrhastimg zurückziiführeii sein. Eine mangelhafte Auswahl der Kolonisten hinderte gleichfalls eine gesunde Entwicklung, tind Baron Hirsch, der im April 1800 starb, hat seihst nicht mehr viel Freude von seinem Plane gehabt. Noch zu seinen Lebzeiten hatte er die Jcwish Culonisatimi Association begründet, die nach seinem Tode das begonnene Werk weiterfiihrle und unter deren Leitung die Zahl der Kolonisten sich verdreh facht hat, während gleichzeitig in mehr oder weniger direktem Zusammenhänge mit der landwirtschaftlichen Kolonisation in Argentinien!eine s t ii d t i s c 11 c Niederlassung sich vollzog, die heule bereits über 70000 Seelen umfaßt. Die Kolonien liegen in den drei Provinzen Buenos Aires, Enlre Rios mul Santa F<5. Ihr Ciesamlareal ist über eine halbe Million Hektar*) und sie zählten am 30. September 1910 an jüdischen Kolonisten und Arbeitern 3777 Familien (21 115 Seelen). . Statistische Einzelheiten gehen aus folgender Ta• belle hervor. Die Kolonien zählten: Ende 1807 7015 Seelen It 1001 7 551 tt It 1003 7711 || »t 1000 11 074 1! H 1008 15771 H II 1000 10 301 t! Sept. 1910 21 115 »t nisten, bei denen in früheren Zeiten auf freiwillige Rückerstattung von Darlehen nicht zu rechnen ge• wesen war. Auch das Schulwesen ist mit der Ausdehnung der Kolonisation fortgeschritten, wie die folgcmleu Ziffern ergehen: IS‘I7 •I Schulen •I Lehrer '150 Schüler ״ 1530: ״ 155 ״ 50 1010 Schließlich klagt die Verwaltung über mancherlei Agitationen. Nach ihrem Kontrakt mit den Kolonisten haben diese den Bodenpreis in einer längeren Reihe von Jahren abzutragen, Nun stellen Einige das Ver• langen, ihre Abzahlungen schneller leisten zu dürfen, um so von der Verwaltung unabhängig /» werden. Diese aber geht nicht darauf ein, weil ihrer Ansicht nach die nugebotcncii Geldbeträge nicht von den Kolonisten, sondern von Spekulanten stammen, die den inzwischen sehr viel wertvoller gewordenen (iruml uml Boden aufkaufen möchten. Damit aber ginge der Zweck des Unternehmens verloren; mit der Langsamkeit der slipuliertcn Abzahlungen hatte man gerade beabsichtigt, die Kolonisten und ihre Familien längere Zeit durch diese Art von Zwang au den Boden und an die Landwirtschaft zn fesseln, um sie griiiul• lieh au den neuen Beruf zu gewöhnen. Lin Kolonist hingegen, der seinen Besitz, verkauft, würde aller Wahrscheinlichkeit nach sich sofort einem städtischen Beruf zuweiiden, und das solle eben möglichst verltin• dert werden. ״ Dies ist die Darstellung der lea. Bekanntlich gibt es auch eine andere Version, welcher besonders Leo Chasauowitseh in seiner früher hier besprochenen Broschüre Ausdruck gegeben hat. Wir können nicht nmiehmeu, daß die von der lea vcr• tretciie Auffassung völlig und ausschließlich den wirk• liehen Verhältnissen entspricht, wenn sie auch für manche Fälle zutreffen mag. Der größte Felder der argentinischen Kolonisation dürfte aber in der viel zu extensiven Wirtschaft liegen, wodurch die K0I01 nisten vereinzelt uml au jedem gcmciitdcmüßigcu und kttlUiiellen Zusammenhang gehindert werden. Trotz• dem die l.aiulesverhälluisse Argentiniens zu solchen Bewirtseliaftungsarten fast zwingen, hätte mau bei besserem Verständnis für die Eigenart des jüdischen Kolonisten doch manche dieser Mißstände mildern und beseitigen können. Alles in allem zeigt das Bei• spiel der jüdischen Kolonisation in Argentinien, wie viel bessere Resultate sich in günstiger gelegenen Ländern mit solchen Mitteln hätten erzielen lassen. Die letzte Ziffer setzt sieh wie folgt zusammen: Kolonisten 2103 Familien 11 289 Seelen Arbeiter 1205 ״ 820 6 ״ Das jüdische Arbeitvrclcment in den Kolonien Argentiniens ist noch ziemlich neuen Datums. Im Jahre IW betrug ihre Seelenzahl erst 836. hu Jahre 1807 waren in den 3 Kolonien Moiscs• villc, Mauricis und Clara erst •10 85t Hektar unter Kultur, im Jahre 1010 waren es LH 320. Die Produktion stieg in ähnlichem Maße. Sie betrug bei den einzelnen Artikeln (in englischen Zentnern): 100•t/5 1000 ' Weizen 108 055 270132 Flachs 50 712 00 150 ' Mais 57620 108021 Der Viehstand der Kolonisten stieg von •II 102 im Jahre 1001 auf über 180000 im Jahre 1010. Dei* Gesamtwert sämtlicher Ernten betrug 1000 3080 001) Dollars und dürfte letztes Jahr noch höher gewesen sein. Ein noch besseres . Bild von den Fortschritten der Kolonisation bietet nach den Mitteilungen der Ver• waltung das stetige Anwachsen der Rückzahlungen, Von den Darlehen, die die lea den Kolonisten gewährte, wurden nämlich zurückerstattet: Im Jahre 1800 1800 1001 1005 1010 H H )» 1 724 Dollars 21 025 113858 2t l 261 538420 Nr. 28 Brief aus Holland Von unserem Korrespondenten. Die Alliance-Versammlung In Amsterdam Geständnisse des llcrrn ülgart Die ordentliche jährliche Generalversammlung der Abteilung Holland der Alliance fand, wie uns in Ergänzung unseres vorwöchlgen Berichtes geschrieben wirdj am 2. d. M. in Amsterdam statt. Obgleich die fagesordmmg nichts Besonderes bot, erwartete doch jeder, daß die großen Fragen, welche jetzt die Alliance beherrschen, auch in dieser Versammlung zur Geltung kommen würden. Nicht am wenigsten trug dazu der Umstand hei, daß das Bureau der holl. Abteilung das C, C, gebeten hatte, einen Delegierten zu dieser Versammlung zu entsenden, und daß das C. C. dieser Einladung sogar in der Weise Folge geleistet hatte, daß es nicht nur einen, sondern sogar zwei Herren delegierte, Die Herren Mn chic! s und B i g a r t waren anwesend und ergriffen in der öffent liehen Versammlung, welche, wie immer, vor der ge wohnlichen Versammlung statlfand, das Wort. I lerr M a c 11 i e I s betonte, daß diejenigen, welche das Wirken der Alliance nicht anerkennen, nicht gut informiert sind. Deshalb würde der Herr Bigart ein gehender referieren. Herr Bigart hielt 111m ungefähr dieselbe Rede wie in Basel. Er sprach zuerst über die F a I a s c h a s und betonte, daß mau für sie nichts habe tun können, weil sie in kleinen Gruppen zerstreut wohnen. Er kam daun aut die Beschuldigung zu sprechen welche gegen die Pariser Leitung erhoben wird, daß man von diplomatischer Arbeit für die verfolgte Judenheit zu wenig höre. Solche Arbeit müßte gerade vertraulieh geschehen. Von der Pallfrage in Rußland ,wollte er nichts Weiteres sagen" - d. h. wohl in der Sprache des Herrn Bigart. daß er sehr viel hätte sagen können. Interessanter^ und auch ausführlicher aber war, was er über das Schulwerk erzählte. Indem er viele Schrift• lin allgemeinen rühmt die Verwaltung das Er* wachen de» Verantwortlichkcitsgcfühlg unter den Kolo• 0י, vi«*. wie die Kolonien in Ä Äffi!“' U״' b״räd,״lch™ ״nbc stücke vorzeigte, behauptete er, daß der Unterricht in den Schulen religiös sei. Mau sollte die Kinder m der Schule in Jerusalem nur befragen, z. B. wer Spinoza war, und sie werden es alle wissenI (Bcwe• gtiug und Gelächter). Und aus der jüdischen Ge• schichte, nämlich aus der Geschichte der Juden in Lxd, wissen die Kinder mehr als mancher Teilnehmer dieser Versammlung. Er erzählte, wie viele Stunden m der Woche in den verschiedenen Schulen der hebräischen Sprache gewidmet sei. Die Zustände im Orient sind aber andere als in Europa. ״Im Orient hält jeder den Sahbath und jeder ißt koscher.“ (Gelächter.) Da aber ‘!״-׳ - ' .. .... außerordentlich günstig. Mim glaubt, die Alliance habe die modernen Ideen in den Oricnl gebracht. Die Lehrer seihst aber sind alle Original״.׳ welche in Paris ausgehildet worden sind. Aber ,'״ן! Alliance habe sogar die y״rsieht augeweudet, daß t|..r Unterricht in jüdischer Geschichte und in Ihbraisdi von Rabbinern erteilt wird, Man sollte d<n׳l! "ז1ןזן denken, daß die Juden im Orient Kinder 1,ווויי• wen״ der Unterricht, wofür sie zahlen, nicht gm w.jH. so würden sie als die ersten Klage füni.ti. ן!,,', Schulen werden von allen Autoritäten, in den k-t/tcn lagen noch vom Minister des Unterriehl־, m Tüikei, öffentlich gerühmt. Wenn die SchiiLr nicht fromm bleiben, so sei das nicht die ScImM t|cr Alliance. Die Rede fand ziemlich großen Beifall.!),, Opposition aber schwieg nicht lange. Zuerst pr.i.ß I lerr Dr. jtir. S. F r a n z i e B c r e 11 s t c i 11. I r wjj״ darauf hin. daß Herr Bigart überhaupt nichts N'eu.s erzählt habe. Fr sei aber doch cingcladeii e, >rdcn weil man annelimeii konnte, daß er über du• u;־ehul denen Fragen in der Alliance reden würde, v. ilircml Herrn Dr. A. S. Yahuda ans Berlin, der du Vcr• hültnissc im Orient ans eigener Anschauung kein;., t|cr Zutritt verweigert worden sei. I >r. Yahuda sei d luiocli nach Amsterdam gekommen, habe heute als l orr״•. spondent von ״Ost und West“ Zutritt verlangt, sei aller wieder abgewiesen worden. Dr. Fran/ic Bereu• stein beantragte mm zuerst, Herrn Dr. Yahuda Ljn. tritt zu gewahren. Redner sagt weiter, er könne den Pariser I Icrren und namentlich I lernt Bigart nicht das Vertrauen schenken, das sic verlangten, weil ll.rr Bigart seihst gestanden hat, die antizioiiistisehe Rede des Herrn Leven seiner/eit türkischen Zeitungen zur Verfügung gestellt zu haben (Herr Bigart sprini׳! wittend auf); und weiter, weil hei den Waiden fur das Zentralkomitee Unrichtigkeiten vorgckoiiiincii und naehgewiesen worden sind. Redner beantragt, daß die Versammlung beschließe, eine Untersuchung über die Wuhlmetliodcn eiiizuleiten, da, wie es heißt, Reittach gewählt worden sei. Herr Machicls (Paris): Das Zentralkomitee sei nicht Bigart; Bigart sei nur ein Beamter. Was die Wald Reinachs betrifft, so Italic dieser sein Amt nieder• legen wollen. Seine Kollegen i in Zentral• k 0 in i t e c It a 11 c u i h m a h er dies n i e 111 g c stattet. Sic bedauern ebenso sehr wie die heutige Versammlung, daß Reinach die bekannten Aeulie• nmgcu getan; aber man soll darüber seine grollen Verdienste nicht vergessen. Redner betone aber; Vi/c• nräsidciit will Reinach keinesfalls wieder sein, und Präsident wird er gewiß niemals Werden. Der Vorsitzende, Herr Dr. jur. B. Ascher, gibt eine Darlegung der verschiedenen Vorfälle, ll.rr Bigarl sei im April d. J. vom Schriftführer eiiigcl.ulcii worden, zu dieser Versammlung zu kommen, uml habe die Einladung angenommen. Damals war von der Sache Reinach ׳überhaupt noch nichts lick.und; aber auch der Vorstand der holländischen Abteilung sei nicht für Reinach gewesen. Am 12. Juni habe Dr. Yahuda beim Vorstand angefragt, oh der Vorstand es erwünscht erachte, daß er der Versammlung beiwohne. Es sei ilnn geantwortet worden, der Vorstand erachte es nicht für erwünscht; Herr Bigart, der in dieser Versammlung als Gast anwesend sein würde und des• halb zuerst befragt worden sei, habe nämlich ge• schrieben, daß er in diesem I alle nicht kommen wurde. Nun habe Dr. Yahuda als Journalist Eintritt verlangt; das könne er nicht billigen, und deshalb habe er ihm auch jetzt den Zutritt verweigert. Diese Mitteilungen wurden vom Schrift!!!rer Herrn l)r. Lioni ergänzt; aus seinen Worten ׳•ing hervor, daß die Anwesenheit des Herrn Bigar! dem Vorstände auch schon aus dem Grunde erwünscht schien, weil, wie Herrn Bigart geschrieben v.iulc - eine grolle Erregung gegen die Schulen hei׳ .che und einer der Oherrabhiner sogar seine Feind ehaft gegen die Alliance gezeigt habe. Herr Oherrabhiner L. Wagenaar, der uuume‘ r zu Wort kam. erklärte, er könne nicht länger Mita Feiler in der Alliance sein. Er habe in der Koiiuni 11< ו י, welche vor einigen Jahren in l lotland ernannt wv.tdv, um die Beschuldigungen gegen die Alliaiuvsc'<:den zu untersuchen, seine Beschwerden mitgeteih. riese Kommission, der auch der Vorsitzende und 8• iuift• führcr angehörten, sei dermaßen unter dem Eir nick dieser Klagen gewesen, daß ׳man erwogen h.d! ־. ob nicht die Gelder der Allianccmitglicdcr in IU *Lind mir für die Juden Rußlands und nicht mehr Gr die Schulen ahgeführt werdet! sollten. Dennoch l> ili.m jetzt der Vorsitzeiule und der Schriftführer na״׳ der Kommissioiisversammlung Herrn Bigart, die Ve1G־r|H• rung dieses Schulsystems, eingeladcii und Ilern V.1• liuda, der die Angelegenheit von der anderer ־Lite hätte beleuchten können, den Zutritt verweigert. Venn dieser als Korrespondent Zutritt erlangen woli •׳, so sei dies sein gutes Recht. Der Vorstand soll aber nicht meinen, daß mau durch solche Einseitig^ ח den Frieden erlange; im Gegenteil dieselbe Einseitigkeit in der Wahl der liispcktionskommission habe den Streit verursacht. Deshalb wolle er seine Dciiii'Sion als Mitglied des holländischen Komitees cinreuheii; er wolle dies aber nicht tun, bevor er nicht wis•»•׳, ob die Versammlung unparteiischer sein werde und I leifii Dr. Yahuda Eintritt gewähren werde. Wäre dies nicht der Fall, so würde er sieh genötigt scheu, seine IL׳• mission zu geben und dies schriftlich zu tun. Er verlas er mne Sammlung. Nach Verlesung dieses Briefes wurde auch noch von underer Seile Herrn Bigart der Vorwurf gemacht, daß er die antizioiiistisehe Rede des Herrn Leven nach der Türkei geschickt habe; bei diesen Worte« 8prang abcimals Herr Bigart sehr erregt auf u«״ M ״■זי? <■ •J f■ ♦i

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