Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. J U E DI S C H E RUNDSCHAU Seite 295 1,1,./״/citd;ius/11I»ämli«cn. Dieser Waltltnotlits mußte ilic Menge reizen.Die Schuldigen müssen «ireiiesü'i's bestraf! werden. Aber dabei muH man die Frage niifwcrfcn. ob dieses Wut und diese Leichen die vollzogene Wahl niciit aiifeehteit. « t׳ml weiter muH man sieh fragen: Wozu diese L1׳n/c WallIfaree? h vt״ei1n als Abgeordneter derjenige gewühlt werden soll, der die Mittel hat, um Tausende von WahljcMtiinaimiien;mziilüitifen und die Wühler mit diesen Lecitini'tionen unter Assistenz von Infanterie mul Kavallerie zur Wahlurne zu dirigieren, könnte inan doch diese ganze!,ro/edur vereinfachen •- und das Volk durch den Schein von freien Wahlen nicht provozieren.י ״ י:ו|• ,,Vossische Zeitung", die, wie wir berichteten, den i; r zunächst zugegangenen tendenziösen Bericht über iVohobycz. in loyaler Weise ergänzt hat, bringt in ihn-r Sountagnununer eine Darstellung der vereinig sn ()ppositionsparteieii: 1 isi nicht richtig, dall ״der zionistische Agitator die /iniisten aufreizte! . . ." Die ganze vor dem Wahllokale versammelte Wiililerschafl, welche aut Auordii:;14 des eigentlichen Wahlleilers, in Drohohycz. des :!errn Kultuspräsideuten Jakob F e u e r s t e 111, zur .;inimenahgalre nicht zugelasscii wurde, gab in laiiti i Worten ihrem Uninutc Ausdruck, und die licu i/tlici! des Volkes steigerte sich noch, als man sali, dall die vom besagten Herrn 1• e 11 e r s t e i 11 iiispiin rte.’i Wahlhyäiicii durch eine Seitentür im Wahllokal ein- und ausgingen, um jedesmal ganze Pakete von V! 100 Stimmzetteln für den sogenannten Re- ״iermigskandidaten l)r. Löwenstein in die Urne zu \ erteil. Die Wncliorgaue hatten nur für die dratiiVn stehende Menge ein wachsames Auge, und cs half keine Bitte mul kein Protest. Unter den so schmählich zurückgeset/teu Bürgern befanden sich neben den Zionisten auch Anhänger des selbständigen polnischen Kandidaten Bnlicki uiul des ruthenisehen Kandidaten Kob rin. Der Vertrauensmann der Opposition, Herr Auerbach, bekam seinen Sitz weit weg von der Kommission mul erhielt außerdem ״Befehl“, mit dem Rücken zur Kommission gewindet zu sitzen. /Ms er dagegen protestierte, wurde er sofort verhaftet. Für das ungesetzliche Vorgehen des Herrn feil erst ein spricht auch der Umstand, dall um 12 l'lir mittags eine Pause angeordnet wurde, was ausdrücklich gegen das üesetz verslöllt. Für all das hatte der Kommissär hloll ein ironisches Lächeln. W'.1s Wunder, dall die Wut des Volkes schier keine fireiizen kannte. Aber trotzdem war die Abgabe von 5 Militiirsalven mit scharfen Patronen ohne jede v o r h e r i g c P r m a h n u 11 g ein arger Mißbrauch der Gewalt, so dall es gar keine Entschuldigung dafür gibt. Auch die Zahl der l oten und lehensgefährlich Verwundeten ist in Ihrem Berichte unrichtig angegeben. Man findet es jetzt in der ganzen polnischen und überhaupt in der österreichischen!*resse bestätigt, dull 21 Leichen - ihre Zahl wird leider durch die Agonie der vielen Verletzten noch fortwährend vergröbert dieser sträflichen Willkür traurige Folgen sind. Die sofort eiugeleitete Untersuchung hat bereits sehr betrübende Tatsachen ans Licht befördert. Sie wird auch hoffentlich die wahren Schuldigen finden. Keineswegs aber sind ״diese traurigen Geschehnisse aut das Kerbholz, der zionistischen Bewegung zu schreiben“. Die pb/ugebcmlc Stimmenzahl war derart inner die Kandidaten verteilt, dall wohl unbedingt eine Stichwahl vorausztiselteii war, dall aber auch nhsolut nicht fcstgestellt werden konnte, oh gerade!In zionistische Kandidat oder einer der anderen Herren mit dein Herrn Löwenstein zur neuen Wahl werde schreiten müssen. voll-mi!tjen Farben ist sein ״Städtchen“ geschildert. Mit welcher Liebe und innigstem Verstündiiis ist das Los des heimatlosen und nach Rast sielt sehnenden jüdischen Wanderers gezeichnet. Wie tief ist des Dichters Blick in das eigenartige Leben und Treiben der neuentstandenen ühetti Amerikas gedrungen. Alle diese Eigenschaften seines großen Ta-!eitles sind es, die den jungen Dichter gcwissermaßeii dazu prädestiniert haben, das heutige Ohettolcben Europas in färben* und toneiireichen Bildern vor Augen zu führen ־— Asch ist der in Europa bekannteste ncttjüdisclte Dichter — und andererseits das europäisch-germanische Siegfriedmotiv in die jungjüdische Kunst eittzuführen. Das Zerrbild, das Europa bisher vom־ Ghetto der Gegenwart vor sielt batte, wird gewiß an Karikaturmäßigkcit cinbüßen. Innerhalb der heutigen Ghettoinauern ist das Lebenswerk Asch״ auf die Linderung seines Grundühcls gerichtet. Dieses Grundübel ist — die H y p c r t h r o p h i e der lebens- und blutleeren ״G e i s t i g k e i t“, des ״Moiach“, des rationalisierenden und spintistierenden Intellektualismus, der die Atrophie der männlichen Kraft, des ״Koiach“, des Naturempfindens, des Gemütes, des Emotionalismus entspricht.. Auch die Erwähnung der feindlich gesinnten Wimderrabbis in Ostgalizicn ist ganz lind gar 1111• richtig. Sic mag woiil nur in der begreiflich erregten Phantasie Ihres lleriehlcrstntlers so entstanden sein, kommt aber liier gar nielit in Betracht, da die Wunderrabbis sieh diesmal ganz passiv verhalten haben. Genehmigen Sie usw. gez.: Ur. Zipper als zionistischer Kandidat in Drohohycz, Dr. M. P acht in n 1111. Obmann des oppositionellen Komitees in Drohohycz, A. Stand als Führer der Zionisten- Partei in Galizien. Sendschreiben an einen jüdischen Lehrer Katiowitz, Ende Juni 1011, Verehrter Herr Doktor! Ich weill nicht, ob Sie sich midi des Gespräches erinnern, das wir bei dem Besudle, den ich Ihnen kürzlich ahstattctc, miteinander führten. Ich kam von dem Lehen da draiilten, hatte einiges gesellen, halte die Kämpfe der Völker gespürt und insbesondere den Kampf unseres Volkes, jenes Volkes, das ich als Schüler kaum flüchtig kannte, wenn nicht gar verachtete. Und mm sali ich plötzlich meinem allen Lehrer gegenüber, sali sein mildes, nachsichtiges Gesidit mul die Stunden wurden mir wieder lebendig, in denen er sieh Mime gab, 1ms jenes Volk keimen zu lernen. Ich cntsnnn mich *ler unaussprechlichen Langweile, die ich in jenen Stunde.! empfand, der Interesselosigkeit, mit der ich Ihre Vo, r;)ge über mich ergehen liell, lies ewig gleichen leidenschaftslosen Lächelns, mit dem Sie zu tms sprachen - und als ich nun, plötzlich Ihnen gegenüber saß und wieder dieses leidenschaftslose Lächeln sah, packte mich ein tiefer Groll darob und ich sprach heftig und vorwurfsvoll. Sic sahen mich ein wenig verwundert, aber doch nachsichtig an, wie eben ein Lehrer seinen Schüler; erst als ich, dadurch erhitzt, eifriger werdend, und die Umgehung vergessend, mich zu dem harten Worte liiiircilieii ließ (verzeihen Sie mir, aber ich m 11 H t e es sagen): ״Ein jüdischer Lehrer sollte seinen Schüler lehren, sein Judentum als siegreiche Waffe zu schätzen und zu liehen, nicht aber als schleppenden Ballast zu empfinden! Taten Sie das? Weit entfernt! Wenn ich heule das Judentum wieder keime mul liehe, so kenne und liehe ich es trotz, nicht aber infolge meines Religionsunterrichts ־• erst ela schienen Sie einen Augenblick erzürnt, mul ich wage nicht zu entscheiden, wie weit Ihr malmendes Gewissen daran beteilig» war, Warum ich hierauf zitrückkoimnc? ich will cs Ihnen erzählen. Auf der Wanderung, die mich auch zu Ihnen führte, kam ich durch das kleine Städtchen, von dein aus ich Ihnen schreibe. Mir fiel ein, daß es liier eine Lehrerin gibt, die ich besuchen könnte. Ich erfahre ihre Adresse, gehe hin, und wenige Minuten darauf sitzen wir plaudernd und Tee trinkend in dem Erker ihrer lichten!großen Stube. Neben mir liegt ein Buch; ich greife danach: es sind Grimms Märchen. Au den Wänden hängen gehäuft einige Sclnvindt, Böeklin, Hals -• dazwischen ein Diircr und die Giorgonis'sclie Venus. Ucber dem Bücherschränke, wie icli leise lächelnd konstatiere: Goethe und Schiller. Das nette nach Kraft und Freiheit ringende Judentum des Ostens hat in Asch seinen tat* kräftigsten Förderer und Apostel auf dem Kunstgebiete gefunden. Gerhart Hauptmann ins Hebräische übersetzt Wir meldeten kürzlich die Begründung eines Verlags mit dem Namen ״Japhct*'.י Dieses in Jaffa geleitete und bestehende und von dem Schriftsteller J. I'eldmaiiu geleitete Unternehmen macht sich mm daran, seinem Namen getreu, die Schönheit Japhcts den Zellen Sems zitzufiilireii, und gab eine Reihe von Uebersctzungon heraus. Als erstes Buch erschien Gerhart llauptmamis ״Michael Kramer" in hebräischer Sprache״ Bald folgten ״Wertliers Leiden“ von Goethe, Gedichte von Lermoiilow, Erzählungen von Tolstoi, Nach einer eben erschienenen Auki'm• digung des Verlages sollen demnächst die ״Einsamen Mensehen“ Hauptmanns, Goethes ״Aus meinem Lehen, Dichtung und Wahrheit“, und Einersoits ״Shakespeare“ hebräisch erscheinen. Der hebräische Dileltantenvcrcm in Jaffa will noch in dieser Saison Ibsens ״Volksfeind“ und Sudcrmanns ״Johan• nisfeuer“ ztir Aufführung bringen. ״ Dr. B. eh stöbere ein wenig in den Büchern umher. Pädagogik, ״Seide des Kindes", ״Freies Menschentum", deutsche Lyrik im untersten Fache entdecke ich das Alte Testament liehen I ler/ls Schriften; kurzum, ich konnte nicht recht klug werden. Wir plauderten, kamen auf die Bibel zu sprechen, Ich griff nach ihr und las aufs geradewold einige Stellen aus dem ״Buche der Könige". ״Jelui zog in Isrecl ein. Als es Iseliel hörte, schmückte sic mit Farbe ihre Augen mul putzte ihr Haupt 11ml schaute zum l enster hinaus. Als Jclui an das Tor kam, sprach sie ihn an: ,Geht es dir wohl, Siinri, Mörder deines Herrn?‘ Er erhob sein Gesicht zum Fenster und sprach: ,Wer ist mit mir? Wer?' Da blickten zu ihm zwei oder drei Hofbediente. Er rief ihnen zu: ,Stiir/et sie herab!1 Und sie stürzten sie hinab. Es spritzte von ihrem Blute auf die Mauer und auf die Rosse, und er ließ sie zertreten. Er k.un in den Palast, aß und trank lind befahl daun: ,Sehet doch nach dieser Verfluchten mul begrabet sie, denn sie ist eine Königstochter,' Sie gingen hin, sie zu begraben, aber sie fanden an ihr mir den Schädel, die Fülle und die Hände --" Sie hörte mir zu und kannte es nicht. Icii sprach von David: ״wie stark, wie überwältigend muß doch die Persönlichkeit Davids gewesen sein, daß Jonathan, der Thronfolger, sich willig beugte und ihm das Recht auf den Thron zucrkaimte Es war ihr neu. teil spraeli von der Auffindung des Gesetzhuehes unter Josia, im Anschluß hieran von der Rcnansciicn Theorie, daß in diesem Moment überhaupt erst der Pentateuch, im Dunkel gewoben von den listigen Händen des Jesaia, in Erscheinung getreten sein mochte; davon, daß das Pessaehfest zum ersten Mal zu Josia* Zeiten (ungefähr (itli) vor Clir., etwa ein Jahrtausend nach David) gefeiert wurde. Ihre ganze Antwort war: ״Steht das auch in der Bibel?" — ״Keimen Sie den Kohelet?" fragte ich. ״Kohelet? Kabelet? Ach Sie meinen den Prediger! Ich glaube, ich las ilm einmal!" Es klang wie: ״Keimen Sic Schopenhauer?“ — ״Schopenhauer? Ich glaube, ich las ihn einmal-.“ Da brach es aus mir heraus voll tiefen Entsetzens: ״Und Sie erziehen jüdische Kinder?• Ihnen vertrauen Leitern ihre Kinder, vertraut das Volk seine Zukunft an?" ■ Sie antwortete, ein wenig verständnislos; ״Was wollen Sie denn? Ich habe ja nur jüdischen R e I i g i o n s unterricht zu erteilen." Und in diesen naiven Worten erkannte ich die ganze Tragik unseres Volkes, erkannte die ganzen Gefahren, die es belauern, s di den Wurm, der unseres Stammes zarteste Keime vernichtet. ־ — Es stellte sich des weiteren heraus, daß sie von der jüdischen Religion mir die allgemeinen, heute jedem Kulturmenschen selbstverständlichen Sittengeset/e herausgriff, ״denn," sagte sie, ״sie wolle die Kinder zu ganzen Menschen erziehen, und das sei viel mehr, als wenn sie mir gute Juden aus ihnen machen würde." Es ist• nicht uninteressant, diesem Gedankcugaiig, der für unser Zukimftssehicksai die schwersten (iei.direii birgt, zu lolgen: Die Lehrerin ging von der allgemeinen und n icht bestreitbaren Erkenntnis aus, daß die Schule dazu da sei, aus den Kindern ״ganze Meiisehiu" zu machen. Ehrlich wie sie ist, ließ sie es nicht heim Worte bewenden, sondern versuchte, es konkret zu gestalten, Die scIbstverstäiuJ• liehe Folge war ein hilfloses Scheitern. Denn Wenn es auch klar ist, daß der gesamte Unterricht darauf hiiiauslaufeu soll, ganze Menschen zu entwickeln, so düifte es ebenso klar sein, daß sich dies nicht Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in München 1875-1005 Ein Beitrag zur K0׳n1m111alstnt*s'.il( von Jakob Sega II. (Verlag des Bureaus für Statistik der Juden, Berlin.) Preis J Mk. leb bedaure aufrichtig, daß ich erst heute dazu komme, über die vorzügliche Arbeit Sega II s kurz zu referieren. Das vorliegende Buch aus der Feder des bekannten tüchtigen Statistikers, dem wir bereits eine Anzahl wertvoller mul gediegener Unlersuchimgen auf dem Gebiet der jüdischen Statistik verdanken, eröffnet eine neue Serie von Publikationen des Herliner Bureaus für Statistik de,־ Juden. Zum ersten Male werden in erschöpfender Weise sämtliche statistisch erfaßbaren Verhältnisse der jüdischen Bevölkermig einer Stadt behandelt. Der Münchener Verein für die Statistik der Juden, der als Herausgeber der Arbeit zeichnet, hat sieh durch diese Publikation sowohl um die jüdische, als auch um' die Konummalslatistik ein bedeutendes Verdienst erworben, das - nächst dem Verfasser — in erster Linie dem rührigen Vorsitzenden des Vereins, Privatdozeiitcn Dr. Cohen, /ukoinmt, Wenn die neue Reihe von l'iitersuchimgcn über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten gerade mit einer Studie über die M ü n ebener Verhältnisse eingeleilct wird, so liegt in