Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 287 PALAeSTINA-RUMDSCHAU Ocmclndcwalilcn in Jerusalem Am 16. Mai (Lag-Baomer) wiihllcn die Mitglieder aller asclikenasisclien Ucmcindcn Jerusalems in Rc• heiiner Abstimmung 78 Wahlmämter, deren Aufgabe cs sein wird, einen W a a d H a i r (Gcmcindcvorstand) als oberste Vcrwaltungskörpcrscliaft der hiesigen arclikenasischcn Bevölkerung einzusetzen. Die Wahlbdciligung war eine sehr rege. Die Stimmciizählimg nahm 3 Tage in Anspruch. Es herrscht allgemein grolle Befriedigung darüber, daß cs gelungen ist, der bisherigen Zerfahrenheit in den Jerusalemer Gcineindevcrhültnisscn ein Ende zu bereiten, und daß bereits in nächster Zeit ein ordnungsgemäß geu ililter Vorstand die Leitung der asclikenasisclien Oesamtgcmcinde übernehmen wird. * Die beiden Kammerdeputierten von Jerusalem, K::lü Bcy ipid Said Bey, erhielten aus dem Kreise!har Jerusalemer Wälder eine Anzahl von Zi.sdirif• teil und Telegrammen, deren Absender durchweg ,״:;;eschene Araber — gegen die judenfehullichcn Reden der beiden Deputierten im türkischen Parlament Verwahrung cinlegen, den vielfachen Nutzen der jiidi• srhen Kolonisation hervorheben und es als höchst unheilvoll bezeichnen, wenn die jüdischen Au- Siedlungen in Palästina durch antisemitische Umlrichc in ihrer Entwicklung gehemmt werden sollten. Der bekannte jüdische Großkaufmaiin Moses Halpcrn in Kiew hat 30000 Francs für den Bau jüdischer Arbcitcrhüuser in den palästinensischen Kolonien gespendet. sachlich in den Hauptfragen eine allgemeine Uebereinstimmig, Einige Differenzen bestanden nur in der Frage des palästinensischen Schulwesens, das auch berührt wurde. Die Diskussion wandte sich dann Fragen der Propaganda in Breslau zu. Pie eingehende Aussprache über alle diese Dinge fand erst nach 1 Uhr ihren Abschluß. Zum Schluß wurde I lern» B1 u m c n f c 1 d von verschiedenen Seiten der Dank für seine unermüdliche Tätigkeit im Dienste unserer Idee ausgesprochen. Mitteilung des Zcntralburcaus der Zio* nistischcn Vereinigung für Deutschland ln der Agitation der letzten Jahre mußten wir den Mangel einer brauchbaren programmatischen Brosehiire schmerzlich empfinden, da die früheren Agitationsschriften sich als veraltet erwiesen. Wir geben nun in der allernächsten Zeit eine von Herrn Richard L i c h l h c I in verfaßte Broschüre ״Das Programm des Zionismus“ heraus, deren I. Auflage In 20 000 Exemplaren gedruckt wird. Wir sind der Ucherz.cugung, daß diese Broschüre die wirksamste Unterstützung der Agitation in den deutschsprachigen Ländern darstellen wird, da in ihr in einer bisher nicht gekannten Weise der Ideenkreis des zionistischen Programms allseitig behandelt wird, Die Broschüre wird 18׳ Druckseiten stark sein. Per Preis für das einzelne Exemplar ist auf 30 Pf, festgesetzt, 100 Exemplare kosten 20 M., 500 Exemplare 75 M. und 1000 Exemplare 100 M. Vorbestellungen nimmt das Zionistische Zentralbureau, Charlottenburg, Bleibtrcu• Straße 2, schon jetzt entgegen. jetzt in Frage stehenden Artikel vom Mai 1010 seien sie erst von dem Verein zur Bekämpfung des Antiseinitismus aufmerksam gemacht .worden. Per Kläger Wcinbcrger erklärte, daß seine Firma vor mehr als 10 Jahren, als er ihr noch nicht angchörtc, von Armceliefcrungen ausgeschlossen worden sei. Dieser Beschluß sei aber schon vor mehreren Jahren aufgehoben worden. Per Kläger Schwarzcnbergcr erklärte, er habe im Jahre 1807 mit dem Kasseler Armeekorps Differenzen gehallt, sei aber niemals wogen Betruges von Lieferungen ausgeschlossen worden. Im (legenteil habe das Münchener Militär- Verordnungsblatt ihn als einen besonders zuverlässigen Lieferanten bezeichnet, und große Lieferungen für das elfte Armeekorps habe er jetzt noch. Der Kläger Stißkind bemerkt, er habe nie etwas von einem Aus- Schluß von Armeelieferanten erfahren, und sei jetzt noch Lieferant für das achte Armeekorps. Der Kläger Schwarzcnbergcr hob ferner hervor, daß er nicht von Lieferungen ausgeschlossen worden sei, sondern sieh geweigert habe, wegen ihm gemachter ungerechtfertigter Vorwürfe weiter für das elfte Armeekorps zu liefern. Nach der üeweisaulnabme beantragten die Vertreter der Kläger, mit Rücksicht aut diu schweren Beleidigungen aut höhere Straten zu erkennen. Der Vertreter des Beklagten Dr. Bleckwcdel beantragte, die von den Klägern eingelegte Berufung zu verwerfen. Das (icricht erhöhte die vom Schoflengericht crkaipitc Strafe aut 200 Mark Geldstrafe. Czcrsk, Kr. Könitz (Westpr.). Am 3. Juni wurde der jüdische Friedhof geschändet, indem von mehreren halbwüchsigen Burschen die Türe gewaltsam erbrochen wurde. Die Rowdys beschädigten Bäume und Anlagen, auch wurden zwei Grabsteine zerbrochen. Dem Gendarm Traufetter gelang es, die Burschen zu sistieren. Crossen. Pie Stadtverordneten bähen dem Ersuchen der jüdischen Einwohner beschlossen, den □□□□□□□□□□□□□□□nnnnnnnnn□□□□□□□□□□□□□□□□ Schekel, die nach dem 3®. Jini hei 1ms eingehen, dürfen wir bei Sq^GcpqOCdho!?ogm (olao3 zLU.ff. (ZSonSs$lsc&1Q Vereinigung für Deutschland) 0 ם□□□□□□□□ם□□□□□□□□□□□□□□□□□□□□□G ם□□□□QE3 iiomsTiscHe bcwcgung 2. Delegiertentag des Schweizerischen Zionistenverbandes ln der am 18. d. M. stattgehabten Delegier* t c n v c r s a m in I u n g des schweizerischen Zionisten verband cs in Baden (Aargau) wurde zum Vorort wiederum Zürich gewählt, und zwar mit I) r. F c I i x P i n k u s als Präsident, D r. D, S t r a u ß , Vizepräsident und Kassierer, D. Dobrnuicki, Aktuar, zu weiteren Mitgliedern des Landcscomite Dr. C. Levy- Biel, Moritz Levy-Liestal, Dr. Barnb erg er-Basel, Direktor Bl och •Lausanne. Aus dem Bericht des Vorstandes ist eine Zunahme der Mitgliederzahl in den Ortsgruppen zu konstatieren, die wohl nicht zum wenigsten auf den nahenden Kongreß zuriickz.utührcn ist. Die Schweiz wird mit 5 Delegierten auf demselben vertreten sein. Für den Nationaifonds wurden im Berichtsjahr über 1800 Frcs. abgcliefert, besonders hervorgehoben muß wiederum die Leistung des vom Telephonchef Moritz Levy- Uestal geleiteten Shacccluh werden, der regelmäßig und in immer steigenderem Maße für den Verkauf von Aktien sorgt. Der Delcgicrtentag wurde von dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde Baden, Herrn G u g g c n 11 e i m, willkommen geheißen und aufs freundlichste begrüßt. r [Agitationsreisen des Parteisekretärs t **■»" « *Xi ** .־*•JFTI Breslau. Am Donnerstag, den 15. d. M., fand eine interne Versammlung der Mitglieder und Schekctzahler der Breslauer Ortsgruppe statt, die von nahezu 100 Personen besucht war. in das Thema ״Die Situati0n im Zionismus“ teilten sich der Vorsitzende der Ortsgruppe, Zahnarzt Schachtel und unser Parteisekretär Gurt Blumenfcid. Während crstcrcr die Politik des Zionismus, besonders in Konstantinopel behandelte, wandte sich der letztere mehr den internen Fragen, Aufgaben des bevorstehenden Kongresses, Neugestaltung der Leitung zu. ln der sich anschließenden Diskussion zeigte sich AUS D£N ÖSM6IMD6H Berlin. Im Mai 1910 erschien unter der Ueberschrift ״Juden als Armeelieferanten‘‘ in den deutsch• sozialen Blättern ein Artikel, in dem eine Liste von jüdischen Händlern und Fabrikanten, die wegen Besteclumg und anderer unreeller Handlungen aus den Jahren 1899 und 1900 von allen Lieferungen für die Heeresverwaltung ausgeschlossen wurden, veröffentlicht wurde, ln den daran geknüpften Betrachtungen heißt es u. a.: Jeder Lump, dem Ehre und Gewissen fehlt, hat sich den Juden zum Vorbild gewählt. Wiederholt wird darin von ״Korruntionsjuden“ gesprochen, und am Schlüsse des Artikels heißt cs: Der gcfälirliebste und verbreitetste Korruptionsbazillus ist bekanntlich der Jude. In der Liste wurden auch die Firmen Gebrüder Schwarzcnbergcr in Fürth, Gebriider Weinberger in Nürnberg und S. Süßkind in Bonn genannt, die dann gegen den verantwortlichen Redakteur des Blattes Haasc eine Privatklagc wegen Beleidigung anstrengten. Der Prozeß gelangte im vorigen Jahre schon einmal vor dem Schöffengericht 111, Hamburg, zur Verhandlung und endete mit der Verurteilung Haascs zu einer Geldstrafe von 100 Mark oder 20 Tagen Gefängnis. In den Urteilsgründen hieß es, cs könne nicht die Aufgabe autisemitischer Blätter sein, die Gesehäftsehrc anderer in Leitartikeln ,־ibzuschiteiden. Wer das tue, der setze sieh selbst der Mißachtung aus. Nur aut Rück• sicht auf die anscheinend nicht sehr günstige Vermögcnslage des Angeklagten sei mit keine höhere Strafe erkannt worden. Gegen dieses Urteil legten die Kläger durch Dr. Suse und Dr. Lipnmann Beruftmg ein, die vor dem Landgericht Hamlnirg, Stratkainmer V, zur Verhandlung kam. Der Beklagte erklärte, daß er die Verantwortung für den Artikel, den er auch vor der Drucklegung gelesen habe, übernehme. Er habe kein Bedenken gehabt, den Artikel aufzunchmen, zumal er schon einmal im Jahre 1899 abgedruckt worden sei, ohne daß irgendwelcher Einwand dagegen erhoben wurde. Er habe den Artikel im Anschluß an den Kieler Werftprozeß veröffentliclit. Die scharfen Ausdrücke sollten sich cigcntlieh g:ar nicht mehr auf die Kläger beziehen, vielmehr beweisen, daß die luden sich korrumpieren ließen. Er kümnfc gegen die Juden, und in diesem ״politischen Kampf“ habe er sich berechtigt gefühlt, den Artikel zum Abdruck zu bringen. Die Kläger bcmerkten, daß sic von dem Artikel aus dem Jahre 1899 keine Kenntnis gehabt hätten, da sic sonst schon damals dagegen vorgegangen wären. Aut den Magistrat der Stadt Crossen zu veranlassen, daß die Erlaubnis des Schlichtens im städtischen Schlachthause wieder erteilt wird, da in den Nachbarstädten das Schlachten nach jüdischem Ritus auch gestattet sei. München. Professor Dr. R. Pilotv (Würzbürg) hat aut Ersuchen der israelitischen Rcligions- Gesellschaft ״Cliel Jacob“ in München eine ״gutachtlichc Aeußcrung“ über die Frage abgegeben: ״Empfiehlt cs sich, angesichts der rc - I i giö s en Parteien in den großen i s rac- 1 i t i s c 11 c n K u 11 u s g e m e i n d e n zur Mild cr u n g der dadurch 11 c r v o r g c r u f c n e n Ucbclständc für die Wahlen zu den G c - in c i 11 d c v e r t r c t u 11 g e n das Verhältnisw a 111 s y s t c 111 c i n z u f ii 11 r c n.“ Die Antwort, die Herr Pilotv erteilte, ist dadurch bejahend, hn allgemeinen spricht er sieh über die Frage dahin aus, der Stand der Theorie des Systems sei bekanntlieh ein sehr verschiedener; während nämlich seine praktische Durchführung zur Zeit noch die Ausnähme bildet, lasse sich nicht mehr bestreiten, daß die Theorie sich überwiegend dafür ausgesprochen habe. Die Gegner befinden sieh im Rückzüge, die praktische Anwendung dagegen befindet sieh in langsamem, aber stetem Vormarsch. Das Tempo und die Ausbreitung dieses Vormarsches aber ist nicht mehr wie vor z.w;11uig Jahren eine Prin/ipienfrage, sondern nur noch eine Machtfrage. Die Erkenntnis hat sich durchgerungen, daß das Verhältniswahlsystem als gerechtes und zweckmäßiges Wahlsystem den Vorrang vor den absoluten Melirheitssysieuieii beansprucht. Wo aller Erkenntnis den Willen bestimmt, da wird auch die Macht frage von ihr gelöst werden, denn guter Wille in Machlfrageu ist eben der Erkenntnis zugänglicher Wille. Die bestehenden Mehrheils- Systeme, welche die Verhältniswahl ausschließen, sind ein Recht des ehemaligen Absolutismus, nichts Weiler. Man hat im konstitutionellen und parlamentarischen Verfassungen den alten Absolutismus durch einen neuen ersetzt. Man nahm den Fürsten des Polizei- Staates und den privilegierten Ständen des Stände- Staates die Alleinherrschaft in ihrer unverantwortliehen Form und übertrug sie auf Parteien. Die Mehrheit wurde zum 1 ierrscliaftspriitzip, zum absoluten Herrscher erhoben, flies geschah aber keineswegs aus Prinzip, sondern im Widerspruch mit dem Verfassungsprinzip und nur infolge eines Denkmangels nämlich nur deshalb, weil man das Mittel, den Absolutismus der Mehrheit zu brechen, vorerst nicht fand. In der Verhältniswahl ist dieses Mittel gcfanden worden. Seither ist das System dieser Wahl für die Erkennenden auch keine Maclitfragc mehr,