Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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י'! 41> Seite 262 JUKDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 erlaubte, und dann ging man nach Mause. Es ging wie überall, junge Leute aus waren nach Berlin gekommen, hatten sich zionistischem üilt infiziert, und als sie Ha -I Danzig hier mit nach Jahren wieder ins alte Nest zurückkehrten und siel» in» alten Danzig nicderlielien, siehe, der l>bse Qeist war mit ihnen gegangen. Erstens machten sie sich zun» Vorstände des Jüdischen J»1gendvereins und ver* breiteten in ihm zur Entrüstung des Gciueindevor- Standes höchst gefährliche zionistische Bestrebung und noch mehr, ״sie iniiJbraiichleu ihr Amt1', — so schrieb der Rabbiner wörtlich au den Vorsitzenden des Jiigcndvereins — und arrangierten eine zionistische Propngamiavcrsniiunluug. Blumen feId kam. Er sprach fascinierend, glänzend, vor 200 Personen. Kein Mensel» wollte nach Hause gehen, alle Damen hatten am andern Tage Kopfschmerzen von angestrengtem Zuhören. Die Diskussion war knapp. Die Leute wagten sich gegen Blunienfcid gar nicht heraus. Aber in der Khillc war Aufregung. Solch einen Redner hatte man in Danzig noch nicht gehört, gegen seine Ausführungen!ich sich nichts sagen. ״Aber schneiet der Zionismus nicht unserer staatsbürgerlichen Siellung?" Der Herr Rabbiner war zur ersten Versäum»• Jung nicht gekommen, weil er nicht persönlich eingeladen war, zur zweiten Versammlung kam er aus demselben Grunde nicht, und wenn wir eine dritte Versammlung abhalten werden, ׳ wird er aus dem* selben Grunde nicht kommen. Aber von der Kanzel herab I Ausgerechnet am Peßacl» ״lcschonol» habo bejirnscholajim“. Thema ״Ans Vaterland, ans teure, scliiicil dich an". ״Wir sind Deutsche und wollen Deutsche bleiben.“ Und deutsch hin und deutsch her. Es war wunderbar, daß am Schlüsse der Predigt die Gemeinde siel» nicht wie ein Mann erhob und ״Deutschland, Deutschland über alles“ saug. Und dabei besteht die Danziger Gemeinde zu einen» Viertel aus russischen Untertanen, und die sind doch auch ganz gute Juden, sollen die aucl» gute Germanen werden oder sollen sic zur Anhänglichkeit an die russische Regierung erzogen werden? Biumcnfeid wird zum zweiten Male geholt, Thema ״Z i 011 i s in u s i m' Staatsbürgertu m“. Ohne große Agitation das Auditorium doppelt so stark als das erste• mal. Biumcnfeid trägt das vor, was ja jedem Partei• genossen an Tatsachen geläufig ist. Diskussion: Es tritt auf ein junger Bruder aus dem Osten, der siel» durch mehrjährigen Aufenthalt in Danzig zwar noch nicht an die deutsche Sprache, aber an germanisch• deutsches Denken soweit akklimatisiert'hat, daß er erklären muß: nach seiner Uchcrzcugung könne ein Zionist nicht vollwertiger deutscher Staatsbürger sein. Zu Ehren der anderen Danziger russischen Juden kann ich nur sagen, er stellt bei ihnen mit seiner Ansicht allein, selbst bei seinen nächsten Verwandten. — Ich erfülle eine Ehrenpflicht, wenn ici» bei dieser Gelegenheit gleichzeitig den liicsiga» russischen Gc• siimuiigsgcuosscn für ihre Opferwilligkeit gegenüber der Partei die höchste Anerkennung aussprcchc. •— Dann kam der, auf den wir schon lange gewartet hatten, der Justi/.rat, wo anders heißt er Breslauer oder Placzck, bei uns heißt er, doel» der Name ist ja gleichgültig. Seinem religiösen Verhalten nach ist er ein kompletter ״Goj“, folglich sagte er, das Judentum ist nur eine Glaubensgemeinschaft. Es ist ein Freisinnsmann und also — pardon, das ist meine persönliche Definition — kolossal eingenommen für Staatsbürgerrcchtc und kolossal abgeneigt allen Staats• bürgcrpflichten,. folglich erklärte er, ״der Zionismus verträgt sich nicht mit unseren Stantsbürgerpflichten“, Der Herr Justizrat arbeitet wohl mehr mit Zivil• als mit Strafsachen, denn sein Redefluß Ist stockend tmd nicht gerade kurzweilig. Es passierte ihm sogar in seinem aus dem Berliner Tageblatt geschöpfte!» historischen Betrachtungen über den Zionismus der lapsus liuguac: ״Auf dem letzten Kongreß wurde von der Mehrheit ein Beschluß gefaßt, der «her a hge l e 111» t wurd e, daß jeder Zionist innerhalb 5 Jahren nach Palästina nnswandern solle, ^r hat dem Zionismus geschadet, Indem er die Leute schläfrig machte, aber beim Schlußwort Bliinienfclds lebte alles wieder auf. Der Erfolg der Versammlung war der, daß wir sogleich zur Gründung einer Orts• gruppe hätten schreiten können. Aber Biumcnfeid wollte die Installation selbst vornehmen und zu diesem Zwecke nochmals nach Danzig kommen. Mangel an Zeit hat ihn bisher verhindert. Verloren ist dadurch nichts, wir haben 50 Schekcizaliler, die Sammlungen für den Nationalfomls sind gut und reichlich, und zu Beginn der nächsten Saison werden wir mit frischen Kräften an die Arbeit gehen. Ein lieber Bnndcsbrudcr und Gesinnungsgenosse hat sich in diesen Tagen in einen» Vorort Danzigs als Apotheker ..ingekauft, so daß wir dann noch einen ansässigen Akademiker am Orte haben, zur Repräsentation sehr vorteilhaft. Wir werden veranlassen, daß allen neugeworbenen Freunden die ״Jüdische Rundschau“ regelmäßig /!!gestellt wird, damit sic im Konnex mit den übrigen Gesinnungsgenossen bleiben. Der Zionismus ist auch in Danzig auf dem Marsche. Dr. L. Die Juden in Brandenburg In dem kürzlich erschienen zweiten Band der von Fricdel und Mielkc im Verlag Dietrich Reimer, Berlin, hcrausgcgcbcnen ״Landeskunde der Provinz Branden* bürg“ schreibt Oberlehrer Dr. O e b a u c r über die Geschichte der Juden in der Mark Brandenburg und bemerkt, daß sie in der Mark im 13. Jahrhundert historiscii nachweisbar, aber wahrscheinlich schon viel früher vorhanden gewesen seien. Nachdem er er• wähnt hat, daß sie zur Zeit der bekannten Hostien- Sciiäiuhuigsprozcsse in der Mitte des 13, Jahrhunderls bereits in verschiedenen Städten der Mark besessen hatten, schreibt er weiter. ״Allmählich aber verschieben sich die Verhält• uisse zu uugunsten der Juden, indem auf ihrer Seite eigene Schuld — finanzielle Ausbeutung der Bevölkerung durch Mißbrauch ihres Lcihgeschüf* tes -• ebenso wie blinde Beschränktheit und Geld• gier auf deutscher Seite Judenverfolgungen veranlaßten, die oft genug in Totschlag ausarteten. Besonders der furchtbare Judcmnord von 1318 und 1319, der sich damals fast überall mit dem ״schwarzen Tod“ und dem Flagellantentum zu abstoßendem Bilde vereinigte, hat aucl! in der Mark seine Opfer geheischt, Bald aber waren die verjagten Hebräer wieder im Lande. Denn die Deutschen brauchten sic, da firnen die Kirche alle Geldgeschäfte untersagte, und die Juden vergaßen über der Aussicht auf schnellen und reichen Gewinn die liberstamleneu und zu überstellenden Fährnisse. Im wesentlichen unangefochten bis zu den Zeiten Joachims i. traf sie dann in dem Hostie!1 s c 11 ä 11d u!1 gsp r oze ß von 1510 ־־־ Juden 8011 ten in Brandenburg eine Hostie zerschnitten' und greulich verunglimpft hoben -־ ein neuer furchtbarer Schlag. Für die au dem angeblichen Verbrechen Ik• teiligten flammten in Berlin die Scheiterhaufen ״״' por, ihre Volksgenossen trieb man aus dem Lamjt" Ai»er schon der ewig g c I d b e d ü r f t i g e Jo.’ a c I! i m II. rief sie wieder herein, und einer von ihnen Lippoid, gelangte als Hoibankier und Beirat des Kur! fürsten zu großem Einfluß. Nur desto energisuier räumte sein Solln und Nachfolger Johann Georg mit dem emporgekommenen Judentum auf, mul mm htkb es für volle 11 und e rt Jahre vom Boden der Mark verb n n 111. Erst Kurfürst Friedrich Wilhelm brach mit dieser Gewohnheit, indem er 1671 fünfzig aus Wien ver* wiesene jüdische Familien in verschiedenen miitki• sehen Städten aufnabm, die jetzt der Kern für neue Gemeinden wurden. So leiten die Judcngcmeimlen in Berlin, Pots d a m, F r a n k f 11 r t und L a u <1 h. berg n. W. ihre« Ursprung von dieser äst er. r e i c h i s c h c n Einwanderung her, und bereits 1700 ward die Berliner Synagoge vollendet. Allein von einer Anerkennung als Staatsbürger waren die Juden natürlich noch weit entfernt, und in dieser Richtung brachte weder das G e 11 e r a 1 j u d c n p r i v ileg Friedrich Wilhelms I. vom 29. September 1730, noch das Privileg des großen Königs, der die Verhältnisse der Israeliten am 17. April 1756 regelte, nennenswerte Fortschritte. Daß der Erstgenannte wiederholt seinen Günstlingen Jude 11 Privilegien verlieh — d, I». das Recht, eine oder mehrere jüdische Familien ins Land zu rufen und siel! dafür von ihnen bezahlen lassen —• zeugt von seiner g e r i 11 g e 11. Achtung vor den J 11 d c 11; und den harte!» Acußcruugcn Friedrichs des Großen über sie entspricht auch das Verbot des Hausvrwcrbs durch Juden in» Reglement von 1730. Sic blieben also ferner ״S c I» u t z• j u d c n“, deren Einwanderung unter Kontrolle stand und die möglichst in bestimmten» prozentualen Ver• hältnis zur ücsamtbevölkerung erhalten• wurden. Ucbcr ihre Zahl in der Kurmark während des achtzehnten Jahrhunderts gibt folgende Tabelle Aus• kunft. Man berechnete im Jahre 1750 1760 1770 1780 1790 1800 1801 3S72 4502 5838 5S58 563-1 5748 6002 Juden lei» bin nun am Ende meines Berichtes; cs war in ilim viel zu tadeln und wenig zu lobet». Wo die Fehler stecken, habe ich versucht darzutun. Eine Er• kenntnis mögen die Veranstalter der jüdischen Hygiene-Ausstellung aus ihren Ergebnissen gewinnen: wenn sie svieder einmal Gelegenheit haben sollten, auf eiiicr Ausstellung den Anteil der Juden am Fort• schritt der Kultur zu veranschaulichen, mögen sic siel» nicht mit Kleinigkeiten abgeben, sondern in einem jüdischen Hause, wie alle anderen Völker cs tun, eine wirklich umfassende jüdische Abteilung schaffen. Ich glaube im übrigen, daß die Veranstalter die Mangelhaftigkeit des Geleisteten selbst aucl» schon cingcschcn haben. Wie ici» erfahren habe, erscheint aus Anlaß der Ausstellung in Dresden ein größeres wissenschaftliches Werk über ״die Hygiene der Juden". Darin soll in einer Anzahl von Monographien in Wort und Bild eine Darstellung der Hygiene der Juden geboten werden. Herausgeber des Werkes ist Dr. Grumvald-Wicn; als Mitarbeiter sind gewonnen: Dr. Bancth-Bcrlin, Dr. Dicnemann-Ratibor, Dr. L. A, Rosentlial-Bcriin, Dr. Funk-Boskowitz u. a. in. Hoffen wir, daß durch dieses Werk nachgcholt wird, was mau auf der Ausstellung in Dresden in vieler Hinsicht versäumt hat. Selbstverständlich hatte hiervon Berlin die stärkste Kolonie, und obschon Fricdricli II. durch mancherlei beschränkende Verfügungen der wachsenden Zahl und dem wachsenden Wohlstand der Berliner Israeliten entgcgcnzuarbeitcu suchte, mehrte sich die Gemeinde doch von 2188 Seelen im Jahre 1750 auf 3630 im Jahre 1802, Aber auch in Frankfurt, Prcnztau, Potsdam und Brandenburg wohnten schon mehr als 100 Israeliten. Unter Friedrich WH 11 ein» II. hob siel! die Stellung der Juden; liier und da verlieh der König 111 Berlin an Juden das Bürgerrecht. Aber von Grund aus brach mit den geltenden Bestimmungen erst der Neubau des durch Napoleon zerschlagenen preußi• scheu Staates. Das Judencdikt vom H. März 1812 verfiel» den Juden Bürgerrechte, ohne freilich die absolute Gleichstellung mit den christlichen Bekenntnissen in allen staatlichen Rechten herbeizuführen; von Lehr• und Gemeindeämtern z, B. blieben sic ausgc• schlossen. Bis zum Jahre IS 17 besaßen aucl» ihre Gemeinden nur die Rechte erlaubter Gesellschaften nach dem Landrecht. Dann ward die preußische Bücher und Zeitschriften Dr. Kurt Sternbergt Friedrich Paulscn •f. Nach• "״ und kritische Würdigung. Bcrlin-Wilmcrsdorf, Tcmpelkunstvcrlag.;1 . ־ ‘ Kein anderer deutscher Philosoph der Ocgctt• wart drang so in weitere Kreise der Gebildeten, wie Friedrich Paulscn. Schon sein Vortrag war mustergültig, und gerade wir Mediziner, deren Do• zenteii meist nicht gerade Meisterrcdncr sind, be• wunderten die Anschaulichkeit und durchsichtige Klarheit seines Vortrags. So hebt der Verfasser mit Recht hervor, daß siel» P. sein Hauptverdienst als Lehrer und praktischer Pädagoge erworben hat. Mit immer neuen Wendungen, von immer neuen Gc■ slcbtspunkten aus verstand er unermüdlich die ein• schlüßigen Probleme zu beleuchten. So war cs ihm, der auch als Schriftsteller von einer beispiellosen Fruchtbarkeit war, möglich, der Philosophie, die gc• rade vor seinem Auftreten nicht sehr angesehen war, zu neuem Ansehen zu verhelfen. ici! erwähnte schon die schöne Klarheit von P a 111 s e n s Ausführungen. Er befand sich hiermit in einem angenehmen Gegensatz zu einem anderen, noch bekannteren Philosophen, nämlich zu Kant. Diese bekannte Unklarheit Kants, manche nennen sic Sciiwcrverständiichkcit — meiner Ansicht nach schon allein ein Grund, einem Philosophen die Orößc abzusprcclicu (beim altersschwachen Kant gibt cs noch mehr Gründe) — ist schuld daran, daß P,, wie der Verfasser, der selber ein eifriger Kant forscher und Kant freund ist, anführt, aucl» trotz seines bc* kannten Kant buchcs nicht in die tiefsten Tiefen der Kant selten Lehren cingcdrungcn ist. Von Spinoza hat P. den Pantheismus über• nommen, und. Wie dieser verknüpft er mit ihm auf das Engste einen Monismus. Während aber Spin 0 z a zun» Materialismus wciterschrcitet, wendet sich der Paulscn sehe Idealismus heftig gegen diesen: P. stellt siel» auf die Seite des Parallelismus. Das Vcrf. aucl» Paulsens Ethik würdigt, ist selbstverständlich. Dem Verf. ist es gelungen, das gesamte Wesen und Wirken von P. auf einen recht kleinen Raum anschaulich darzustcllcn. Au der klaren Uchcrsichtlichkcit des Ganzen und der kurzen Präzision des Ausdrucks können wir auch liier beim Schüler Pa ul sc ns nochmals den Lehrer loben. Das Maiheft der ״Jüdischen Turnzcitung", die jetzt mit erfreulicher Regelmäßigkeit unter der Weifliehen Leitung von Henry U n!1 a erscheint, bringt wiederum eine ganze Reihe wertvoller Beiträge: Einen beherzigenswerten Artikel Dr. Emil Cohns ״Jü• disclic Erziehungsproblemc“; von Rudolphine Wal• tuch ein Nachtrag zu der Besprechung von Zollscliaus ״Rassenproblem“, die vor zwei Monaten in der Turnzeitung erschien. Hier wird vor allem über die Nachträge und Acndcrungcn der zweiten Auflage des Buches berichtet, in denen Zollschau sein zio• nistischcs Bekenntnis genauer formuliert und die in der voraufgegangcnei» Besprechung nicht berücksichtißt waren. F. H c c h t •Hamburg polemisiert gegen die Eisenstadt’schen Artikel ״Körperliche Uebung und sexuelle Hygiene“ und ein werbe• kräftiger Artikel über Wanderfahrten beschließt den literarischen Teil der Nummer.