Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eis. $ Mk. und Mölsheim 2 Mk., I.hIii 125 Mk., Hamberg H Alk. Organisationsf nnls: Dipl.-lug. Pcissakowiisch, Aiiindien, Kl Mk., L. 1'ddiiiniiit, Hoim 5 Mk., Marlin }•‘will, I ־.rlnngcn, 5 Mk., Zionistische Ortsgruppe i>* iiilmr 51) Mk., Referendar Adolf Wolf, Anricli (Quartal) 2 Mk., aus Lydtknlmcii: M. A. Schau• d.nischki 10 Mk., Isidore Herlowj!/ 10 Mk., I.oms! I oweustein (2. Rate) (> Mk., Siegfried Milltur (2. I 1. 'ite) I Mk., aus Hcrlin 12,50 Mk., Hannover j 2, (15 Mk. (s. ״Verschiedene Spenden“). Eingang vom 15. 21. Juni: Schekel 30S Mk., I imlesbeilr.ige 215 Mk., Org.inisatiunslomls 11 1,13 M. Gesamleingang: Schekel 3773 Mk., I.nmlcsl»;•!• •rage 331:4»,SO Alk., Organisatioiisfomls S370 Mk. Adresse für Geldsendungen: Zionistisches Zciilralluireau, C 11 a r Io 11 e 11 bu r g 2, Illeihtreu• strafte •19. Postscheckkonti 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Hcrlin N\V., Unter den Linden 59. Die galizisclien Wahlen Der 10. Juni 1011 wird als Unglüekstag in der Geschichte des Judentums verzeichnet bleiben. Polnische Gewalt und polnische Kor־ ruption, unter der unsere Brüder in Galizien schon immer gelitten haben, hat in I) r o!1 o b y c /, und an anderen Orten einen Schlag geführt, /.:!hlreiche jüdische Leichen sind geblieben und die geringen politischen Möglichkeiten, die sich die Juden Galiziens hei den letzten Wahlen errungen haben, sind iluu bis auf wenige gerauht worden. Gegenüber den traurigen Vorgängen in der Pctroleninstadt Drohobycz tritt naturgemäß 41er teilweise auch recht blutige Terror, durch den 41er Polcnklub wiederum seine Macht behauptet hat. zurück. Das furchtbar Beschämende an dem Vorfall ist, dali es gera41e ein Jude war, dem auf so blutige Weise der Weg ins Parlament gebahnt wurde. Dr. Nathan von Loe wen stein, der Gewaltige des Polenklubs, der sieh heim Stimmenfang bisweilen sehr wohl seines Judentums zu erinnern wollte, hat für sieh eine Wahlkampagne inszenieren lassen, die alle jene Bilder lies Schreckens, die sich für uns mit dem Begriff der ״Galizisclien Wahlen“ verbinden, in den Schatten stellt. Ihren Höhepunkt erreichte die Korruption am Wahltage seihst. Nach Lcinhcrger Meldungen waren des Morgens um 8 Uhr erst 1200 Stimmen abgegeben worden. Dennoch trat in bestimmter Form das Gerücht auf, dal! auf Dnittd gefälschter Wahldokuniente bereits 3500 Stimmen für Locwcnstcin abgegeben seien. Die drei Gegenkandidaten Loewensteins, unser Gesiiiruingsgcnosse Dr. Zipper, der Nationaldemokrnt Dr. Bai ick i und ein Ruthcnc rieten unter diesen Umständen ihren Anhängern, sich an der Wahl überhaupt nicht mehr zu beteiligen. Diese Mitteilungen versetzten die Menge, unter der sich eine große Anzahl jüdischer Arbeiter aus den Oclgrubcn des benachbarten Boryslaw hefand, in unbeschreibliche Erregung. Man zog zum Wahllokal Loewensteins, demolierte die Ein- Achtung und warf deren Trümmer auf die Straße4. Cs wurden Husaren requicriert. denen cs unter ״Der ZSonlmntiH erstrebt für du■ jüdkcho Volk die Schaffung einer üffent- Uch-rcclitlicb gesicherten IlchnstUtto In Palüatlmu“ Bänder Programm. Midien gelang, die Ex/edentcn zu vertreiben. Es sollen sel14»n hier am Vormittag Steine und Wirtsehaftsgegenstäiule gegen das Militär geschleudert worden sein, so daß die Husaren von 41er Waffe Gebrauch machten. Auch die Wohnung des jüdischen Gemeindevorstehers Dr. Jacob Feuerstein, dem die Hauptschuld au den Schwindeleien zugunsten Loewensteins /ulalleu soll, wurde demoliert. Nachmittags versuchte die Menge in das Wahllokal eiuzudringeii, tun eine Fortsetzung der Wahl unmöglich zu machen. Nunmehr wurde von 41er Behörde Infanterie requiriert. Auch sic soll mit einem Steinhagel empfangen worden sem. Daraufhin trat das Furchtbare ein: Es wurden j a ul di e M e 11 g c f ii n f S a I v e n a b g e g e - ben, die ein scheußliches Blutbad anrichteten. 21 Tote, etwa fünl/ig Schwerverletzte und eine große Zahl Leichtverletzter zählt die Verlustliste des Wahltages. V4»n seiten der Oppositionspar• teien wird strikte behauptet, daß vor dem Konimaiuk» die Aufforderung zum Ause i 11 a 1141 e r g e 11 e n nicht erfolgt i s t. Die Opfer sind zum großen Teil u 11 schul- 41 i g e F r a neu, Kinder u n 41 alte L e 111 e , darunter ein neunzigjähriger Manu. Wie groß 4lie Zahl 41er jüdischen Toten mul Verletzten ist, läßt sieh noch nicht übersehen, jedoch hefinden sich unter den wenigen Namen, die hekaimt wurden, eine Anzahl jüdischen Klanges. Die Tätigkeit der Polizei richtete sich, wie zu erwarten, nicht gegen die Wnlilschwindler, somlcrn gegen die betrogenen Wähler; zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. So soll sieh auch 41er Führer unserer Gesinnungsgenossen in Drohobycz, Dr. Auerbach, in Haft befinden. Durch die Wahlcnthaltuug, die von den Oppositionsparteien am Nachmittag geübt wurde, erzielte Locwcnstcin cin4’ ganz gewaltige Stimmenmehrheit. Sofort nach Bekanntwerden der traurigen Vorkommnisse begab sich Dr. Schnlit zum Minister des Innern, Grafen W i ck e 11 b e rg, um die Anklage gegen die Kommissare Ly8z* kowski und Sobolcwski zu erheben, die dem Militär den Befehl zum Schießen ühcrmittelteil. Er behauptet, daß in die Mcnsclicmnasse o 11 ne irgendeine Er in a 11 n 11 n g, ohne daß ein Wort einer Autfordemng gehört worden wäre, auf Veranlassung 41 e r W a U l k o m ־ missiou geschossen und sogar 41cn Fliehenden Kugeln imcligcsandt worden seien. Der Minister antwortete, daß die Ereignisse in Droiiohycz auf jedermann einen niedersclimettcriuleu Eindruck machten. Er habe bereits alle Anordnungen getroffen, um den genauen Sachverhalt festzustellen. Er könne versichern, daß die Regierung mit aller Strenge Vorgehen werde, damit die Untersuchung ein ungetrübtes Bild gehe und etwaige Schuldige zur Ver• a 111 w o r t u n g g e z. o g e »1 w erde n. Das ist das alte Lied, das man auch in ilen Jahren 1897 und 1907 immer wieder hörte. Man wird mit der bekannten Gründlichkeit vorgelien, deren Ergehnis in Gestalt einer schön abgermulcten Regierungserklärung Einiges konstatieren, vielleicht auch etwas mißbilligen wird, keineswegs aber den polnischen Herren und den von ihnen abhängigen Behörden 4lie Lust verleiden wird, hei den nächsten Wahlen ihre bewährte blutige Methode wiederum anzuwemlen — Wir haben versucht, nach, den vielen 1111* klaren, sich teilweise wülerspiccheiuleu McUlungen, 4lie bisher ein liefen, ein möglichst zutiefleiides Bild der tatsächlichen Vorgänge zu gewinnen. Inwieweit das gelungen ist, läßt sich heute nicht beurteilen, denn die Pressebureaus des Polenklnbs haben gut gearbeitet. Auf eine ganz besonders dreiste Fälschung der Tatsachen ist beispielsweise die Rerlaktion der ״Vossischcn Zeitung“ in 41er Nacht zum Dienstag liiueingefallen, so daß sich das Blatt in der Abendausgabe des folgenden Tages zu einem richtigstcllcmlcn Artikel veranlaßt sah. Auch wir müssen uns heute eines ah* schließenden Urteils enthalten. Wir beklagen die Opfer, die .־ml jüdischer Seite gefallen sind: aber trostreich ist es doch, daß unsere galizisclien Brüder, die auch schon ehedem gapiült, beraubt und gemordet wurden, jetzt zum mindesten wissen, daß sie um einer Idee willen leiden, die so groß ist, daß sie aus Sklaven Kämpfer machte. Ob da in der Hitze des Kampfes irgendwann unbedacht gehandelt wurde, bleibt hierbei gleichgültig. Das Begräbnis der Opfer wird, da man er- Heute Unruhen befürchtet, nachts unter Militärassistotiz stattfindeu. * Die ״Neue Freie Presse“ verölfentlicht 4lic folgcmlc Darstellung 41er Opposition»• Parteien vom Tage der Ausschreitungen: Die Vorg.innc Hei ilen lieiiligen Wahlen haben Ir,»urigere Erscheinungen gezeitigt ak alle bisherigen galizisclien Wahlen. Von den oppositionellen bürgerliehen, polnischen, ruthem-chen und judisclinationalen Parteien wurden weder Koiniiiissionsmdglieder noch Vertrauensmänner /!!gelassen. Die städtischen Parkaulageii, in ilcncii das Wahllokal sich befindet, waren von Infanterie, zwei Ihisareiieskadroneii und zahlreichen (ieiidarinen sowie einem Polizeiaufgebot umzingelt. Den oppositionellen Wählern, deren Tausende vor den Pforten der Parkanlage angesammelt waren, wurde der Zutritt verwehr(, beziehungsweise unglauhlieh erschwert. Den mit schwerer Atühc hinein* dringenden unabhängigen Wählern wurde vor ihren Augen der Wahlzettel geöffnet, beiseite geschoben, versteckt oder zerrissen. Infolge tlieser Umtriebe wurde die, Volksmenge erbittert mul stürmte das gegenüberliegende Agitationslokal der Anhänger Loewensteins. Nun kam es zwischen den oppositionellen, ins Wahllokal nicht /!!gelassenen Widdern mul der Gendarmerie mul Militär zu einem blutigen Handgemenge. Die Husaren ritten in die .Menge hinein, wurden jciloch von den Wäldern mit Stöcken und Schirmen sowie mit aus den Nachbarhäusern geholten Gerätschaften emptangen; mehrere Husaren stür/tca von 4te!4 Pferden herunter. Dann ging die Infanterie zum Hajopettangriff vor, dem Scluiftsaivcn folgten, wobei cs zahlreiche Tote lind Schwerverletzte gab. 111 den übrigen ostgali/isclicn Kreisen hat der polnische Terror seine Wirkung getan, wenn es auch nur in wenigen Fällen zu tätlichen Angriffen kam. Trotzdem haben die zionistischen Kandidaten einen recht beträchtlichen Stimmen- Zuwachs zu verzeichnen, der allerdings bei der kollossalen Wahlbeteiligung bisher noch keinen greifbaren Erfolg erbrachte. Am aussichtsreichsteil ist noch die Kandidatur Stands, der in Zlotow zwar gegen den Sozialdemokraten Breiter unterlag, durch dessen Verzicht auf dieses Doppelmandat jedoch wahrscheinlich ge* wählt werden wird. In Buczacz soll unser Kandidat Ringel in die Stichwahl gelangt sein