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Jüdische Rundschau · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 285 Nr. 25 _—_____ Asyl für die wegen ihres Olnubcns Gehetzten. Seit einigen Jahren hat nun die Unterdrückung der Juden in Rußland mit größerer Grausamkeit eingesetzt. Wenn die Türkei den bedrängten Juden Kuß. |,1mls i» größerer Zahl als es bisher der Fall war, eine Heimat bieten würde, dann könnt»sie zweifellos einen Stamm neuer Bürger sich erziehen, der für die Entwicklung des Reiches von unschätzbarer Bedeiihmg wäre. Die Hygiene der Juden Zu unserem Aufsatze in Nr. 23 der ״J. R.״ wird uns van dem Rabbiner Dr. 0 r 11 n w a I d •Wien geschrieben: Sehr geehrter Herr Redakteur! Der Aufsatz in <Nr. 23 der ״Jüdischen Rtinüschau״, der ״Hygiene der Juden auf der Internationalen H y g i c n e A u s s t e 11 u n g in Dresden“ behandelt, enthält mehrere Angriffe gegen mich, deren •Abwehr an derselben Stelle mir zu gestatten Sic wohl die Loyalität haben werden. Der Verfasser des Artikels zieht zunächst meine Legitimation zu einer solchen Aufgabe in Frage und schreibt: ״Die Vorbcrcitungsarbcitcn für die jüdische Abteilung lagen in der Hand zu weniger Personen, die /mlcm durch ihre berufliche Stellung ~ Theologen verstehen schließlich auch nicht alles — und ihren Wohnsitz wohl nicht ganz die geeigneten waren.“ in Wirklichkeit habe ich diese vorbereitenden Arbeiten einzelnen Komitees anvertraut, denen u. a. die Herren Baginsky, Kalischcr, Preuß, Proskaucr, Ros in, Senator, Strauß, Wassermann in Berlin, Ehrmann und Po 11 ak in Wien, Hanauer und J a f f c in Frankfurt, darunter also Mediziner von Weltruf, angchörtcn. ich soll ferner ״keinen einzigen der jüdischen Acr/le Dresdens um seine beratende und tätige Hilfe angegangen sein“. fn Wahrheit bat die aus Medizinern zusammengesetzte Leitung der historischen Abteilung in Dresden, in ihrem Namen hauptsächlich der Abtcilungsvorstnnd H. mcd. Dr. Ncustätter (gleichfalls in Dresden und Mitglied der dortigen jüdischen Gemeinde), mich um meine Hilfe ersucht. Am 30. November 1909 erhielt ich ganz unverschms von dein mir bis dabin unbekannten H. Dr. A'custiittcr die folgende Einladung: ״Bei Ihrem Interesse für die jüdische Volkskunde mul bei Ihren reichen Kenntnissen aus diesem Gebiete, dürfte Sic einerseits interessieren, daß wir in der historischen Abteilung auch die Geschichte der Hygiene bei den ׳ Juden berücksichtigen werden, andererseits dürften Sic, wie kaum jemand anders in der Lage sein, unsere Bestrebungen zu unterstützen.“ Was H. Dr. N. bestimmt hat, gerade mir diese Aufgabe nnzutrngen, wer seine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hat, entzieht sich vollständig meiner : Kenntnis. Die Fülle meiner Berufspflichten in Wien; ließen cs mir zunächst bedenklich erscheinen, einer Einladung Folge zu leisten, die mir offenbar, von der Verantwortung ganz abzuschcn, eine große Arhcits* last aufbürden mußte. Eine Rücksicht wog aber schließlich alle Bedenken auf und entschied meine Entschließung: Die Ausstellung sollte in Dresden stattfinden, und damals, als ich die Eiuladung erhielt, stand noch in Sachsen das staatliche Verbot des rituellen Schlichtens in Kraft. Es schien mir nun eine unabweisbare Pflicht gegen das Judentum, in der Hauptstadt Sachsens auf dem internationalen Boden der Ausstellung an der Hand eines hinreichenden .Tatsachenmaterials die Hinfälligkeit aller ge:׳cn das . rituelle Schächtvcrfabrcn erhobenen Anklegcn. vor den Augen aller Welt, gewissermaßen vor einem internationalen wissenschaftlichen Forum mit unwiderleglichen Beweisen darzutun. Ich wandte mich an Herrn Dr. Preuß in Berlin, den ich als Fachmann liochschätzc, und andere mit der Bitte um Ratschläge und sonstige Unterstützung. Sämtliche Herren, darunter auch Herr Rabbiner Dr. Ehren treu in München und der sei. Dr. Hirsch Hildesheimer in Berlin, sprachen sich dafür aus, die Einladung anzunehmen. Am 21. Januar 1910 wurde Ich von der Gesamt- Icitung der Ausstellung In den internationalen wissenscliaftßchen Ausschuß berufen. Die offizielle Zuschrift besagte: _ ״Für die historische Abteilung ist aus den männern des In- und Auslandes, die sich durch ihre F&rschcrtätigkcit auf dem einschlägigen Ocbictc hesonderes Ansehen erworben haben, ■ ein Ausschuß gebildet worden. Zweck des vorliegenden Schreibens ׳st cs, E. Hochw. zu bitten, uns gestatten zu wollen, auch Ihren Namen in diesen Ausschuß aufnehmen *u dürfen. Zugleich beehren wir uns, Sic zu bitten, die Leitung der Unterabteilung ״Hygiene des Judentums“ übernehmen zu wollen.“ Ich entwarf ein ausführliches Programm und unter- ”jeitete cs der Dresdner Leitung zur Begutachtung. Herr Dr. Neu8tätter antwortete am 7■ Januar: JUEDISCHE RUNDSCHAU ״Mit großem Interesse habe ich Ihren vorzüglichen Entwurf durchgearbeitet. Es ist von kaum einem anderen der Nichtärzte ein die Sache so klar erfassender Entwurf uns zugegaugen.“ Zudem habe ich das Programm auch hervorragenden medizinischen Fachmännern jüdischen Stammes in Wien zur Uebcrprüfung und Aeußenmg vorgelegt. Per bekannte Historiker der Medizin, Herr Universitätsprofessor Neuburger in Wien, schrieb an mich: ״Das mir vorliegende Programm ist so gründlich und weitgehend, daß ich beim besten Willen auf keinen neuen Punkt aufmerksam machen kann,״ In gleichem Sinne äußerten sich Männer, wie Pri• marius Prof. Ehr m a n 11 und Universitätsprofessor Jos. Poll a k in Wien. Dr. Preuß in Berlin, der Spezialist der ״Medizin bei den Juden“, dankte mir mit dem Bemerken: ״ich dachte, Sehächtmesser, Niederlegeapparatc ttsw. zusammcnz.ubringcn. In erster Reihe hatte ich an Ihre Hilfe gedacht. Nachdem ich heute Ihr ausführliches Programm erhalten, freue ich mich, die Arbeit, die für mich so ganz, besonders beschwerlich gewesen wäre, in die berufensten Hände gelegt zu wissen.“ Der Eolklorist und Ethnograph Herr Professor Richard And ree in München bezeidmete das Programm als ״reich und wohldurchdacht“. (״Es interessiert mich in hohem Maße.“) Dieses Programm umfaßte genau so, wie die biblische und talmudischc, auch die nachtalmudische Zeit bis auf die jüngste Gegenwart. Die jüdischen Turn- und Sportbestrebungen, das ganze große Gebiet der modernen jüdischen Wohlfahrtspflege, die l.cistungen moderner Hygieniker jüdischer Abstammung — alles dies war bis ins einzelne berücksichtigt. Ich hatte von vornherein in Dresden den Standpunkt vertreten, die Hygiene der Juden im Altertum, Mittelalter und Neuzeit müsse im Zusammenhang dargcstcllt werden. Die Voraussetzung dazu war allerdings ein eigener jüdischer Pavillon. Nur in einem solchen hätten wir uns meinem Programm gemäß einrichten können. Als Ausstcllungsgebäudc,faßte ich eine alte Holzsynagogc ins Auge, die uns würdig repräsentiert hätte. Sic war preiswert zu erstehen. Hierzu die Geldmittel und Ausstcllungsmaterial aufzubringen, unternahm ich eine Rundreise durch Deutschland. 111 Berlin bekundete für unsere Sache außerordentliches Verständnis und Interesse Dozent Pr. E I b o g e 11, in Frankfurt Dr. Hanauer, in München Pr. Feuchtwaiigcr, in Breslau Dr. Braun u. n., die für unseren Zweck zum Teil Lokalkomitecs eilige• richtet haben. Es herrschte anfangs allgemeine Be• geistcrung. In Dresden war man trotz, der vorgeschrittenen Zeit noch immer bereit, uns entweder einen Pavillon oder einen Einbau in jenem Lichthof zu bewilligen, in dem jetzt das alte Griechenland einen so prächtigen Platz gefunden hat. Für etwa 20000 Mark war dieser!Man auszuführen. Und diesen Betrag aufz 111rcibcn, erwies sich, so ung 1 aublieh es klingt, als unmöglich. Nim sagt z.war der Herr Einsender Ihres Artikels: ״Bei einigem guten Willen und besserer Organisation der Vorbcrcitungsarbcitcn hätte m. E. sowohl das erforderliche Geld, wie auch die Ausstellungsobjekte beschafft werden können.“ Indes genügt wohl der Hinweis, daß die Mitglieder der Lokalkomitecs, allen voran unermüdlich Pr. E I b o g c n, nichts unversucht gelassen, daß ich seihst meine ganze amtsfreie Zeit in den Dienst dieser Agitation gestellt und viele Monate hindurch fast täglich zwanzig bis dreißig Postsendungen erleiligt habe. Zunächst wandte ich mich an die großen jüdischen Organisationen. Die ״Allg. fsr. Un.“ antwortete, sic stelle grundsätzlich nicht aus; der Hilfsverein der Deutschen Juden, bei dem sich der sei. Dr. Hirsch Hildesheimer mit seinem enthu• siastisclien Eifer für uns bemühen wollte, erklärte, ״daß er hygienischen Bestrebungen I voll ständig fernst che“; die i. C. A. stellte Photographien in Aussicht, die bis heute aussteben; die Baron Hirsch-Stiftung versprach ihre ״gedruckten Jahresberichte“; die Großloge für Deutschland (U. O. B. B.) versandte in zuvorkommender Bereitwilligkeit Aufrufe an die einzelnen Logen; von der Ordens• zentrale in Amerika blieben wir ohne Antwort, ebenso von anderen großen jüdischen Verbänden. Weder an Material noch an Geld ist von diesen Stellen auch nur das Geringste eingegangen. In zweiter Reihe kamen die Großgcmcindcn in Betracht. Ein Londoner jüdisches Wochenblatt hatte sogleich beim Bekanntwerden unseres Planes dessen Förderung warm empfohlen, ein Mitglied der Redaktion mir auch in liebenswürdigster Form zur Bildung eines Londoner Lokalkomitecs Adressen angegeben usw. - Herr Is. S p i c I m a n n, der in London, auch mit Unterstützung des Kontinents, jüdische Aus- Stellungen mit Erfolg organisiert hat, sagte mir seine Unterstützung zu, v Leider erkrankte er bald darauf und seine vHilfc entfiel. Herr Oberrabbiner Dr. Adler, stets •hilfsbereit, wo cs einer •guten Sache . gilt, schrieb an mich: ״Tliis 19 cssentially a matter which coticerns the varimis Congrcgalions in Oermany »ml Austria.“ (״Dies geht eigentlich mir die deutschen und österreichischen Gemeinden an.“) Aus England kam trotz, eines wahren Briufhombardcments nicht ein Nagelkopf. Aus Paris drückte mir Herr Rabbiner Isr. Ldvi ganz, unumwunden sein Bedauern aus: ״Vous nc trauverez ä Paris aueuue institution 011 personnc dis• posec ä faire ia nioindre depense pour edle ex- Position. Nous soiiunes ici tres sccpliqucs er» cc qui conccrne l'utilite de ccs exhibitions." (״Sie werden in Paris keine Institution noch eine Person bereit finden, für diese Ausstellung auch nur den geringsten Beitrag zu leisten. Wir stehen hier der Nützlichkeit dieser Ausstellungen sehr skeptisch gegenüber.") In Amerika hat sich I lerr Professor (i. Deutsch für uns bemüht, auch von anderer Seite, nicht zum wenigsten von mir seihst wurde ununterbrochen gearbeitet. Von Herrn Jakob II. Schiff kam endlich eine Zusage finanzieller Unterstützung. Haid darauf wurde sic zurückgezogen. Pie jüdische ücmcindc Newyork ließ mir durch Herrn Rabbiner Mag n es niiiteilen, die Kosten und die Arbeit einer Beteiligung an unserer Ausstellung erschienen der Gemeinde zu groß. Als der Einlieferungstermin längst verstrichen war, trafen von dort einige Photos ein, die in unserer Abteilung iintcrzubringcn ich nicht mehr in der Enge war. Aus Berlin, von dem ich die Hauptstütze erwartet hatte, wo ein Mann, wie Herr Pr. Eibogcn, mit einem solchen Stab von Mitarbeitern und einem solchen Eifer für unsere Sache wirkte, kam nicht allein keine materielle Unterstützung. Pie Berliner Hauptgcmeimlc hat uns trotz, aller Bürgschaften und schier endlosen Verhandlungen nicht einmal jene Sammlung, wertvoller Darstellungen aus dem jüdischen Lehen usw. zur Verfügung stellen wollen, die mein sei. Freund Albert Wolf in Dresden ihr verehrt bat. Und als für unsere Gruppe auf Wunsch der Aus- ׳ stelliingsleitung rituell unbrauchbare Thorarollen von den Berliner Gemeinden erbeten wurden, um die Wertschätzung vor Augen zu führen, die noch heute die mosaische Hygiene bei den Juden genießt, wurden wir von Berlin, und ebenso von anderen deutschen Großgcmcindcn rundweg abgcwiesen. Kurz, vor Eröffnung der Ausstellung sind, wie ich höre, von der Berliner I lauptgcmeiinlc dem dortigen Lokatkomitce 500 Mark bewilligt, von diesem durch Sammlungen über die Grenzen Deutschlands hinaus im. ganzen 200(1 Mark (!) aufgebracht worden. Dieses Geld wurde aber, wie ich erfahre, durch ein Verseilen nicht mir, sondern nach Dresden gesandt. Ici» batte auch hierüber nicht das geringste Vcrfügmigsrcclit. Nicht besser erging cs uns mit Krakau, Lemberg, Petersburg, Warschau, Kopenhagen. Knnstnntinopcl, Siihiev und den allermeisten anderen Gemeinden. Von privater Seite, an die wir uns sonst noch wandten, traf zumeist nicht einmal eine Antwort ein. Ja, einige jüdische Xorporationen, die unsere Einladung abgclehnt hatten, stellten nachträglich mit Uebcrgciiuiig der jüdischen Abteilung in anderen Gruppen Gegenstände aus, die in ihrer dürftigen Vereinsamung geradezu den Spott licrausfordern. Auch eine andere, von mir im stillen gehegte Er- Wartung erwies sich leider als trügerisch. ln mehreren Vorträgen, die ich bereits vor einigen Jahren hier in Wien, dann in Berlin, Leipzig, Hambürg usw. über ״Juden als Erfinder und Entdecker", ״Juden als Seefahrer“, ״Juden als Forschungsreisende“ gehalten, hatte icli den Versuch unternommen, den jüdischen Anteil an dem vielgestaltigen Bau unserer modernen Kultur im einzelnen zu zeichnen, die zu den! stolzen Gchäudc von Söhnen des Judentums gelieferten Bausteine aufzuspüren, aiicinandcrz.ureihcn, systematisch zu ordnen, sozusagen den jüdischen Besitzstand sichcr/ustcllcn. Nun kam die Dresdner Ausstellung. Zum erstenmal seit Beginn der Diaspora sollte der jüdische Volksstamm in den Hallen einer Internationalen Ausstellung auf deutschem Boden in Reih und Glied neben anderen Völkern, aber gesondert sich präsentieren und seine, auf einem der bcdeutendsten und wichtigsten Lebensgebiete geschaffenen eigenartigen Kulturwcrkc den Schwesternationen vorzeigen. Hat dieser Gedanke mir die langwierige, mühselige und enttäuscliungsrcichc Arbeit mit einem poetischen Schimmer verklärt, so hätte er doch Werbekraft genug in sich tragen sollen, um vor allem in n a t i on a I• j iid isch c 11 Kreisen eine tatkräftige, opferwillige und begeisterte Förderung des Unternehmens anzuregen. Welche geheimen Kräfte wirksam waren, tun das Verständnis für den schönen Gedanken zu trüben und allerhand Hemmungen zu erzeugen, dies zu beurteilen bin ich nicht in der Lage. Die Erfolglosigkeit meiner umfassenden, zähen Agitation legte mir die Frage nabe, ob für dieses fast unbegreifliche Mißlingen nicht vielleicht in meiner Person der Grund zu suchen sei. Ich war bereit, . trotz der aufgewandten bedeutenden Mühe, das Werk!

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