Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 307 Nr. 27 Q{Mclt» «reiben muß, dieses Projekt wagt man zu verleidig‘■״<־‘ *יי• ״־c Forderung der Dem ״kr.ר• ■ c Um dieser Fiktion Willen verschweigt man, daß ),liehe Liberale, wie Jnstizrat Friedman n •Glogau, % Führer des politischen Liberalismus, mit den ÖrtIi0d«»xcn 11ml Zionisten einig waren in der lk־• dieser gesetzgeberischen Mißgeburt, stein• mau selbst Herrn Friedmann zu einem Reaktionär, Veil er den Grundsatz, quieta non movere in dieser •,age anwenden wollte, weil er glaubte, daß man ein immerhin erträgliches Wahlrecht — ganz, demokratisch «.irc!י hir jede Gemeinde nur eine Stimme — "(!ו!(,■ tr״s nicht nach rückwärts revidiere n sollte. Und wie stimmt die Begründung, die Vertreter mußten die Bedürfnisse ihrer Gemein d c icnnc.i uml deshalb ״Eingeborene“ sein, mit der tcliüu. 1 Phrase des Kölner Gem.-Blattes von der ',höhetfit Warte des Interesses der großen deutschen (1c<;11-;ijndenheit?“ Wahrlich, es hatte des Herrn amli.ii'sahgeordnetcn Cohn aus Dessau, der so he• eseix!den seine Verdienste um die Bekämpfung des \nti«׳.niiistm1s betont, nicht bedurft, um die wahren ,Motiv*־, um die Forlschrittsfcindlicbkeit dieser Pläne In leuchten. Dieser Herr, bei dem einer der er•;fciivmlslen Zwischenfälle auf dem Geineindclag, die •p;:t des Ballenstedter Mandats, der die ganze Tragik kr finanziellen Abhängigkeit der kleinen Gemeinden mi <11 n ״liberalen" Oroßstadtpolilikcrn illustrierte, lic.wlbeu Empfindungen auslöste, wie ״Clinrleys ,ante", hat es mit dürren Worten ausgesprochen, laß es sicli für ihn und seine Gesinnungsgenossen im eine M a c h t f r a g e handle. Dieser Mann, der nie * ui echter Demokrat in der verächtlichsten Weise kiii Volksversammlungen redete, vorausge• m/l, daß sic sich nicht etwa mit seiner Wahl ins 1jrluiiriit beschäftigen, hat auch für die, die nicht :cm sehen wollen, den letzten Schleier von dein <11111(:*•!, der den Gcmeindebund regiert, gerissen und seinen ganzen autokratischcn und plutokratischen Charakter hloßgclegt. ״Und der Gemeindetag absolut, Wenn er unseren Willen tut,“ sangen die Vertreter der Großgemeinden bei dem so unrühmlichen Parademarsch auf dem Gemeiudctag. ״Entweder Ihr nehmt unsere Vorschläge im Prinzip an, oder wir treten aus und Ihr verliert unser Gehl.“ c*>s’ Brot ich eß', dess’ Lied ich sing“ ist wahr• schciulicli jetzt auch zum ״demokratischen Leitsatz.“ erhoben worden. Soweit reicht das Verständnis der Grollgemeinden für die ״holten Gcmcinsainkcitszicle“, daß sie dem Oemeindetag in der brutalsten Weise die Pistole auf die Brust setzen. Und dabei ist die Pistole nur von Holz. Wenn wirklich die Drohung wahr ׳ciii.uht würde, was wäre dann verloren? Glaubt wirklich jemand, daß es nicht möglich wäre, die ipigcn paar tausend Mark, die die Unterstützung der kleinen Gemeinden erfordert, noch aufzubringen? Also ״hange machen“ gilt auch hier nicht. Wenn aber wirklich demokratisches Empfinden » ״lichtvoll in ihrer Brust seine Spannkraft regt, wiirtiin machen denn die Großgemeinden nicht hei sich den Anfang? Warum geben sie nicht das demo• tonischste aller Wahlrechte, das Proportionalwahl• rieh!, das einzige Wahlsystem, das, wie die Verhält־ ״i!־re liegen, den starken Minderheiten die Möglich• ton einer Vertretung im Gemeindcparlaincut sichert? Si.lMige diese Forderung der Demokratie tauben Ohren Iwgegnd, so lange wird man die demokratischen Phrasen als Heuchelei anz.usehen berechtigt sein, so• lange werden wir Zionisten aber das Recht mul die Pflicht haben, jenen Herren die demokratische Maske vom reaktionären Gesicht zu reißen und *las jüdische Volk nufzuriifcn, damit es jene Heuchler und Talmidemokraten mit den Ruten und Skorpionen ehrlicher Demokratie aus dem Tempel der Freiheit jagt. Georg Knrcski, Posen. * Der Ausschuß des G c in c i 11 d c b u n *I e s fährt mit seiner Stimmungsmache, die wir vor dem Gcmcindelage mehrmals hatten geißeln müssen, auch jetzt noch munter fort, nachdem der Acndcrungsent• wurf an eine paritätische Kommission verwiesen worden ist. Vor Veröffentlichung des stenographischen Berichtes ist an die Humlcsgcmciudcn ein Zirkular versandt worden, in dem die Vorgänge hei der Tagung vom einsciti• g e 11 St a u *I p unkt der G r 0 ß g e in e in d e n aus dargelegt werden. Die Annahme des Vcrtagungs• antrages, hinter *len die schroff ablehnende Resolution des Herrn Lob zurückgestellt wurde, bedeutete für jeden, der die Lage zu überblicken vermochte, eine A b in a c 11 u n g , gemäß der der Ausschuß keine Schritte in der Frage unternehmen sollte ohne Zu* Ziehung der Koinmissionsinitglieder. Unter dieser Voraussetzung haben eine größere Anzahl von Ortho• Boxen dem Anträge zugestimmt. Der Ausschuß hat diese Abmachung gebrochen und damit die Möglich• keit einer friedlichen Zusammenarbeit in bedauer• lieber Weise gefährdet. Nochmals das Ballenstedter Mandat Herr l.andlagsahgeordneter Dr. Cohn •Dessau siolil sich veranlaßt, in Ihrem geschätzten Blatte einen Brief des Vorstehers der Gemeinde- Ballenstedt zum Abdruck zu bringen, Wie die Redaktion bereits in einem Nachwort hervorhebt, ist dieses Schreiben in keiner Weise geeignet, die Ausführungen, die ich bei der Tagung des D. 1. G. B. an den Uebcrgang des Mandates in die Hände der Dessauer Herren knüpfte, iigendwie zu entkräften. Da indessen das Schreiben zwei gegen mich per• sönlich gerichtete Vorwürfe enthält, sei cs mir gestattet, diese hier zuriiekzuweisen. Zunächst die Au• klage: Ich hätte den Brief ״zurechtgemodelt“. Hier möge der Wortlaut des Briefes für sich reden: Ballenstedt, 30. 5. 1011. ״Ich sandte Ihnen gestern Vollmacht zur Vcrtre• tung zu dein am 11. Juni in B. staufindenden D.*l. Gemeiudctag, wie ich diese bereits auch schon nach Frankfurt früher gesandt habe. — Heute möchte ich Sie bitten, mir diese Vollmachten fretinillichst zurück• zugeben oder zu vernichten, und zwar aus folgenden Gründen: Der Vorstand der Dessaucr Kultusgemcuide for• ilert uns auf, dem Herrn Geheimrat S 0 n n e n t a 1 •als Delegierten der Dessauer Gemeinde unser Mandat zu übertragen. — Wir sind von Dessau vollständig ah• hängig, da unsere Gemeinde von der C.ohmOnpcn• heiin-Stiftung einen solchen namhaften Zuschuß be• kommt, daß unsere Gemeinde ohne diesen Zuschuß nicht existieren könnte. Ich kann also unmöglich den Herren in Dessau entgegentreten, obgleich mir I h r c*) Bestrebungen voll Zusagen.“ *) Auch im Original unterstrichen. Die 500 Teilnehmer des Gemeindet.־iges werden bezeugen, daß ich den Brief mit diesem Wortlaut aus dem Original verlesen habe. Was den weiteren Vorwurf anlangt, ich sei zur Veröffentlichung des Briefes nicht autorisiert gewesen, so kann ich die Widerlegung dein Autor des von Herrn Dr. Cohn veröffentlichten Briefes, Herrn Gemeinde• Vorsteher Cohn, Ballenstedt, überlassen. Dieser schreibt mir unter dem lö. Juni a. c. wörtlich: Ballenstedt, 1 6. 6. 1911. Sehr geehrter Herr! Ich schätze Sie im Besitze meines heutigen Schreibens und bitte, mir meine scharfen Ausdrücke in demselben nicht verübeln zu wollen, sie sind in der ersten Aufregung geschrieben. — Ich konnte nur gar nicht denken, wie Sie dazu kommen konnten, mein Schreiben zu veröffentlichen. Jetzt kann ich cs begreifen. Es geht hieraus hervor: Herr Gemeindevorsteher Cohn wußte, als er die beiden Schreiben d. d. 15. Juni, —• an Herrn Lnmltagsabg. Cohn und an mich — abfertigte, nicht, daß die Verlesung seines Briefes auf dem Berliner Gcmeindetag nur ein Akt der Notwehr war. Nachdem er dies erfahren, fand er die Ver• öffentliehung gerechtfertigt. Herrn Landtagsabgeordiicten Cohn kann ich den Vorwurf nicht ersparen, daß er den diese Angriffe gegen mich enthaltenden Brief seines Ballenstedter Namensvetters zur Veröffentlichung brachte, obwohl er wußte, daß die Voraussetzung für diese Angriffe hinfällig geworden war und der Autor des Briefes diese Veröffentlichung nicht wünschte. Frankfurt a. Main, 3. Juli 1911. Moritz A. L o c b, Judentums geradezu als ein vom Schicksal gesaudtcr An«i*Hcine; als der Beginncr einer neuen P'iisc; als stark bewußter Synthetikcr und $* hopf er neben einer Reihe vorwiegend ״inter- C'-.anler“ Analytiker, Skeptiker, Kritiker, und Witzbolde. Man nehme diese Gegenüberstellung cmn Rt.mo salis. Ich behaupte nicht, daß Wassernianii in der von mir gekennzeichneten Art der einzige sei. Ich finde jedoch bei ihm den neuen Typus am kraftvollsten, bewußtesten und kon- *eniriertesten ausgebildet. Er ist der zugleich deutscheste und orientalischste unter unseren heutigen schriftstcllcrnden Juden. Diese Syn- 1•!esc gefunden zu haben, ist sein geschichtliches Verdienst. Die Gartenstadt Von DavisTrietsch. Nach dreißig Jahren Kolonisation wird ־- wenn keine Störung dazwischen kommt — auf *lern bevor• stehenden Kongreß zum ersten Male die Frage eine größere jüdische Oeffentlielikeit beschäftigen, welche Form der Kolonisation für un• s e r e n F a II die geeignetste sc i. Unser Fall unterscheidet sich uätuUdt nach Men• sehen, Land, Notwendigkeit und Mitteln sehr we• s c 1111 i c 11 von allen bekannten Formen der Koloni• sation, .und wenn trotz der klaffenden Unterschiede bisher immer versucht worden ist, nur sogenannte allgemeingültige Prinzipien für unseren Fall anzu• wenden, so illustriert das mir wieder einmal, mit wie wenig Spczialkeuntnis die jüdischen Angelegenheiten meist behandelt und geieitet werden. Das Resultat ist auch danach. Wo glänzende Erfolge durchaus erzielbar waren, sind wir froh, nach jahrzehntelangen Katastrophen, Krisen und ungeheuren Opfern doch schließlich einen ermutigenden Fortschritt konstatieren ztt können. Viele sind nun mit diesem Wenigen gleich so zufrieden, daß sie vor’einer durchgreifenden Acnde• rung der Methoden geradezu Angst haben. Auf dem bisherigen Wege ־ so argumentieren sie — wurde etwas erreicht, oh dasselbe auf anderen Wegen hätte erreicht werden können, bezweifeln sie, und gar bessere Resultate mittels irgendwelcher Me* thoden auch nur zu erhoffen, dazu fehlt ihnen Mut Johann Gottlieb Fichte Bemerkungen mit Lesefrüchten aus seinen Werken, zusammengestellt von Fritz Abraham. 1. Fichte» Nationalgcfühl. ״Man könnte die siegreichste Mystifikation mit «iesen Fragmenten vornehmen, denn fast kein Mensch tonnt sic; keiner mindestens, soweit meine persön* liehe Erfahrung reicht, Und wenn man sie hierher• 4etzte, diese vor fast fünfzig Jahren geschriebenen gewaltigen Ergüsse heißester Vaterlandsliebe und durchdringender Gedankenkraft, ohne Anführung, ohne Angabe der Quelle und des Fundorts, so würden ihre Leser schwören, das sei heute geschrieben, das schildere die Zustände und Leiden, die Qcfahren und Probleme, die Ekel und Verbrechen der allerneuesten Gegenwart!“ Die Fragmente, die dieser Einführung folgten, tragen den großen Namen F i c 111 e s , und der sie damals seinen Lesern vermittelte, war Ferdinand Lassalle*). Beider Hoffnung auf Einigung der deutscheil Stämme ist inzwischen Erfüllung ge• worden, und das Sehnen der Besten in Deutschland strebt heute in anderer Richtung als vor der Reichs• griiiuhiug. Aber wenn heute nach weiteren fünfzig Jahren ein Zionist die Schriften dieses deutschesten Deutschen zur Hand nimmt, dann wird es ihn ganz wundersam berühren, wie das Herz dieses Patrioten oftmals ganz die gleichen Sorgen um sein Volks• tum bewegten, die uns heute als aktuelle jüdische Probleme erscheinen und wie auch die äußeren Be• dingungen seines Wirkens den heutigen Zuständen im Judentum nicht unähnlich sind. Und noch heute wird ein jeder von uns die ״Reden an die deutsche Nation“ nicht nur mit hohem allgemcin-philosophi• schein und historischem Interesse, sondern auch mit Gewinn für seine nationale jüdische Anschauung lesen können. יי) ,.Fichte» politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart“, Berlin 1SG0, Wir wollen uns hüten, grobe Analogien zu kon* struicrcn, denn wir wissen, daß der Jude sein National- }gefüllt anders empfinden und rechtfertigen wird, als der nationale Deutsche. Aber was Fichte liier zu sagen weiß, das war tatsächlich die erste und ganz, ursprüngliche philosophische Begründung des Nationa* lisinus überhaupt, von der wir deutschen Zionisten sicherlich mittelbar uml unbewußt profitiert haben. Und manch einer unserer Freunde wird überrascht sein, wie dieser oder jener Gedanke seiner natio• nalen Erkenntnis, der iluu durch häufige Wieder* holting zum leeren Schlagwort herah/.tisinkeii drohte, neues Blut und Lehen erhält, durch den Inhalt, den ihm Fichte in seiner tiefen uml schöpferischen Durch• dringuug des Problems zu gehen wußte. Was da gepredigt wird, das ist nicht nur deutsches Nationalge• fühl, sondern oftmals auch Nationalismus schlechtweg. Wir setzen hierher einen Absatz aus Fichtes achter Rede an die deutsche Nation. Er handelt davon, ״Was ein Volk sei in der höheren Bedeutung des Wortes und was Vaterlands liebe“. Diese und einige weitere Lesefriiehte, die wir zu geben gedenken, sollen mir anregen zur Beschäftigung mit dem gesamten Werk des Philosophen. Wir enthalten uns dabei jedes Hinweises und jeder Hervorhebung und denken, daß ein jeder von selbst dort aufhorchcn wird, wo er ver* wandte Stimmen zu hören vermeint: ״Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb des Menschen ist der, den Himmel schon, auf. dieser Erde zu finden und . ewig Dauerndes