Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 311 Nr. 27 pflLfleSTINA-RUMDSCHAU ן י" und i» den jüdischen Kolonien rüstet »1an |ri,׳ zur Beschickung der PnlUstinaausstellung aut J,,״’nächsten Zionistenkonßroß in Hasel. Das AusjCj|l״1״sk01nitee in Jaffa hat bereits zahlreiche Gegen•' It3«dc für die Ausstellung erhalten. Viele Kolonisten aben Proben ihrer Hodenerzeugnisse gesandt. Aus L! verschiedenen Schulen gehen Lehrmittel und «endig1'* interessantes Material ein. Die Kunst• 'cWcrbeschule ״Bc/alel“ in Jerusalem wird durch;jnC besonders reichhaltige und wertvolle Sammlung ron Teppichen, Schnitzereien und Piligranarbeiten ver• (C!c1t sein. Saale verboten, nur weil Herr Bigart cs so wünschte. Der Eindruck dieser Rede war derart, dafi Herr M ach i eise die Zusicherung gab, daß er sich im Komitee Central dafür einsetzeu werde, dal! eine neue Inspektionskoinmission ausgesendet werde gegen deren Mitglieder niemand etwas cimvenden könne. Herr Bigart erklärte, dali alle Beschuldigungen unwahr wären, aber er gäbe gerne z.u, daß I ierr A ח t e b i, der Leiter des Sehulwerkes im Orient, viel Schuld trüge. Das Zentralkomitee würde ihn am liebsten seines Postens entheben, aber es seien gerade die Rabbiner und alle Juden in Jerusalem, die das nicht wünschen. (?) Daß diese Mitteilungen nach den Ausführungen des Oberrabbiners Wagenaaf von der Versammlung mit großer Skepsis aufgenouuneu wurde, braucht nicht erst hcrvorgcltoben zu werden. 8: AUS.ALLCR WfU ע Oes/crrcic/t Wf.whicdene Zeitungen haben nach dem tsche• cl,isd; ,udisclien ״Rozvoj“ eine Aenlkrung des Ab- Tcordai teil Dr. Bnxa wiedergegeben, wonach dieser;on u'-r Untichuld Hilsners überzeugt sei. Man ,mit davor warnen, dieser Meldung allzu große He• lenumg bcizulegcn. Baxas Aeußerung war, wenn 1jc überhaupt in der angegebenen Porm erfolgte, ticl1!> •ds Wiihlerfnng. Tatsächlich gehört Dr. IJaxa, jCr seinerzeit die bekannte Ulutrede im Pisekcr;cliwiirgericbtssaal gehalten bat, dem antisemitischen lüge! des sogenannten tschechischen Wahlkartells |״, i's sind also alle Hoffnungen, die man an diese fs.icluoht geknüpft hat, als vorläufig verfrüht zu jic/iieimcn. f)ie gleiche Vorsicht muß mau bezüglich |cr angeblichen Zusicherungen des Justizinmisters legumber dem Präsidenten des Wiener kulturpoliti- )clieii Vereins, Dr. Scheu, walten lassen, die in einer Extraausgabe einer Montagszeitung bekanntgegeben wurde. Dr Scheu, der int ersten Wiener Bezirk zum Kcidisiat kandidierte, brauchte etwas, tun auf die jüdischen Wähler zu wirken, und benützte hierzu tiiu• ziemlich orakelhafte Antwort des Justlzmiuistcrs. Es ist merkwürdig, wieviel Preunde wir Juden doch in Wahlzellen finden! * Je näher der Termin für den aut Ende August .ווו• beraumten Emigrationskongreß herankommt, desto mehr schwinden die Aussichten auf einen Erfolg und eine nachhaltige Wirkung seiner Beratungen. Zwei iür die jüdische Wanderung sehr bedeutsame Organi• sationen, der Hilfsverein der deutschen■ Juden und die lea werden sich an dein Kongreß nicht beteiligen. Die Konferenz der russischen Delegierten des Kongresses, welche dieser Tage in Petersburg stattgefunden hat, fand nun ihren Abschluß. Es wurde u. a. beschlossen, ein zentrales Organ für Emigrations• wesen ins Leben zu rufen, wobei auch Vertreter der großen jüdischen Organisationen in London, Paris und Berlin heranzuziehen seien. Ferner wurde bc• schlossen, eine spezielle Enügrationsbank zu schaffen. Cs wurde festgcstellt, daß die Stellung der verschiedeneu Gemeinden dein Wiener Kongresse gegenüber eine durchaus sympathische sei. Au der Konferenz beteiligten sich die Vertreter der verschiedensten Riehhingen und Parteien im russischen Judentum. * Der deutsche NationalverbanU hielt seine erste Sitzung ab, in der beschlossen wurde, nach wie vor ciiu stramm deutsche, antisemitische Politik zu treiben. Die in Wien gewählten Reichsratsabgcord• nitm jüdisch-freisinniger Richtung werden in den Vtiband nicht aufgenommen werden. Holland Ain 2. Juli fand in Amsterdam die Oencralver* Sammlung der holländischen Abteilung der Alliance lireClite Universelle statt. Es waren sämtliche Lokal* Komitees durch ca. 50 Delegierte vertreten. Außerd*111׳ nahmen auch zahlreiche Mitglieder der A. 1. VJ. an der Versammlung teil. Vom Bureau der holliindi- *dien Abteilung war ein Mitglied des Zentralkomitees, Hur Machiclse, ein geborener Holländer, eingeiaden Worden, um über das Schulwerk der A. I. U. im Qriust zu sprechen. Nach ihm sprach der Sekretär der Alliance, Herr Bigart. Er führte ungefähr das gleiche aus wie in der bekannten Versammlung in Masel. Den Lehrern der A. I. U. sagte er, könne man eine unjüdische Lebensführung nicht vorwerfen, W(.il es im Orient, in Nordafrika und Palästina überlumpt keine Juden gäbe, die nicht den Sabbatli streng l'kllen oder nicht koscher essen. In der Diskussion lührtc Herr Oberrabbiner Wagenaar - Arnheim aus, daß Herr Bigart der Versammlung nur Phrasen ge* uzten habe. Eine unparteiische Untersuchung der Zustände in den Alliance-Schulen werde das Gegenk’il des seinerzeit veröffentlichten Inspektionsberichtcs «weisen. Redner warf der Leitung vor, daß sic auf das Angebot von Dr. Y a 11 u d a, der ein Referat halten wollte, nicht eingegangen sei. Man habe demselben, der anwesend sein wollte, den Zutritt zu dem In der leidigen Prozeßaffäre, den die hiesige jüdische Gemeinde gegen ihren Oberrabhincr, Dr. T. Lewenstein, führt, ist das Gericht zu dem Spruch gekommen, daß die Gemeinde in allen Pallen zu Unrecht gegen ihren Oberrabhincr gehandelt hat. Es wird daher der Gemeinde atiferlegt, einen Schaden* ersatz. von 50 000 Kr. und 200 Kr. für Rechtsanwaltkosten au Dr. Lcwenstein zu zahlen. Wie verlautet, werden beide Parteien an den obersten Gerichtshof appellieren. S. St. Jlussland Das Kiewer Oouverucinentalaint erließ dieser Tage eine Verfügung, wonach sämtliche Apotiickergehilfen und Provisoren, die nicht als Angestellte bestimmter Apotheken amtlich eingetragen sind, die Stadt verlassen müssen. Die Betroffenen rekurrierten an den Generalgouverneur, wurden aber auch hier abschlägig bcschicdcn. Die Kiewer Polizei nimmt zurzeit den ausgewiesenen jüdischen Apothekern eine Schrift* liehe Erklärung ab, der/ufolge sie sich verpflichten, innerhalb acht Tagen die Stadt freiwillig zu verlassen. Von der harten Maßregel w erde 11 c .1.!000 Personen betroffen. Viele der Ausgewiesenen besitzen in Kiew Drogerien und Apothekerwarengeschäfte, andere sind in solchen Oeschäften angcstcllt. Die Lage der Ausgcwicscncn ist eine geradezu, verzweifelte. * Bei dem feierlichen Empfang der amerikanischen Flotte In Petersburg befanden sich in der aiuerikonischen Flotte 20 jüdische Offiziere und 4’JO jüdisclic Matrosen, welche zum größten Teil aus Rußland und Polen stammen und vor Jahren nach Amerika ausgewandert waren. Merkwürdig ist, daß diesen israelitischen Seemännern der Aufenthalt in St. Petersbürg gestattet wurde, da den Juden das Aufenthaltsrecht dort doch verboten ist. Schweiz Anläßlich des dreißigjährigen SchriftstellerjubiIJiums des bekannten jüdisch-russischen Literaten Ben-Ami veranstaltete der Akademische Zionisten-Verein in Bern einen literarischen Abend mit Bankett, an dem der Jubilar selbst aus seinen Werken zwei Novellen vorlas, die einen stiirmischen Beifall bei den Zuhörern hervorriefen. Ls begann darauf das Bankett. Zuerst beglückwünschte ilerr cand. ehern. Snekheim den Jubilar im Namen des Akademischen Zionisten-Vereius uiul 110h die Bedeutung Ben-Amis als einen der ersten nationaljüdischen Schriftsteller in russischer Sprache hervor. Er schloß mit dem Wunsche, daß der Jubilar seine segensreiche Tätigkeit in Palästina fortsetzen möge. Es sprachen hierauf die Schriftsteller Horodctzky und Niger; der erste im Namen der ״Ibriah“ hebräisch, der zweite im Namen des ״Vereins Jüdischer Studenten“ jüdisch. Herr Horodctzky führte ungefähr aus, daß in Ben-Ami die Charaktereigenschaften der alten jüdischen Propheten verkörpert seien. Während er einerseits eine tiefe Verachtung für jedes Uuechte und Unwahre besitzt, ist ec ׳Andererseits von einer glühenden Liebe zur Wahrheit und zum jüdischen Volkstum beseelt und aus allen seinen Schriften leuchtet dieser Geist hervor. Herr Niger knüpfte an das Pseudonym ״Ben-Ami“ an, das er nicht zufällig gewählt hätte. Zur Zeit des ersten Auftretens des Jubilars als Schriftsteller habe dieser Name einen Kampfesruf bedeutet, ״Ihr liebäugelt mit den anderen Völkern, Ihr sucht Luch zu assimilioreii, ich aber bin und bleibe ״Beii-Atni“, Sohn meines Volkes.“ Herr Privatduzent Dr. Lifschitz hob die große Rolle hervor, die die geistige» Führer im jüdischen Volke zu allen Zeiten gespielt haben. Als solchen feiern wir Uen-Aini, der seinen Brüdern in der Diaspora in den schwersten Zeiten den Weg voran geleuchtet hatte, und deshalb bringe er ihm von ganzem Herzen seine Verehrung und seinen Glückwunsch zu weiterem Schaffen entgegen. Es sprachen noch die Herren lic. jur, Scgalewitsdi und stud. med, Papert, deren Ausführungen mit zahlreichem Beifall aufgenommen wurden. Herr Ben-Ami dankte sämtlichen Rednern und schilderte in knapper, scharf unirisseuer Weise die Zeit, in die seine ersten schriftstellerischen Versuche fielen. Schon auf dein Gymnasium war er wegen seines Eintretens für seine Brüder ״Jiulophil" genannt worden. So komisch dieser Name gegenwärtig auch für einen Juden klingen mag, so war er damals recht charakteristisch. Man erwartete vom intelligenten Juden in Rußland, daß er seine armen Brüder verleiiguete, und fand cs fast unverständlich, wenn ein junger Jude ein warmes Wort für seine Brüder cinzulegen wagte. — Mit einem Hoch auf Ben-Ami schloß der feierlich verlaufene Abend, der dem Jubilar, wie allen Teilnehmern, noch lange in guter Erinnerung bleiben wird. M. N. Drohobycz Man hat sicli daran gewöhnt, daß Ga'ii/icn — eben Galizien ist. Tarnopoler Moral, polnische Wirtschuft, diese Begriffe gehören zum eisernen Bestände der Unkultur. ״Ach, was kann mau denn anderes erwarten? Ls ist ja Galizien!“ P.s ist die stehende Antwort aller, zu denen irgendeine neue Schandtat aus Galizien dringt. Die Galizier seihst wiederholen dieses Verdaimnungsurteil mit bitterem Lächeln und verhaltener Wut . . . Die Vorkommnisse von Drohobycz haben die ganze öffentliche Meinung aufgerüttelt. Mit Entsetzen mul Erbitterung hörten wir von den Oreiicltatcn der Löwenstein-Mamelucken, die in der Nicdernietzclnng von 25 Menschen ihre Krönung fanden. Das war ja nur die Krönung des Werkes, das blutige Ende. Der Anfang war früher gemacht, durch die ganze Art der ״Agitation" der galiziselien Regierung für ihren Kaudidato», tlcn edlen Polen Nathan Löwen st ein. Es wird wahrlich in Oesterreich mit doppelt Maß und Gewicht gemessen. Was in Wien, in Böhmen oder in Tirol als Kapitalverbrechen betrachtet wird, läßt man in Galizien als ״ordnungsmäßig“ gellen. Hat man denn dort eine Ahnung, welche moralische Fäulnis, welche Mißachtung aller elementaren Anstands- und Ehrliclikeitsbegriffe in Galizien zum ״System" erhohen werden? Mail nimmt es stillschweigend hin, wenn dort, im Lande der B o h r z y n s k i, ü I o m - b i n s k i, dieser Schlachzi/en und I lochwohlgeboreneu, wo der Mensch erst beim christkatliolisclie» Edelmann beginnt, die Polizeiwillkür, die Korruption, der Schwindel auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens herrschen, wenn die Wählerlisten gröblichst und zynisch gefälscht, die Wälder terrorisiert, mit Hilfe von Soldatenkolbcn zur Erkenntnis ihrer ״Bürgerpflicht“ gebracht werden. Das ist ja nicht von heute und nicht von gestern. Was in Drohobycz geschehen ist, die Leichen, die die ״Wahlstatt“ bedecken, sind ja das Werk der Löwenstein, Feuerstein, Lyszkowski und all der übrigen Hyänen der galiziselien Raub- Politik. Man entsetzt sich darüber, weil es schon gar zu grauenvoll ist, weil es gar zu sehr nach Kischinew und Bialystok, nach russischer Pogrompolitik riecht. Aber die Drohobyc/cr Moral steht in Galizien auf der Tagesordnung. Täglich werden dort von den Feuersteins, Löwensteins, Piutkoxvskis Taten vollbracht, für die man in Westeuropa keinen Namen findet. Line Revision der gali/ischeu Verwaltungskörpcrschafteu würde Dinge zutage fördern, die vielen Hochmögenden den Kragen brechen dürften. Amtsmißbrauch! Bah, wer hält sieh darüber in Galizien auf? Stimmenkauf, Wahlbestechung, wer regt sich über solche Lappalien in diesem ״Uoux pays“ auf? Die Polen, die immer und immer wieder von ihrer ״hohen Kultur", vom ״heiligen Polen“ reden, diese Romantiker und ״Freihcitsschwürmer“ haben es glänzend verstanden, bei sich eine Ordnung einzufiihrcn, die au die seligen Zeiten der polnischen Unabhängig* keit erinnert. Dieselbe Zügellosigkeit der Schlach* zizen, die Anarchie der oberen Klassen, verbunden mit einer Despotie nach uutcu. Und allüberall Demoralisation. Die Löwensteins und Feuersteins sind bloß brutale Werkzeuge in den Händen der polnischen Clique, der herrschenden Klasse. Brutal und bedauernswert zugleich. Denn au ihren Händen klebt das Blut der Opfer, auf ihren Namen hat sich die Schmach der Korruption und der Gewalttätigkeit gehäuft. Und Galizien liegt noch immer in Europa, ja sogar in Oesterreich! . . . Auf dem Perron in Zloczow wurde, wie die ״Neue Freie Presse“ aus Lemberg berichtet, der Bürgermeistcr-Stellvertreter von Drohobycz Dr. Jakob Feuerstein, der sich auf der Rückreise von Wien nach Drohobycz befand, umringt und mißh a n d c 11. Die Polizei drängte die Exzcdcnlcn zurück. Pfui- und Schmäbrufc wurden gegen Dr. Feuerstein ausgestoßen. Auch Mörder wurde er genannt. Er erhielt Puffe und Faustschläge, blieb aber dank der Intervention der Polizei vor weiteren Tätlichkeiten verschont. Die Journale ״ö z j c!1 n i k P 01 s k i“, ״S I o w o“ und ״Kurjcr L w 0 w s k i“ wurden wegen ihrer Berichte aus Drohobycz über die dortigen Vorgänge am Wahltage konfisziert.