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Jüdische Rundschau · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Verbandstag — im Frühjahr 1911 in Hannover Form gewannen, cincrscils in einer überaus klärenden Programmrede Bluiitcnfelds, andererseits in einem von «iclitzionistischcr Seite gestellten Anträge, den das Ncutrnlitätspriiuip entbatleiKlen Progranuuparagraphcu des VerbamJsstatutes dergestalt zu rektifiv.ieren, dall ein Milibrauch desselben in oben ausgeführler Weise kiinftiglich nicht mehr möglich wäre. In diesem Sinne kann man daher füglich von einer ״Krisis" in der jüdischen Jugomlvereiiisbewegung sprechen. Die zur Grümlungs/eil ein wenig iibertünchteu (iegensät/.e prallen mit verdoppelter Heftigkeit aufeinander. Es kommt zu Streitigkeiten, Kämpfen, Sprcngungsversuchen und zur (iründung von Konkurrenzimternchmungen — kur/um, wir haben cs mit einer regelrechten Krisis zu tun, die zur Lösung drängt. Hans Ooslar, der seine Sachkenntnis in dem charakteristischsten, weil die stärksten Gegensätze vereinenden Verbuudsvercin, dem Berliner Jugendbtuul erworben hat, unterzieht sich der Aufgabe, diese Krisis zu untersuchen und zu durchleuchten, die vor• bamlcnen Gegensätze klarz.ulegen und aus den vorhamlcuen Konstellationen Schlüsse z.u ziehen auf die Art einer etwaigen Lösung. Seine in jedem betracht empfehlenswerte Broschüre *), die unter obigem Titel erschien, zerfällt in zwei Teile. In dem ersten, tlico• retischen Teil uiitersuclit Ooslar die in der deutschjüdischen Jugend vertretenen Richtungen mul sucht Klarheit darüber zu schaffen, in welcher Form und i»1 welchem Orade sie noch dem Judentum augehöre», er untersucht, was den Liberalen, den Orthodoxen und was den Zionisten ans Judentum kettet. Er sondiert die Ursachen für die ständig zunehmende Entjudaisicrung unter der jungen Oeueralion und findet sie in der Leerheit und unjüdischen Ideenlosigkeit des bisher gelehrten Kcligionsjudentmns, wenn es als liberales Judentum, in seiner Unfähigkeit, die jiiodcrncn Bedürfnisse der Jugend zu befriedigen, wenn cs als orthodoxes Judentum auftrilt. Er weist nach, dal) der Zionismus diejenige Formulierung des Judentums ist, die bei überaus hohem jüdisch-ideellem Oelmlt auch den modernsten Anforderungen genügt und die daher auch vermag, die Indifferentesten und Gleichgültigsten mit neuem jüdischen Interesse zu erfüllen. — Der zweite, mehr praktische Teil bringt eine kurze Nutzanwendung auf den Verband und enthält lediglich die aus dem Vorangogimgenen rosul• tieremle Uebcrz.eugung, dall die zionistische Idee, will sagen, die von den einzigen ideellen Stützen des Verbandes getragene Idee, ״sich siegreich unter der jüdischen Jugend ausbreiten und alle diejenigen in seinen Bann zwingen werde, die ehrlich und inbrünstig um ihr Judentum kämpfen." Hierin sieht Goslar die Lösung der Krisis, die unaiisbleibbare, aber auch die beste Lösung, denn ״eine starke zioaistischc Jugendbewegung bietet die sicherste Ge• wiiltr für die Erhaltung des Judentums in Gegenwart und Zukunft". Man weilt, wie klein die Zahl derer ist, die ein pffenes Wort vertragen, ohne wild zu werden. Man wird sich füglich kaum darüber wundern können, dall das durch seinen Ghettogeist sattsam bekannte, durch die Einauzipatiousumnmer rettungslos dom Fluche der traurigen Lächerlichkeit auheiingefallene ״Verbandsorgan" sich bemüßigt fühlte, den vulkaui- *) Eine Broschüre von Hans Ooslar, Verlag Louis Lamm. scheu Eiitrüstiiiigsaushrüelien eines Rfdr. Karl Löwen• stein im Sperrdruck Raum zu geben. Unser Freund Ooslar bat besagtem Kritikus mit seiner Broschüre einen jämmerlichen Schrecken cingcjagt. Die 1hco־ retischen Auseinandersetzungen /.war streift besagter Kritikus kaum, obwohl er besser täte, sie zu witler-!egen, statt Zeter und Mordio zu schreien. Und wo er sie streift, stutzt er sie seinen Zwecken zu. So hat, nebenbei bemerkt, Ooslar keineswegs behauptet, dall ״unsere herrliche Bewegung“, wie sie besagter Kritikus emphatisch nennt, ״ausgegangen sei von zionistischen Kreisen (S. lö)." (Wie vertrauen* erweckend sich doch so ein Hinziifügeii der Seitenzahl innelil!) Vielmehr konstatierte Ooslar lediglich, dall die Gruppe der Zionisten ״als erste auf dem Plan erschien, als dCr Weckruf an die gesamte jüdisehe Jugend erscholl hu übrigen wendet sich besagter Kritikus rasch zu dem Sehliiilsatze der Broschüre, iler von einer zu• künftigen, mehr zionistischen Gestaltung des Vor• baudes spricht. In erster Linie imill es als leichtfertig cliarak• terisierl werden, wenn mau Hans Ooslar den Vorwurf macht, dall er danach trachtet, ״unsere lierrliehe Bewegung zu Parteizweckcn aus/ubeuten oder gar in eine Parteiorganisation z.u verwandeln." Denn erstens hat Hans Goslar lediglich seiner Ucbor• Zeugung Ausdruck gegeben, dal! sich nach Lage der Dinge die Ziouistisicriing des Verbandes auf die Dauer gar nicht werde vermeiden lassen, dergestalt zu• mindest, dall alle, die nur ein negatives, frisiert gesprocheu: die mir ein liberales Interesse am Judentum haben, herausgedriingt werden, so wie es in Berlin tatsächlich bereits der Fall ist. Zweitens aber ist es lächerlich, hier überhaupt von P a r t e i b e s t r e 11 וו iigi-11 zu sprechen. E«s ist an der Zeit, dall einmal auch hier mit der albernen Begriffsverwirrung auf• geräumt wird, die da faselt von einer zionistischen), einer liberalen und einer orthodoxen Partei im Jugend* verband. Eine ״Partei" innerhalb des Judentums können nur Vertreter einer Richtung bilden, die eine andere Richtung innerhalb des Judentums nicht dulden, sie bekämpfen und aiisschliellcn. Darum kann man von einer orthodoxen Partei reden int Judentum, dem! sie schlicht alle Nichtorthodoxen aus; von einer liberalen, «leim sie bekämpft die Orthodoxie und den Nationalismus. Wie aber kann mau «len Zionisnius eine Partei nennen im Judentum, da er sielt den Walilspnieh erkor: ״Nichts Jüdisches sei uns fremd?" Der Zionismus hat als Grundlage die These des All• judeutuins, die ausnahmslos allen wahrhaft positiv Jüdischen ein Ziel gibt *- wie kann man ihn da eine ״Partei" nennen im Judentum? Der Zionismus kämpft gegen keine Richtung im Judentum und schiiellt keine aus; er kämpft lediglich gegen eine Bewegung, die /.iiiii Teil bereits aiiilerhalb des Judentums stellt, zum Teil aus dem Judentum hetausdrängt, gegen einen Liberalismus, der das Judentum in jeder (natioualer und religiöser) Hinsicht der Auflösung nahe bringt. Aber das ist kein Kampf der ziouisUschen Partei gegen die liberale, es ist der Kampf aller positiv jüdisch Gesinnten gegen eine tutmul anlijüdischc Bewegung. Der Zionismus ist keine Partei, er ist lediglich eine Formulierung des Judentums und zwar, die weitgehendste und darum die grundlegendste, Darob ist der Pathos des besagten Kritikus ein liiehcr• lieber, wenn er schreit: ״Das Höchste darf nicht die Partei sein, das Höchste muil uns stets das Judentum sein." Denn wenn man uns durchaus zu einer HerzI und der Nachwuchs von Chcskel Z'wi. Sieben Jahre ist Theodor HerzI tot! Eine neue Generation, die Hcrzl, da er lebte, nicht kannte, ist nun herangewachscn. Eine Generation, die ihn nie, gleich der vorigen, sah, wie er zu Basel im Angesichte der Welt den Kongreß cinbcrjcf, ein Geschlecht, das in seiner ahnungslosen Kindlichkeit flicht mit lauschendem Ohr wartete, ob nicht Kunde käme von ihm, der mit Fürsten und Königen über seines Volkes Wohl beriet, ihnen ebenbürtig, unter den Fürsten ein Fürst. Auf uns bat sein Auge nicht geruht, wir haben das seine nie erschaut, Wir spürten den Abstand nicht, ats andere Männer die Bresche füllten, die dieser eine Mann!Unterließ, wir sehen die Bewegung andere Pfade ziehen, als HerzI sic ihr wies, *1״d trotzdem, auch für uns, für den Nachwuchs, ist HerzI ״ .וזאיש טשהDer Mann Mose", der Einzig■ artige! Einen Mose kennt das Judentum nur und einen Esra, 80 wird cs auch in Ewigkeit nur ciuer HerzI kennen. Sieben Jahre ist Herz! totl In unserer kurzlebiger ~cit ist das Frist genug, um aus dem Andenker eines Mannes alles schwinden zu lassen, was von Alltag auch am größten haften bleibt. So stört kcii unharmonischer Zug das Bild des Mannes, den auc! Ä״gCVcrch״n 011 dcB wiedererwachten jüdische! Volkes ersten großen Toten. Vielleicht Hegt unserem Qefühle für diesen Man! instinktiv die Empfindung dessen zugrunde, daß ein Fühlen und Denken erst dam» Bestand und Dauer haben könne, wenn der, der zuerst so gefühlt und gedacht, nicht mir in diesem Fühlen und Denken gelebt habe, sondern daß er in ihm auch gestorben sei. Es ist, als trage dieser Tote die Idee hinüber in das Reich des Ewigen lind Unveränderlichen, als •schlössen׳ erst Erdschollen Lippen so fest, — daß kein Wort des Widerrufs aus ihnen dringen könne, Bis zu llerzls Tode war sein Werk, sein Wollen und Wünschen anfechtbar und angreifbar. Als er seine Augen zum ewigen Schlafe schloß, da rückte, was er geschaffen, hinaus über die Grenzen des Zeitliehen an den Rand des Ewigen. So ist uns Herz! überkommen. Was Wesenhaftes an ihm war, das ist uns geblieben, Viel war unsern Vätern vor uns vorausgegeben, da sic Th. Hcrzl sehen und hören durften. Viel ward aber auch uns gegeben, das Ewige an ihm. So stehen wir nicht minder treu zu ihm, wie unsere Väter zu ihm standen. So soll auch unser Nachwuchs zu ihm stehen. Theodor Hcrzl, wir nehmen deinen Schwur auf, wir, die junge Generation, das Israel der kommenden Jahrzehnte. Und wir wiederholen ihn heute, am Tage, da du von uns gingst, mit jenen, die vor uns zu dir kommen werden und für die, so nach uns erstehen werden aus dem Schoße deines Volkes: אם אשכחך ירושלם תשכח יטיגי ״Wenn Ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte 1" ״Partei" stempeln wollte, so wären wir eben die Partei derjenigen, denen ״das Höchste das Judentum ist". Darum ist es lächerlich und überflüssig, aber heimtückisch und verhetzend, mit einem Worte: jsj es wahrhaft jüdisch-liberal, zu behaupten, wir ״versündigten uns an unserer herrlichen Bewegung umj ver!et/kn das Vertrauen der andersgesinnten Vereins, brüder, die für das Judentum arbeiten, nicht aber für fremde Parteiiiiteressen". Durch nichts charakterisiert sich besagter Kritikus mehr als dadurch, daß er den Zionismus ״fremde Partciiutcressen" nennt — - - Ob sich besagter Kritikus bewußt ist, daß die ganze herrliche Bewegung ihrer Herrlichkeit ent. kk-idet und reciit armselig an/uschnucn wäre ohne die ideellen Werte, die sie dem Zionismus dankt? Ob auch besagter Kritikus weiß, daß so mancher, der heute im Verbände eine Rolle spielt, nicht mir der von ihm mit Sympathie Zitierte, ״sich längst hätte taufen lassen, wenn nicht die Zionisten gekommen wären V" Wahrlich, die liberale Kritik unseres lierrlidun Vcrhamlsorganes hat die Vorzüge und Wahrheiten und vor allem die Notwendigkeit der Goslarschen Broschüre besser bewiesen, ats ein Zionist cs vermöchte. H e i n r i e 1» M a r g u 1 i e s. Israelitische Philantropie und jüdische Politik Von Dr. S. M. M 151 a in e d , London. Vieles kann der geldgcwailige und über/euguiigsarme Israelit entbehren, nur den armen Juden niclil. Der Anglo-Saclise mosaischer Konfession aus Daidesheim, der Vollbhitgermanc mosaischen Bekenntnisses aus Wronkc oder Krotoschin kann und muß sich so manches versagen, z. B. das Präsidium eines Krieger• Vereins, die Mitgliedschaft eines vornehmen Klubs des Wcstcnds, die Freundschaft des Majors a. D. . . . den Grad des Reservelcutiiants, christlichen Besuch am Weihnachtsabend, wenn der Weiluiaclilshaum aus tausend Kerzen zu Herrn l.cvy spricht . . . aber ohne den armen russischen Juden ist seine Existenz ebenso unmöglich, wie ohne Luft und Licht. Denn der arme Jude, dem er eibarmiingsum! verachtungsvoll sein Almosen sehenkt, führt ihn, indem er durch ihn ein Retter der Menschheit wird, auf die Höhen des Lebens. Der Israelit philaiitropisiert sich sozial und politisch empor, um später von oben sich an dem armen Juden, durch den allein er sich hat cmporklimmcn können, zu rächen. So ungefähr und in diesem Stil würde ich ein literarisch-ästhetisches Essay über dieses schmutzige Thema anfangen. Aber wenn ich an die isracli• tische G e f a 11 ge 11 s ch a f t der J11 d e 11 denke, überkommt mich ein schwerer tragischer Ernst, der die Lust zum Schönschreiben in mir unterdrückt. Ich kann nur noch Tatsachen registrieren. Wochein wocliaus lese ich in den Zeitungen der englischen Metropolis und in jüdischen Zeitungen, die von Christen gelesen werden, daß der jüdische ״Board of Gardiens" (I lilfsverein) so und so viele hunderte Pfund Sterling an a rme russische Juden ausgetcilt, und ebenso oft lese ich in den Zeitungen die Eingänge für den Board of Gardicns. Oft überrascht ein edler Geher den Hilfsvereiu mit Johann Gottlieb Fichte Bemerkungen mit Lcsefrüchtcn aus seinen Werken, zusammeugcstellt von Fritz Abraham. II. Fichte als Prophet des Deutschtum». An den Schluß seiner dritten ״Rede an die deutsche Nation"*) setzt Fichte einige Sätze aus den Schriften unseres Propheten E/.echUL Es ist das Kapitel 37, das uns Jtmgjuden durch die prächtige Umdichtung Israel Auerbachs ״Das grolle Wecken" besonders nahe gebracht wurde. Dieses Zurückgreifen auf die Zeiten der Propheten hat gewiß etwas Absichtliches, und Fichtcs Neigung zu biblischen Vergleichen läßt sich unschwer aus seiner theologischen Vorbildung erklären. Aber cs Ist doch alles andere eher, denn eine leere Pose. Er mag selbst empfunden haben, daß ihn mit diesen sprachgcwaltigcn Volksmänncrn, zu deren bcdcu« tendsten nichtjüdischen Epigonen er zu zählen ist, vieles verknüpfte**). Gleich ihnen erhob er in der Zeit tiefer nationaler *) Die ״Reden" sind neuerdings in einer sehr schönen, wohlfeilen Ausgabe des In sei Verlages erschienen, ln dauerhaftem Pappband mit Glanzpaplcrübcrzug 2,— Mk., in Ganzlcdcr 4,- Mk. **) Wer den Vergleich nachprüfen will, der sei aut Ach ad Haams feinsinniges Essay verwiesen: Priester und Prophet". Am Scheidewege. Jüdischer Verlag. Abgedruckt iin ״Jüdischen Almanach".

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