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Jüdische Rundschau · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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I Seite 294 Bericht eines Augenzeugen Der bekannte jüdische Maler Jchudo Epstein schreibt der ״Neuen Freien Presse**: Ich bin am 19. Juni Augenzeuge der tragischen Vorfälle gewesen. I!n ״Hotel Scholz״, wo ich logiere, war ich auf dem Balkon nur ca, 20—22 m von den Soldaten, die geschossen haben, entfernt und war auch im Laufe des ganzen Tages in der Lage, alles, was vor dem Wahllokal vorging, auf das genaueste zu beobachten. Ich bin vom Frühstück gegen 0 bis 1/־J0 Uhr nach Haus gekommen und bin ummtcr‘■ brachen bis V4 oder %\ Uhr auf dem Balkon gewesen. In der Menge herrschte eine ungeheure Aufregung. Heulen und Johlen erscholl von allen Seiten und Rede» wurden gehalten mitten in der Menge und von einem Balkon des ״Hotel Scholz". Ich habe gesehen, wie die Menge Arretierte befreien wollte und wie die Gendarmen die Läufe ihrer Revolver der Menge entgegenhielten. Ich habe gesehen, wie man einen Menschen prügelte, der sich nur schwer mit der Hilfe eines Gendarmen in ein üescliältsiokal flüchten konnte. Ich habe gesehen, wie Fensterscheiben eingeworfen worden sind und wie das Agitationsbnrcau, welches sich gleich beim ״Hotel Scholz" befindet, g e s 1 ü r ווו t worden ist. Möbelstücke, Tische, Sessel wurden hin* ausgetragen und in Stücke gebrochen. Soldaten mit gefälltem Bajonett räumten ein paarmal den Platz vor dem Wahllokal, doch gelang es ihnen mir für kurze Zeit, den Platz frei zu machen, Kavallerie unternahm soviel ich gesehen habe, dreimal den Versuch, die Straße zu räumen; ohne Erfolg, Ein Hagel von Steinen ging auf die Reiter nieder, ich sah faustgroße Steine Soldaten auf den Kopf treffen; mit abgcbrochenen Stuhlbeinen bewaffnet hieb man auf die Pferde ein und durch Geschrei und Johlen suchte inan die Pferde scheu zu!riehen. Während dieser Zeit legte die Kavallerie ein geradezu bewunderungswürdiges Benehmen an den Tag. Die Soldaten weinten sich mit dem Säbel, aber ich habe keinen gesehen, der nach einem Demonstranten einen Streich geführt hätte. Die Haltung der Offiziere erfüllte mich mit Achtung, die, der Ueberlegenheit ihrer Waffen sich bewußt, den Schwächeren schonten. Die Lage war aber so kritisch, daß ich befürchtete, daß jeden Moment von der Feuerwache Gebrauch gemacht werden könnte. So war die Situation bis gegen >/«l und Val Uhr, da ging ich zu Mittag speisen und kehrte Punkt 2 Uhr ins ״Hotel Scholz“ zurück. Als ich den Weg vom Rynekplatz zum Hotel zurücklegtc, war die Straße nicht allzu sehr mit Menschen gefüllt, so daß ich, ohne Zeit zu ,ver- Jicren, passieren konnte. Von der Ecke des ״Hotel Scholz" bis zum Eingang ins Wahllokal war die Straße dichter gefüllt, aber auch hier herrschte Ruhe, Ich empfing im Hotel den Besuch zweier bekannter •Herren, die ich cinlud, mit mir vom Balkon aus die Vorgänge zu beobachten. Nach einer halben Stunde, meiner Schätzung nach, entstand etwas Unruhe in der Nähe des Einganges beim Wahliok.1l. Später erfuhr ich, daß man in das bereits vormittags demo- Mcrtc Agitationsbureau wieder cingedrungcn sein soll und noch einen Schrank zerbrochen habe. Mit eigenen Augen habe ich nichts gesehen, und die Unruhe schien ganz unbedeutend zu sein. Da hörte ich auf einmal Trommelwirbel und Soldaten liefen mit gefälltem Bajonett aus dem Gärtchen um das Wahllokal, wo sic postiert waren. Hart bei dem Offizier lief der Trompeter, der das Signal blies. Die Soldaten stellten JUEPISCHE RUNDSCHAU sieh quer über die Straße in zwei Reihen mul schon knatterte das Feuer. Es sind meiner Schätzung nach 200 Schtissc abgegeben worden. Als die Soldaten mit gefälltem Bajonett gegen sie vordrang, stob die Menge, vom Schrecken ergriffen, ln der Richtung gegen den Rynekplatz. Man schoß also hi fliehende Leute. Weder eine Aufforderung, auscinandcrzu• gehen, noch eine Androhung ist erfolgt. Angesichts der damals ruhigen Haltung der Menge waren wir der Meinung, daß Schreckschüsse abgegeben worden sind, und wir blieben ruhig auf dem Balkon stehen. Ich war im Moment des Feuerns mit dem Gesichte zum Militär gewendet und sagte lachend zu den beiden anderen Herren; ״Wie das lustig geknattert hat!" Aber schon sahen wir zu unserem vjintset/.eu die Straße mit Toten und Verwundeten besät. Daß eine Kugel auf unseren Balkon geflogen ist und wie durch ein Wunder in die Profilseite des gußeisernen Gitters schlug, mul daß zwei Kugeln dicht hei unseren Köpfen vorbei in die Mauer gegangen sind, haben wir erst später bemerkt. Das habe ich mit meinen Augen gesehen und habe die Ueber/eugung gewonnen, daß liier ohne jeden wichtigen Anlaß auf friedliche, unschuldige Menschen geschossen worden ist, Da Ich später davon sprechen hörte, daß aus der Menge aufs Militär geschossen worden sein soll, so erlaube ich mir zu konstatieren, daß ich ganz bestimm( keinen Schuß gehört habe, tch war ja vom Militär nur durch die Straße (fünfzehn Schritte breit) getrennt, ich hätte also einen Schuß unbedingt gehört habe» müsse». Der entsetzliche Anblick der zerfetzten Leichen, die vor meinen Fenstern und unter ,meinem Balkon heruinlagen, die erschütternden Szenen, die sich da ahspiclten, das gehört gewiß nicht in den Rahmen dieses Berichtes. Ich kann indessen nicht umhin, eines zu erwähnen. Als sich die Menge etwas von ihrem;nlset/en erholte und die Toten und Verwundeten sah, lief ein jeder verzweifelt und wehklagend zu den Seinigen, um ihnen nach' Krälten zu helfen. Aber Gen• darmen mit aufgepflanztem Bajonett bedrohten die .eilte und jagten sie davon, und so lagen schwer und eicht Verwundete lange Zeit in der brennenden Nach* mittagssonne. Und noch einen kleinen Umstand muß ich er• wähnen, der mir von Bedeutung scheint. Als wir uns von unserem Entsetzen etwas erholt hatten, standen wir verzweifelt und händeringend auf dem Balkon, zwanzig Schritte vor uns die beiden Reihen Soldaten, die geschossen hatten. Jenseits der Linien stand der Offizier, der das Feuer kommandiert hat. Da ging ein zweiter Offizier hinter den Soldatenreihcu quer filier die Straße. Ich rief ihm händeringend zu: ״Um Gottes willen, was haben Sic gemacht 1 Schauen Sie die vielen unschuldigen Menschen I" Der Offizier drückte in Verlegenheit beide Hände gegen ,die Brust und sagte: ״Ich bitte, meine Herren, Ich bin nicht derjenige, der das Feuer kommandiert hat," Nr. 26 keine Salven abgegeben worden, sondern die Sdiüs« 1 ziemlich regelmäßig hintereinander, hie!11* verschossen waren. Ich kenne! die nicht dtn Am Tage darauf ergänzte Enstein seinen Bericht: ״Die Menge verhielt sich Nachmittag so ruhig, daß sich jeder friedliche Bürger ohne Bedenken unter die Neugierigen hätte begehen dürfen. Aus einem unsichtbaren Anlässe lief das Militär plötzlich heraus und schoß ohne weiteres. Das Kommando ״Feuer!“ habe ich nicht gehört, dagegen habe ich Trommel• Wirbel und das Trompctcnsignal, welches im Laufe gegeben wurde, gehört. Die Soldaten stellten sich in zwei Reihen, 20 Ws 22 in der Reihe. Es sind knatterten Magazine .. tecli'iiieclicii Ausdruck für die Art des Schießens. Eine Aufforderung an die Menge ist nicht ergangen. Manche der Soldaten dürften in der Aufregung, von \ve!chcr die Mannschaft immer beim Scharfschießen ergriffen wird, ihre Gewehre vorzeitig abgedrückt haben. |)ג> diircli flogen drei Kugeln aut den Balkon, w״ jc}, stand, und schräg gegenüber wurde ein junger Mann ebenfalls auf dein Balkon des ersten Stocks, schwer verletzt. Ich höre, daß sein Zustand hofhmngslo! ist. (cli habe gesehen, wie die Läufe der (ii wehre direkt auf die Leute gerichtet waren. Die veiiultni*. mäßig geringe Zahl der Toten und Verwundeten ist vielleicht dem glücklichen Umshunlc zu danken, ßnh ganze Biimlel von Geschossen einen Einzelnen 1׳c• troffen haben, wie ich es mit meinen Augen gesehen habe. Der arme Lehrer der französischen Sprache Berthetot. den ich persönlich kannte, hat fünf Kugeln in die Schulter bekommen, so daß ihm der Arm förmlich abgerissen wurde, und eine Kugel hatte er im Kopf, von hinten cingedrungcn und vorne heraus. Pas demolierte Agitationslokal des Dr. Loewen•' stein Habe ich nach 12 Uhr besichtigt. Es ist gleich anstoßend an das kleine ״Hotel Scholz", wo ich wohne. Es war vollständig demoliert und nur ein umgestürzter Kasten war noch nicht ganz, vernichtet. Wenn es also heißt, daß die Menge nachmittags noch• »nals dorthin eingedrungen ist, so kann man nur diesen Kasten noch gründlicher vernichtet haben. Die Vorgänge von Vormittag und Nachmittag werden in den Berichten vermengt. Ich stelle nochmals fest, daß nachmittags eine äußerst ruhige Stimmung war und die Straße nicht mit Exzedenten, sondern mit Neugierigen gefüllt war. Erweisen wir den Toten die Ehre, indem wir konstatieren, daß unschuldiges Blut geflossen ist. Pen armen unglücklichen Hinterbliebenen aber wollen wir die kleine Genugtuung gewähren, daß sic von unparteiischer Seite hören, daß ihre Teuren als 11n• schuldige Opfer gefallen sind. Jchudo Epstein." Wvi־ trägt die Schuld? K u r j c r I w o w s k i, das Organ der gali/ischcn polnischen Demokraten, schreibt in einem Leit• artikcl in Nr. 280 vom 22. Juni: ״Einige Blätter unterstreichen mit merkwürdigem Nachdruck, daß die Menge, in die in Drohobycz gc• schossen worden ist — zionistisch war, als ob das die Verantwortlichkeit der Arrangeure des Massnkrcs und den Schrecken des Blutbades ver• ringer» sollte. Aber das Militär focht die Drohobyczer Schlacht mit der wehrlosen Menge nicht gegen die Zionisten allein aus, wie die Namen der Toten mul Verwundeten bezeugen. Weder der französische Lehrer Bcrlhelot noch der Oasnnstaltsmonleur Wicczynski oder die Arbeiter Kusnica, Bclada, Tatarski und die drei polnisclien Bäuerinnen gingen gegen das Wahllokal des Herrn Löwenstein im Namen des zionistischen Ideal* vor. Denn das sind Christen. Und alle sie erlagen den Kugeln der Soldaten. Die Untersuchung wird die Einzelheiten dieses schrecklichen Dramas ergeben, aber schon jetzt kann man annehmen, daß W ä n 1 e r 1111 d N i c h t w ä h I c ז das Wahllokal, in dem die Legitimationen (3000) zugunsten von Löwenstein aufgcstapelt waren, stürmten, Und zum Schutz dieser Legi• timationen ist Mensel! cnblutvcrgosscn w 0 r U c n 1 Das von Herrn Feuerstein arrangierte Komitee hat Wahllegitimationcn angcsammclt, um sie vor dem Wahlgang den Wählern mit eine in a u t d c n Namen des Herrn L ö w c n s t c i n ausgcfiillten Schalom Asch Von Maxim A n i n., Man nennt ihn den Dichter des Ghetto. Er ist cs nicht. Asch kommt aus den engen Ghetto• gassen. Er singt für das um ein neues Leben ringende Ghetto. Er schafft in der Sprache des Ghetto. Doch das Lied, das er sihgt, ist nicht das Lied des Ghetto. Jung ist die jüdische Dichtkunst. ,Jargon“ zuckte noch gestern der Westler verächtlich die Achseln. Und so Mancher noch heute. Mit Unrecht. Es webt eine altncue Kraft aus neuen und alten Fäden ein wunderzartes Gewebe . . . Aus Wehmut vergangener ungeheurer Leiden, aus den! Schmerz marternder Fesseln ist die Kunst des Ghetto entstanden. Diese wehmütige Klage war bisher der herrschende Qrundton der Ohcttodlch'tung, Die angchäuftcn Qualen zahlloser Generationen, die nicht ausgeweinten Tränen eines seelisch-geplagten Volkes hat Morris Rosctifeld in sein Lied unige• setzt. Ein wehmütig-verklärter Hauch um• schwebt das Schaffen des Schöngeistes, des ^cs * P c r c z I Mit feinster ver• st&ndnisvolistcr Ironie und väterlicher Milde malt die kleinen Freuden und großen Leiden des Ghetto Mendcle-Moch’er-Sforim der Altmeister der neujüdischen Literatur. Uebcrsprudelnder hclitönender Humor quillt aus den Genrebildern und Humoresken Schalom Aleichem's. — Diese Wege der Meister wandelten auch die jüngeren Talente der jüdi• sehen Literatur. Schalom Asch hat eine neue bisher nie vernommene Note, ja einen neuen Grundton iu die Dichkunst des Ghetto gebracht; — das Siegfriedmotiv•, die übermütige Lust der kraftstrotzenden Jugend, das Waldwehcn, den zartesten Feldduft, den berauschenden Dampf des Ackers, das urewige Raunen der Bäche und Flüsse, den Hymnus der Mutter-Natur. Ein Lied hat einst dieses Volk geschaffen als cs groß und mächtig In seiner Freiheit war. Ein Born der glückseligen Wonne ist cs den Völkern der Welt geworden. ״D a s L i e d de r Lieder“ . . . Zu Verächtern des Leibes haben unaufhörliehe Schicksaissehliigc dieses Volk herabgezerrt. Kann der gepeitschte Leib des Sklaven das entzückte Anbeten der körperlichen Pracht entlocken? Konnte die erniedrigte Seele die glutvolle Schönheit dieses Liedes ertragen? Und so hat der Rnbbinismus jenes hohe Lied zur ■albernen Allegorie entstellt. Das ״Lied der Lieder“ — ein Hymnus auf die impotente s.sft- und farbentose ״Geistigkeit“ des Ghettojuden• turnst . . . Scholem Asch hat dieser ästhetischen Perversität den Todeskampf erklärt. Mit schwang* voller Kühnheit nahm er in sein Schaffen die mächtigen Akkorde des hohen Liedes auf. ״Kehret zur Natur zurück! Werdet der Mutier• Erde wieder treu!“ schallt cs klangvoll und gc• bictcrisch aus jeder Zeile, die seiner oft wahr• Haft hamsunischcn Feder entstammt. Mit jugendlich-kühner Derbheit entrollt Asch die wundesten, bisher von der jüdischen Dichtkunst scheu gemiedenen Probleme und Leiden des jüdischen Lebens. Und kein weinerlicher Ton entspringt seiner männlichen Stimme; kein ohnmächtig-zaghafter Reflex hemmt seinen stürmischen Lauf. Kernig, urwüchsig, wurzel• sicher, — übt er seinen Flug auf allen Gebieten der jüdischen Dichtkunst. Die wunderbar-plastische Darstcllungsgabc des Epikers ist in Asch von den herrlichsten Fäden einer zartbesaiteten Lyrik durchwoben. Und nicht minder hat das ncujüdischc Drama in ihm seinen in mancher Beziehung bahnbrechenden Förderer und Ncugcstaltcr gefunden. Ein wurzel* und rückgratstarkes Talent — nichts Jüdisches ist ihm fremd. Mit welch׳ reiz• ««.Kanu,»» ja-»-, ■ ---

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