Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 283 Nf. 25 ,!lein int Sinne einer reinlichen Scheidung, im Sinne *iner Systematisierung und Begriffserklärung. Er sucht mit sanfter Gewalt die Religion, die sich wie ״och in keinen» Volke bei uns wenigstens begrifflich He unumschränkte Hegemonie angemaßt hat und «ich angeblich als die einzige Grundlage des Volks• tum8 dokumentiert, in die gebührend«! Grenzen zu• rflek/mveisen, ohne sie indessen in der Freiheit ihrer Ausübung irgendwie anzutasten. Er betrachtet die jüdische Religion als eine bloße Erscheinungsform [!es jüdischen Geistes, der jüdischen Volkspsyche, .renau so, nicht mehr, aber auch nicht weniger, tic die übrigen Bestandteile seines Schaffens, seiner Kultur: Kunst, Wissenschaft usw. Der Zionismus jst bestrebt, auch im jüdischen Volksorganismus jenes begriffliche Schema zur Anerkennung zu bringen, dall im Kulturleben ausnahmslos aller anderen Völker bedenkenlos und als selbstverständlich angenommen wird• jenes Schema, das, von dem Oberbegriff der Volksseele (Volkspsyclie, Volksgeist, Volkscharaktcr, Nationalität) ausgehend, diesem die einander koordi• nierten, gleichwertigen Begriffe der einzelnen Er• sclieinungsformcn dieser Volkspsyclie wie Religion, Kunst und Wissenschaft subordiniert. Sie sehen also, cs fällt dein Zionismus absolut nicht ein, einen Gegensatz zu konstruieren zwischen nationalem und religiösem Judentum. Dieser angebliche Qegepsatz ist nur ein Spielzeug, eine Worttiiftclei, die unsere Gegner fautc de mieux gern als Schreckwaffc benutzen, um uns das in sich widersinnige Geständnis der Möglichkeit eines Menschen ab/tt/Avingen, der der Nationalität Jude, der Religion nach Christ ist. Ein Flittertand, eine Kinderwaffe, die man mit Pathos und wilder Gebärde schwingt, ohne eine Fliege zu kitzeln. ״Wer von Euch Schleier und Ueberwürfc und Farben und Gebärden abzöge, gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu erschrecken." — Es dürfte doch wohl klar sein, daß man als guter Jude, d. h. als einer, der sein Volkstum liebt, genau so wenig eine seinen Volkscharaktcr geradezu negierende Religion (wie das Christentum) in sich tragen kann, wie man als guter Deutscher, d. U. als einer, der sein Volkstum liebt, unmöglich eine nichtdeutschc Kultur der deutschen vorzichcn oder mit dem Einfluß des jü• disclicn Volksgeistcs auf die deutsche Literatur sym• pathisieren kann. Es ist — wohlgemerkt — leicht möglich, daß man unbeschadet der Liebe zu solchem Volkstum der einen oder der anderen Erschelnungs• formen desselben etwas fremder gcgcnüberstcht, daß man vielleicht der Kunst oder der Wissenschaft oder aber der Religion seines Volkes gegenüber ein wenig uninteressierter ist; man kann mit dem einen vertrauter sein als mit dem anderen, je nachdem die intcllekiualcn, die religiösen oder die ästhetischen Bedürfnisse in der Persönlichkeit des Einzelnen domi• nicrcn — nimmermehr aber kann man eine dieser Erscheinungsformen, einen dieser einander koordinierten Begriffe ersetzen durch einen anderen, der den Oberbegriff der Nationalität sprengt. — Dies zur Erledigung des von Ihnen gern zitierten Falles Ooldmann-Joseph. ich glaube, Ihnen hiermit notdürftig die theo* retische Grundlage des Zionismus, soweit sic für unseren Streitfall in Betracht kommt, veranschaulicht und nachgewiesen zu haben, daß ein Zionismus, wie Sic ihn sich konstruierten, um ihn besser widerlegen zu können, in Wirklichkeit nicht existiert. Auch Der König von Italien und das Minjan In einer Plauderei über seine Reise nach Italien gibt Max Szabolcsi eine Unterhaltung mit dem Ober• rabbincr von Rom wieder und erzählte da u. a.: Es war nach der Geburt des jetzt dreijährigen Krön• Prinzen. Der Rabbincr hatte dieses Ereignis beim Gottesdienst gewürdigt und wurde daraufhin zur Audienz befohlen. ״Ich wollte Ihnen," — das war die Begrüßung — ״meinen innigen Dank für den schönen Gottesdienst ausdrückcn. Ihre Gemeinde war die erste in Italien, die für den Kronprinz betete." Der Rabbiner sprach mit Innigkeit den Segen über den König, der beim Schluß ״Ainen" sagte und dem Rabbiner einen Stuhl anbot. Dann schlug der König einen ganz intimen Ton an und fragte den Rabbiner *u seiner größten Ucberraschung: ״Nicht wahr, es war bei dieser Gelegenheit mehrfach ״Minjan" in der Synagoge?" Die Verwunderung des Rabbiners wachte Sr. Majestät sichtlich Vergnügen und, ohne die Antwort abzuwarten, setzte der König fort: ״ich sehe, daß cs Sic überrascht, daß ich weiß, was »Minjan" ist. Ich will ihnen erzählen, wie ich das erfahren habe. Zur Zeit, da ich noch junger Offizier u ^cr ^ur‘ncr Garnison war, begegnete mir eines Morgens Qcncral Ottolcnghi, der mein unmittelbarer Vorgesetzter war. Er machte auch sonst nicht das freundschaftlichste Gesicht; diesmal aber überbot er sich, er war grimmig. ״Was geht vor? Generali warum so mißmutig?" Worauf er mir antwortete: »Ich habe mich über die hiesige Judenschaft außer• glaube ich angedcutct zu haben, daß man cm umsam vorwärts kommen; vor allem aber müßten Sic, so besserer Jude naturgemäß ist, je mehr man von den einzelnen Erscheinungsformen der jüdischen Volksseele in sich lebendig hat, und daß als das Ideal des guten Juden wohl derjenige zu betrachten wäre, der ausnahmslos alle jüdischen Kulturwerte, also auch die der jüdischen Religion, sich zu eigen macht und sie produktiv werden läßt. Damit wäre dann auch der Nachweis erbracht, daß sich Ihre Argumente in der Tat nicht gegen den Zionismus richteten, sondern lediglich gegen das Gebahren einzelner Zionisten, d. h. jener Zionisten, die auf dem Wiederbelebungsprozeß noch nicht weit genug fortgeschritten sind, um alle oder auch nur um viele jüdische Werte in sich wieder lebendig fühlen zu können, und die sich vorläufig mit den Bruchstücken begnügen müssen, die sie aus der ihnen vielleicht etwas leichter zugänglichen Geschichte, Kunst und Wissenschaft schöpfen. — Lassen Sie mich auch zu diesem Punkte noch etwas sagen; ich glaube, cs ist notwendig, ihn zur Debatte zu stellen. Die Umstände haben es gefügt, daß Sie nur oder doch vorwiegend solche Zionisten kennen zu lernen Gelegenheit nahmen, die den jüdischen Werten all• gemein und den jüdisch-religiösen Werten im be• sonderen verhältnismäßig fremd gcgcnübcrstchcn. Ich meine die jungen deutschen Zionisten. Nun ist cs ja von vornherein klar — und Sie wissen cs selbst —, daß man diesen darob nicht den leisesten Vorwurf machen darf —, die Schuld liegt nicht an ihnen. Ich komme hierauf zurück. Aber angenommen, selbst unter den deutschen Zionisten gäbe es tat• sächlich welche, die gegen die Assimilation wettern und sie gleichzeitig kultivieren, die für die Rein• erhaltung des Judentums kämpfen und dennoch fremden Sitten und Unsitten frölmcn, ״vom Alkohol bis zur Geschlechtskrankheit," die sich gute Juden neunen und doch in Wirklichkeit einen inneren Zu• summenhang mit jüdischen Werten nicht oder nur wenig verspüren — gäbe Ihnen das ein Recht, in den Felder der Antisemiten zu fallen, die das Judentum stets nur nacli seinen Tiefstpunkten werten? Könnten Sic mit diesen von Urnen ob ihrer Unnufrichtigkcil gelullten Phrasealugen und Salon• zionisteu gleichzeitig den Zionismus verdammen? Um wieviel weniger aber dürften Sic überhaupt eine Miene des Vorwurfs aufsetzen, da Sie seihst ja wissen, wie wenig jene angeblichen Phraseologen für ihr cutjudaisicrtcs Wesen können'. Wem danken wir deutschen Juden, insbesondere aber wir Jungen, daß so wenig in uns lebendig blieb von jüdischen Werten? Wem gebührt der Dank dafür, daß wir der Tradition, dem Gesetz und allem wahrhaft Jüdischen fremd geworden sind, daß wir auf religiösem Gebiete eine Stagnation zu verzeichnen haben, wie sic lähmender, tütender wohl nie existierte? Wem anders als den Entjudaisierungsversuchen des Emanzipationsjuden• tums, den Christianisicrungsvcrsuchcn von Holdhcim herunter bis zu Geiger, wem anders als den jüdischen Lehrern und Rabbinern, die cs nicht verstanden haben, das Judentum in uns zu erhalten und erstarken zu lassen? Doch gleichviel, wer die Schuld trägt. Hier genügt die Konstatierung eines vorhandenen Zu• Standes und Sic, lieber Freund, geben sich ja dieser• halb, wie ich weiß, ebenso wenig Illusionen hin, wie wir. Sic müßten cs daher eigentlich besser verstehen und milder beurteilen, wenn wir nur lang* ordentlich geärgert. Ich war in der Synagoge und konnte nicht beten; ich hatte kein Minjan." ״Nun, warum haben Sic sich keines mitgebracht,״ fragte ich ganz naiv. ״Hoheit denken, wie' cs scheint," — klärte mich der General auf — ״daß Minjan ein Gebetbuch sei. Dabei ist cs ganz was anderes. Es besteht aus zehn erwachsenen Männern. Sind diese nicht beisammen, kann inan keinen öffentlichen Gottes• dienst halten." Damals habe ich erfahren, was das ist." Der König erzählte dann weiter, daß Otto• lenglii, — wie er dies spater erfahren hat — immer, wenn cs nur anging, die Synagoge besuchte und daß er dabei einer der tüchtigsten Generale der italienischen Armee gewesen ist. ״Ich habe den Alten geliebt," — sagte er zum Schluß — ״er war streng, aber geradedenkend, fromm und edclsinnig." Bücher und Zeitschriften Lord Chesterfield, Briefe an meinen Sohn. Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Dr. Karl M unding. 22.—25. Tausend. Preis Mk. 3,00. Elegant gebunden Mk. 5,~. Schwabachcr Verlag in Stuttgart. Die berühmten Briefe des Lord Chesterfield an seinen Sohn sind heute Gemeingut aller Gebildeten. Ihre hohe ethische Bedeutung steht unerschütterlich fest. Dr. Munding darf den Ruhm für sich bcan- Sprüchen, sie zum erstenmal in einer vortrefflichen, Uebersetzung dein deutschen Publikum vorgelegt zu gerade Sie, es mit Stolz und Freude begrüßen, daß in uns, den Entfremdeten, den Entjudeten, den halb• getauften ״daatschcn Jideu" wieder die Sehnsucht stark geworden ist nach einem lebendigen Judentum. Gerade Sie müßten Verständnis und Ehrfurcht haben vor jenem Wahlspruch, den wir llalbveriorene uns auserkoren haben: ״Die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judeitland." Judentum: dar• unter verstellen wir ausnahmslos alles, was spezifisch jüdischen Geistes ist. Und darum ist in dieser Rückkehr zum Judentum auch eingcschlosscn die Rückkehr zur jüdischen Religion, w 0 h I g c 111 c r k t, soweit wir überhaupt religiöser Werte b c - dürftig sind und soweit wir die jüdische Religion von unserem Laieustaiulpuiikt aus als spezifisch jü• disclicn Geistes anerkennen können. I ferzl glaubte, als er jenen Wahrspruch prägte, daß die Männer, die denken wie Sie, die Rabbiner, Verständnis haben würden für diese neuerwachte Sehnsucht, daß sic mit milder Hand sorgsam die jungen Triebe pflegen und sich entfalten lassen würden. Statt dessen überhäufen sie uns mit Schmähungen, werfen uns Steine nach, wie Siniei dem Könige David, als er sein reineres Judentum vor Absalom, dem Abtrünnigen, auf das andere Ufer des Jordans retten wollte; sic leugnen jede Gemeinschaft mit uns und viele sind unter ihnen, wie Seba, Sühn Bicliri, und Jerobeam, Sohn Nebats, die in die Posaune stoßen und rufen: ״Wir haben keinen Teil an David und keinen Besitz an dem Sohne Isais; jeglicher kehre heim in seine Zelte, Israel!" Sie erschweren uns den ohnehin so schweren Weg zum Ueberfluß. Ist es denn ein Leichtes, was wir wollen? Noeli ist es nicht lange her, da sagte man: ״Alles Jüdische ist uns fremd" und iianute das modern und gebildet. Heute sagen wir und kämpfen dafür: ״Nichts Jüdischcs sei uns fremd I" Wahrlich, ein Uimvandlungs* prozeß, den die, die nach uns kommen, mit stiller Lhrfurcht werden betrachten müssen! Noch werden viele Generationen vergehen bis dahin, wir wissen es; wir arbeiten nicht für heute und nicht für morgen, wir leben für das ״Icschono liaboo", das wir 21KJÜ Jahre lang im Gebet erflehten, ohne zu wissen, wann es eiutreifen würde. Noeli werden mühselige Kämpfe nötig sein, Schritt für Schritt werden wir erkämpfen, jeden Fetzen jüdischen Volkstums mit den Zähnen erringen, mit Blut be* zahlen müssen, viele, viele werden zusamniettbrcchen, viele werden zaudern und sich nicht losreißen können vom verlockenden Flitter fremder Kulturen — aber auch nach dieser Wüstenwanderung wird ein Volk mit ausgeprägtem, reinem Volkscharakter ins Land seiner Väter ziehen, auch dieses Exil wird wie das babylonische nur eine Vertiefung, eine Vergeistigung des Judentums zur Folge haben. Das uralte Symbol des Führers Mose wird wieder lebendig und auch die Esra und Nehemia werden nicht fehlen — und so wie jede politische Verfallepoche im Leben unseres Volkes parallel ging mit einer Läuterung auf ideellem Gebiet, so werden aucli diese unsere neuen Führer Männer sein, die über der Zeit stehen und ihr voraus* leben, so wie Mose, Esra und Nehemia ihren Zeiten vorauslcbten — — Ergebenst Heinrich Margulics. haben. Von dem Werke ist unter dem Titel ״Quintessenz der Lebensweisheit und Weltkunst" das 22. bis 25. Tausend zum Preise von Mk. 3,00 (fein gebunden Mk. 5,—) itn Schwabachcr Verlag zu Stuttgart soeben erschienen. Lord Chesterfield ist Realist. Er erkennt die Menschen so wie sie sind mit allen ihren Fehlern und Schwächen. Das ist aber seine große Lebensweisheit: sich ihnen anpassen ohne Schädigung für den eigenen Charakter, sondern zu seiner Härtung und Veredelung. So hat er sich selbst den Besten und Höchsten cingereilit. Sein ganzes Denken, seine Erfahrung und seine väterliche Liehe faßte er in diese Briefe an seinen Sohn. Wenn der Jüngling ׳zum. Manne reift und in die Gesellschaft tritt, so pflegt die Liehe des Vaters am größten zu werden — glaubt er doch im Sohne sein Ebenbild zu erkennen. ׳Aus solchen Jahren stammt der Briefwechsel. Hier sind klar und anziehend die kleinsten Aeußerlichkciten, die für das gesellschaftliche Lehen so wichtig sind, so gut wie die sittlichen Grundproblcmc erörtert. Chesterfields soziale Ethik ist gegenwärtig moderner als je. Sie hat sich einen Herrenmenschen geschaffen, wie er sieh unter unser!! heutigen Lebcnscrsclieiiiungcn aus• bilden kann: durch seinen Willen schafft er sich die äußere Weit und die innere Natur zu Glückbringcrinnen. Was für heute nicht mehr zutrifft, hat Dr. Munding ausgemerzt. So bildet das Buch einen Schatz und ein Nachschlagewerk für moderne Lebens• künstler, ein Qcschcnkwerk allerersten Ranges für Jünglinge, das die Erinnerung an den Geber auf Lebenszeit wach erhält. 4«