Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 J UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 261 tciligten Zuschauers, die wir bis jet/t geübt Imbeu. Mehr Aufmerksamkeit unsererseits der arabischen Bevölkerung in Palästina! Wir dürfen nicht tatenlos /tischen, wie eine uns und unsern ehrlichen He- Strebungen feindliche Presse in»Palästina geschaffen wird, täglich Gift in die naiv unwissende, halb im Urzustände lebende und sich in komplizierten Fra• gen nicht zurechlfindende Bevölkerung hineinträgt. Wir müssen auch dafür Sorge tragen, daß auch die europäische• Presse über unsere Arbeit und Absichten besser informiert wird, und sie von den Holzwegen abbringen, auf die sie allzu häufig in der Heleuch• tung des zionistischen Problems gerät. Keine leichte Arbeit, keine geringen Aufgaben! Doch das Versäumte lältt sich noch nachholen. (Die ״WELT“.) Eine Anregung für unsere Franenvereine Von Hedwig Mayer-Lübkc-Jerusalem. Als ich meinen Full auf den Boden Palästinas setzte, der mir fortan als Wohnsitz dienen sollte, hatte ich den festen Vorsatz, mindestens ein Jahr voriibergehen zu lassen, bevor ich mir ein Urteil über das Land und die Verhältnisse erlauben würde oder Anregungen zu neuen Plauen sowie über wünschenswerte Verbesserungen verlauten lassen würde. Wenn nun an dem mir gesetzten Zeitraum immerhin noch eine kurze Spanne Zeit fehlt, so ist dies durch das Heranrücken des Kongresses bedingt, der der geeignete Boden für die Entstehung eines Zusammenschlusses ist, aus dem heraus der zu ent• wickelnde Plan nur zum Reifen kommen könnte. — Die Tätigkeit der nationalen Frauenvereine in den verschiedenen Ländern und Städten ist eine uu• bedingt erfolgreiche. Jedoch von Palästina aus be• trachtet, erscheint sie trotz der großen Verdienste, die sie sich um die ortsansässige Bevölkerung, sei es im nationalen oder philantropischen Sinne, er• worben haben, unter neuen Gesichtspunkten. Man kommt zu der Anschauung, daß diese Vereine weit mehr und Größeres für das Volkswohl leisten könnten, wenn ein Zusammenschluß aller national-jüdischen Frauenvereine erfolgte. — Erst jetzt ist der Zeitpunkt dafür gekommen, denn die vorangegangenen Jahre waren zur Festigung und Entwicklung der einzelnen Glieder nötig. Heute aber, wo bereits in so mancher Stadt fester Fuß gefaßt wurde, sollte man sich er• innern, daß das einst gesteckte Ziel weiter lag. Un• willkürlich steigt das fast ängstliche Gefühl auf, daß die Vereine aufgehen könnten in dieser gewiß segens• reichen aber immerhin fast ausschließlich sozialen Kleinarbeit, und daß der große Gedanke, Arbeit in Palästina zu leisten, zum Wohlc unserer paliistinen• sischen Jugend verloren gehen könnte. — Die Vorbedingung für eine solche Arbeit in Palästina heißt: ״Gemeinsame Arbeit“. Der Erfolg, der bei einem organisierten Zusammenschluß selbstverständlich ist, den kennen alle diejenigen Frauen, die die national-jüdische Bewegung verfolgten und den Segen der gemeinsamen Arbeit er* kannt haben. Man muß sich der Gefahr bewußt sein, die jede Neugründung von Instituten bedeutet, die nicht auf gesunder Oeldgruudlage erbaut sind, um angesichts des großen Mangels an echter jüdischer Frauenarbeit hier in Palästina von einer gemeinzur Verfügung gestellten, iin übrigen vortrefflichen Modelle seien ausreichend? Mau vergleiche nur ein• mal die Ausstellung über das griechische Altertum mit der über das jüdische, und man wird scheu, wo der Fehler steckt, immer noch hat ein einziges kleines Modell eine Sache wesentlich klarer zu veranschaulichen vermocht als hundert geschriebene oder gedruckte Worte. Es fehlen Modelle vom altjüdischen Haus — das in der MiUc des Raumes 3 aufgcsielUc Modell eines Doppclzeltcs genügt nicht, das Modell eines alt jüdischen Hauses aber steht in der populären Abteilung — ferner Modelle von der Bekleidung der alten Juden, von der Beheizung und Beleuchtung der Wohnräume, von Nahrungsmitteln, von Vorrichtungen zur Pflege der Reinlichkeit, von der Art und Weise der Bestattung der Toten, um mir einiges herauszugreifen. Hätte mau eine hinreichende Anzahl derartiger Modelle zur Schau gestellt, dann hätte der Beschauer von den gesamten hygienischen Ein• richtungcn der alten Juden ein cbcnsolch klares Bild gewonnen, wie er es jetzt nur von einer einzigen, der Wasscrzuführungsanlage nach Jerusalem (salo• monische Teiche) erhält. Ich habe die Abteilung, die der Hygiene der Juden im Altcrtuinc gewidmet ist, sehr ausführlich geschildert. Wenn gleichwohl der Leser durch diesen Bericht von altjüdischer Hygiene kein anschauliches Bild gewinnt, so licgt’s nicht an mir. Es geht ihm dann nur wie mir selbst und anderen Betrachtern, die aus dem Dargestclltcn auch nicht ersehen konnten, wie entwickelt der Sinn der Juden Im Altertum für samen Tätigkeit der Frauuuvcrcinc *ich Erspricßliebes zu versprechen. Das Nächstliegende für uns ist die soziale Tätigkeil, in der das Nationale in Palästina als Selbstverständliches cingcsehlosseu ist. — Als Höchstes und Notwendigstes erscheint mir die Kinderfiir• sorgel Wir werden damit einen noch völlig brach• liegenden Boden beackern, und wie unter den Händen der Männer manche Scholle palästinensischer Erde Früchte tragen lernte, so werden die fürsorgenden Frauenbünde aus manchem geistig und körperlich verkümmerten! Kind ein heiteres, gesundes Menschen• kiml schaffen, zur Freude und zum Stolz unserer Nation. —• Eine der sympathischsten Schöpfungen der modern jüdischen Bewegung ist Teil Awid, das lieblich am Mccresstraiul hingestrcckt, auf dem Boden des Nationalfonds erbaut, dazu ausersehen erscheint, Pa• lästinas erster Luftkurort und Badcplatz zu sein. Der Anblick der sauber gepflegten Vilienvorstadt, mit den Vorbedingungen einer europäischen Lebensweise, wie Wasserleitung, Badeeinrichtung und Gartenkultur, läßt uns die steinige Enge und die große Wasserarmut Jerusalems vergessen. — Wenn man aus Erfahrung weiß, wieviel die Frauen auf dem Gebiete der Kiiulerfürsorgc geleistet haben, so wird man verstehen, daß der Gedanke an ein K i n d c r 11 o s p i z in diesem gesund gelegenen Stadtteil etwas ungemein Bestechendes in sich schließt. Der Plan ist so schon, daß man einen warmen Appell an alle jüdisch-nationalen Frnucnvercinc hinausrnfeu möchte, der einen Wiederhall in den Seelen der jüdischen Frauen finden mag. — Auf jüdischem Boden soll ein Haus erbaut werden, dessen Pforten besonders Jerusalemer Kindern im Sommer geöffnet sein sollen, diesen vom Schicksal wenig begünstigten Kindern, die ärmer als alle Armen anderer Städte sind, weil ihnen eine grüne Wiese, ein erfrischendes Wasser, ein Blumenpflücken von der Natur versagt wurde. Diesen Kindern, die zwischen den harten l'elsblöcken aufwachsen, ihnen können wir außer der körperlichen Erholung die geistige noch geben, zu zeigen, daß es eine Welt draußen gibt, mit Säen und Früchtetragen, mit Streben und Vorwärtskoiiimen, und daß dies alles im eigenen Hcimatlaudc in Palästina selbst ist. Der Nationalfouds würde eventuell unter den bekannten Bedingungen den Boden verpachten. Aus nationalen wie aus praktischen Gründen ist es erforderlich, daß das Haus Grundbesitz der Frauen• vereine würde, d. h. innerhalb der Grenzen des türkischen Bodengesetzes. ■ Die Herstellung eines Hauses würde 7—8000 Frcs. kosten. Zuständig für Bau- und Bodenverhältnisse wäre nur das Palästina- Amt. Ein tieferes Eingehen auf diesen Plan ist heute noch verfrüht, denn die Für- und ׳Gegengründe werden nicht Ausbleiben und müssen erst durchgcfochtcn werden. Ueber die Möglichkeiten der Realisierung bin ich jederzeit gern bereit, Auskunft zu erteilen, doch möglichst nicht durch die Presse. Für viele mögen diese Worte zu optimistisch geklungen haben oder sic scheinen zu weit gegriffen. Mir ist wohl bewußt, daß zwei bis drei Jahre vergehen können, bis wir uns dem Ziele nähern können. Aber dann — werden wir cs erreichen! In Palästina ist man kein Optimist, sondern man glaubt an eine Arbeit aus der Notwendigkeit heraus: cs muß werden. hygienische Notwendigkeiten gewesen ist. Etwas weniger Geschriebenes und Gedrucktes und einige Modelle mehr hätten das zu bieten vermocht, was man auf einer jüdischen Hygiene-Ausstellung zu sehen erwartet und was man unter den geschilderten Verhultnisscn nicht zu sehen bekommt. Um von den hygienischen Einrichtungen bei den Juden des Mittelalters ein Bild zu gewinnen, muß man siel! au! die WnndcrscViaU durch mehrere Aus• stcllungsräumc, die eigentlich für ganz andere Zwecke bestimmt sind, begeben. Man erblickt dann im Raum 26 der historischen Abteilung, der eine Dar• Stellung der behördlichen hygienischen Maßnahmen unter Friedrich II. enthält, als Hauptausstcllungs• objekt die von Kaufmann-Wien komponierte Sabbath* stubc. Eine vortreffliche Schöpfung, die so recht recht deutlich zeigt, wie im Schoße der Familie den Juden Immer von neuem die Kraft erwuchs. ״Die Sabbathstubc“, so sagt der Katalog, ״bildete für das Judentum eine ständige Quelle auch gesundhcitliclicr Erfrischung.“ Man stellt wirklich bc* wundernd vor dieser Stätte erhabener Einfachheit und weihevoller Heiligkeit. Wie aber konnten nur die Aussteller auf den merkwürdigen Einfall kommen, die Wände der Sabbathstubc mit bildlichen Darstclhingen der ״Mizwoth cliole wameth“ zu ״schmücken“. Derartige Bilder hat sicherlich kein Jude zum Schmucke seiner Sabbathstubc verwandt. Noch weniger freilich hat wohl im Mittelalter die jüdische Frau in der Sabbathstubc das Fleisch ״koscher gemacht“, oder hat man in ihr die rituelle Nur noch zwei Ausgaben der ״Jüdische 11 R11 iuI s c 11 a u“ werden den Abonnenten des zweiten Quartals geliefert. Wer weiterhin auf eine pünktliche und ununtcrbroehene Zustellung rechnen will, der wird sein Abonnement u m gehend erneuern und uns den fälligen Betrag zusciulcn müssen. D a s d r i 11 c Q u a r t n I u m f a ü t d i c Z e i t des Kongresses. Während der nächsten Monate ist daher die ״Jüdische Rundschau“ einem jeden, der an jüdischen Dingen Interesse nimmt, unentbehrlich nicht nur wegen ihrer authentischen Berichterstattung in diesen ereignisreichen Tagen, sondern auch wegen der vorbereitenden Kongreßdiskussionen, zu denen unser Blatt wie in früheren Jahren wertvolle Beiträge bringen wird, die zweifellos auf den Gang der Verhandlungen selbst einen nicht zu unterschätzenden Einfluß nehmen werden. Wer daher will, daß alle propagandistischen Möglichkeiten, die der X. Kongreß unserer Bewegung in Deutschland bietet, voll genutzt werden, der setzt sich in den wenigen Tagen bis zum Quartalsschluß werbend ein (ür unser offiziellos Organ. Ein jeder Leser versuche der ״Jüdischen Rundschau“ zumindest einen neuen Abonnenten zuzuführen. Verlag ״Jüdische Rundschau“ E. G. 111. b. H. Brief aus Danzig Danzig ist eine wunderbare alle Stadt, ringsherum ein Kranz von Hügeln und Wäldern, das Meer zum Greifen nahe, es wird dem Kronprinzen schon gefallen, wenn er hier ist. Und Danzig hat eine alte jüdische Gemeinde, etwa 2300 Seelen stark, und cs lebt in der Gemeinde eine Che wra Kadischa für Begräbniszwecke, auf der letzten Mitglicdcrvcrsamtnlung waren 10 Personen, und es wartet auf den liberalen Moschiach eine Ortsgruppe des liberalen Judentums, auf der letzten Generalversammlung waren 8 Personen, und es blüht ein jüdischer L i t c r a t u r v e r c i 11, auf der letzten Hauptversammlung waren 12 stimmberechtigte Mitglieder. Der Literaturvercin veranstaltet sogar Vorträge. Es sprach einmal Dr. G 0 I d s t e i n aus Darmstadt über ״Darwin und das Juden- 111 m“. Da ihm der Zusammenhang zwischen beiden ebenso unklar war wie mir, schwieg er über das Thema und wies nach, daß llaeckel ein Schwindler sei. Es sprach einmal Dr. Hirschberg aus Berlin über irgendein Oratorium von Händel und nannte seinen Vortrag ״d a s J u d c n t u in i n d e r M u s i k“. Es sprach sogar einmal eia Herr Wiener über ״P a I ü s t i n a, Land und Leut c“, 1 Stunde lang über Beduinen, Araber und Fellachen, und erwähnte 3 Minuten lang sogar die Juden und jüdischen Kolonien. Jeder Vortrag war von 20—100 Personen besucht. Man hörte so interessiert zu, als cs nach des Tages Last und Mühe die vorgerückte Stunde Totenwaschuiig vorgciionunen. Dieser Eindruck aber muß doch notwendig erweckt werden, wenn inan in die ausgestellte Sabbathstubc eine figürliche Dar- Stellung des ״Koschermachens“ und ״Mctahcr-Scins“ hineinplaciert. — Modelle der Mikwaoth in Offenbürg und Friedberg, eine figürliche Darstellung der Schcchita, ein Schrank mit Geräten für die Bcschncidung und ein zweiter mit wenigen Haus- und Synagogengeräten, endlich eine Anzahl von Sprüchen aus Talmud und Schulchaii-Aruch hygienischen 111• halts, bilden den Rest dessen, was die Veranstalter der jüdischen Hygiene-Ausstellung zu bieten batten. Ich will nicht wieder aufzählen, wieviel man zu zeigen versäumt hat; der Leser wird schon selbst merken, was alles von den hygienischen Einrichtungen der Juden im Mittelalter in der Ausstellung nicht zu scheu ist. Auf einen Raum der historischen Abteilung, der für uns Juden von Interesse ist, möchte ich noch kurz hinweiseu. 1111 Raum 39 sind unter den Gegenständen, durch die das abergläubische Mittelalter Krankheiten zu verhüten und zu beseitigen trachtete, auch jüdische Amulette und Talismane ausgestellt. Für uns Zionisten dürfte an ihnen das Interessanteste sein, daß auf fast allen neben dein Gottesnamen auch der Name der heiligen Stadt als Schutzmittel angebracht ist. Es darf wohl übrigens auch bemerkt werden, daß in diese Sammlung jüdischer Amulette und Bcschwörungsinittel auch die leider in keinem Exemplar vorhandenen, noch heute verwandten ״Kimpettzettcl“ hineingehört hätten.