Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 282 JUE DIS CHE RUNDSCHAU Ni. 25 r V־־ I H % I I | I ) i I \ I J I I "I I I ו¬ ו 1 ״egen den jüdischen Polen Stern, der nach 1)0• wiilirtcr Taktik dem Zionisten entgegeiigestellt war. Unsere Aussichten sind hier schlecht. Auch in Stryi ist inner Og. Reich in allerdings wenig aussichtsreiche Stichwahl gefeit den So•' /ialdemokrnlen gelangt. Einige weitere Ergeh• nisse, an denen Zionisten beteiligt sind, geben wir im folgenden: Ta r ho pol. Bisher Galt (all|>.). Gewählt wurde Rudolf ()all (allp.L Abgegebene Stimmen 4(115. Ls entfielen auf (lall (allp.) 2119־, Adoll Stand (Z.) 1543 Stimmen. Sanok. Bisher Jahlonski (allp.). Ciewalut wurde Vinzenz. Jabionski (puln. Dem.). Abgegebene Stimmen 483(>. Ls entfielen aut Jahlonski (puln. Dem.) 3113, l)r. Gold borg (Z.) 1721 Stimmen. Drohobycz. Bisher Dr. Locwcns teilt (poln. ()cm.). Gewählt wurde Dr. Nathan v. L 0 e w e 11• stein (poln. Dem.). Abgegebene Stimmen 7935. Es entfielen aut Loe wen st ein (poln. Dem.) 5973, Balicki (Dem.) 308, Kobryn (Ruth.) und Dr. Zipper 802 Stimmen. Stryi. Bisher A. Moraczewski (soz.-dem.). Engere Wahl zwischen Morac/ewski (soz.*dcm.) und Dr. Reich (Z.). Abgegebene Stimmen <)331. Es entfielen auf Morac/ewski (soz.-dem.) 2508, Dr. Reich (Z.) 1541, Dr. Ü o Id 11 a m in c r (Dem.) 1517, Harasymovic (ruth.) 281 Stimmen. L c in b c r g. Bisher Dr. Diamond (soz..*dem.). Oewählt wurde Dr. D i a in a 11 d (soz.-dem.). Abge• gebene Stimmen 5514. Es entfielen aut Dr. Dia• m a n d (soz.-dcni.) 3217, Stand (Z.) 2214, O r 11 stein (selbst.) 71 Stimmen. * Auch Lucia 11 Brun 11 e r ist in der Stich• wähl gefallen. Eine bedauerliche Folge des Zwistes im nationaljüdischen Lager. Bei ein• mittigem Vorgehen bei der Hauptwahl wäre das Mandat fraglos der jüdischen Partei gewonnen worden. Die bekanntgegebenen Resultate der Wahlen sind, wie uns aus Wien geschrieben wird, gerade• zu grotesk und legen deutliches Zeugnis von den stattgefundenen Fälschungen ab. So hätten z. B. nach den Zahlen im B r u n n c r s c h e n Bezirk alle 700 'Wähler, die in der Hauptwahl für Mahler eintraten, für den Christlichso/.ialcn stimmen müssen. In anderen Wahlkreisen liegen die Verhältnisse ähnlich. Nach Schätzungen hätten die Zionisten, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, 5 Mandate erhalten müssen. * Im übrigen bedeutet der Wahltag, wie tinseren Lesern wohl aus den überlauten jubcllicdern unserer Liberalen bekannt geworden ist, den vollständigen Zusammenbruch der Christlichsozialcn. Kaum einer ihrer Führer ist in das neue Paria• ment gewählt worden. Freue sich darüber; wer will. Wir wissen, daß sic von Leuten abgelöst werden, deren Antisemitismus sich weniger durch durch den Grad als durch die Färbung von dem Luegcrschcn unterscheidet. Es steht schlecht um die Juden Oesterreichs 1 Stalen-Gesang Führt 6011 die am Boden kauern, Still In sich um Zion Bauern, Erst zurück In dichten Relh'n, Wlrd's uns wie Im Craume sein. Dann das 3auchzenl — Tann das üaehen, Wenn wir ganz In bust ausbredient * Dann erst weiden V&lker sprechen: Gottes war's, sie gro(j zu machen. — Golt tat Immer an uns gro(j, nahmen heiter unser Leos t — Führ' uns, Cwlger, zurück, Wir persiegen Ja gelangen, Wie Im Wüstensand uor Bangen! Wird uns, die wir Cränen säen, niemals Freude draus erstehen? ״Weinend geht er t — Geht und geht, Was er süel, fremd uerwclttf — Doch wird er zurüdc sich wenden Und mit Subei es cmpllnden, Fühlt er aus sich Garben winden, Bringt sie ein — mit rollen Bänden!—" Sakob Knolisr. Sendschreiben an einen Traditionell-öesetzestreuen Kattowit/, im Juni 1911. Lieber Freund I Sie mögen bereits aus der Anrede entnehmen, daß Ihr Brief keineswegs die beabsichtigte oder doch /nmimlest erwartete Wirkung erzielt hat: ich bin nichts weniger als beleidigt. Gewiß - es gab viele unglaublich verletzende Stellen in Ihrem Schreiben, aber ich fand andererseits etwas darin, das mich jede kleinlich persönliche Kränkung vergessen ließ. Ich fand dieselbe tiefinnerst aufrichtige Liehe zum Judentum, dieselbe Sehnsucht nach einem lebendigen, wertesehaffeiulcn Judentum, die wir Zionisten mit Stolz unser eigen nennen. Mau findet das selten hei unseren Gegnern, und so verbreitet sich leicht der Wahn in unseren Reihen, nur Duinmköpfe oder niedrige Kreaturen könnten Anti/.ionisteu sein. Ein gefährlicher Wahn - ich habe durch Ihren Brief wieder mich daran erinnern müssen, daß man auch als Mann von Geist und ehrlichem Willen uns bc• kämpfen kann. Ich weiß, Sie stehen nicht allein mit Ihren Argumenten. Ich weiß, viele stehen hinter Ihnen, viele, die — wenn auch vielleicht nicht alle so aufrichtig wie Sie — ein wirkliches, positives, lebendiges Judentum erstreben und dennoch uns Zio• nisten, die urcigcntlichcn Verfechter dieser Idee, fast hartnäckiger verfolgen, als die Entjiidaisierungsver• suche gewisser liberaler Kreise, in deren Bekämpfung wenigstens wir doch eigentlich einmütig sein müßten. Das gibt zu denken. Und cs ist notwendig fcstzu• stellen, woran das liegt. Es ist notwendig klarzu• legen, an welchen Stellen die Uclngcrungslinic unserer Aufklärungsarbeit (denn daß es sich nur um einen Defekt in dieser, nicht aber um einen in der Tat angreifbaren Funkt unserer theoretischen Grundlage handeln kann, muß ich als Zionist naturgemäß als selbstverständlich voraussetzen) zu schwach ist, zu sehr vernachlässigt wird, mau muß Verstärkung auf diese Punkte werfen — darum habe ich mich entschlossen, Ihren Brief sachlich und eingehender zu erörtern, als es seine Form rechtfertigt. Ich rekapituliere die Streitfragen: 111 einer Ver• Sammlung, die wir jüngst hier abhielteii, meldeten Sie sich in der Diskussion zum Wort, um eiuo schneidige Attacke zu reiten gegen uns und gegen den Zionismus, oder doch gegen das, was Sie sieh darunter vorstelßcn. ״Das begrifflich Neue“, führten Sie aus, ״das der Zionismus in die Lehre vom Juden* tum hineingelragen hat, Ist die Scheidung eines nationalen Judentums von der jüdischen Religion. Der Zionismus lehrt ein Judentum, ein jüdisches Volkstum unabhängig von der jüdischen Religion. Fr gewählt die absurde Möglichkeit, sich mit Stolz einen guten Juden nennen zu dürfen, ohne die ge• ringste Ahnung von wesentlich Jüdischem, von der jüdischen Religion zu haben. Er predigt ein rein nationales Judentum und schiebt das Nationalste, die Religion, beiseite.״ - ״Er kämpft,״ führten Sic weiter aus, ,,gegen die Assimilation, gegen die Nach• ahimmg fremder Sitten — aber er gewährt gleich• zeitig seinen Üekennern die Möglichkeit, die jüdische Sitte zu ignorieren, mit Nichtjuden an einem Tische zu essen und sich iu Studentenverbindungen zu organisieren, deren Ocbahrcn möglichst germanischen und nichts weniger als jüdischen Geistes ist,״ ■*■ *■■■1■ י״ ׳ ■■■■■■.!״ ■—?a?— Freundschaftliches Gespräch am Bosporus Personen: Der russische Botschafter. Der türkische Minister des Auswärtigen. Der Russe: Ich habe dir liier eine ,,Note" zu überreichen, du gottverlassener Türke, dul Weißt du, was, das ist, eine ״Note“? Das ist ein Befehl, ein strenger Befehl, den Rußland ,die Gnade hat. an dich niedrigen Schuft zu er• lasse ul was drin steht in der Note, das weißt do schon — ich habe cs gestern durch unsere hoch* offiziöse ״Petersburger Telegraphen• agentur" veröffentlichen lassen. Also: wir sagen d i r J a in m e r I a p p e n, wenn du unseren erhabenen Freund, den König Nikolaus von Montenegro nicht in Ruhe läßt, dann gcht's dir dreckig I Dann wirst du auf vergiftete Spieße aufgespießt, daun mit Maxim• Kanonen durchlöchert wie ein Sieb, und zum Schluß auf einem kaukasischen Hochofen in Weißglut ge• bratenI Mit faulen Ausreden kommst du mir dies• mal auch nicht durch die bannen I Sofort gibst du's mit Briel und Siegel schriftlich, daß du nie und nimmermehr unserem erhabenen Freund Nikolaus etwas zu leide hm wirst I Nicht im diesseitigen Leben und nicht Im jenseitigenI Schriftlich! Hier ist die FederI Sofort, du JammcrtUrkcl Sonst — Der Türke (haut dem Russen stillschweigend eine fürchterliche Knallschote in die Visage). Der Russe (nachdem er seine geschwollene Wange betastet hat): Ach so? Die Sprache sprechen Sic, 11 och geehrte ז Herr Türke? Ja, dann erkläre ich mich sofort als durchaus zufrieden• gestellt, teurer, erhabener Frcundl In dem Bericht, den ich für eine hiesige Tages• zeitung zu liefern halle, sagte ich, teils unter dein Zwange einer gedrängten Wiedergabe, teils weil ei mir erschöpfend schien: ״X. Y. bekämpfte vom streng-orthodoxen Standpunkt aus weniger den Zioiiisums als die nichlorthodoxen Zionisten." Und min bekomme ich von Ihnen einen entrüsteten, Vorwurfsvollen Brief. — Sie beschuldigen mich der Text, fälschuug, einer bewußt tendenziösen Wiedergabe und ähnlicher gleichwertiger Dinge, behaupten, Sie hätten etwas ganz anderes gesagt, es hätte Ihnen nichts an einem Kampfe gegen religionsfremdc Zionisten gelegen, Sie hätten vielmehr einzig und allein das begriffliche Fundament des Zionismus stürzen wollen. Lieber FreundI Lassen wir das Beleidigende beiseite. Ich will llmcg iiaehweisen, daß ich im Rechte war, als ich schrieb, Ihre Argumentation richte ' sich keineswegs gegen den Zionismus: ich werde Urnen nachweisen, daß Sic vielleicht diesen bekämpfen wollten, in Wirklichkeit aber — an ihm vorbei fochten. 1, Sie streiten, ähnlich wie die türkische Regierung, gegen einen Zionismus, wie er nie und nimmer existiert, gegen eine Konstruktion, ein Schreckgehild, ein Phantom, das einzig mul allein in den (k•- liirnchcn ״einiger verrückter Kerle in Europa", nämlieh in denen unserer Gegner und böswilligen Verleumder, besteht. Sie lächeln? Sie glauben mir nicht? Sei es - wir werden verstehen, unsere religiösen Gegner genau so zur Einsicht und Anerkennung unserer Ziele zu zwingen, wie die politischen. Mir sei ein Versuch im kleinen gestattet. In jedem Volksleben gellen die Begriffe Religion, Kunst, Wissenschaft, Geschichte usw. als annähernd koordiniert — nur heim jüdischen Volke will man die Kunst, die Wissenschaft und iihcrluuipt jegliche profane Volksproduktion der Religion subordinieren. Bei jedem Volke ist das Nationale der Oberbegriff, man spricht von der Religion, Kunst mul Wissenschnft, kurz von der Kultur*) dese- oder jenes Volkssinmmcs — nur bei uns will tonn mngckehri alles Nationale nur als aus der Religion hervorgehend gellen lassen, kennt eine jüdische Kunst und Wissenschaft nur als Ergebnis der jüdischen Rcligionslehre, eine jüdische Geschichte mir als Rcligionsgeschieht«, leugnet alles von der Religion tinahhängige JUriiscImntionalc, die profane jüdische Kimsl, die profane jüdische Geschichte, einen jüdischen Wirtschaftsgeist usw. mul erkennt es nur insoweit au, als es eben religiös ist. So kam man zu der absurden Konstruktion, von den ״nationalen Bestandteilen der jüdischen Religion" zu sprechen lind dennoch den Oberbegriff der Nationalität zu leugnen. Sagten Sie doch selber, wenn ich mich recht entsinne, ״der Zionismus lehrt ein nationales Judentum und Schicht das Nationalste, die Religion, beiseite." Dieser ungeheuerlichen Begriffsverwirrung sucht der Zionismus ein Ende zu bereiten. Er will verhindern, dal) man nach Laune und Oj)j)0rtuuität den Nationalitatcnbegriff bald leugnet, bald als Unter-, bald aber, wenn cs nutzt, auch als Oberbegriff einführt, um ihn rasch wieder zu verstecken, wenn ein müßiger. Kritiker sich daran klammert. Der Zionismtis bat daher, darin mögen Sie nicht Unrecht haben, eine Scheidung cingcfülirt, aber einzig und *) Martin Bubcr: ״Die Kultur eines Volkes ist das Gesaintschaffcn dieses Volkes." weiß ja gar nicht, was er will! Sie, hoher Freund, waren schon immer so gut zu ihm, nicht wahr? Weshalb sollten Sie gerade jetzt aut einmal böse mit ihm werden? Davon war gar keine Rede! Und diese ״Note", die ich Ihnen überreichen wollte, is ja gar keine Note. Sic ist bloß ein ״ aide inGnoirc“, eine kleine Gedächtnishilfe für das, wa: ich Ihnen zu sagen hatte. Und zu sagen hatte itl Ihnen absolut nichts — ich wollte nur unsere ״Peters burger Tclegranhcnagentur" nicht Lügen strafen, di< doch• gestern bekannt gab, ich hätte Ihnen etwa mitzutcilen. Aber das batte unsere Agentur ja natür lieh nur aus der Luft gegriffen. Unu cs ist ja and gar nicht unsere Agentur, wir haben gar nichts zi tun mit ihr. Aber mein ״aide mdinoirc" dart icl wohl hier lassen —? Der Ordnung halber —? _ ,Der Türke (holt schweigend zum zweit־׳! Schlag aus). Der Russe: Nun, wie Sic meinen lieber Frcundl Da nclim׳ ich cs eben wieder inil Nach Petersburg werde ich berichten, daß wir in besten Einvernehmen — w ,Der Türke (holt schweigend zum dritte! Male aus). Der Russe: Ich gehe ja schon. Aut Wieder sehen, teuerster Frcundl Bewahren Sie in•■ hrc herzliche Zuneigung auch für die Zu kunft. (Draußen:) Nein! Was dieser Türke aut cm mal reden gelernt hatl! (LUSTIOE BLAETTER.I | 1 < 1 1 ] * s 1 1' I; :< f h י « * 1 »1 J I I ) , i I I i I 1 l i I t I