Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 274 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 24 Aus der liebräischen Bewegung Mitteilungen der Organisation für hebräische Sprache u. Kultur (Histadruth Ibrlth) (Zcntralburcan: Bcrlin-Charlottenbiirg, Kantstr. 93.) Berlin, Juni 1911. Allgemeines. Die Vertiefung und Ausbreitung der hebräischen Bewegung machen in jüngster Zeit merkliche Fort• schritte,die nicht nur in den Ländern,in denen die Juden• inasscu wohnen, sondern auch in Deutschland in man• nigfaclicn Kreisen in die Erscheinung treten. Mit dem Erstarken des jüdischen Kullurempfindens wächst gleichzeitig das intensive Interesse für die hebräische Sprache, in der der schaffende Nationalgcnius unseres Volkes von jeher seinen echten Ausdruck gefunden bat. Das Hebräische rückt bei Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Richtungen׳ im Juden• tum immer mehr in den Vordergrund der Diskussion und wird gleichsam zum Symbol für die jüdische Renaissance. Es ist ein Symptom für das Interesse, welches dem liebräischen neuerdings cntgcgcugc• bracht wird, daß nicht unwesentliche Teile auch der deutsch-jüdischen Jugend, speziell aus den aka- Ucmischcn Kreisen, unsere Nationalspraehe als I e bende Sprache zu pflegen beginnen. Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß das Deutsche l.amleskomitce unserer Organisation (Adresse: Prof. I>r. E. Mittwoch, Berlin NW., Kirchstr. 23׳), welches eine Reihe von hebräischen Sprachkursen in Berlin׳ und anderen Orten ins Leben gerufen hat, bereit ist, allen dafür sich interessierenden Kreisen jedwede Förderung zuteil werden zu lassen, sei cs auf orgauisa• torischem Gebiete, sei cs durch Vermittlung von Lehr• kräflcn und Unterrichtsmethoden, In Rußland, dem Haiipt/eiitruni der hebräischen Betätigung in der Diaspora, hat trotz der inangelnden Versammlungsfreiheit die ״Histadrudi" inzwischen eine weitere Konsolidierung erfahren. Infolge einer vor einigen Monaten dort stattgehahten Landeskonferenz, an der sich die namhaftesten Führer der liebräischen Bewegung und der liebräischen Literatur beteiligten und in der die iiationaliüdischen Kulturproblciiic der Gegenwart im Anschluß au ein großzügiges Referat des bedeutendsten liebräischen Dichters Cu. N. Bialik in eingehender Weise beleuchtet wurden, sowie durch die auf jener Konferenz, erfolgte Begründung eines besonderen Lamkskomitees für Rußland, wird dort die hebräische Arbeit weiter ausgestaltet und einheitlicher geleitet. Vom hebräischen Z e i t u n g 8 - und B ü c 11 c r in a r k 1. Die allgemeine Abwärtsbewegung in der he• bräisrhen Welt offenhart sielt daneben in einer gesteigerten Produktion auf dem Gebiete des hebräischen Zcituiigs• und Büchermarktes. Einige Verlagsinstitute sind jetzt ncubegründet worden, so der von M. Us• sischkin, CI1. N. Bialik und I. Cb. Rawnil/ky geleitete Verlag ״Turgmon", der speziell hebriiisene lieber• Setzungen von guten Jugendscliriften heraus/iigeben beginnt (Adresse: M. Ussischkiu, Odessa, Chersons• kaja •16, für ״Turgmon"), Ferner der zum Andenken des verstorbenen liebräischen Schriftstellers ins Leben gerufene Verlag ״Jawue" zur Herausgabe von aus• gewühlten Schriften hebräischer Autoren (Adresse: Dr. J. Sapir, für ״Jawnc“, Odessa): sowie der Verlag ״Misrach umaarow", der seine Tätigkeit mit einer hebräischen Tolstoi Ausgabe begmnt (Adresse: Redaktion ״Haolain“, für ״Misrach umaarow״, Wilna, Soldatskaja 3). Zugleich damit sind verschiedene Schritte getan worden, um das auf Initiative unserer Organisation in Angriff genommene hebräische Vor• lagsinstilut ״T’chia" weiterzuhringen und seiner Ile• griinüung näher zu führen, worüber wir noch in einer besonderen Publikation nähere Mitteilungen machen werden. Von den neue 11 liehräisclicn Prcllorganen seien außer der wieder erscheinenden, von N. Sokoluw redi• gierten Tageszeitung ״Hazefirah" (Warschau, Panska 33), die illustrierten Jugcmlorgaiic ״Ha• schachar" und ״Hajardcn" in Warschau und ״Mo• ledeth** in Jaffa hervorgehoben. Vom hebräischen E r /. i e h n n g 8 w e s c n. Gerade das Auftauehen einer Anzahl neuer Jugend• urgane zeugt vom wachsenden Interesse, das dem liehräisclicn Er/ieliiurgsweseu zugcwciulet wird. Eine der wichtigsten Aufgaben wird cs dabei sein, die gegenwärtige Lage des hebräischen Erziclmiigs• gebietes in den verschiedenen Ländern auf Grund genauen Tatsachenmaterials kennen zu lernen. Den ersten Schritt zur Erreichung dieses engeren Zieles macht jetzt die ״Histadruth", indem sie eine darauf bezügliche Enquete veranstaltet, deren Ergebnisse als Grundlage dienen sollen für die Beratungen des kommenden hebräischen Kulturkougrcsses über diese Frage und im Anschluß daran für die Ausarbeitung c;nes innerlich einheitlichen, den Verhältnissen in den einzelnen Ländern angepaßten umfassenden liehrä•!sehen Schul• und Erzielmngsprograinms. Ausgehend vom Gesichtspunkte, daß heim Aushau ues hebräischen Erzieluingswcsens vor allem an die aeuaffung von hebräischen Kindergärten geschritten werden muß, welche die erste Grundlage 1״r, ■״ü*cre gesamte nationale Jugenderziehung zu du: en berufen sind, geben wir jetzt eine von einem pädagogischen Fachmann stammende längere Ab* nanüluug^als besondere Broschüre heraus, In der die “״Jul..- ־ ׳ Bedeutung von liehräisclicn Kindergärten eingehend beleuchtet wird. Die innere Einrichtung von he* bräische» Kindergärten behandelt ein vor kurzem im Verlag ״Tusehia"-War$chau erschienenes Buch ״Gi* natemi". Besondere Erwähnung verdient hierbei, daß in Warschau zwei Kurse zur Ausbildung von liehräisclien Kindergärtnerinnen bestehen; und daß das Odcssacr Palästiiiakoniitee zum Andenken Lcwinsky’s in Jaffa ein hebräisches Kiiidergärtncriniicn-Scmmar begründen will - ein Unternehmen, dessen Fürderung allen Freunden der nationaljüdisclieii Erziclmng nahe am Herzen liegen sollte. Beratungen des O r g a n i s a t i o 11 s k o in i t c c s. Vor kurzem fand in Berlin eine längere Be* ratung des Zentralkomitees der ״Histadrulh‘‘ statt, an der auch einige auswärtige Komitecmitgliedcr teilnabmen. Die gegenwärtige Lage der Organisation in den verschiedenen Ländern wurde eingehend besprechen, wobei ein wachsender Einfluß derselben auf die Förderung der liehräisclicn Betätigung konstatiert werden konnte. Sodann wurden verschiedene auf die künftige Gestaltung der Orgaiiisationsarheit bezügliche Beschlüsse gefallt. Unter Ändert» wurde auch beschlossen, anläßlich des nächsten Zionisten׳■ kongresses in Basel, wo zahlreiche natioualjüdischc Kräfte Zusammenkommen werden, eine größere Agitation für die auf die Neubelebung der liebräischen Sprache gerichteten Bestrebungen zu veranstalten. Der Unglücksfall in Meron Von einem Augenzeugen des Unglücks von Meron geht uns folgende Schilderung des schrecklichen Ereignisses zu: Bekanntlich findet alljährlich am l.ag-Beomer• Tage, der zugleich der Jahr/eitlng des Rabbi Sehimeon bei! Jochai ist, in Meron, dem Wohnorte des Rabbi Sehimeon heu Jochai, eine große Feier statt, zu der Scharen von Juden aus ganz Palästina und sogar aus dem Auslände herheiströmeii. Besonders van den Inicliarisclien Juden wird dieses Fest stark he• sucht. Meron ist ein kleiner Ort, der auf einem sehr schlechten Gebirgswege in ungefähr 2 Stunden von Sa ff cd aus zu erreichen ist. Es wohnen dort einige ׳jüdische Familie», und neben der Synagoge, die über dem Grabe des Rabbi Seil. b. J. errichtet ist, befindet sich auch eine Jeschiwah mit 10 Schülern, die von Saffed aus dahin kommen. In diesem Jahre war die Feier infolge der schlechten ökonomischen Verhältnisse in Jerusalem schlechter besucht, als im vorige» Jahre. Immerhin waren doch ungefähr 30(10 100;) Personen, zumeist aus Saffed, Tiberias und den galiläischcu Kolonien, ferner von Jerusalem und Damaskus anwesend. Die Menge harrte ge• duldig auf dem Platz, vor der Synagoge in der heißen Sonne aus, und es entwickelte sich ein malerisches Bild, wie Juden in den verschiedensten Trachten auf den Steinblöcken des Platzes biwackicrtcu und die mitgehrachten Vorräte verzehrten. In der Synagoge beteten viele mit Inbrunst am Grabe des Rabbi Seit, b. J. und zündeten Jahr/citlichtcr für ihn an. Auf dem Hofe der Synagoge tanzten die Cluissidim ihren eigenartigen Tanz. Als kurz vor 9 Uhr abends das Feuer zu Ehren des Rabbi Sch. b. J. auf dem Dache der Synagoge ange/iimlet werden sollte, war dieses Dach ebenso wie die angrenzenden Sciteuterrasscn und der Hof der Synagoge mit Menschen überfüllt. Sofort nach dein Än/iindcn des Feuers entstand, angeblich durch einen Windstoß, der das Feuer bewegte und die Nahestehenden vom Feuer vertrieb, auf dem Dache der Synagoge ein schreckliches Gedränge. Die Menschenmenge preßte gegen die steinerne Brüstung des Daches, welche den Druck nicht aiishnltcn konnte, und es geschah das Schreckliche, daß plötzlich die steinerne Brüstung und ungefähr 50 Menschen, die an der Brüstung standen, ca. 10 Meter tief 111 den Hof der Synagoge hiiumterfielen. Die volle Wucht des lierahstürzendeii Malierwerkes und der herab• stürzenden Menschen traf die am Hofe Kopf an Kopf stellende Meiiseheiimasse. Es entstand eine schreck• liehe Panik, da bei der schlechten Beleuchtung nur ein Teil der Anwesenden wußte, was eigentlich ge• schehc» war und alles nach dem Ungliicksorte drängte. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis einigermaßen Ordnung geschaffen und das Unglück zu übersehen war. Es stellte sich heraus, daß 7 Menschen, dar• unter I Kinder, getötet und ca. 40 mehr oder weniger schwere Verletzungen, meistens Arm• und Beinbrüche, davon getragen hatten. Mit großer Mühe gelang es, die Leichen der Getöteten zu bergen und die Ver* wuiulelvn in dcii Ncbcnrüuiiicii der Synagoge und in den beiiaelibarten Häusern unter/iibringen. Das schlimmste war, daß keine ärztliche Hilfe und keinerlei Verbandszeug und Arzneimittel zur Verfiigimg standen. Diese mußten erst aus Saffed her• heigehoit werden, so daß die Verwundeten die ganze Macht hindurch keine Linderung Yiir ihre Schmerzen erhalten konnten. Es war ein Glück, daß der Kajmakitm von Saffed und eine Anzahl von Polizisten an der Stelle waren. Dadurch war es wenigstens möglich, die Ordnung aufrecht zu erhalten und das möglichste für die Unterbringung und den Transport <jcr svumleten zu tun. I >as Verhalten des Kajmakams verdient die größt,. Anerkennung. Nicht mir, daß er die ganze Nach( itiumterbrochc» tätig war und von einem Verwundeten zum andern ging, sondern er bezahlte auch au! eigener Tasche die Kosten des Transportes tk:r Vet. wimdeteii nach Saffed un|d ließ auch sonst kein Mittel nnhenutzl, um den Verwundeten die möglichsten Erleichterungen zu bringen. Die (ietöteteu wurden am folgenden ׳l.igc jn Meron beerdigt. Die Verwundeten wurden auf Trag, bahren, die mau aus Brettern und Türen »npro. visiert hatte, in das von der Baronin Kotschild neu. erbaute jüdische Hospital in Saffed geschaut, das leider noch immer der inneren Einrichtung ermangelt und auf einen Wohltäter wartet, der die Einrichtung*, und Unterhaltungskosten auf sich nimmt. Sechs von den Verwundeten starben nmii am folgenden Tage. Eine in Meron selbst unter den Anwesenden eingcleitete Sammlung ergab einen gc. wissen Betrag, der für die Pflege der Verwundeten und der durch das Unglück zu Waisen gewordenen Kinder verwendet werden soll. Wahrscheinlich wird das Unglück dazu beitragen, in dem nächsten Jahre der Pilgerfahrt nach Meron Abbruch zu tun. :: AUS ALL6R W6LT ״ Dcuisc/tland Die ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“ bringt im Juniheft auf Grumt der soeben erschienenen zweiten Abteilung der Wohnmigsurui Bevölkerungsaufnalune vom I. I)cz.c»1bcr 191)5 in der Sladt Berlin und 29 beiiaelibarten Gemeinden intcr* essante Daten über das prozentuale Vorkommen jü• disclier Blinder, Tauber, Geisteskranker und Geistesschwacher. Vergleichen wir die Ergebnisse mit dein Anteil der Juden an der Gesaiuthevölkerimg im Jahre 1905 (1,35) den Prozentsatz der jüdischen Gebrechlichen: Jüdische Blinde auf beiden Augen: •1,1"״: T a 11 b s t u ווו in e 7,6״״: Geistes• kranke: 2,1 G c i s t e s s c 11 w a che: 3,0״״. Aus diesen Ziffern geht die gewiß interessante Tatsache hervor, daß nur der Prozentsatz, der jüdischen '1 .mb• slummei) den Anteil der Juden an der üesamlbevülhe• rnng übersteigt. Hinsichtlich aller übrigen Gehrech• liehen bleiben die Juden prozentual hinter der G e s n in t b c v ö I k c r u n g zur ii c k. * Das Grnßhcrzügl, Staatsiiiiiiisteriuiu hat auf (irmul eines Berichtes von seiten des (iroßh. Lamlrahbm.'rs Dr. Mannheimer die Entscheidung gefällt, daß jüdische Kinder, welche am christlichen Religionsunterrichte ihrer Schule tcilnehmen, trotzdem verpflichtet sind, sofern sie Angehörige der jüdischen Konfession bleiben, die Jüdische Rcligionsscluilc zu besuchen. ־־־ Diese Entscheidung ist von großer Tragweite für die Zukunft des Judentums im l.amle Olden• bürg, da, wie der ״Israelit" berichtet, neuerdings einige jüdische Familien ihren Kindern den Sonntag Vormittag, an welchem der jüdische Religionsimter• rieht stattfindet, durch Beteiligung am christlichen Religionsunterricht retten wollten. Gegen die 'זי• bängte Geldstrafe wurde von den Betroffenen B»> schwcrdc beim Groß-Staatsininisteriuin eingelegt, all« 11 die Entscheidung fiel zu Gunsten des Schuliuspektors l)r. Mannheimer aus, der den Standpunkt verl1.it, daß bei aller Toleranz eine reinliche Scheidung m Sachen der Religion herrschen müsse und daß die Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Keligions• unterricht doch in den Augen der Christen als e!׳!c Charakterlosigkeit erscheinen dürfte und geeignet *1 i, das Ansehen des Judentums herah/usetzen. Une/arn Wie ungarische Blätter melden, wurde der Oh rrabhincr Dr. Samuel Kolm vom König zum Alaßnatcnhnusniitßllcd ernannt. Die diesbe/ügliihe Ernennung befindet sich bereits, mit der königlichen Unterschrift versehen, im Ministerium, von wo die Zustellung demnächst erfolgen wird. Russland Der in Baden weiter (Schwarzwald) zur Kur weilende bekannte jüdische Dichter Scholcin-Alcichcm (S. Rabbinowitz) erhielt ein Schreiben von dem russischen SchriftstclIerAlexaiulerAmphillieatrow, worin dieser ihm mitteilt, daß die angesehensten russische» Schriftsteller beabsichtigen, eine gemeinschaftliche energische Protestkundgebung gegen die Ritual* mordhetzo in der russischen Presse zu veröffent• liehen. Die Schikanierungen durch die Polizei, denen die russischen Juden in allen Provinzen Rußlands fortdauernd ausgeset/t sind, greifen nunnielir auch aut die Hauptstadt Petersburg über. Die Polizei dringt