Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 259 Mi licrstcllung Zions echt und wahr ist. Stammcsgenossenl Gesinnungsgenossen! Am 20׳. Tnmmus zeiget eure Trauer um den Toten, indem ihr zum Bau seines Denkmals, zur Vernielirung des Herzwaldes beitragt. Jeder stifte an diesem Tage mindestens einen Oelhaum (der mit einem Betrag von 6 Mk. gesichert ist) und veranlasse alle seine Verwandte und Freunde, , in gleiches zu tun. 'So werdet ihr den T a g d e r T r a u c r in einen T a g d e r Erinnerung verwandeln und die nutzlose Klage in frische, v 0 r w ii r t s strebende T a t. Das Hauptlnireau des Jüdischen Nationalfonds. Russland und Amerika Wieder einmal die russischen Judenpässe Aus A m c r i k a wird eine Nachricht mit großem Tiara in die Welt posaunt, die schon jetzt in der Presse die komischsten Mißverständnisse gezeitigt hat. Es hieß, die amerikanische R c g i e r u 11 g habe endlich bei der russischen die Gleichberechtigung aller .iinerikanischen Bürger, auch der Juden, in bezug auf die Erteilung der Pässe fiir Rußland durchgeselzt. in einer späteren Meldung hieß es schon richtiger: ״auch aller Juden, die ׳zu Geschäfts/wecken nach Rußland reisen.“ Der Wirrwarr, den die Nachricht angerichtet hat, 1-t nur verständlich aus der erstaunlich verbreiteten Unkenntnis des Paß w c s e n s im allgemeinen und der russischen Paßbestimmungen im besonderen. Wir haben erst vor wenigen Wochen in einem l.eitarlikel ״Judenpässe“ die betreffenden Bestimiiiim• gen eingehend erörtert und wollen datier heute nur die irreführende Nachricht aus Amerika richtig stellen. Amerika, d, h. die Vereinigten Staaten, beherbergt bekanntlich eine große Anzahl jüdischer nmerika* nischcr Bürger, die ehedem russische Untertauen waren. Da mm das russische Staatsrecht eine Entlassung aus dem russischen Untertanenverband nicht kennt (einzige Ausnahme die Frau, die einen ausländischen Staatsangehörigen heiratet und dadurch nach inlernationaleni Recht dessen Staatsangehörigkeit erwirbt), so verweigerte die russische Regierung die Anerkennung der Pässe solcher amerikanischer Juden, die früher russische Untertanen waren, weil sie das neu erworbene amerikanische Shntsbürgcrrccht überhaupt nicht anerkennt, sondern die Leute weiter als ihre Untertanen betrachtet. Russische Untertanen aber dürfen mir im Besitz eines russischen Alislands passes nach Rußland z.urückkehreit, für den von Halbjahr zu Halbjahr der Abwesenheit bestimmte Gebühren fällig werden. Der russische Konsul in den Vereinigten Staaten verweigerte also folgcricht'g s״!• dien neuen amerikanischen Bürgern das Visum für Pässe nach Rußland, oder die Betreffenden wurden eventuell an der Grenze zurückgewiesen — im besseren!•alle — bzw. in Rußland verhaftet. Nun bemüht sich die Washingtoner Regierung an• erkennenswerter Weise seit Jahren darum, diesen ehe• maligen russischen, inmiuehrigen amerikanischen Juden ilie Gleichstellung mit den geborenen amerikani• ‘«i'licn Juden bzw. denen der anderen Länder zu vor• schaffen (d. h. zu erwirken, daß die russische Regie• rtuig diese Juden, die einmal ihre Untertanen waren, nicht noch schlechter behandelt als andere a u s Ui 11 * di sehe Juden, sic also als solche, in diesem Falle: amerikanische Juden überhaupt anerkenn!. Denn dann hallen sie — wie alle nichtrussisclicn Jude״, deren Staaten entsprechende Handelsverträge mit Rußland abgeschlossen haben — das Recht, unter bestimmten Kautelen zu geschäftlichen Zwecken sieh sechs Monate im russischen Reiche aufzuhalten. Das soll nun die Regierung des Präsidenten Taft endlich erreicht haben, Russische Blätter bestrei• ten einstweilen die Richtigkeit der ganzen Meldung, mul sie ist auch nicht sehr wahrscheinlich, denn Ruß• laml würde damit eine ihm sehr wesentliche — zum Teil auch aus Gründen seiner auswärtigen Politik wichtige — Bestimmungen seines Rechtes nufgeben. Seihst wenn die Meldung aber bestätigt werden sollte, so betrifft sie eben nur die in den Vereinigten Staaten naturalisierten russischen Juden, die sic auf eine Stufe mit den anderen ausländischen Juden stellt. G ä n z 1 i c h u n b e r il h r t davon bleibt nach wie vor der unwürdige Zustand, daß Rußland es sich herausnehmen darf, die innerhalb seiner Grenzen bc• stehende Zweiteilung der Bürger in Juden und Nicht• Juden auch auf das gesamte Ausland, inklu• s i v e Amerika, anzuwenden und deutschen, amc• rikanischeu, französischen, englischen Juden das Visum für ihre Pässe und damit das Betreten Rußlands zu verweigern. Nur durch das Medium der Han* d e 1 s v e r t r li g c ist überhaupt den ausländischen Juden — aber nur zu geschäftlichen Zwecken, über deren Nachweis die russischen Kon• suhl der verschiedenen Länder verschiedene Ausweis- Papiere verlangen — das Reisen nach Rußland niög. lieh gemacht worden, immer aber unter entwürdigen• den Ausnahmebestimmungen. Auch um die Beseitigung dieser Vorschriften hat sich die Regierung der Union — bisher vergeblich — bemüht. Die anderen Regierungen aber, die deutsche voran, bemühen sich freilich nicht einmal. ... J. B. Die ״zionistische ßauernkomödie“ Ein wertvolles Dokument Sehr gern beschädigt sich die zionistische Presse mit den Auslassungen der Antisemiten nicht — es ist ein mühseliges, imd.uikbares und letzten Endes ganz fruchtloses Geschäft, das wir den jüdischen Blättern überlassen, die noch immer in dem Wahne leben, man könne durch Widerlegung antisemitischer Schwindelgeschiclitcn oder antisemitisch-tendenziöser Hetz• nrtikcl (len A 111ise nt itisnt us als solchen iiicderringen. Gerade diese unsere jüdischen Gegner aber werfen uns Zionisten mit Vorliebe vor, daß wir keine größeren Freunde hätten als eben die Antisemiten. Und in der Tat gebärden sich antisemitische Organe in ernsten oder witzig sein sollenden Bemerkungen oft so, als seien sie mit den Zielen der zionistischen Bewegung, die sic natürlich ebenso wenig kennen wie unsere jüdischen Gegner, durchaus einverstanden. Das hat — aus zwar törichten, aber psychologisch verständlichen. Gründen — nicht wenige Juden dem Zionismus gegenüber stutzig werden lassen. Wenn die erklärten Judenliasscr, so sagten sich diese Juden mit einem Schein von Recht, eine jüdische Bewegung unterstützen, so muß an der etwas nicht recht sein. W i r Zionisten waren uns immer klar darüber, daß die ״zionistenfreiiiidliciien“ Aeußcnmgen der Anti* Semiten glatte Heucheleien oder blöde Ironie waren, aber nun beweist das eines der immer noch am meisten bekannten Antisemilcnblätter, die ״Staats• bürger-Zeitung", klipp und klar in einem grollen Ar־ tikel vom 2. Juni dem sie die Ueberschrift gibt: ״Die jüdische Kolonisation Palästinas“. In der bekannten antisemitischen Manier wird da über eine kurze Notiz (behufs größerer Wich* tigkeit der Sache wird sie zu einem ״Aufsatz“ umgcfalscht!) hergezogen, die eine Anzahl von Tages*. Zeitungen einer .I;e11ijlcto11korrcsporuleuz entnommen• lialien, mul in der über die Fortschritte der jüdischen Kolonisation in Paläsiiua einige richtige und einige falsche Angaben enthalten waren. Bann wird von der Chuhtkah geredet — wer die zionistische Bcwe• gung kennt, weiß, welche Stellung sie zur Uhalukah einninimt — und danach wird in folgenden hübschen Sätzen der Zionismus ״unterstützt“: ״Die jüdische Kolonisationsgcscllsehah verfügt über große Summen mul kauft überall weite Lande• rcieu •auf, auf denen die Einwanderer nngesicdelt werden. Von Woche zu Woche wächst der Zuzug, fast jedes Schiff setzt neue Horden ans Land, und die Einwanderung, besonders aus Rußland, ist so stark, daß Sich nie jüdische Bevölkerung Palästinas innerhalb des letzten Jahrzehnts um •inßDtl Köpfe vermehrt hat, mithin die (iesauithevölkcrung .1111 50 Prozent gewachsen ist. Davon sind aber mir 500Ü Kolonisten in 27 Kolonien auf 32 00:) Hektaren Land aiigesiedeh, demnach ist ungefähr die drei• fache Anzahl der Eingewamlerten in den Städten, vorzugsweise in Jerusalem, aller auch in Jaffa, Haifa und Fiberias kleben geblieben und schmälert nun die Chalukah, auf die die alteingesessene Bevölke* rung den alleinigen Anspruch zu haben glaubt. Die Juden Palästinas sind vollständig de* generiert, sie heiraten schon frühzeitig, und Ehen zwischen Jungen von l i Jahren und Mädchen von zwölf Jahren sind keine Seltenheit, was Wunder, daß die Nachkommenschaft dieser Kinder die Merkmale der physischen, moralischen und psvcliisehcn Entartung an sich trägt und zur schweren Feldarbeit, wie überhaupt zu jeder körperlichen Anstrengung durchaus untauglich ist. Nicht besser ist der Zu• wachs, den die Kolonisation durch die russisch-pol• nischen Juden erhält, auch sie heiraten häutig schon als 15 jährige Jungen H jährige Mädchen; und diese ausgcincrgeltcn, satt• und kraftlosen, sowie unterernährten und arbeitsscheuen Proletarier sotten den Boden im Schweiße ihres Angesichts bearbeiten und den Acker bestellen! Da hei der Zentralleitiing (las Geld keine Rolle spielt, so hat man fiir die Kolonisten die besten und teuersten landwirtschaftlichen Ma* schiuen aus Europa kommen lassen; die ,.jüdischen Bauern“ verstehen aber nicht damit um/iigehcn, meistens wird eine Maschine schon bei der fnhc• tricbsetziing defekt, und weil niemand vorhanden ist, der ihre Reparatur bewirken könnte, so bleibt sie. auf dem Felde liegen, und jeder Witterung und dein Wiistenstaube preisgegeben, hat sie in kurzer Zeit nur noch als altes Eisen einigen Wert. Durch die Verluste gewitzigt, läßt die Kolonisntionsgcsellschaft zurzeit in Haifa ein iiidisclics Technikum hauen. Die ritssisch-pohiisch-gati/ischcn Kaftaujudcu zu Bauern zu machen, ist ein Versuch 111 i t u n tauglichen Mitteln und eine Komödie zum Totlachen. Dagegen wird die jüdische Einwatidc* rung fiir die arabische Bevölkerung zum Trauer• spiel, mul es wiederholt sich liier die Geschichte der Israeliten und Kanaaniter in nicht weniger tra• gischcr Weise. Bei Lichte besehen is't Palästina eine Steinwüste, kaum als Weideland zu gebrauchen und mit mir sowohl das erforderliche Geld wie auch die Ausstelhmgsobjektc beschafft werden können. Das scheint mir überhaupt der springende Punkt zu sein; die Vorbcreilungsarbeitcn für die jüdische Abteilung sind nicht genügend organisiert gewesen. Das ist ein Vorwurf, den man mit aller Offenheit ausspreciicn muß, mag man die Arbeit Dr. Qrunwalds und seiner Helfer auch noch so hoch einschützcu. Ein an gesehener jüdischer Arzt Dresdens, der sich gern und eitrig mit allen jüdischen Angelegenheiten befaßt und gleich mir und vielen anderen von dem Ergebnis der jüdischen Abteilung aufs höchste enttäuscht Ist, drückte mir sein und seiner Kollegen Befremden darüber aus, daß Herr Dr. Orunwald keinen einzigen der jüdischen Aerzte Dresdens um seine beratende und tätige Hilfe angegangen sei. ״Es hätte sich unter ihnen sicher eine ganze Anzahl gefunden, die sich bereitwilligst in den Dienst der guten Sache gestellt hätte.“ Und es kann doch kaum einem Zweifel unterliegen, daß Aerzte am besten gewußt hätten, wie eine Hygiene-Ausstellung zu organisieren sei. Mit einem Worte: die Vorbcreltungsarbciten für die jüdische Abteilung lagen in der Hand zu weniger Personen, die pudern durch ihre berufliche Stellung — Theologen verstehen schließlich auch nicht alles, — und ihren Woluisitz wohl nicht ganz die geeigneten waren. So darf man sich nicht wundern, daß das Ergebnis der.jüdischen Abteilung, wenn man von einer solchen überhaupt spreche« kann, den Erwartungen nicht ent• *priebt» daß,.sie. Jm•besten Falle •als ein• Torso bc* zeichnet werden kann. Was von den Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge gezeigt wird, leidet an Unvollständigkcit, Unübcr* .sirlitlichkcit luid Unklarheit, Das Wichtigste aber, den Anteil der Juden an den hygienisch-sozialen Leistungen der Gegenwart darzustellcn, hat man ganz unterlassen. Weshalb, weiß ich nicht, aber ich habe so meinen schlimmen Verdacht, Ich möchte gewiß niemanden irrtümlich zu nahe treten, Aber mir drängt sich doch der Verdacht auf, daß man wieder einmal aus einer unbestimmten Furcht nicht gewagt hat, öffentlich zu bekennen, daß wir Juden heute auch noch auf anderem als nur auf religiösem und religäs• wissenschaftlichem Ocbieie etwas Besonderes leisten. Wie gesagt, vielleicht tue ich mit diesem Verdacht den Veranstaltern der jüdischen Ausstellung Unrecht; vielleicht hat ihnen der Wille, auch die hygienischen Einrichtungen bei den Juden der Gegenwart zu zeigen nicht gefehlt, und auch hier brach sich der gute Wille nur am Mangel an finanziellen Mitteln, Dann aber muß gesagt werden, es ist eine Schande für die jüdische Gesamtheit, wenn sich'8 wirklich so verhält. Genug davon! Wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, daß wir Juden und die Nicht• juden nichts davon zu selten bekommen, wie die Juden ihre Pflichten, die sie für die Erhaltung der Volks• gesundheit ■zu leisten haben, in der modernen Zeit erfüllen. Wie viel wäre da zu zeigen gewesen I Oibt es nicht in allen Ländern■ eine stattliche Anzahl von hervorragend-eingerichteten jüdischen Krankenhäusern,״ Hospitälern, Attersversorgungsanstattcn,Taubstummen• und Blindenanstalten, Kimterliortcn und Ferienheimen? Haben die ־ Veranstalter der jüdischen Ausstcllungs- Abteilung niemals etwas von einer modernen jüdischen Turiihcwegung gehört, von jüdischen Turnvereinen und Ruderklubs? Es ist doch wahrlieh eine Schande, daß in der riesengroßen SportahtelUmg der Ausstattung, wo gezeigt wird, svas die Menschen heute durch Betätigung aller erdenklichen , Arten von Sport für die Erhaltung und Kräftigung der Volksgesimdlielt tun, mich nicht das geringste Ausstellungsobjekt verrät, daß wir Juden auch auf diesem Gebiete den anderen nicht mehr nachstchc» wollen. Die Leiter der jüdischen Abteilung werden vielleicht cinwcmleu, all das Angeführte dürfe man nicht als spezifisch jüdische hygienische Leistungen betrachten. Die Juden hätten in der Gegenwart nichts weiter getan, als die hygienischen Errungenschaften der allgemeinen Kultur für die Glieder der jüdischen Gemeinschaft nutzbar gemacht. Der Einwand wäre deplaciert; erhebt man ihn, dann entzieht man im gleichen Augenblicke den übrigen Nationen gleichfalls das Recht, nationale SoiideraussteUungcn ihrer hygienischen Verhältnisse und Arbeiten zu voranstaltcn. Denn demjenigen, der die vcischicdcncn Pavillons in der ״ruc des nations“ durchwandert, wird und muß auffallcn, daß er überall das Gleiche zu sehen bekommt. Das war nun einmal nicht zu vermeiden, wollte man ein vollständiges Bild dessen bieten, was bei den Kulturvölkern für die Erhaltung der Volksgcsundhcit getan wird. Und das ist