Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 308 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27 und Schwung und vor ollem — jede schöpferische Unzufriedenheit , So klebt die ganze jüdische Koloidsationsbcwc• gung innerhalb und außerhalb des Zionismus noch immer und ausschließlich an der Idee vdh der allein scligmachcmlcn und allein ״volksbiklcmlcn" Land• Wirtschaft und an der Angst vor städtischer und in• duitriellcr Entwicklung. Weil ich gegen diese Ausschließlichkeit ankiimpfc, gelte ich vielen als Gegner der landwirt• schaftliclicn Kolonisation. Ich könnte eine Menge belege dafür erbringen, daß eine solche Gegnerschaft nicht existiert. Ich will mich aber darauf beschränken, auf meine Publikationen über OI i v c n k 111111 r (ge• schrieben 1900) hiitzmvciscn, die später eine derOrundlagen für unsere kleine ״üelbauinspendc" geworden sind (weshalb noch immer kein großzügiges Geschäfts• unternehmen daraus wurde, ist völlig unerfindlich) und auf meine Arbeit ״Die Fortschritte der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina* *). Aber wichtiger ist wohl noch, daß ich gerade bc• strebt gewesen bin, ein Kolonisationssystem ausfindig zu machen, das den unklaren Drang zur Landwirt• schaft wenigstens in der geeignetsten Form (derjenigen der intensiven Wirtschaft) in Verb in• düng mit städtischen Erwerbszweigen den Erforder• nissen jüdischer Kolonisation in Palästina dienstbar machen soll. Dieses System ist die G a r t e n s t a d t k 01 o n i 8 a t i o n**), deren Grundlagen nun lange genug den jüdischen Interessenten zugänglich waren, um end• lieh zu der Diskussion zu gelangen, die die Wichtig, keit des Gegenstandes verlangt. — Ich habe die AI», sicht, einige Materialien zu der Frage in den nächsten Nummern der ״j. R." zu veröffentlichen. Heute möchte ich midi darauf beschränken, nus einer In• formationsquclle ersten Ranges**״) einen für unseren Fall doppelt charakteristischen Satz zu zitieren. Der englische Dichter und Sozialist Benin rd Shaw sagte bei Gelegenheit einer Gartenstadt• Diskussion: ״Ich weiß, daß wir alle, besonders die, die in Städten wohnen, der Meinung sind, die Landwirtschaft sei ein edler Beruf, der Gesundheit und Freude und Kraft in öch birgt und die Erneuerung des Volks• leben«. Meine Ansicht aber ist, daß sie ein iniwiir• *llger! verkommener, empörender Beruf ist; und ich glaube, die Landwirtschaft in unserem Lande wird nie zu e’iner Blüte kommen, so lange sie in den Händen der landwirtschaftlichen Klasse verbleibt. Ich glaube, unserem Land wird Gedeihen kommen von den Menschen, die in den Städten gewesen sind und min wieder zum Lande zurückkehren. Ich glaube, die Landwirtschaft der Zukunft wird nicht das Werk beschränkter Landwirte sein, die schlecht bezahlte Landarbeiter nnshenten: sic wird das Werk intelligenter Männer sein, gleich den Männern, die in unseren großen Fabriken arbeiten, und gegen ein Entgelt, das dem der städtischen Berufe entsprechen wird." *) Propagandaschrift des Vereins ״Esra" (1908). _ **) S. meine Abhandlung in ״Aitneuland", 1905 S. 319—363), und im ״Palästina-Handbuch", 1910 % 265-277). ***) Landwirtschaft, Industrie und Handwerk oder DU Vereinigung von I n• dustric und Landwirtschaft, geistiger und körperlicher Arbeit von P. Kropot k i n. Autorisierte Uebersetzung von Gustav 11 a n d a u e r. (Exemplare des 275 Seiten starken Bandes sind zum Ausnahmepreise von 1,50 M, durch die Buch• handlungsabteilung der ״Jüdischen Rundschau" zu beziehen.) ■ -. ״׳ .— zu verflößen in sein irdisches Tagewerk; das Uu• vergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen mul zu erzielten — nicht bloß auf eine unbegreifliche Weise und allein durch die sterblichen Augen uudurchdring• bare Kluft mit dem Ewigen zusammenhängend, sott• dern auf eine dem sterblichen Auge selbst sichtbare Weise. Daß ich bei diesem gcmeinfaßlicheu Beispiele anhebe: welcher Edcldcukcndc will nicht und wünscht nicht in seinen Kindern lind wiederum in den Kindern dieser sein eigenes Leben von neuem auf eine ver• besserte Weise zu wiederholen und in dem Leben derselben veredelt und vervollkommnet auch auf dieser Erde noch fortzulcbcn, nachdem er längst gestorben ist; den Geist, den Sinn und die Sitte, mit denen er vielleicht in seinen Tagen abschreckend war für die Verkehrtheit und das Verderben, befestigend die Rechtschaffcnhcit, aufmunternd die Trägheit, erhebend die Niedergeschlagenheit, der Sterblichkeit zu entreißen und sic als sein bestes Vermächtnis an die Nach* weit nicdcrzulegcn in den Gemütern seiner Hinter• lassenen, damit auch diese sic einst eben also verschöncrt und vermehrt wieder niederiegen? Welcher Edetdenkende will nicht durch Tun oder Denken ein Samenkorn streuen zu unendlicher immerfortgehender Vervollkommnung seines Geschlechts, etwas Neues und vorher nie Dagewesenes hineinwerfen in die Zeit, aa» in ihr bleibe und nie versiegende Quelle werde SC^1SC1öpf״nRf,n; sdncn P!aU »'יי dieser Erde mit fit“״" v,crld'c"c, kurzc Spanne Zeit bezahlen mx einem auch hlcnieden ewig Dauernden, so daß Religionsstatistik Von Dr. Ludwig Wassermann, München. Wer sich ein Bild von den Masscncrschcimmgcn im Lehen der jüdischen Bevölkerung machen will, muß unbedingt die Statistik zu Rate ziehen, und, weil diese die Juden mir als religiöse Gemeinschaft erfaßt, die Religionsstatistik. Damit erklärt sich das gesteigerte Interesse für diesen besonderen Zweig der stalisti• scheu Wissenschaft in jenen Kreisen, welche bewußt jüdisch fühlen und ebenso zu handeln gewillt sind. Die Statistik der Juden in Deutschland ist erst durch den ״Verein für Statistik der Juden", durch Männer wie R u p p i n und durch das Bureau für Statistik der Juden gründlicher bearbeitet worden. Ruppin’s ״Juden der Gegenwart", zahlreiche treff• liehe Monographien, die ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" haben uns ganz hervor• ragende Beiträge geliefert, Beiträge, die auf Grund der amtlichen statistischen Quellen exakte Forschun• gen darstcltcn, an denen nun auch die Fachwissen• schaft nicht mehr vorübergehen kann. Während 1871 die Zahl der Juden in Deutschland 512153 betrug, erhöhte sich dieser Stand 18S0 auf 561612 Personen. In den folgenden 10 Jahren ist kaum eine Vermehrung eingetreten. Auch 1905 ist ihre Zahl mir auf 607 862 gestiegen. Mit Recht weist Knöpfe!*) darauf hin, daß die Volkszahl der Juden in Deutschland ein auffallend Inngsamcs Wachs« 111 in zeigt. Die äußeren Gründe lägen offen zutage, Die Geburtenziffer der jüdischen Bevölkerung war im Zeitraum 1876/80 sowohl in Bayern wie in Preußen als mich in Hessen gleichmäßig ungefähr 32 bis 33 auf 1000 Personen, jüdischen Glaubens, d. h. schon damals etwas niedriger als hei den Christen. Sie ist jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit bis heute auf ungefähr 18 gesunken. Nun |«t zwar auch die Sterbeziffer von 19 auf 11 ziiriickgcgnngcn. Trotzdem ergibt sich jetzt für die Juden kaum noch ein jährlicher Geburtenüber schuß von 5 auf 1000 Personen der jüdischen Bevölkerung, gegen 13 in den Jahren 1876/80, in welchem Zeitraum der Geburtenüberschuß der Juden den der Christen noch übertraf. Das bedeutet, daß ') Regicriingsrat K n ö p f c I, Mitglied der Großh Hess. Zentralstelle für die Laniiesstatistik: Artikel Religionsstatistik in ״Die Statistik in Deutschland nach ihrem heutigen Stand. Georg von M a y r bei der Feier seines 70. Geburtstages am 12. Februar 1911 als Ehrengabe dargebracht". Hernusgegeben von F. Zahn. 2 Bände, 1815 Seiten. J. Schweitzers Ver• lag, München-Berlin: wohl das umfassendste Werk über deutsche Statistik der Gegenwart. er als dieser einzelne, wenn mich nicht genannt durch die Geschichte (denn Durst nach Nachruhm ist eine verächtliche Eitelkeit), dennoch in seinem eigenen Bewußtsein und seinem Glauben offenbare Denkmale hinterhisse, daß mich er dagewesen sei? Welcher ndcldcukeiule will das nicht? sagte ich; aber nur nach den Bedürfnissen der also Denkenden als der Regel, wie alle sein sollten, ist die Welt zu betrachten und ein/urichten, und um ihrer willen allein ist eine Welt da. Sie sind der Kern derselben, und die anders Denkenden sind als selbst nur ein Teil der vergänglichen Welt, solange sic also denken, auch nur 11m ihrer willen da und müssen sich nach ihnen bequemen so lange, bis sic geworden sind wie sic. Was könnte es nun sein, das dieser Aufforderung und diesem Glauben des Edlen an die Ewigkeit und Unvergänglichkeit seines •Werkes die Gewähr zu leisten vermöchte? Offenbar mir eine Ordnung der Dinge, die er für seihst ewig und für fähig, Ewiges in sich mif/tinehmen, aiiziicrkennen vermöchte. Eine solche Ordnung aber ist die freilich in keinem Begriffe zu erfassende, aber dennoch wahrhaft vorhandene besondere geistige Natur der menschlichen Umgebung, aus welcher er Seihst mit allem seinen Denken und Tun und mit seinem Glauben an die Ewigkeit des• setben hervorgegangen ist, das Volk, von welchem er abstammt und unter welchem er gebildet wurde und zu dem, was er jetzt ist, hcrmifvvuchs. Denn so unbezweifelt es auch wahr ist, daß sein Werk, wenn er mit Hecht Anspruch macht auf dessen Ewig• keit, keineswegs der bloße Erfolg des geistigen Natur• die Juden in Deutschland schon heute ohne di« Einwanderung aul den Aussterbeetat gesetzt wären! Knöpfei weist unter Bezugnahme auf da! Statistische Handbuch für das Großherzogtum I noch darauf hin, daß die jüdische Bevölkerung ilmt!, Austritte sowie durch die immer häufiger werden, den M i s eh c h c 11 Verluste erleidet, indem die Kinder aus solchen Ehen zum größten Teil dem Judentum verloren gehen, da bei der religiösen Erziehung d(r Kinder aus gemischten Ehen dasjenige Bekenntnis den Vorsprung hat, das unter der gesamten Bcvölkc. rung de« betreffenden Bezirks überwiegt. Die Sterblichkeit der jüdischen Bcvölkc• rung war von jeher geringer als die der Christ• liehen. Nachweise für die einzelnen Altersklassen und getrennt nach dem Geschlecht finden sich für Hessen in dem genannten Handbuch. Diese konfessionellen Verschiebungen von 1SB bis 1905 haben dazu geführt, daß die deutschen Juden an der Gesamlbevölkcrtmg mir mehr mit K, l!c. teiligt sind, während sie früher mit l,250/״ beteiligt waren. Wir haben hier kurz zu zeigen versucht, welch überraschende Daten die jüdische Statistik liefert. Oe• radc diese Erscheinungen beweisen die Notwendigkeit der Konfessionsstatistik überhaupt, eine Notwendig, keit, die 1. B. in Frankreich, E n g I a n d (außer Irland), den Vereinigten Staaten von Amerika, B c I g i v n und Italien nicht anerkannt wird. I lier gilt die Frage nach dem Bekenntnis bei statistischen Zählungen äls indiskret oder doch wenigstens all inopportun. Auch in Deutschland, und zwar von ״c• wissen jüdischen Assimiiaiitcnkreiscn sind Versuche gemacht worden, die Ueligionsspaltc aus den Zähl• forimil.iren aus/mucr/en. Das ist glücklicherweise nicht gelungen. Im Gegenteil: Das Interesse an der Religionsstatistik ist in den letzten Jahren auch hei den anderen Konfessionen unzweifelhaft gewachsen. Da. für spricht vor allem die Tatsache, daß die katho• li sehe n Ordinariate beschlossen haben, vom Jahre 1909 an alljährlich statistische Erhebungen über das kirchliche Lehen in allen Diözesen des Deutschen Reiches gleichmäßig anzustellen. Das beweisen ferner einige bedeutsame literarische Neuerschci• mmgen. So ist analog dem bereits im 37. Jahr• gang erschienenen evangelischen ״Kireli• liehen Jahrbuch" von Pfarrer Schneider ein ״Kireli• liebes Haudluieli für das katholische Deutsch• land" entstanden (heraiisgegelun von II. A. Krosc, S. I. Freilmrg). 1899 ist bereits als fünfter Hand der zweiten Reihe des ״Grundrisses der Huu. logischen Wissenschaften" von Pfarrer Pieper eine ״Kirchliche Statistik Deutschlands" erschienen. Diese Ansätze haben praktische Wirkungen insofern ge״ zeitigt, als man der Klassifizierung der Konfessionen im Jahre 1910 bei der Volkszählung in subtilerer Weise Rechnung getragen hat, wie in früheren Jahren. Diese Klassifizierung ist nämlich gar nicht so ein• fach, wie man aimehmcn möchte. Die Schwierigkeit besteht darin, daß sich auf den von der deutschen Bevölkerung ausgefülltcn .Zählkarten mehr als "00 verschiedene Konfessionshciunniingen finden. Be׳ der Gruppe ״Israeliten" kommen folgende 6 vor: I ne• liten, Juden, Mosaische, Hebräer, Rclormdsraclilifnic, Reform-Jüdische. Die Ergebnisse der Konfessionsstatistik sind!'*• her sehr interessante gewesen. Knöpfei stellt fest, daß sich in Deutschland konfessionell einheitliche Ge• gesetzes seiner Nation ist und mit diesem Erf rein ,aufgeht, sondern daß es ein Mehrere.« ist י das mul insofern unmittelbar ausströmt aus dem sprüngliclicn und göttlichen Leben, so ist cs noch ebenso wahr, daß jenes Mehrere sogleich seiner ersten Gestaltung zu einer sichtbaren En mmg unter jenes besondere geistige Naturgesetz •c ־ in!״' •ur •11'•!. hei ••hei ich־» gefügt und nur nach demselben sich einen simili ’>cn Ausdruck gebildet hat. Unter dasselbe Natnrg« •'<* nun werden, solange dieses Volk bestellt, auch •die ferneren Offenbarungen des Göttlichen in demselben cintrctcn und in ihm sich gestatten. Dadurch; her, daß auch er da war und so wirkte, ist selbst dieses Gesetz weiter bestimmt, und seine Wirksamkeit ist ein stehender Bestandteil desselben geworden. /«'•׳eh hiernach wird alles Folgende sich fügen und an das* selbe sieb anschlicßcn müssen. Und so ist er denn sicher, daß die durch ihn errungene Ausbildung bleibt in seinem Volke, solange dieses selbst bleibt, «<l״i fortdauernder Bestinommgsgrund wird aller fcnivicn Entwicklung desselben. Dies nun ist in höherer, vom Standpunkte der Ansicht einer geistigen Welt überhaupt genommener Bedeutung des Wortes ein Volk: das Ganze der in Gesellschaft miteinander fortleheiiden und sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesamt unter einen» gewissen bc• sondern Gesetze der Entwicklung des Göttlichen •׳>«* ihm steht. Die Gemeinsamkeit dieses besonderen Ge• setzes ist cs, was in der ewigen Welt und eben darum auch in der zeitlichen diese Menge zu einem natür• **4 44#»** p