Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 296 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 26 ״unterrichten“ bißt. Damit gab sie sich nicht zu• frieden. Um nicht gezwungen zu sein, den Satz, für das zu halten, was er int Grunde ist, für eine Phrase, mußte sic ihn vorn Allgemeinen abstrahieren, ihn irgendwie konkretisieren, ihn irgendwie unterrichten. Nun war es in der Tat unmöglich, im französische!* * Unterricht die Kinder zu etwas anderem als zu guten Franzosen, im Geschichtsunterricht zu etwas anderem als zu guten ilistorikern, in der Mathematikstunde zu etwas anderem als zu guten Rechnern zu machen. Pa stiell sie auf die jüdische Religinnsstuude und fand liier die Erlösung. Es hätte zwar eigentlich nahegelegcn, zu sagen, der jüdische Religionsunterricht sei dazu da, um die Kinder zu guten Juden zu erziehen — aber rasch ersetzte sie sich diesen unbequemen Satz durch den anderen: ״Wozu gute Juden? Ganze Menschen wollen wir, das steht viel höher — —." Und so begann sic, im jüdischen Religionsunterricht alles andere zu lehren als Judentum. Sie lehrte: ״Seid sittlich, seid edel, liebet Euren Nächsten —" und nur der Umstand, daß diese Gemeinplätze der allgemeinen Sittlichkeit wie in jeder Siltenlchrc, so auch natur• gemäß im Judentum zu finden sind, konnte den Schein wahren, daß hier Judentum gelehrt würde. Was ist die Folge? Der Schüler tritt ins Leben mit dem He• wufltscin, das Judentum bestünde aus diesen Gesetzen; das bißchen Nationalgeschichte liegt ja soweit zurück, daß wir uns darum nicht zu kümmern brauchen! Und sowie er zur Besinnung gelangt, fragt er sich ent• setzt: ״Wie? Um dieser Selbstverständlichkeiten willen verbohren sich die Juden in das Leiden? Um dieser Gesetze willen das lange Martyrium? Fürwahr, ein hartnäckig Volk." Und er muß es lächerlich finden, daß mau noch freiwillig die Duldermiene trägt. Man lehrt ihn, im Christentum stünden dieselben Worte, womöglich hört er noch, das Neue Testament bringe ü!1 Gegensatz zum Alten den erhabenen Satz, mau solle sogar seinen Feind lieben — und er empfindet sein Judentum als ein schwerdrückendes Anhängsel, um derentwillen sich fürwahr nicht lohnt, den Todes• kämpf aufzunehmen mit all dem, was uns heute bc• droht und verfolgt. Er ist uns verloren. Er lebt als ״ganzer Mensch", «I. h. er bricht nicht die Ehe, stiehlt nicht, mordet nicht, glaubt womöglich an einen ein• zigen Gott und gibt sich die größte Mühe, seinen Feind zu lieben und ihm noch die zweite Wange zu reichen, wenn die erste bereits vom Schlage gerötet ist. — Wahrlich, ein ganzer Mensch, der über den erhabenen allgemeinen Sittlichkeitsidealen sein ur* eigenstes Volkstum vergißt und Verrat übt an den Volksgenossen, die eben tun dieses Volkstums willen, in dem die erwähnten Ideale überdies als Unter* begriffe, als integrierende Bestandteile eingeschlosseu sind, ein blutiges Märlyrerlebcn führen. -.- Hochverehrter Herr Doktor! So werden die Schiller ausschcn, «lenen die Lehrerin Unterricht gab, von der ich spreche; aber, und hier komme ich zum Bctrühs.unstcn, so nicht auch der weitaus größte Teil der Schüler aus, die mit mir gemeinsam bei Ihnen Unterricht hatten. Sie werden vielleicht entrüstet sein, «laß ich Ihren Unterricht auf eine Stufe zu stellen wage mit dem Unterricht dieses weiblichen Amhaarez. Sic werden sieh auf Ihre jüdischen Kenntnisse bc• rufen, auch darauf, daß Sie fast jede Stunde he• gaimeii mit dem Satz: ״Ich bin stolz auf das Juden- Iiiiii, denn es hat als erste mul einzige Religion all die SiUliehkeitsidealc aufgcstellt, die heute Ge• meingut sind." ״ Der Effekt ist derselbe gewesen. Sie werden sieh darauf berufen, daß Sie Ihr Juden* der Wahl Münchens, die wohl zunächst freilich persönlichen Umständen des Verfassers entsprang, doch auch eine starke innere Berechtigung. Die bayerische Metropole weist neben den für die mo• derne Großstadt charakteristischen Erseheinuiigei (Konzentration der Massen infolge oder neben in• dustrieller Entwicklung) auch alle für die neuzeitlich■. Bewegung und Struktur der jüdischen Masse typischen Merkmale auf. Als dieser Typus stellt siel im wesentlichen die demologisclt so wichtige Er schcimmg des ״Zuges nach der Stadt" dar. Wa• 1Kr ‘^,1»ebener Nationalökonom von Mayr von dci Städten im allgemeinen sagt, daß sich * nämlich ii ihnen die ,,Sedimente des Wanderstromes" am meistci almilagcru pflegen, das gilt in erhöhtem Maße vo! München hinsichtlich seiner jüdischen Bevölkerung Das Wandertmgsproblcm der Juden tritt dem ״t;l merksamen Leser bei der Lektüre der vorliegende; Schrift sehr klar und eindringlich vor Augen. Eigen! lieh freilich weniger das Wanderung« p r o b I c in als vielmehr das bzw. c I n Wanderung! r e s u 11 a I denn Was das Wesen jenes Problems ausmache würde, nämlich die Frage nach den letzten U - Sachen der Wanderungen, kann ja immer nur streifen. Wenn'« gut geht - sie ein Fachmann meistert —, wird sic die leichter erkennbaren äußeren Anlässe , örtern können, und auch das darf sie schließli nur nebenher. Streng genommen ist das ihr V< |ug; der Laie aber rechnet nur allzu gern de Statistiker seine nüchterne Enthaltsamkeit v< die Statist - d. 11. wci gerade tum liehen nur schade, «laß diese Liehe nicht fruchtbarer auf andere wirkte, Sic werden beteuern, «laß sie «len besten und aufrichtigsten Willen hatten, nicht nur ״ganze Menschen" wie jene Lehrerin, son• «lern auch gute Juden herauz.uz.ieheiL Ich werde Ihrer Ehrlichkeit glauben -י aber atisgerieltlel haben Sie nicht mehr wie jene. Wahrlich, «las gibt zu denken. Wenn Sie mit Ihrer Gelehrsamkeit und Ihrem ehrlichen Willen nicht mehr erzielen können, •als jemand, der voll Unwissenheit und ohne guten Willen dann muß die Fäulnis tiefer sitzen. Ich glaube, sie in diesem erkannt zu haben: Einmal in der unverantwortlichen Leichtsinnig* keil, mit der wir, wie bereits angedeutet, unseren Nachwuchs dein Gros der Religionsleltrer attsliefern. Dann aber itt dem ganzen System des Rciigions-t Unterrichtes und insbesondere in der tragischen Not• Wendigkeit, Kulturgeschichte in der Rcligionsstundc unterrichten zu müssen. Bleiben wir einen Augenblick bei dem ersteren. Ich kenne eine Lehrerin, die trotz ihres Sträuben! genötigt wurde, jüdischen Religionsunterricht zu er• teilen. Sie ging zum Rabbiner und erklärte, ihr ginge jedes religiöse Empfinden ab, vor allem aber wäre es ihr unmöglich, die Rituaigesctzc, die sie als unsinnig empfinde, den Kindern heizuhriugen. Der Rabbiner begab sich zum Direktor, bat um Abhilfe und erbot sieh schließlich, ohne Entgelt den Unterricht seihst zu übernehmen. Aber der Direktor be• stand aus irgendwelchen Gründen auf seinem Vcr• langen und nur dem überaus energischen Vorgehen des Rabbiners, der fest entschlossen war, bis zum Kultusminister zu gehen, war es zu verdanken, daß die Lehrerin wenigstens von der Erteilung des Rcligions• Unterrichts in den oberen Klassen befreit wurde. In der Mittel• und Unterstufe erzieht sic nach wie vor die Kinder, da sie sie nicht zu guten Juden erziehen kann, ebenfalls zu ״freien Menschen", denn «las ist immerhin leichter. Daß es sich hier um einen dem Nationaljudentuin nahcsk-hciulcu Rabbiner handelte, brauche ich schwerlieh zu betonen. Betrachten wir nunmehr einen zweiten, einen ähnlichen lall, der nur durch den Umstand, daß «1er hier in Frage kommende Rabbiner ein ausgesprochener Zionistenfresser ist, eine lehrreiche Nuance erhält: Der Rabbiner eines Städtchens wird auf längere Zeit beurlaubt. Der Direktor einer Mädchenschule beauftragt eine angestcllte jüdische Lehrerin, die Vertretung im Religionsunterricht zu übernehmen. Sie geht zum Rabbiner, erklärt, «laß ihr jegliches jüdisches Wissen und jegliches jüdisch■ religiöses Empfinden abgehe•. Die einzige Antwort des Rabbiners (!! )ist; ״Sie halten den vorgeschriebe, neu Stoff zu bewältigen." Und die Lehrerin ist ge nötigt, widerwillig und 'mechanisch vorzutragen, was sie im Lehrbuch der biblischen Geschichte findet. Eiuzelfälle? Doch wohl nur darin, daß die Lehrerin ehrlich genug war, sich zu sträuben; wie viele aber übernehmen ohne Auflehucn und ohne IJebcr/etigung den Unterricht in einer Lehre, die ihnen fremd ist? Ich habe wahrlich Grund zur Annahme, und ich komme darauf noch zurück, daß ein überaus großer Teil unserer Religionslehrcr «len Unterricht erteilt ohne das geling*.!»• Verständnis und oft ohne das geringste Interesse; der eine unterrichte! ganzes Menschentum, der andere leiert Rituaigesctzc und die Legenden der biblischen Geschichte mit der ganzen Naivetät ab, die «las Lehrbuch vorschreibt. Und in «len Händen solcher Leute ruht unsere Zukunft? Ihnen vertrauen wir die Erziehung uuseter Jugend an, von ihnen erwarten wir, daß sie uns cj״tn kräftigen, jungjüdiseh-sclbstbewußten Nachwuchs hefern? Fürwahr, noch ein Jahrzehnt in diesem .Schien. »Irian, noch ein Jahrzehnt in diesem System f״n. gcsvurstelt ■ - und wir werden «ms vor unseren Jungen schämen müssen, daß wir nur gute Juden, sie;,her ganze Menschen sind! Und nun zum zweiten: zum System des Rcligiom. Unterrichtes. Ich sehe, v.ie Sic bei diesen Worten lächeln ob der Anmaßung des Schülers, der, kaum der Schule entflogen, an deren Fundamenten li. reil» zu rütteln wagt; aber ich wollte lieber, Sic wurden,• stall zu lächeln — mich widerlegen. flei der Erziehung der jüdischen Jugend k!״!״!, glaube ich, und hierin dürfte wohl niemand anderer Meinung sein, ein einziger Gesichtspunkt, ein cio/igc* Ziel in Betracht: wir wollen unsere Jugend zu v ,rken Männern machen, die in ihrem Judentum die si .rkstc Waffe finden gegen das Unheil, das jedem Inden droht. Wir wollen keine dekadenten Zwitlergestaltcn, die müde ihr Judentum mit sich hcrumschlcpp»!», ei gern los wären mul doch nicht freikoinmen «l.ison; keine Verfallsgehildc, von denen der Prophet wehklagt: ״Wie lange werdet Ihr wie ein Voglern bald auf dem einen, bald auf dem anderen Zweige hi1j.it n>" Zweierlei wollen wir unseren Jungen mitgeben auf «len Lebensweg: Stolz -• um den Kampf überhaupt auf. zunehmco; um nicht feige resignierend von Anfang an irgemiwo untcrschlupfcn als Scluitzjudc in mannigfachster Gestalt. Und Stärke — ilamii sie den Kampf siegreich bestehen. Hier ergibt sieh leicht die Trage• Stellung: Stolz * worauf? mul Stärke — woduriii? »Weine Freundin, die Lehrerin, würde die «rite Frage leicht beantworten: Stolz auf das freie »Menschentum, das ihnen innewolmt. Stolz darauf, «laß sic ganze Menschen sind. (Da sind sic auch was Rechtes.) Sie, verehrter Herr Doktor, sind, wie ich weiß, solchen Phrasen feind; ich weiß, Sic wurden ehrlich und wirklichkcitscnlsprcchcndcr antworten: Stolz atif das Judentum! Und ich höre bereits wieder Ihren Salz: ״Ich bin stolz auf «las Judentum, denn cs hat «ler ,Menschheit all die SiUliehkeitsidealc gegeben, die heute «Icren Allgemeingut geworden sind." Bei aller Höflichkeit und aller Ehrfurcht vor Ihnen - aber ich fürchte, dieser Satz ist weiter nichts als eine Luxusausgabe jener Phrase vom freien Menschentum; ausstaffiertc Hohlheit. Stolz setzt etwas voraus, was unterscheide(. (Es ist kein Zufall, daß der Franzose für die Worte ״ausgezeichnet, vornehm, stolz" und für ״von anderen unterschieden" das nämliche Wort gchr.iiichl: ״distingiic•".) Stolz kann man nicht auf etwas sein, was jeder sich z.u eigen, jeder taffe nnchalmtcn kann. Stolz auf die Selbstverständlichkeiten de« ״freien »Menschentums" ist eine Lächerlichkeit. Aber ebenso morsch, unsinnig und unhaltbar ist ein '1>1«יי der sich auf einen langst vergangenen Unter-»luctl stützt; also der Stolz darauf, «laß die Juden früher e i n m a I den anderen überlegen, von den .iihUmi unterschieden waren und daß sie eher als die an i»r»n ein heute allgemein anerkanntes Gut besaßen. Wenn die anderen das, worauf wir stolz sind, von «m« gelernt haben, uns nunmehr also gleich gew■ •1»l«׳n sind wäre es lächerlich, noch einen cxkl neu Stolz zu predigen. Ein allen Zweifeln gegenüber widerstainl-1 5!g»׳r Stolz kann einzig und allein basieren auf einem \!der- Schlüsse/icheii und Kombinieren als Wissenschaft* liehe Schwäche an. Vielleicht geht auch Segall in der abzulelmenden Richtung hier und da etwas zu weit, und besonders hei der Erörterung rein physiologischer ,Momente in ihrer kausalen Bedeutung für die Abstcrbcnrdming wäre wohl manchmal mehr Zurückhaltung erwünscht gewesen; weiß doch jeder Statistiker, wie unendlich schwer es ist, zahlenmäßig die Einwirkung speziell physiologischer und pathologischer Vorgänge auf Tat• vacUcw lückenlos zu erkennen und zu erlassen. — Trotzdem aber kann die Arbeit in ihrer aus jeder Zeile ersichtlichen Gründlichkeit und in der geradezu vorbildlichen Gewissenhaftigkeit kaum genug geloht werden. Den geborenen Statistiker, als der sich Segall mit jeder neuen Arbeit von neuem erweist, erkennt man schon au der überaus klaren Disposition der ganzen Materie. Ein erster Teil bchamlelt die ״Gliederung der Bestandmaße der jüdischen Bevölke• nmg", ein zweiter die ״Bewegung der jüdischen Be• völkerung", Im ersten Teil ist der erste Abschnitt *ler ״Gliederung der »Masse im ganzen" gewidmet, der zweite, wohl interessanteste des ganzen Buches, der Frage• nach der ״Gliederung der Masse nach der Ebenbürtigkeit". Mit Recht findet in diesen Kapiteln, die die historische Entwicklung der einzelnen Ge• bürtigkeitsgruppen sowie die Gebiirtigkcit in Korn• binatitm mit dem Geschlecht, Alterslaufbahn und Fa• milicnstand erörtern, das Ausläiiderproblcm überall besondere Aufmerksamkeit. Ist dieses bekanntlich schon bei ganz allgemeiner Beobachtung von Aufbau;,t׳.׳m der;.-ehe weist mig•)!.11»»k' ten.il, , luiw Ol'.־.;eben und Bewegung der jüdischen ,Masse von höc Interesse, so muß das in hervorragendem .M:11l Fall sein in einer Stadt wie München, deren j> Bevölkerung *״• was Segall zahlenmäßig na».. י ihre in Deutschland beispiellose Entwich: gerade der starken Einwanderung aus dem Au zu danken ist. An dem reichen statistischen M das Segall zur jüdischen Ausländerfrage Mherbeibringt, werden überhaupt die .Münchener! die an ihrer Lösung atheiten, «ueüt votbc» dürfen. Und das tritt einem als das Bleibende an 1h««r Arbeit vor Augen, worin sie über ihren enger. Kdi* men gleichsam hinausweist: daß diese je.!«sehe Statistik, die augenblicklich zwar nur von ucrigo'i aber von ausgezeichneten Männern gcltaudhah: wird, einmal vertieft und ausgedehnt, die untrüglich*!« Diagnose bieten wird für die große Krankheit tlcS jüdischen Volkes, die Diagnose und mit ihr vielleicht auch den ersehnten Weg zur Heilung. D r. Bruno K i r s c 11 n e r. *) In München ist die jüdische Bevölkerung in den Jahren 1885-1905 um mehr als 1«0 Pro״•’" gestiegen, während in Berlin der Verhältnis der Vermehrung innerhalb des gleichen Zeitraum״ nur 55, in Frankfurt 50, in Breslau nur ch™ über II beträgt!