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Jüdische Rundschau · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Seite 263 JUEDISCHE RUNDSCHAU Verfassung von 1850 mit ihrer Bestimmung, »laß der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Redde unabhängig vom religiösen Bekenntnisse sei, eine weitere wichtige Staffel auf dem Wege zur Juden• eiiian/ipation; doeli wieder fügte Mie Reaktion der fünfziger Jahre Beschränkungen dieses allgemeinen (irumlsal/es für die Juden ein. Erst »las nortl. deutsche Jiundcsgesctz. vom 3. Juli 18<><) öffnete den Israeliten insonderheit das höhere Lehr• null Richteramt. Immerhin hat auch der preußische Staat zur Erhaltung seines chrisllielien Grund• diar.iklers die jtidiselieu Kräfte nicht in dem Malle ilues Angebots berücksichtigt, und unter »len nkademi• sehe 11 Berufen haben diese sichxschon deshalb mit Vor• lidie den ״freien“, dem Acrzle- und Rechtsanwalts• stand zugewandt; in die Reihen des Meeres, als Olfizierc einzudringen, ist den Juden bisher vollends niilil gelungen. Von S p a 11 u n g c 11 ist das J u d e 111 u ui nicht verschont geblieben, und gerade Berlin hat hier• h i immer eine starke Rolle gespielt. Im Aufkliirungs• /.italler entstand diejenige Richtung, die, vor allem d'iich Moses Mendelssohns Vorbild beeinflußt, Preisgabe der alten Sitte und Annahme zeitgemäßer Immanrr Bildung und Anschauungen auf ihre!•‘ahnen schrieb; das ״Rcförmjudentum“ des neunzehnten j.ihilmnderts, das die Offenbarung der Schrift durch die der Vernunft ersetzen will, knüpft an sie an. Die orthodoxe altjüdische Partei stemmte sich heftig hier-;;!•gen. Schulter an Schulter fochten beide Richtun• gen in dem Kampfe für die Gleichstellung der Juden, der namentlich von den 30er bis zu den (10er Jahren des vorigen Jahrhunderts scharf in der Oeffeiitiiehkeit geführt wurde; vereintes Interesse verband sie gegen• über dem Antisemitismus, der am Ende der 70er Jahre den ungemein gewachsenen jüdischen Einfluß auf »las öffentliche Lehen Deutschlands cinzudiimmen suchte, und mit dessen Entstellung der Name des Bcr* lincr Ilofprcdigers Ad. Stöcker eng verbunden ist. Eine gewisse Z u r ü c k d r ä n g u 11 g des J u d c 11• t u m s ist dadurch unbedingt erreicht, vor allem aber durch die Betonung des R a s s c n g c g c 11 satz.es ein Moment in den Kampf hineingetrngen, das im Mittel• aller hinter dem wirtschaftlichen weit zurückstand, heule aber bei der allgemeinen Schärfung völkischen Bewußtsein sich oft w i r k s a in e r als jenes zeigt. Auch im Judentum trat, zum Teil infolge der antisemitischen Stellungnahme solch ein natioua« ler Rückschlag ein; man kehrte das eigene Rasscngcfühi deutlicher und selbstbewußter hervor, legte sogar das Streben an den l ag, dein zerstreuten Volk wieder das zu schaffen, was ihm vornehmlich fehlte, eine Heimat und, wenn möglich, einen nalio* nalcn Staat. So entstand der ״Zionismus“, der sich ״Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk“ als Ziel gesteckt bat. Ob der Zionismus durch• dringen wird, ist w o 111 die größte Frage für die Zukunft der Israeliten. Sehr hartnackig stellt sicli ihm das Reformjudentiim entgegen, das sich festgewurzelt fühlt und in der Zerstreuung gerade die Mission der Juden sicht. Und auch das altgläubige Judentum ist Gegner der Zions• 110 f f n u n g e 1t, weil ihm die Rückführung der Juden nur durch den goltgesandten Messias erfolgen kann. Das letzte Jahrhundert hat die Zahl der märkischen Juden, die sicli im Zeitraum von 1750 bis 1800 nur um die Hälfte hatte vermehren können, ganz un• geheuer gesteigert, meist durch Zuzug ״polni• scher“ Juden aus dem deutschen Osten oder aus Rußland und Galizien. Man zählte nämlich in der Mark ־— also ausschließlich der Altmark, aber eingcsclilosscn die Neumark und die 1815 gewonnenen sächsisch-lausitzisclicn Landesteile — im Jahre 1837 12456 Juden . 1861 ״ 30955 1890 ״ 93061 1900 ״ 117972 1905 ״ 139320 sind 2,5»;0 der märkischen Bevölkerung das Doppelte des Reichsdurchsclmittes. Innerhalb der einzelnen brandenburgischen Landesteile war diese Vermehrung, die also in wenig mehr als hundert Jahren die märkischen Juilen auf die dreiu ת dz wa 11 zigfache Zahl anwachscn ließ, höchst verschieden; in den mittleren und kleineren Städten meist unerheblich, entfiel ein massenhaf• ter Zuwachs auf Berlin. 1861 18953 Juden 1867 ״ 27565 1890 ״ 286 79 1900 92206 , 1905 ״ 98893 Fünf Siebentel der märkischen Juden und ein Viertel aller Juden im Staate Preußen wohnen also in Berlin.“ Daß diese Darlegungen von gut antisemitischem Geiste diktiert sind, kann man schon aus dem Beifall entnehmen, den ihnen־die antisemitische Presse zollt. Gleichwohl sind sic in mancher Hinsicht nicht uninteressant, wenn man auch hatte wünschen dürfen, daß in einem solch groß angelegten Werke ein ob• jektiverer Geist waite, dem eine Erklärung z. B. für den ״Zuzug polnischer Jmlen aus dem Osten“ usw. nicht gefehlt hätte, und der sich nicht auf eine bloße Konstatierung des Anwachsens der Zahl der Juden in Berlin beschränkt haben würde, Von der Tachkenionischule in Jaffa Die Direktion der hebräischen Mittelschule ״Tach• kemoni“ in Jaffa sehreibt der ״N. J. K.“: Durch einige jüdische Zeitungen Rußlands und Amerikas geht zurzeit die Nachricht von einer großen Schenkung zugunsten unserer Anstalt, Diese Nach• rieht entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage und ist von einer 1ms unbekannten, unverantwortlichen Seite in die Presse lanciert worden. Indem wir diese Zei• lungsmckhmg dementieren, richten wir an die jiidi• sehe Allgemeinheit gleichzeitig den warnien Appell, uns nach Kräften möglichst wirksam zu unterstützen, damit unser Streben aus Mangel au Mitteln nicht lahmgelegt wird. Angesichts des gegenwärtigen Not• stamics in Palästina wendet sich ja die Aufmerksam• keit weiter jüdischer Kreise wieder den modernen Institutionen zu, dje das geistige und materielle Elend der palästinensischen Judenhoit durch Verstopfung!»einer Oiicllcit, nämlich durch Ertüchtigung der Jugend zum selbständigen Broterwerb, zu beseitigen bestrebt sind. Immer größere Anforderungen treten an unsere Anstalt heran. Wir haben jetzt zwei weitere Klassen zu den bisherigen hiiizuzufügcn und unsere Schule nach oben hin weiter nuszubauen. Auch sehen wir uns vor die Aufgabe gestellt, auf dem kürzlich er• worbenen Terrain einen modernen Schulbau zu errichten, der uns in der Zahl der aufzunchmcndcn Schüler einen größeren Spielraum läßt (für »las kom• inende Schuljahr bewirbt sich wieder eine große An• zahl neuer Schüler um Aufnahme in unsere Anstalt), in hygienischer Hinsicht Lehrern und Schülern die Arbeit erleichtert und den neuzeitlichen schultccli• nischcn Prinzipien mehr Rechnung trägt. Von hoch• geschätzter Seite in Jaffa ist ferner auf die dringende Notwendigkeit der Anglicdcrung einer Töchter• s c 11 u 1 c an unsere Anstalt hingewiesen worden, da für die religiös-nationale Erziehung der weiblichen Jugend in Palästina bisher noch nicht einmal ein An• fang gemacht worden ist und diese für die künftige Entwicklung des neuen Jisclmb hochwichtige Angc• legcniicit nicht länger vernachlässigt werden darf. Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden und Ihre Bestimmung in vollem Maße erfüllen zu können, bedarf unsere Ansait des tatkräftigen Bei• Standes weiter Kreise. Wir bitten daher alle Anhänger der national-religiösen Jugenderziehung in Palästina, unsere Bestrebungen eifrig zu fördern, in ihrem Inter• esse eine unablässige Werbetätigkeit zu entfallen und unserm SchuHvcrk stets neue Freunde und Gönner zuzuführen. Der soeben erschienene J a 11 r c s b e rieht der Tachkemoni-Schule wird auf Wunsch allen Interessenten bereitwillig zugesandt. Jahresbeiträge und sonstige Zuwendungen nimmt das Komitee der hebräischen Mittelschule ״Tachkcmoni“ in Frankfurt a. M. (z. H. des Herrn Fritz Soudlicimcr, Zcil 114; in Deutschland: Postscheckkonto Nr. 5024) entgegen. RUNDSCHAU DER PR6S56 JSn - Nafir, Jerusalem Ein angesehener moslemischer Bürger Jaffas, Sclim Effcndi El-Salahi, veröffentlichte bereits vor nicht allzu langer Zeit in der arabischen Zeihing ״Philist in“ einen Artikel über die jüdische Kolonisation Palästinas, in dem er sicli sehr lobend über die jüdischen Kolonisten und den vielfachen Nutzen, den sic dem Lande bringen, ausspricht. Dieser Tage erschien nun auch in der viclgclcscncn Jcrusalemer arabischen Zeitung ״E n N a f i r“ ein längerer Aufsatz aus der Feder El-Salahis, worin er den Angriffen gegen die jüdische Kolonisation, wie sie neuerdings in einem Teil der christlich-arabischen Presse erhoben worden sind, in sehr energischer Weise entgegentritt. El-Saiahi sciireibt in dem betreffenden Artikel u. a. wie folgt: . . ״Meine Ausfüiirungcn in Nr. 13 des ״Philistin“ haben gewissen übelwollenden Journalisten unseres Landes nicht gefallen, obwohl sie selbst ganz genau wissen, daß die jüdische Bevölkerung ihre arabische I Nachbarschaft weder in politischer noch in Wirt- I schädlicher Hinsicht beeinträchtigt. Die Bcschuldigung, als verfolgten die jüdischen Kolonisten separaSsche Bestrebungen, entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage. Die Wahrheit über die jüdische Kolonisation liegt für jeden klar zutage, der sich die Miilie nimmt, einmal jüdischen Kolonien, wie Sicliron-Jakob, R osc 11• Pi 11 a 11, Milliam ic, Je in m a usw. einen Üusuch abzustatten. Was waren alle diese Ortschaften, bevor tlic Juden kamen iiikI sie der Kultur erschlossen? Oder mögen doch die judeiifciiidliebcn I lerren bei den arabischen Nach• harn der jüdischen Kolonien P e 111 a e h T i k w a 11 und R i s c 11 o 11 I. c Z i o 11 Umfrage halten und aus ihrem Mumie erfuhren, welche großen Vorteile ihnen aus der jüdischen Arbeit erwachsen sind, wie sehr die Reutahililät ihrer laiidwirls» häßlichen Betriebe ge• stiegen ist, seitdem sie von den jüdischen Kolonisten europäische Arbeitsmethoden und die Benutzung moderner landwirtschaftlicher Geräte erlernt haben. Es ist auch durchaus unrichtig, daß die jüdischen Kolonisten sicli weigern, die ottomaniselie Staats• biirgersehaft anziiiiehmeii. Ich keime viele unter ihnen, die begeisterte ottomaniselie Vntcrlandsfreimdc sind. Würde man den jüdischen Ansiedlern die Naturalisation erleichtern, so wimlcn sie alle freudig Ottomanen werden und noch eifriger als jetzt dem Aufschwung mul dein Fortschritt des Landes ihre Kräfte weihen. Demi die Juden sind ja mit uns Ara!>cru stammverwandt, mul wenn »las Abendland, wo sie Jahrtausende himlurcli in der Verbannung lebten, ihnen auch seinen Stempel aufgedrückt hat, so sind sie im Grunde ihres Herzens »loch Morgenländer ge• blichen, die in unserm Laude heimisch sind. f)er Orient den Orientalen!" Diese judenfreundliche Acußerung des vornehmen Jaffaer Arabers hat im ganzen Lande großen Eindruck gemacht und wird in.der arabischen Presse lebhaft besprochen. « AUS ALL6R W6LT ״ Deufsckfnrd Der Ncw-Yorkcr Großbankier Jacob Schiff, der einige Tage in Berlin weilte, wurde am Sonnabend vom Kaiser im Neuen Palais zu Potsdam ,in Privat• a u d i c n z empfangen. Während seines Besuches in Berlin hat Mr. Schiff mit hiesigen ersten jüdischen Kreisen konferiert, mit denen er für die Linderung der Lage der russischen Juden wirkt. Auch mit den ersten Berliner Bankkreisen nahm Mr. Schiff Fühlung, mit denen seine Firma in reger Beziehung steht. Von Berlin aus begab sich Mr. Schiff nach Hamburg, wo er als Gast des Generaldirektors B a 11 i n das Pfingstfest verbracht hat. Russland Die Justizkommission der Rcichsduma hat be• schlossen, der Duma vorztischlagen, dal! die berüch• tigte Geldstrafe im Betrage von 3ü0 Rubel, die die Verwandten eines der Militärpflicht sieh entziehen• den Juden entrichten müssen, abgeschafft werde. Be• kanntlich bildet dieses Gesetz eine ungeheure Kala• mitüt im Lehen der russischen Juden. Die Geld• strafe wird nämlich auch für solche Militärpflichtige erhoben, die bereits im frühen Kindesalter mit ihren Eltern ausgewandert sind. Bei der enormen Miß• Wirtschaft in der Führung der russischen Zivilst,־mds• register kommt es häufig vor, daß man auch für Mädchen, die in die Liste mit einem entstellten Namen eingetragen sind, oder auch für Kinder, die bereits im zweiten oder dritten Lebensjahre starben, das Militärstrafgeld bezahlen muß, und zwar bisweilen für einen entfernten Verwandten, dessen Namen man bei dieser Gelegenheit zum ersten Male bürt. Tausende jüdische Familien, deren ganze Habe kaum je mehr als 300 Rubel betrug, werden dank der strengen Handhabung dieses mittelalterlichen Gesetzes an den Bettelstab gebracht. Es erscheint aber sehr Zweifel• hnft, ob unsere Rcichsduma den rechtlichen Bedenken ihrer Justizkommission Rechnung tragen wird. Türkei Der Groftrnbbiner erhob auf der Pforte VorsteUun• gen wegen einer Depesche, in welcher sich der Muedir (Dorfschulze) einer jüdischen Kolonie in Palästina darüber beklagt, daß Fellachen drei galilüische jüdische Kolonien in den Bezirken von Nazareth, Haifa und Tibcrias angegriffen haben, indem sic die Ernten dieser Kolonien zerstörten, einige Diebstähle in den Kolonien begingen und dabei gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Rufe ausstießen. Ein Blut• vergießen hat nicht staltgcfundcn. Der Grcßrabbincr hat sofort die Zusicherung der Regierung, die noch ohne Nachricht war, erhalten, daß die Täter verfolgt, bestraft und die Rechte der jüdischen Kolonisten geschützt werden. Der Großrahbincr inißt der Angelegen• heit keinerlei ernstcrcre Bedeutung bei. — Wold aber das ״Berliner Tageblatt“, das in recht durchsichtiger Absicht seiner Notiz die Uebcrschriit ״Pogroms in Syrien und Palästina“ gibt. Die Herren vom ״B. T,“ sollten doch wissen, was sich für uns mit dem Begriff | ,;Pogrom“ deckt und ihr frivoles, antizionistisches Bis zum Kongreß ist die Schekelsammlung erste zionistische Pflicht 1

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