Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 306 ר * JUEDISCHE RUNDSCHAU haben nie unsere Fahne in die Tasche gesteckt, haben vielmehr unsere ganze Arbeit im letzten Orundc weit weniger der Werbung Außenstehender als der nationalen und zionistischen Durch b^ldung unserer eigenen Anhänger gewidmet. Und trotzdem dieser große äußere Erfolg I Dieses Ergebnis ist noch umso über* raschendcr, als der diesjährige Kongreß und damit der Abschluß unserer Rechnungsperiode wieder in den Sommer fallt, wo erfahrungsgemäß alle politische und organisatorische Arbeit ihre volle Wirkung kaum aufzuzeigen vermag. Mit größerem Rechte noch als bei früheren Kongressen wird also diesmal die deutsche Lands* mannschaft ihren Einfluß bei der Entscheidung der zur Verhandlung stehenden Fragen geltend machen können. Aber nicht nur deshalb ist cs erwünscht, daß möglichst viele deutsche Zio* nisten — wenn auch natürlich nicht alle als Delegierte —־ dem Kongreß beiwohnen. Alle organisierten deutschen Zionisten, die in Basel anwesend sind, werden gemäß einem Beschlüsse des Zentralkomitees an den Sitzungen der deutschen Landsmannschaft, sclbstverständ* lieh ohne Stimmrecht, teilnchmcn können. Jeder, der weiß, Welche Bedeutung am Kongreß den Landsmannschaften zukommt, wird diese Teil* nähme für ebenso wichtig wie wünschenswert erachten. Denn dann werden die Abstimmungen der deutschen Landsmannschaft, auch wenn selbstverständlich den einzelnen Delegierten ihre volle Stimmfreiheit gewahrt werden muß, doch im besten Sinne der Ausdruck des Willens der ganzen deutschen Landesorganisation sein. Auch für die spätere innere Arbeit, wie für die Propa* gandatütigkeit jeder einzelnen Ortsgruppe ist es natürlich von größter Bedeutung, daß wenigstens eins ihrer Mitglieder die Arbeiten des Kon* grosses als Delegierter oder als Zuhörer vorfolgt hat. Mit dem X. Kongreß tritt die zionistische Organisation aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Verlegung des Sitzes ihrer Zentralbehörde und deren neue Zusammensetzung in ein ganz neues Stadium. An uns allen ist cs aber, dahin zu wirken, daß sic auch in Zukunft ihre alte Werbekraft in noch erhöhtem Maße betätigt, damit unsere späteren Kongresse immer mehr zu dem werden, was sic jetzt im Keime sind — zu dem jüdischen Volksparlamentl « Gemeldete Wahlresult&tc Wahlkreis Breslau 1 Dr. Walter S t c i n 11 z, Zahn* arzt Hugo Schachtel, Delegierte; Dr. Hermann Holstein, Dr. Hermann Badt, Dr. Julius Becker* Berlin, Ersatzdelcgicrtc. ■LJ ■IM Demokratie und Gemaus tbfa״ v> Der Sturm,• den die Verhandlungen des letzten deutsch-israelitischen Ocmclndetagcs im dcutsch-jikli*־ sehen Blüttcrwaldc hervorgerufen haben, ist noch nicht verrauscht und, das ist gut 80. Je mehr über das empörende Attent.1l, das die liberalen Oroßgeinciiule* I lonorationcii auf die Verfassung des (kmeimlebuiuk’s versucht hatten, geschrieben wird, desto stärker wird unsere Zuversicht, daß ähnliche Ucberrumpelungs* versuche auch künftig an dem Widerstand der hin* reichend gewarnten kleinen und mittleren ücmcimlen scheitern werden. Eine ganz besonders eigenartige Blüte hat aber die Wut über das Scheitern des so fein ersonnenen!Münchens in dem ״Köln. Isr. Gemeinde* hlalt“ getrieben, das mit Herrn Geigers Leiborgan nicht nur die griine l'arlie, sondern auch die Aufrichtigkeit und Intelligenz gemeinsam zu besitzen scheint. Diese ragende Säule der sogenannten jüdischen Demokratie fühlt sieh berufen, die Dinge ״von der höheren Warte des Interesses der großen deutschen Gesamtjuden* heit“ zu betrachten, ohne zu bedenken, daß nur ein gutes Auge die dann noch erforderliche Sehschärfe besitzt, während das Blatt und seine Gcsinmnigs* genossen, deren Gesichtskreis doch meist über den Rahmen des Kille-Umkrciscs nicht hinausrngt, mit einer ungewöhnlichen Kurzsichtigkeit in jüdischen Dingen belastet sind. Daß die, ״von Natur jedem Fort* schrill abholde starre Hyperorthodoxic“ der ״Demo* kratisiorung“ des üenicimlcbumtcs widerstrebte, über* rasclil natürlich das Kölner Blatt nicht, daß aber die Zionisten, ״die sich ja sonst immer als die un* entwegten Panegyriker demokratischer Gedankenwelt gerieren'‘ in derselben Schlaehtliiiie kämpften, hat seine maßlose Wut erregt und mit der ganzen ihm innewohnenden Autorität dekretiert es, daß die Zionisten ״durch ihr Verhalten das Anrecht verloren haben, sich nicht den rückständigen Elementen zu* zu/ähleit". Was mußten auch die entsetzten Augen des Kölner Blattes seilen! ״Die Zionisten als Steigbügelhalter und Schleppenträger der Separatisten* gruppe des ״Israelit“, von dessen Gnade ihnen ein Teil der Mandate, der größte Teil derselben, zugefallen ist". Nun ist die Berechnung, wieviel Zionisten mit orthodoxen Mandaten ausgerüstet waren, wirklich recht überflüssig, denn wahrscheinlich ebensoviel Mandate, die die Zionisten hätten haben können, haben sic der Orthodoxie überlassen, weil es eben diesmal mit Rücksicht auf die weitgehende sachliche Uehcrein* Stimmung in den zur ־Beratung stehenden Fragen ziemlich gleichgültig war, welche von beiden Gruppen das Mandat vertrat. Wenn aber das Kölner Blatt es ״schlechterdings“ nicht einsehen kann, ״wo und wie sich im Geineindebund Ziele verfolgen lassen könnten, die mit dem programmatischen Ziel des Zionismus als solchem etwas zu tun hätten,“ so scheint seine Ein* sicht die höchste Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht zu haben, denn die Gegemvartsaufgabe des Zionismus besteht nicht nur in der ״Vorbereitung des Landes“, sondern auch in der ״Vorbereitung des Volkes“, und daß hinsichtlich dieses letzteren Ziels in den jüdischen Gemeinden nichts geleistet werden kann, wird wahrscheinlich nur der Einsicht des ״Isr. Gemeinde-Blattes“ verständlich bleiben. Was aber zu einer Abwehr des Kölner Artikels zwingt, sind weniger diese Dinge, über die wir mit seinem Verfasser uns wohl kaum einigen werden, als vielmehr der unerhörte Mißbrauch, der auch hier wieder mit Begriffen wie ״Demokratie“ und ״Liberalis* ' . ■■■<»■—1.111.1..■ .... 1.11— Jakob Wassermann Von Franz Scrvacs, Wien*). Mit Wassermann hat ein neuer Typus des am Werk unserer Nationallitcratur mitschaffen• den Juden sich vollendet. Man kann cs kurz und prägnant sagen: die Achse hat sich bei ihm von Heine zu Goethe hin gedreht. Es hat also eine tiefere Einsenkung in Wesen und Art der deutschen Tradition stattgefunden. Hiermit steht freilich ein zweiter nicht minder markanter Wesenszug bei Wassermann in scheinbarem Widerspruch; seine innerliche Abwendung vom spezifisch okzidentalcn und assimilierten Kultur* judentum zu einem orientalisch-rassigen, selbstbewußten und traditionsstolzcn jüdischen Volkstum. Aber Ist dieser Widerspruch nicht wirklich bloß scheinbar? Ein rassiger und ungebrochener Oriontalisnms (cs handelt sich hier naturgemäß nur um schwer Wägbare psychische Faktoren) steht, wie mich dünkt, germanischem ) ..Da8 literarische Echo" vom 1. Juli •ölt eiitluelt einen Aufsatz über Jakob Wassermann von Franz Scrvacs. Die ״ScUistweltr“ veröflent* nein die folgende schöne Einleitung dieses in Wasser* Manns Wesen tief cindringcndcn Autsatzes. Wesen näher als die wurzel* und heimatlose, zerrissene und scntimcntalischc Empfindung des seines Judentums sich heimlich schämenden, assiniilationsliungrigcn und Ubertrittbereiten, resscntimentcrfülltcn Unentschiedenen. Uebrigens sind auch die Zeiten heute andere als vor bald hundert Jahren, Heine, aus' dessen Dichter* kränz ich nicht das kleinste Blättlcin Lorbeer lierauspflücken will, konnte gar nicht anders sein als er war und bedeutet für uns und seine Hassebriider Ungeheures. Bester Beweis hierfür ist der Einfluß, den er auf unsere Dichtung und Prosa gewonnen bat, und ganz gewiß nicht bloß, bei Juden. Für die freilich besaß er eine schulbildende Kraft von geradezu unerschöpflicher Nachhaltigkeit. Heines epigrammatisch zuge* scliliffener, wit/funkelndcr Stil, seine romantisch* ironische Sclbstpcrsiftage und Aggressivität, seine das Deutsche mit französischer Eleganz durch* dringende Behendigkeit und Beweglichkeit sind noch immer das Ideal (zu allermeist ein uiicr* rcichtcs Ideal) seiner schriftstellernden Nach* fahren. Aber es gellt ein negativer, zweiflerischer, oft inclancliolisclicr Zug durch diese ganze Gruppe, worüber der schneidige Elan, den einige daraus bekunden und selbstgefällig inszenieren, nicht liinwcgtüiischcn darf. Jedenfalls die Freude am positiven Bauen ist liier bedeutend Nr. 27 imis" getrieben wird. Man wollte also den Gemeinde, bund ״demokratisieren“, um die ״Entrechtung des Großstailtjiidentums“ zu beseitigen. Der Gemeinde, blind ist ein Bund von Gemeinden. Demokratisch wäre also ein Wahlrecht, das jeder Gemeinde eine S t i m in e gibt. Ja, sagen aber die GeuieiiKlebuiuls. führe!• und ihre Hintermänner, das ist doch nicht in der Ordnung; Berlin zahlt doch beispielsweise 12 000 Mfc, ־ und soll nur 5 Stimmen haben, während Ballenstedt und ähnliche kleine Gemeinden je eine Stimme haben. Man will also das Wahlrecht abstufen nach der Steuerleistiing. Ein nach der Stcuerlcistung al>gC. stuftes Wahlrecht hat aber das preußische Drciklnssen* Parlament. Das preußische Drciklasscn• Wahlrecht wäre demnach ״d e m 0 k r a t i s c lu• s Iden I“. Nach dein Ausschußciitwurf würden die Groß, gemeimlefiihrer nicht nur als Vertreter ihrer Gemeinde, sondern mich als Vertreter der Geiueiudc.Verbäudc und als Ausschuß-Mitglieder Stimmen führen, denn das sind erfahrungsgemäß, solange der Kotau der jüdischen Kleinbürger vor ״Titeln und Mitteln“ an. dauert, immer dieselben Leute, nur die Firma wechselt. Das wäre also ein ״Plural-Wahlsystem“ par cxcellencc. Das P111 r a I - W a 111 r c c h t in S a c 11 s e n wäre demnach ״demokratisches I d e a 1“. Eine Zierde demokratischer Gesinnung war auch der Vorschlag, daß für jede Gemeinde nur ein Stimm• fiihrer gellen solle, daß also z. B. ganz ohne Rücksicht auf die Zahl der Berliner Vertreter mir ein einziger die sämtlichen 80 Stimmen Berlins führen dürfte. Es hätte docli sonst Vorkommen können, daß in einer Anwandlung von Gerechtigkeit der Vorstand der Ber• liner Ocmeindc unter 80 Leuten auch ein paar Ortlio• doxe oder gar ttt Zionisten delegiert hätte, oder daß vielleicht, um nicht so ausschweifenden Plian• tasien nachztihängcn, selbst unter 80 Liberalen sich mal einer finden könnte, der nicht uuhcdiugt nach der Pfeife des Herrn Louis Sachs, dieses Oherdemokraten, tanzt. Man wollte den kleinen Gemeinden die Pille damit verzuckern, daß mau ihnen nachwies, sie hätten nach dem Entwurf noch immer eine wenn auch schwache Majorität. Auf dem Papier gewiß. Wenn mir nicht die famose Bestimmung wäre, daß die Ge• meinden nur Mitglieder ihrer Gemeinde delegieren dürften und nicht diejenigen, von denen sie die wirk• samstc Vertretung ihrer Interessen erwarten. War das auch notwendig, tun die ״Entrechtung des Großstadl• Judentums“ zu beseitigen? Man wollte aber die kleinen und mittleren Gemeinden ihrer geschicktesten Anwälte berauben, tun dann leichter mit ihnen Fangball spielen zu können. ״Das Wahlrecht sollt Ihr ja haben, aber laßt Euch nur nicht cinfallcn, cs so zu gebrauchen, wie cs Euch paßt.“ Ganz ׳wie in Galizien. G a I i zische W n h 1 e n als d c m o k r a t i s c h c s Ideal! Wenn erst die Leute aus den kleinen Gemeinden selbst da sind und immerfort an das große Porte• monnaic der ״intelligenten und bemittelten Kreise“ erinnert werden, dann — wird natürlich jeder so stim• men, wie es seine Ucberzetigung — zwar nicht ver• langt, aber doch nach Ansicht des Herrn Cohn aus Dessau verlangen müßte. Aller schließlich ist ja auch Herr Dr. Ritter von Löwenstein, der ״Sieger von Dro• liobycz“, liberaler Jude und — wenn auch nicht ״Deutscher“, so doch ״polnischer Demokrat“. Und dieses Projekt, das mit allen Tücken rc• aktionärer Regierungskunst ausgestattet ist, das jedem freiheitlich empfindenden Manne die Schamröte ins geringer als die am leidenschaftlichen Nieder* reißen. Dieser vielfältig wimmelnden, unter sich zerfchdeten und unruhvoll gestikulierenden Gruppe gegenüber steht nun Wassermann da wie ein wahrer Klotz, wie ein vom Himmel gefallenes Stück Urgestein. Gewiß, auch er ist uni eine Negation, wo sie ihn nötig dünkt, durch* aus nicht verlegen. Aber der Schwerpunkt seiner ganzen Persönlichkeit liegt doch im positiven und fördernden Schaffen. Er hat etwas von jenem echten Kiinstlerhcroismus, der nicht die effektvolle Herausstellung der Persönlichkeit, sondern das Werk will *— das Werk, hinter dem das Ich mit seinen bunten Ansprüchen bescheiden und einsichtsvoll zurücktritt. Darum nenne ich ihn einen Schüler Goethes, dessen dämonischer Trieb nach universeller Pcrsöiilichkeitscntfaltung in wohlabgewogener Weise balanziert war durch ein gebieterisches Bedürfnis nach sachlicher ob• jcklivitiit und monumentaler Gegenständlichkeit. Jedenfalls jenes vorlaute Hervorstecken des Ich, wie cs für Heine und seinen Anhang so be* zeichnend ist, liegt der gocthischen Sphäre völlig fern und ist auch bei Wassermann nur in ab• gedampfter, dem Höheren sich unterordnender Weise zu beobachten. Darum erscheint mir Wassermann innerhalb des deutschliterarischen