Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 260 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 wenigen fruchlbarcn Tiilern. Selbstverständlich Id jeder Fußbreit Humus In Kultur genommen und hat seinen Besitzer, und da kein Oedland vorhanden, 80 kann von einer Kolonisation im Sinne des Wortes gar keine Rede sein. Um dl«! Juden in Kanaan nnzusicdeln, mußte erst der Grund und Hoden von den derzeitigen Eigentümern erworben werden; und verführt von dem Ooldc der Zentrale, haben die Fellachen ihr Land verkauft und wissen nun nicht, was sic mit dem Oelde anfangeit sollen, bald ist cs ausgegeben und dann sind sic Bettler wie die hebräischen Schnorrer, oder sic werden als Knechte der Juden gegen kärglichen Lohn den Boden he• stellen, den sie von ihren Vätern ererbt und woraut sic als freie Männer gesessen hatten. Die jüdische Koiouisatiousgcselischaft kauft mit den großen Ocld• summen, über die sie verfügt, weite Ländereien aut und siedelt auf den einzelnen Parzellen die Kolonisten nn. So ist bereits die ganze Oegciul zwischen Jaffa und Ohaza!und die Ebene Saron mit solchen Kolonien schachbrettartig bedeckt, ebenso sind vier Fünftel von Qnlilüa mit der fruchtbaren Ebene Jcsrccl von jüdischen Bauern besiedelt. Man ist ferner dabei, durch Ankauf geeigneter Teile des iordantalcs und der fetten Haurangefilde weitere [olonisationcn vorzubcrciten, — Jeder Jüdische ״Ko• lonist“ stürzt einen Fellachen ins Elend, und Je mehr Ansiedler Land erwerben, desto mehr Araber werden zu Proletariern gemacht. Es liegt auf der Hand, daß der Regierung am Goldenen Horn das Schicksal der islamitischen Be• völkerung Palästinas schwere Sorgen bereitet und■ daß sic nicht untätig und gleichgültig mitansehen darf, wie die Verelendung der Araber von Tag zu Tag weitere! Fortschritte macht. Es ist die höchste Zelt, daß sic sich ermannt und durch das Verbot der Jüdischen Einwanderung und des Landerwerbs der zionistischen Bauernkomödic ein schnelles Ende bereitet.“ ist das nicht ganz von demselben Juden• frcsscrischcn Geist diktiert, wie alle die anderen Aus• lassungen dieses edlen Organs, die sich mit den Juden befassen. Dabei wollen wir von den inneren Widersprüchen, an denen dieses Elaborat krankt, ganz absehen, denn wir haben keinen Raum, um alle Märchen der ״Staatsbürger-Zeitung" zu widerlegen, die auf einmal arabcrfrcundtich wird, und sich der ״armen Fellachen“ gegen die Juden annchmcn zu müssen glaubt. — — Nein, lieb Vaterland, magst ruhig sein, was ein rechter Antisemit ist, ist *ein Judenfresser auf alle Fälle und macht keinen Unter• schied zwischen Zionisten und Nichtzlonistcn. Ke ״Staatsbürgerin“ bedenkt uns alle mit gleicher ״Liebe“ — und das ist gut sol Unsere Jüdischen Oegner aber haben nun noch ein Argument weniger: mit der Zionistenfreundlichkeit der Antisemiten war’s nichts, Die ist nun als ein Ammenmärchen erwiesen. Unsere nächsten Aufgaben Von Dr. S c h m a r J a L c w i n. Unter Ackerbauern, Feldarbeiten! und überhaupt Menschen, deren Beschäftigung im Freien ist, findet man nur sehr wenig kurzsichtige. Sic alle beinahe haben normales Sehvermögen. Die meisten Kurz• sichtigen liefern Schulkinder, Lehrer, Schreiber und überhaupt Leute, die gezwungen sind, bei ihrer Arbeit gebückt zu sitzen und das zu bearbeitende Objekt aus unmittelbarer Nähe zu betrachten. Das Auge ist von solcher Beschaffenheit, daß cs sicit^ verschiedenen Entfernungen nl;!:ontr:dicrrn LAnn. Mit der /.eit verwandelt sich die Gewohnheit In die zweite Natur. Und nicht nur beim gewöhnlichen Sehen geht cs so. Auch In der politischen Welt haben wir mit Kurzsichtigen und wcitnichtign» zu tun. Es gibt Menschen, die nicht über die Spitze Ihrer Nase neben können; sie sind vom Moment abhängig lind alle ihre Pläne sind von licutc auf morgen berechnet.• Das sind schlechte Politiker. Sie sind schon deswegen schlecht, well ihr Horizont zu beschränkt und ihre ganze Perspektive von einer knappen Spanne ist, weswegen sie auch gezwungen sind, Ihre Taktik von Tag zu Tag zu ändern. Heute ist der Himmel bewölk», also wird es wahrscheinlich auch morgen regnen, kommt aber morgen Sonnenschein, wird wahrscheinlich auch Ühcrmorgci! hell sein. Das Ist die einfache Formel der ganzen Weisheit der Kurz• sichtigen, Während einer langen Reihe von Generationen waren wir Juden gezwungen, von licutc auf morgen zu arbeiten. Diu Zukunft war uns zu unsicher; wir waren immer abhängig von Momcntstiinmungcn, vom Zufall, von fremden Kaprizen, und cs ist kein Wunder, daß wir politisch kurzsichtig geworden sind. Erst in der letzten Zelt fängt unser Auge an, all• miililieli normal zu werden, mul wir gewöhnen uns, miclt zuküiilligc Möglichkeiten, die lins etwas ent• (eruier liegen, 111 Betraciit zu zielten. Doch wenn uns Ucbcrrasctumgcn ereilen, wenn uns unerwartete Ereignisse in der Arbeit des Augenblicks hemmen, die durch unsere provisorische Rechnung einen Strich machen, dann werden wir zu nervös lind vergessen ganz, daß echte politische Arbeit nicht vom Momente beeinflußt werden darf, wenn sic nicht Ihren poll* tischen Charakter cinbüßcn soll. Die Vorkämpfer unserer nationalen Bewegung, wie auch die Begründer der zionistischen Organisation, haben sich nie der optischen Täuschung hingegeben, daß ein solches Ideal, wie die Wiedergeburt eines zerstreuten Volkes, sich mit mathematischer Regel• müßigkeit ohne Zickzack und Abweichungen von dem gedachten geraden Plane verwirklichen kann. Sie waren sich immer bewußt, daß immer nach einigen Schritten vorwärts ein Stillstand, eventuell auch ein Schritt rückwärts kommen könnte und haben die Er• iüliung ihrer Hoffnungen und Erwartungen nicht von einem außerhalb uns liegenden Wohlwollen und Ent• gegenkommen abhängig gemacht. In erster Reibe stützten sic sich auf die dem jüdischen Stamme innewohnende Kraft und seinen gesunden Scibstcr• liaitungstricb. Es kann ja sein, daß manche Zionisten sielt den ganzen Prozeß der Wiedergeburt mit einer gewissen Naivität konstruierten, indem sic die inneren Möglichkeiten über* und die äußeren hindernden Mo• mente unterschätzten. Doch sind sie durch die Er• cignisse und die Logik der Dinge selbst zur klaren Einsicht gelangt und erweiterten ihre Perspektiven, ohne ein Jota von ihren kühnen Erwartungen auf• gegeben zu haben. Die Hindernisse, denen eine Bewegung auf ihrem Entwicklungsgänge begegnet, sind iin Gegenteil der beste Probierstein, durch den das Kernhafte, Oe• suiule und in sich Gefcstigstc von dein Schwachen, Losen, Niclitwidcrstandsfühigen gesondert wird. Es war nur eine Ausrede — und nebenbei bc• merkt, keine schöne — als man in verschiedenen Kreisen, die doch mit dem Zionismus liebäugelten, die Passivität mit dem Charakter des alten Regimes ויייי»««י mmm—■1*״י <י ww—ino 1 ■ v mm u —| doch schließlich der Zweck der Intcrnntionnlität der Ausstellung, nicht das an sich Verschiedene an der hygienischen Fürsorge der Völker zu zeigen, sondern ein Ocsamtbikl zu bieten. Dem Rechte und der Pflicht der Übrigen Völker auszustellen, entsprach also auch das Recht und die Pflicht der Juden zu zeigen, welche Leistungen sic heute auf dem Gebiete der Hygiene aufzuwclscn haben. Von welch unschätzbarem Nutzen aber wäre für uns Juden selbst eine statistische Darstellung unserer gesamten hy• glcnlschcn Einrichtungen — alle anderen Völker bieten solch eine Statistik zum Vergleich — gewesen I Wir hätten einmal vor aller Ocffcntlichkcit zeigen können, welche für die Oröße unserer Gemeinschaft gewaltige Summe von Arbeit und finanzieller Kraft wir aufzubringen imstande und willens sind. Noch ein Letztes hätte in einer Jüdischen Sonder• abteilung zur Schau gestellt werden können und fehlt nun, weil diese Sonderabteilung nicht vor• banden ist: die hygienischen Maßnahmen, durch welche die Pioniere der neuen jüdischen Kultur, die jüdischen Kolonisten Im Lande der Väter, den Feinden der Gesundheit zu begegnen sielt bemühen. Ich habe bisher darzustcilcn versucht, was matt von der Hygiene der Juden auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung nicht zu sehen bekommt, und mich bemüht aufzufinden, wo die Fehler liegen, die gemocht worden sind. Es ■ei noch einmal kurz Ger Kardinalfehler, der begangen wurde, 11״» , *• unterlassen hat, ln einem eigenen Jüdischen Hause eine jüdische Sonderabteilung ein• \ zurichten. Wäre cs geschehen, dann wäre cs m. E. einfach umnögiiclt gewesen, die moderne jüdische Hygiene gänzlich zu übergehen. Dann wären aber aiich, und das ist nun das zweite, alle die Mängel vermieden worden, die nun der Darstellung der Hygiene der Juden im Altertum und Mittelalter an• haften. Ich habe cs schon oben gesagt: was von der Hygiene der Juden gezeigt wird, leidet an Un• Übersichtlichkeit, Ufwollstämligkclt und Unklarheit. Das liegt an zwei Umständen, an dem Mangel nn Modellen, die das Geschriebene und Gedruckte wirk• sam verdeutlicht hätten, und an der Notwendigkeit, das auf die Hygiene der Juden Bezügliche aus mehreren Abteilui.gsrüumcn zusammensuchen zu müssen. Ein einziger Raum der historischen Ab• tcilung ist völlig der Hygiene der Juden gewidmet. (Raum 3.) Dieser Raum aber ist so winzig, daß schon aus diesem Grunde das, was man zu sehen bekommt, nur wenig sein kann. Die Hygiene der Juden im Altertum sollte hier zur Darstellung ge• bracht werden. Es war ein sinnvoller Gedanke, in diesem Raume eine Kopie der Mosea*Statuc Michel* angclos aiifztistcllen. Denn das meiste von dem, was hier ln Wort und Bild und Modell gezeigt wird, knüpft die Ucberlicfcrung au den Namen des großen jüdischen Gesetzgebers an. ln 2 Wendschränken bietet sielt dem Beschauer auf 4 geöffneten, von kostbaren Behängen umgebenen Tornrollcn ein Teil der religiös-hygienischen Gesetzgebung dea Moses dar. — lei! sage absichtlich ״rdlnlöii-ityglcnloch“} denn es darf wohl an dieser Steile ausgesprochen In der Türkei •zu bemänteln suchte. Da* war ein Feigenblatt für die eigne Nacktheit. Dem! wer die Verhältnisse in Palästina zu jener Zeit der Abdul H.־!. mldlselicn Herrschaft beobachtete, mußte einschen, duß man auch damals in Palästina das Zclmfachc erreichen konnte von dem, was leider durch Schlapp, heit und unbegründete Ausreden versäumt worden Ist. Nur eine Illustration: Gerade zur Zeit des alten Re• gimes herrschte in Palüstinn vollständige Freiheit in bezug auf Gründung von Schulen und anderen kul• turellei! Unternehmungen. Den besten Beweis da• für liefern diejenigen Organisationen, die zwur dem zionistischen Gedanken nicht huldigen, ihn ex officio sogar bekämpfen, alter von dem großen Gedanken getragen, der orientalischen Judenheit modernere Le• bemsaiiselinmingen, sichere Existcnzniögiiclikeiten zu• kommen zu lassen, gerade In dem umniHclbnr varkon• Htitutioncllci! Zeitabschnitte ihre besten Schulen in Palästina eröffiietcn, wodurch sic sielt für ihre weitere Tätigkeit eine feste Position im Lande geschaffen haben. Das sollte doch aber auch für die wasch• echten politischen Zionisten klar sein, daß man nicht über die Köpfe der bereits im Lande ansässigen jüdischen Elemente hinweg eine politische Tätigkeit in der Türkei würde entfalten können. Es sollte ihnen doch die Orundwahrheit cinlcuchtcn, daß wir den größten politischen Faktor für unsere Bewe• gung In einer in tinserem Sinne erzogenen Jugend zu suchen haben. Fremde Gesandte und Akkredi• tlerie werden vielleicht höflicher behandelt, wenn es slcit aber tun aufrichtiges Zutrauen handelt, so wird cs sogar dem schlichten Eingeborenen sicherlich eher geschenkt. Ebenso unberechtigt wie das Sichzurückzichcn und Zurückschrccken vor den! alten Regime waren die naiven Hoffnungen, die man in die neue Verfassung gesetzt hat. Früher pflegte man von Palästina als von einem wüsten und öden Flecken zu sprechen. Nun glaubte man, daß die junge Regierung sich ein• fach auf den Plan einer belebenden und befruchtenden Tätigkeit durch die Zionisten stürzen würde. Es stellte sich aber bald heraus, daß das ganze Problem gar nicht von so einfacher Struktur ist. Die Jungtürken, obgleich sic die Führerschaft über das ganze ottomanischc Reich für sielt in Anspruch genommen haben, sind doch zu guterlctzt von den Intentionen vieler Völkerschaften abhängig, besonders in Palästina, wo nur das Beamtentum sielt aus türki• sehen Elementen rekrutiert und wo die Bevölkerung zum Teil aus Niclitstammcsgcnosscn der Türken, zunt Teil aber auch aus Nichtglaubcnsgcnosscn, besteht. Besonders die letztem, die gar kein Interesse an der Erhaltung des ottomanischcn Reiches haben, suchen alle Mittel anzuwenden, tun die zionistische Arbeit nicht aufkommen und gedeihen zu lassen. Die letzteren waren cs auch, die die Hetze im Par• lament vorbereitet und veranstaltet haben. Das war aber auch zu erwarten, und man muß Siel! nur wundern, daß der mit solcher Plumpheit inszenierte Angriff solange auf sich warten ließ. Die politischen Konjunkturen ändern sielt, und besonders in einem solchem Staate, wie die Türkei cs ist. Unsere Arbeit muß ober durchdacht und plan* mäßig sein. Erst dann befreien wir uns von ntotnen• tanen Stimmungen und plötzlichen Wendungen. Mehr Berücksichtigung unsererseits der ansässt• gen jüdischen Bevölkerung nicht nur in Palästina, sondern auch in der ganzen Türkei! Wir dürfen uns nicht zufrieden geben mit der Rolle des uubc• werden, daß die sogenannte Hygiene-Gesetzgebung der Tora In erster Keilte religiöser Natur lat und nur mittelbar der Hygiene dient. — Wir lesen auf den Torarollen die Vorschriften des Lcviticus über die Verrichtungen beim Opferdienste, über verbotenes und erlaubtes Getier, über Bäder und Waschungen, die zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Fällen vorzuttcltmen waren, und last not least die umfang• reiche Gesetzgebung über die Behandlung des Aus• satzes und anderer Krankheiten (Lev. Cap. VII—XV). Auf gedruckten, gerahmten Blättern, die leider nur sämtlich so hoch gehängt sind, daß sic kein mcnscli• liclics Auge erreichen kann, finden wir dann zu den erwähnten Tornstcllcn die deutsche Uebersetzung. Einzelne von diesen Stellen des Pentateuch, ergänzt durclt weitere aus den übrigen Büchern der Tora, selten wir dann noch einmal auf kunstvoll int Bczalcl• STile illustrierten Blättern in hebräischer und deutscher Sprache. Offen gestanden, mir ging beim Betrachten der Torarollen und der'zahlreichen nn den Wänden dea Raumes aufgehängten Druckblüttcr der Satz aus dem ״Faust“ nicht au« dem Kopie: ״Denn wa» man schwarz auf weiß besitzt, kann man gctroit nach Hause tragen.“ Jawohl, schwarz auf weiß, und fast nur so bekommen wir all das zu sehen, was das alte Judentum an hygienischen Leistungen auf• zuweilen hat. War es denn gar nicht möglich, dem gedruckten Wort durch Modelle die notwendige Ver• dcutllchung zu verleihen? Oder glaubten die Ver•׳ anstalter der jüdischen Abteilung, die wenigen von der Lehranstalt, für die Wissenschaft de• Judentums