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Jüdische Rundschau · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sei'Je 286 Nr. 25 anderen Händen zu überleben und schrieb in diesem Sinne nach Dresden. Doch niemand hat es mir ab־ nehmen wollen, und die Sache vollständig im Stich zu lassen, verbot mir mein Gewissen. Audi wies midi die Dresdner Leitung auf das Finsko hin, das dem Judentum vor aller Welt drohe; sie appellierte somit an mein jüdisches Ehrgefühl. Wenige Wochen vor Eröffnung der Ausstellung gelang es mir endlich, aus gröberen und kleineren Beiträgen der Gemeinden Wien, Budapest, Frank• furt, Breslau, Hamburg, Hannover, Magdeburg und Brünn, ferner von den B. B. Logen in I Inmhurg, dem Huinanitätsvcreiii ״Wien", der ,1Miind1cn־Loge", sodann von der hochlier/igen Frau Dr. Rosa 11 erscli in Meran und dem inzwischen verstorbenen K. Rat B. Hirsch tu llalbcrstadt einen Fonds zu schaffen, von dem ich die Modelle des Schneidens usw. durch Herrn Bildhauer S o s in Wien ausführen lassen konnte. Hierbei leitete mich der, auch in Dresden allein als zulässig anerkannte Standpunkt, nur Wissenschaft• lieh Unanfechtbares zu bieten. Leitsätze von hygic• nischer Bedeutung wurden aus dem jüdischen Schrift• tum exzerpiert und mit Illustrationen geschmückt, unter denen die von der Hand der Frau l)r. Hits ch• in a 11 n •Wien, nach mir vorliegenden Urteilen, au/ hohen Kunstwert Anspruch erheben dürfen. Entscheidend war die Unterstützung, die ich in Wien gefunden habe. Dem jüdischen Mtiseumsvercin, insbesondere dem Entgegenkommen des Vorsitzenden Herrn llofrat Pollitzer, verdanke ich eine Reihe wichtiger Ausstellungsgegenstände, unserem Is. Kaufmann die Sabbathstube, die in Dresden aulicrordentliche Bewunderung findet, und dem Wiener Kultusvorstand, vor allem den Bemühungen des Präs. Herrn Dr. Alfred Stern, einen Kredit, ohne den ich nichts hätte bestellen können. Ohne Wien wäre das, was wir in Dresden bieten, einfach unmöglich gewesen. Neben diesqti Arbeiten sollte auch ein Werk über ״Die Hygiene der Juden“ noch vor Beginn der Ausstellung fertig werden. Es war kein Teilgebiet übersehen und alles in festen Händen. Mit einem Male kamen auch hier mit verschiedener Be• gründung von mehreren Seiten Absagen. Arbeiten, zu denen Monate Zeit gelassen war, mußten mm, soweit möglich, geteilt mul von anderen Mitarbeitern in wenigen Wochen ausgeführt werden. Dies konnte natürlich nur zum Teil gelingen. 1111 großen und ganzen war diese Arbeit aber geleistet und eine größere Anzahl Bogen bereits gesetzt, als die Ausstelhings• leitung plötzlich erklärte, wegen dringender Geschäfte das Imprimatur erst in einiger Zeit erteilen zu können. Die Folge ist eine Verzögerung von etlichen Wochen. Doch steht jetzt eine rasche Erledigung in Aussicht. Da der Plan eines eigenen jüdischen Pavillons aus Mangel an materiellen Mitteln gescheitert war, mußten wir uns naturgemäß in der Auswahl der uuszustcllcudcn Objekte, ihre Gruppierung in allge• meinen Gruppen, ihre Verteilung in den Ausstellungs• räumen usw. den Anordnungen der Dresdner Leitung fügen. Schon dadurch, daß unser Altertum von der iiachbihlisclicii Zeit durch mehrere Räume geschieden ist, wird die Wirkung unserer Ausstellung heeiu• trächtig(. Herr Professor Sud hoff, der Vor• sitzende der historischen Abteilung, dem ich meine Bedenken äußerte, antwortete mir: ״Die Deutschen müssen sicli's auch gefallen lassen, daß ihre Hygiene, nach Zeitaltern geschieden, dargestellt wird.“ Was noch zu unsern Gunsten zu bessern war, ist durch mich an Ort und Stelle geschehen. Trolz alledem hat unsere Ausstellung, im Gegen- 8atz zu dem abfälligen Urteil des Herrn Einsenders, nicht nur bei der jüdischen, sondern auch in der objektiven Tngespressc durchgehcnds eine sehr günstige Beurteilung erfahren. Herr Geh, Rat Prof. Ncisscr schreibt in der ״Frankfurter Ztg“ vom 10. Mai: ,,Eindrucksvoll ist die altjüdisclic Hygiene zur Darstellung gebracht, deren weise Grundlagen noch heute wirksam sind; übrigens ist auch die Hygiene der Juden im Mittelalter sehr anschaulich und reichhaltig zur Anschauung gebracht.“ 1111 ״Dresdner Anzeiger“ vom 24. Mai zollt Herr Dr. Giscckc unter dem Eindruck unserer Ausstellung der altjüdischen Hygiene begeisterte Anerkennung. Auch die ״Danziger Ztg.“ vom 31. Mai und die ״Poscuer Ztg.“ vom 23. Mai würdigen unsere Gruppen. Welche Tagcsblüttcr sonst noch von ihnen handeln, kann ich, wie begreiflich, nicht kontrollieren. Auf ein bekanntes Mitglied des Ministeriums eines großen norddeutschen Bundesstaates hat der Anblick unserer Ausstellung so nachhaltig gewirkt, daß. ein jüdischer Theologe von dieser hochstehenden Seite cingeladen worden Ist, ihm für ein angesehenes Organ über die jüdische Sabbatliwcihc einen Aufsatz zu liefern. Während des Schreibens dieser Zeilen erhielt ich von Herrn Dr. incd. Moses aus Mann• heim einen Brief, in dem cs heißt: ״Ich kann nicht umhin, Ihnen, hochgeehrter Herr Rabbiner, meine bewundernde Anerkennung auszusprcchen für die urganisatlon der Ausstellung In Dresden, die mit Kccm als ein ״Kiddusch haschcm“ bezeichnet wurde, JUEDISCHE RUNDSCHAU 11ml bei der ich mit einigen jüdischen Kollegen in wahrer Ergriffenheit verweilte.“ Von bleibendem Werte sind aber die Urteile, die Herr Professor Sudhoff in dem Katalog der liisto• rischen Abteilung an der Hand unserer Gruppen über die Hygiene der Juden im Altertum lind in der späteren Zeit fällt. Wenn wir mit unserem Versuch, trot /aller Wirrungen mul Widerstände nicht mehr erreicht hatten, als die hier Zulage tretende Bewumle• riuig eines Fachmannes von solcher Bedeutung, wir brauchten uns m. E. die nufgewandte Mühe nicht gereuen zu lassen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Max Orunwaltl, Rabbiner d. isr. Kultusgcmcindc, Wien. Brief aus Pethach-Tikwah Die Orangeiikultur in unserer Kolonie nimmt von Jahr zu Jahr einen immer größeren Aufschwung, und I tarnt in I laiul damit steigt der Wohlstand der Kolonie. Das Quantum der ausgeführtcii Orangen ist in stän• diger Zunahme begriffen. Im verflossenen Jahre wur• den bereits 125 0110 Kisten exportiert; nach drei Jahren dürfte die Zahl der zur Ausfuhr gelangender Kisten י.. Million erreichen. Während nämlich gegenwärtig die f r 11 c h 11 r a g e 11 d e n Orangcngärlcn in Pcthach• Tikwah ein Areal von 1250 Dunain umfassen, sind in der Kolonie ca 5000 Dunain mit Orangen be• pflanzt; der größte Teil der Pflanzungen ist eben erst in den letzten Jahren angelegt worden und wird erst später Ertrag liefern. Die letzte Orangenerntc war sehr ergiebig. Die meisten Kolonisten hatten die Früchte im voraus an arabische Großhändler zu äußerst günstigen Preisen, — durchschnittlich 3 Francs pro Kiste, — verkauft. Diejenigen Kolonisten, die es vorgezogen hatten, die Orangen in eigener Regie, bzw. durch die Genossenschaft ״Hapardas“, nach dem Ausland auszufülircn, erzielten noch weit höhere Erträge, obgleich in England, dem Haupt• ahsal/gebict für die paläs׳’.tensisdien Orangen, vor• übergehend ein bedeutender Preisrückgang zu vor• zeichnen war. Die verschiedenen Versuche zur Er• Schließung neuer Absatzgebiete sind fast alle ge• hingen. Einzelne Bojarcnbcsit/cr, die ihre Orangen nach Australien verkauften, erzielten Preise bis zu 14 Frcs. pro Kiste, während der Durchschnitte preis für bessere Sorten in Liverpool ca. 6 Frcs. be• trug. Audi in R u fi I a n d wurde ein größeres Quan• tum vorteilhaft abgesetzt. Dies ist dem Umstand zu verdanken, daß der Zoll für türkische Apfel• sinen in Rußland voriges Jahr von. Rbl. 2.80 auf Rbl. 1.80 pro Kiste herabgesetzt wurde. Es wurden auch Versuche in kleinem! Maßstab mit dem Export nach Oesterreich tmd Deutschland gemacht. Der Hauptmarkt bleibt aber nach wie vor Eng• 1 a 11 d. Außer den Orangcpflaiiziingeii bildet die Kultur des Mamlclhauuis die hauptsächlichste Erwerbsquelle von Pethadi-Tikwah. Zurzeit sind 4000 Dunain mit Maiutelhäiimeii bepflanzt. Der Diirchschnittscrtrag eines Duiiams Mamlclhäiimc beläuft sich auf 15 Frcs, netto. Diese Kultur erfordert viel weniger Sorg• falt und ist auch viel billiger als die Orangenkultur, da die Mnndclpflanzungcn keine künstliche Bewässc• rung verlangen. Der Wohlstand von Pethac!!*Tikwah hat zur Folge, daß die Bevölkerung der Kolonie durch Zuzug von auswärts immer mehr zuiiimiiit. Die Zahl der Ein• wohncr beträgt jetzt 2200, Es herrscht auch stets eine rege Bautätigkeit. In •den letzten Jahren haben sich zahlreiche Handwerker und Krämer hier au* sässiggemacht. Neuerdings ließen sich einige kaukn sisclic Juden als Händler in unserer Kolonie nieder. Die arabischen Landarbeiter aus den benach* barten Dörfern, die liier in großer Anzahl beschäftigt sind, kaufen ihren Bedarf an Lebensmitteln usw. In den zahlreichen Läden der Kolonie ein. Der Vorstand (Waad) der Kolonie sorgt in mustcr• bafter Weise für die Aufrechtcrhnltung der öllcntVichen Ordnung, für Anlage und Ausbesserung von öffent• liehen Wegen, Brunnen usw. Vor kurzem wurde ein großer Motor zur Bewässerung der Bojaren für 2QG0Q Frcs. angeschafft und in Betrieb gesetzt. Die yerwaltung der Kolonie ist jetzt bestrebt, Mittel und Wege zu finden, um den Fluß Audscha für die Bewässerung der Pflanzungen nutzbar zu machen, was allerdings mir durch Aufbringung größerer Qcld• mittel zu ermöglichen sein wird. Die Anzahl der jüdischen Landarbeiter ist leider im Vergleich zu den arabischen Arbeitern sehr gering. Doch ist in jüngster Zeit auch hierin ein gewisser Fortschritt wahrzunchmen. Seit kurzem gibt cs hier auch eine Anzahl jüdischer Arbeiterfamilien aus dem Jonen und aus Aleppo. Zurzeit werden auch Wohnhäuser für die jüdischen Arbeiter errichtet. A11 Schulanstaltcn befinden sich die von der Ica unterhaltenen Volksschule nebst Kinder• garten und die unter der Leitung der Frankfurter orthodoxen ״Freien Vereinigung“ stehende Talmud• Thora für Knaben und Mädchen. Die Schule der lea wird von 170, die Talmud-Thora von zirka 200 Schülern und Schülerinnen besucht. Demnächst wird hier noch eine dritte Untcrrichtsanstalt eröffnet werden. Dj, von Dr. Grünhut in Jerusalem geleitete Waisenhaus wird nämlich hierher verlegt. Das neue Heim des Waisenhauses wird auf dem Grundstück des Herrn Dr. S a I v c n d i (Karlsruhe) errichtet. An die Anstalt wird sich eine Ackerbau sc hule anschließcn, die neben den Waisenkindern auch andere Zöglinge auf. nehmen wird. m. s. ft AUS.ALUR WflT •־ Deutschland Wie verlautet, wird in den nächsten Tagen zwj. sehen Oberbürgermeister Adickcs und dem bekannten Multimillionär Jacob Schiff aus Ncwyork, einem gebürtigen Frankfurter, eine Besprechung st.1M.nden. Es soll Tatsache sein, daß I lerr Schiff, wie ge• meidet, eine Stiftung von mehreren Millionen Mark für die zu errichtende Frankfurter Universität in Aus• sicht gestellt hat, allerdings unter Stellung von Bc• dingungen, über die inzwischen mit dem preußischen Kultiisminislcrium verhandelt wurde. Herr Schiff ver• langt paritätische Besetzung der Lehr• Stühle, nach den Vorschlägen des Magistrat■; und des großen Rats, aul die die Regierung aber nicht eingciicn zu wollen scheint, haben doch unsere heimi• sehen Ocldjuden die liebenswerte Gewohnheit, die Sonne ihrer Gunst leuchten zu lassen über anli• semitischen und paritätischen Instilulioncn. Im Laude der ״unbegrenzten Möglichkeiten“ gedeiht sogar die seltene Pflanze des jüdischen Sdbstbewußtseins bei Multimillionären. Daß siel! jedoch unsere Regierung von ihrer bewährten antisemitischen Tradition wird abbringen lassen, ist kaum anzunelunen. Eine Reform des Herrenhauses wird dringend bc• fürwortet von dem Grafen AI brecht zu Stol• bcrg-W ernigerode, einem Sohn des versterbe• neu Reichstagspräsidcnlen. Er veröffentlicht im Juni• lieft der von Richard Fleischer herausgegebenen ״D c 111 s c 11 c n R c v 11 e“ einen in mehr als einer Beziehung interessanten Artikel. Neben anderen Re• fornivorsclilägen wird dort verlangt, daß man den Vcr* tretern der Kirchen billigcrweisc zumindest einen Rabbiner hinzufügen sollte. Diese Forderung ist vom Standpunkte der Gerechtigkeit ungefähr so sc'.bstvrr• stündlich wie ihre Durchführung unwahrscheinlich. Wie die ״Staatsbürger-Zeitung“ berichtet, ist im Gnadenwege die über ihren ,Redakteur Willi Buch• Buchow wegen seiner Angriffe auf die jüdische Religion verhängte achttägige Gefängnisstrafe In Fcstungsstrnfe umgcwandclt worden. England Herr Lionel Abrahams ist zum stell vcr• tretenden S t a a t!1 s e k r e t ä r (Assistant Undcr• Secretary) in! Reiclisanit für Indien ernannt wmden. Bemerkenswert ist der Umstand, daß auch der gegen• wärtige Parlamentsunterstaatssekrctär für Indien. Herr Edwin Montngu, ein Jude ist. Sein Vater war der un• längst verstorbene Lord S w a y t h I i n g. /?■idgaWen Die hiesigen Parteilnireaiis haben zum erstenmal seit der Befreiung Bulgariens die Initiative crgi 1/cn, Vertreter der jüdischen Bevölkerung als Kandidaten für die Große Nationalvcrsamnilung auf/ust Hen, Die jüdischen Kandidaten sind folgende Herren: Fa• brikant Haim Fa reit y (Nntionalpartci), Kaufmann' Lcvy, nation,illiberal (Slamholovist), Advokat Avrnin R c f c t o w, liberal (Radoslavist), Kaufmann R tcha• min Ncssimow (Demokrat), Josef Ocrsclion jungliberal (Tontchcvist), Rechtsanwalt L. Kocn (Ra• dikal-Demokrat), .Rechtsanwalt Dr, Naim Isaakov«' (Sozialist), Buchhändler Jakob Lcvycw (Sozialist• Revisionist). er:■1,::. im-.—.:יי.3=a 12 Pfennig Bestellgeld kostet dem jüdischen Nationallond» auch die kleinste der auf seinem Postscheckkonto ein• laufenden Spenden. Wer sich unseren Ausweis einmal daraufhin durchsicht, der wird erkennen, daß diese Unkosten in vielen Fällen in gar keinem Verhältnis zu der tatsächlich eingehenden Summe stellt. Dieser Hinweis dürfte genügen, um unsere Freunde zu vor* Anlassen, ein jedesmal diesen im Einzclfallc kleinen Betrag der Sendung hinzuzufügen. Bei Postanwci• sungen beträgt die zu vergütende Summe 5 Pf. Wir bitten gleichzeitig, diesen Modus auch bei allen Geldsendungen an unser Zcntralbureau und an den Verlag ״Jüdische Rundschau“ zu beobachten. -; . .— •“».1V-:.

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