Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 310 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27 auch nur annähernd Gleichwertiges dem Judentum und seiner Bewegung geben? Vergesse die Frauenbewegung, besonders die deutsche nicht, was sic jüdischer Eigenart verdankt. Ellen Key hat uns in ihrer hervorragenden biographi• selten Skizze gezeigt, wie Haltet Varn h »gen, ״die größte Frau, die das Judentum je hervorgebracht hat, zugleich die grollte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen darf," ״das erste moderne Weib", das, was sic geworden ist, einzig wurde durch ihre jüdische Eigenart. Und gerade Raitels Name ist tut• lösbar aus der Reihe derer, denen die Fraucnbewe• ßung ihre Grundlage verdankt. Aber die jüdische Bewegung geht auch nicht am Gegenwärtigen vorüber. Die grollen, praktischen For• derungen der Frauenbewegung werden bisher nur von wenigen Völkern erfüllt, unter ihnen vom modernen jüdischen Volke, wie es sich im Zionismus organisiert bat. Der Zionismus hat für seine sämtlichen parlamcn• (arischen Körperschaften, von der einzelnen Ort!.• gruppe bis zum grollen Kottgrell, der die Wünsche des ״jüdischen Volkes auf dem Marsche" zum Aus* druck bringt, die volle G I e i c h b c r e c h t i g 11 n g d e r Frau mit de nt M a n n e zur prak• tischen Wirklichkeit gemacht. Bedarf es eines weiteren Beweises dafür, dall der Zionismus eine durchaus moderne Bewegung ist, die rüstig voran• schreitet auch da, wo es gilt, auch anderen Idealen unserer Zeit nachzustrebeu, als es ihre speziell jiidi* selten sind? Es wird stets Herzensbedürfnis der modernen Jüdin sein, auch als Frau modern zu sein. So sei es aber auch Ehrenpflicht jeder modernen Frau, der jüdischen Renaissance die Wege zu ebnen. l'nler der heutigen weiblichen Jugend sind es gerade die jüdischen jungen Mädchen, die ein sehr starkes Interesse für die moderne Frauenbewegung bekunden. Ein gleich starkes Interesse lallt einen Teil dieser selben jungen Jüdinnen für jungjüdische Ideale kämpfen. Da kommt wohl mancher der Ge• danke, dall cs nicht möglich sei, den doppelten Kampf zu kämpfen, ohne seine Kräfte zu zersplittern, daß ihre Kraft nicht ausreiche, für beide Ideen ehrliche Arbeit leisten zu können. Sollten wir denen nicht klar zu machen vermögen, daß beides Streiten mir verschiedene Formen des gleichen Dranges sind? Sollte es ihnen nicht ciiilcuchtcn können, daß Itomn• genc Kräfte sich verstärken, wenn sie sich unter• stützen? Das Judentum hat diesen Beweis offen• kundig schon erbracht, erbracht durch die große An• zahl von tüchtigen St1;eiteri11nen, die aus den Reihen des Judentums der Frauenbewegung in Vergangenheit lind Gegenwart erstanden sind. Die Frauen• h c wcR u 11 g aber wird zu zeig e 11 ha b c 11, daß die Kraft, die ihre jüdischen Kämpferinnen an sie wenden, fiir deren Judentum nicht ganz unfruchtbar sei. Soll die jüdische Frau ihre Kraft mit gutem Gewissen teilen zwischen Frauentum und Judentum, so muß die Frauenbewegung zeigen, daß die moderne Frau jüdische Eigenart zu flehten und zu ehren weiß, wo auch immer sie ihr werteschaffend entgegeutritt. ״Jüdisches F r a u e n t u m" ist ein unteilbar Ding, man verlange vom jüdischen Weihe nicht, daß es Weib sei schlechthin, ohne Jüdin sein zu wollen. Die jüdische Frau muß das Vertrauen hegen können, daß das moderne Frauentum ein Bollwerk für sie sei gegen jeden Angriff, den sie gegen ihre Eigen• nrt und wegen ihrer Eigenart erfährt. Erfüllt erst einmal die Frauenbewegung diese Bedingeng, 80 kann sic sicher sein, daß ihr weiter aus den Reihen der jüdischen Frauen Streitkräfte in erhöhtem Maße erwachsen werden, und daß gerade diese Truppe ein Elitekorps bilden wird, dall gerade diese jüdischen Frauen mit doppelter Energie für Frauenrechtc kämpfen werden. Wissen sie doch, daß für sic mit dieser Arbeit ein Schritt ihrem Doppclzielc entgegen getan ist, oltne das erreicht zu haben, sie niemals etwas Ganzes bilden: die Lösung der Frauenfrage und die der Judenfrage, (Ben Ami.) Deutschland und die marokkanischen Juden Der ״Kölnischen Z c i t u n g" wird aus Tanger gcschriclfcn: Die Kölnische Zeitung hat sich häufig mit der Frage befaßt, wie die mit deutschen Geldern reichlich unterstützte, aber trotzdem in Marokko und im Orient int rein französischen und häufig genug gegen das deutsche Interesse arbeitende Alliance Israclitc zur Berücksichtigung der deutschen Wünsche veranlaßt werden könne. Sie ist im kaufe dieser Erörterungen immer mehr zu der Ucherzeiigimg gelangt, daß es Verbänden deutscher Juden, die unabhängig von der Alliance sein müßten, Vorbehalten sein dürfte, im Interesse der deutschen Sache zugleich zu wirken. Die Gegner dieser Bestrebungen weiset» häufig auf die tatkräftige Unterstützung hin, die Frankreich nngeb• lieh der Alliance und den Juden überhaupt angedeiltcn lasse, während Deutschland sich durch völlige Inter־ csselosigkeit hervortue. In der Zeitsclirilt Ost und West (Organ der deutschen Konfcrcuz.*Gemei!»schaft der Alliance) für Mai 1010 heißt es z. II.: ״Wir haben keinen Anlaß, der Vermutung Ausdruck zu geben, daß die französischen Konsulate nur politische Geschäfte machen wollen, wenn sie ihren Einfluß für ein großes Kulturwerk ciiisct/.en. Wir würden aber von ganzem Herzen dankbar sein, wenn die dcut• selten Konsulate genau dasselbe täten; sic mögen dabei in ihrem Merzen mehr an das praktische üc• schält als an das Kulturwcrk denken. Int Lauf eines halben Jahrhunderts haben die diplomatischen und konsularischen Vertreter Englands und namentlich Frankreichs stets Hilfsbereitschaft den jüdischen Kolo• nie*» gezeigt und den Werken der Alliance, Daß von deutscher Seite jemals ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in einem halben Jahrhundert — wir sagen das mit tiefem Bedauern — nichts verlautet." Gewiß sorgen alle französischen Organe, Presse, Konsulate, Gesandtschaften, Regierung dafür, daß derartige Anschauungen Nahrung erhalten. Auf den Festen der Alliance Israclitc in Tanger z. 11. erscheint der französische Gesandte und hält die Festrede, in denen Sätze sich finden wie: ״Frankreich hat sich stets in den Reihen derer befunden, die am seihst• losesten der Sache der Freiheit mul Zivilisation ge• dient haben" usw. Diese Reden werden verbreitet. Die Alliance sicht sie allein schon als eine Tat an. Da nicht gut zu erwarten ist, daß die französische Presse Tatsachen verbreiten würde, die die Ueber- Zeugung von Deutschlands minderer Humanität er• schütter» könnten, so ist es Pflicht der deutschen Presse, dafür zu sorgen. Wir können cs uns, und das gilt ganz allgemein, heute wirklich nicht leisten, be• scheiden zu schweigen, wo man uns ungerecht beur• teilt. Das Urteil der Völker spielt eine zu wichtige Rolle. Deshalb sollte auch die Pressetätigkeit des Aus• wärtigen Amtes mehr positiv und aufklärend sein, statt siel» auf die negative Seite, in der Hauptsache auf das Dementieren, zu beschränken. Wo immer Tatsachen bekannt werden, die besonders geeignet sind, im Ausland — und, wie man sicht, auch im Inland ־— herrschende Vorurteile zu zerstreuen, da sorge mau für ihre Verbreitung, and» in der fremden Presse. Ohne daß wir die Praxis mancher Staaten nachahmen, gegen die andern in der Auslandspresse Ränke zu spinnen, Anklagen zu erheben und Vcrdächtigungen aiiszustreuen, würden wir schon durch dauernde Verbreitung der Wahrheit über uns unend• lieh viel nützen können. Wenn die deutschen und fremden Juden behaupten, dall von humanitären Diensten Deutschlands zugunsten der jüdische» Ko• louieu in einem halben Jahrhundert nichts verlautet habe, so liegt das zum Teil an dieser Bescheiden• heit, zum Teil an böswilligem Nicbtsschenwollen, Wenn sich die deutschen Konsular• und diplomatischen Behörden in r,tauchet» Fällen der Zurückhaltung be* fleißigen, so liegt das an ihrer großen Korrektheit, mit der sie Rücksicht auf Verträge und Abmachungen nehmen, wo andere ohne diese Rücksicht unter dem Deckmantel der Humanität politische Geschäfte treiben. Wo die deutschen Vertreter keinen Verstoß sehen, da greifen sie weit tatkräftiger zu als die andern mit ihren schönen und doch so billigen Phrasen. Ein Beispiel aus der letzten Zeit, von dem bei d׳:r Alliance Israclitc sicher etwas verlautet haben dürfte: Wie zum Schutz der Deutschen in Fes, so hat der deutsche Konsul Dr. Vassei während der lel/ten U11• ruhen die marokkanische Regierung veranlaßt, vor• beugende Maßregeln auch /mit Selmt/e der Jftd.n zu treffen, und zwar der deutsche Konsul allein. Die andern Konsuln weigerten sieh, irgendwelche Schrill!• zu tun mit der Ausrede: die Juden wären als Marok• kauer zu betrachten und müßten sich in ihr Schicksal fügen wie die andern. Nun ja, die Juden sind wohl Marokkaner, solange Ordnung im Lande herrscht. Mit dem Augenblicke, wo die Volksmassc freie Hand bekommt, bürt aber für sie der Jude auf, Mensch zu sein, da wird er als Sciilachtopfer dem Zorn des Pöbels ausgeliefert. Mit dem Augenblicke, wo fran. züsisclie Truppen sieh nach Fes in Bewegung setzten, war aber zu befürchten, daß in Fes die Erregung so stark werden würde, dall kein Halten mehr möglich sei. In dieser Erwägung verwandte sieh Konsul VassH rechtzeitig bei der Regierung und bestand auf wirk. Samen Vorsichtsmaßregeln, die er ausgearbeitet bau.■, um gegebenenfalls Plündcrcicn und Metzeleien im Judcnviertcl vorzubeugen, was dank seinem etter• gischen Auftreten auch vollständig gelang! Die Moral von der Geschichte: Solange die Franzosen und Engländer Vorwände benötigten, um erstreheus• werte Ziele im Orient zu verfolgen, situ! alle Mittel gut genug, sogar die Judenfrage, um Eitimischtmgs. gründe zu bieten. So mußte eine Bittschrift der Juden in Dcbdit und die telegraphische Verwendung des Pariser Zentralkomitees der Alliance Israclitc für die Juden von Debdu bei der französischen Gesandtschaft in Tanger die Besetzung dieser am Multtja gelegenen ostninrokkanischen Stadt vorhcrcitcn. Sind aber die Ziele erreicht oder beiseite gelegt worden, wie hier in diesem Falle, so kümmert man sieb wenig um ״Humanität" und dergleichen mehr. Vor drei Jahren sagte Herr Piclion, daß Mttlai liafid die Juden zwänge, am Sabbat zu arbeiten. Damals waren Ziele zu er• streben! Heute sagt sein Vertreter in Fes, die Juden seien eben Marokkaner: Am Ziel! Andere Beispiele: Als die Europäer in Fes »ncl» der Beschießung (Lisa• biancas beim Ausbruch der revolutionären Ereignisse die Hauptstadt verlassen mußten, da beschlossen der französische und der englische Konsularvertreter, die Reise nach der Küste am Samstag auzutrclen, um die Juden nicht mitiiehmen zu müssen. Der deutsche Konsul verschob daraufhin seine Reise tun einen Tag, auf den Sonntag, so daß die deutschen, fran• züsisclicn und englischen jüdischen Schutzbefohlenen unter seinem Schutze reisen konnten. Nach der Ile• Schiebung Casablancas kümmerte sich in der teil• weise in Trümmer gelegten Stadt kein Franzose, auch kein Konsul, um die im Mcllacli (Judcnviertcl) zurück• gebliebenen ärmsten Juden. Deutsche waren cs, die unter die hungernden Juden im Mcllacli von Cns.t• blanca zuerst Nahrungsmittel und Geld verteilten. Später trafen Abgesandte der Alliance aus Tanger ein und halfen wirksam. Hunderte von flüchtigen Juden nahm der deutsche Dampfer Arkadia damals auf. Rührend war es, als die Leute von dein braven Kapitän Abschied nahmen und ihm ihren Dank attsspracbeii: ״Ihr Deutsche seid die einzigen, von denen wir Güte empfangen haben." Freilich, die französischen Sol• daten zwangen die Juden mit Stockscblägen, div verpesteten Leichen in der Stadt 7usam1ncuzuschlcpp;u. Zum Schluß: Vor mir liegen zwei Dankesschreiben, ׳eincs von der mohammedanischen, eines von der israe• litischen Gemeinde in Mogador, beide von äuge scheue» Männern dieser Gemeinden initer/cichnei. In rührenden Worten wird darin für die Hilfe gedankt, die Hamburger und andere deutsche mit Marokk«׳ arbeitende Firmen auf Veranlassung der Deutsch•..! Mogadors den armen Juden und Marokkanern Mog.׳־• dors geleistet haben. Als int Anfang dieses Jahr*■• infolge Mißernte im Hiuterlaiule von Mogador d״r entsetzliches Elend herrschte, da brachten die den׳ selten Marokkofirmen in Kürze 22׳V,> Duros (zu •1 Mk.־ aut. Die Hälfte dieser Summe wurde für die Mar׳»!.• kaner, die Hälfte für die Juden verwandt. Der N<>׳ ist dadurch wirksam gesteuert worden. Soeben erschien eine hochaktuelle jüdische Broschüre: Die Krisis der o •סס von Hans Gcclos* Einzelpreis M. 0,50, — Bei Sammelbczug durch die Vereine und Ortsgruppen M. 0,3u Zu beziehen durch den Verlag ״Jüdische Rundschau“, DücikSrcuotrasse 491