Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 258 J UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 gangen hIiiiI, um den 8 13 de» Stiitutn in der früher gekennzeichneten Weise ״verbessern״ zu helfen. Welche Gefahren dem 1י>. J. O. B. aus einer eventuellen Annahme dieses neuen Para• grnphen erwachsen werten, das würde sich all• zubnld zeigen, als dall es heute noch einmal aus• clnniulcigcsct/.t zu werden brauchte. Aber die Frage ״cui bono?״ ™ welchem Zwcik dient letzten Eudes diese ganze Aktion? — Ist die allein wichtige, und alle Gegner der Vorlage sollten am Sonntag darauf den Nach• diuck legen und sich nicht durch allerhand Para• graphenrei!cr*Kunststücke etwa verwirren lassen, Um es noch einmal zu sagen; die ganze Statutenänderung hat keinen anderen Sinn, als ein dem Ausschuß des I). J. (). B. unbedingt willfähriges Parlament zu schaffen, das dann den in! schlimmsten Sinne rückschrittlichen und illiberalen Gesetzentwurf des Ausschusses au• nehmen soll. Mit d i e s c r S t n t u t e n ii n d e rung also wird zugleich das Schick• sal des berüchtigten Judengesetz• Entwurfes entschieden I Und was waren dessen grundlegende Be- Stimmungen? Von dem in dem Entwurf vor• geschlagenen Wahlverlahren durfte Rechtsanwalt Dr. Kol len scher (Posen) in seiner durch• greifenden Kritik (vgl. Nr. 19 der ״Jüdischen Rundschau״ vom 7. Mai 1909) mit vollstem Recht sagen: ״Nach diesem Wahlrecht wird man das preu bische nicht mehr als das elendste aller Wahlsysteme bezeichnen kön• nen.״ Von den staatlichen Kontroll- und Auf• Sichtsmaßnahmen des Entwurfs sagte derselbe Kritiker, daß danach die ״Polizei ständiger Gast in der Gcmcindcstube“ sein würde, daß die Ver• fasser des Entwurfs keinerlei Verständnis iür die Geschlossenheit und Solidarität der jüdischen Ar• beit und der jüdischen Selbständigkeit haben, daß sie den Staat über die Güte und Würde unserer eigenen Organisationen und Verbände entscheiden lassen wollen, daß sic Rcligionslchro und Kultus völlig dem Staate aus• liefern — dieselben Herren, die als politische Liberale für Trennung von Kirche und Staat cintrctcnl Nun möchte man fragen: warum denn aber wollen diese Leute eine sdlche Sclbstcntwürdi• gung siel! und uns gewaltsam auferlcgcn? Wenn man die ganze Tätigkeit unserer jüdischen Li• beraten offenen Auges verfolgt, ist die Antwort nicht schwer. Sic hoffen, indem sie das Judentum ganz, und gar dem Staate auslicfcrn, auf die endliche Durchführung der Glcichbercchtigung der Juden. Sic wollen mit aller Gewalt beweisen, daß das Judentum nur eine ״Konfcssion“ sei wie eine andere auch und meinen, daß dann der Staat geneigt sein wird, die noch immer bestehenden Rcchtsbeschränkungen aufzugeben. Bs gehört freilich der ganze naive Opti* mismus und die Assimilicrungssceligkeit eines jüdischen l.iberalcu dazu, um tiie Realisierung solcher Hoffnungen durch solche Mittel zu glauben. Wem der Preis der Auflösung alles Jüdischen in eine verwaschene Konfession in jedem Falle zu hoch erscheint, wem an der II r h a 1111 n g w a 11 r c n J u d c 111 u m 8 gelegen ist, wer nicht durch Selbsterniedrigung sondern mit bereiiitigleni Stolz, und aufrechter Würde den Kumpf 11111 die (ilchhhcrrchtigung als Jude führen .will, wer schließlich in unseren Oe• in ein den nicht das plutokrntir.che Regiment Einzelner, sondern die möglichst freie Selbst• besli mm 11 ng der Gcineindcmltglieder will — der muß der ״Reform״ des l). J. G. B. seine Zu• Stimmung rundweg versagen, Wenn schon keine wirkliche Verbesserung der Statuten der i>. J.ü. U. durchgesetzt werden kann — so sollen sic doch wenigstens nicht verschlechtert werden י Noch einmal hält der Gemeindet.1־g sein Schicksal in seiner eigenen Hand -־ läßt er sich diesmal übertölpeln, so regiert für alle Zeit der Ausschuß, der nichts ist als der Diener der tibc• ral-reformcrischcn Majorität der Großgcmcindcn. Im rechten Licht betrachtet heißt die Frage, über die der XII. Qemcindctag am Sonntag entscheiden soll: assimilatorische Reform odcrjudcn tu ml Da sollte eigentlich die Ab• Stimmung auf einem jüdischen Gcmcindctag kaum zweifelhaft scinl Wie wir noch kurz vor Redaktionsschluß erfahren, gedenken Prof. Dr. Martin Philipps o n, der Vorsitzende des Gcmcindcbundcs und jene Ausschußinitglicder, die sich mit ihm solida* risch erklärten, ihre Acmtcrnicderzulcgcn. AmMittw’ocl! abend fand in Berlin eine Besprechung der Ausschußinitglicder statt, um zur Lage Stci• lung zu nehmen. Eine weitere Konferenz ist auf Sonnabend nbend festgesetzt. Landrabbiner Dr. Jonas Löb Das deutsche Judentum hat durch das Iiinschcklcii des Landrabbiners Dr. Löb-Emden einen herben Schlag erlitten. Er war ein Mann von aufrechtem, selbstlosem und bescheidenem Wesen, ein treuer Anhänger seiner verehrten Lehrer. Als Rabbiner Esricl Hildesheimer nach Berlin gerufen wurde, gehörte Löb zu seinen ersten Schülern, und obwohl er zur Zeit der Begrün• düng des Rabhinerseminars seine Studien bereits abgc• schlossen hatte, besuchte er dennoch dessen Vorlesun• gen. Wie dem verewigten Dr. Hildesheimer, so hat er auch seinen andern Lehrern, besonders dem Altonaer Oherrahliiuer Löb und Rnbb. Auerbach•! Inlberstadt eine Verehrung über das Grab hinaus bewiesen. Als Rabbiner wirkte er in Wreschen, Rawitsch und Emden und hat überall durch die Lauterkeit seines Charakters und sein bei aller Gesinnungstreue und seinem וווו• bedingten Fcslhaltcn an den Grundsätzen des über• lieferten Judentums nie fanatisches Auftreten Freunde 11 1>׳״ Bewunderer erworben. Die Errichtung de» Ent• dener Allersheims lat fast ganz •ein Werk. Den 110• nlstlschen Bestrebungen gegenüber sprach er mehr als einmal seine großen Sympathien aus, die er auch mehr• mal» betätigte. Der 20. Tammus Zu den Taget! der Trauer, die den Monaten Tammus und Aw Ihre düstere Stimmung ver•• eilten, zählt das jüdische Volk seit einigen Jahren den 211. Tammus, den Tag, da Theodor Her/I die Augen für Immer schloß. Und zu der Klage um Jerusalem, um sein heiliges Land tönt in diese Zelt die Totenklage tun seinen größten Sohn. — Aber die Trauer um Zion ist seit den Tagen Theodor Hcrzls anders geworden, als sic viele Jahrhunderte hindurch gewesen. Wir trauern noch um das zerstörte Vaterland, aber wir trachten auch darnach, cs wiederzugewin• nen: nicht nur klagen wollen wir um sein Unglück, sondern an der Wiederherstellung des alten Landes arbeiten. Und in diesem Sinne wollen wir auch den 20. Tammus begehen: nicht in tatenloser Trauer um den Toten, sondern in voller Erkenntnis dessen, was uns der Lebende gewesen, und weiter arbeitend an dem Werke, das er mit seinem ganzen Wollen und Können geschaffen hat. Sein schönstes Ziel aber war ein blühendes, neu erworbenes Heimatland für alle jene unsere Brüder, die heimatlos und elend über die Erde wandern, — war ein freies, starkes jüdisches Volk, das die Heimat der Väter wieder zu dem Lande seiner Kinder und Enkel machen soll. Wir Zionisten haben Hcrzls Vermächtnis angetreten, und mit allen Mitteln und Kräften sind wir bestrebt, sein Werk zu Ende zu führen. Das stärkste und mächtigste Instrument des Zionismtts zur Erreichung dieses Zieles aber ist der Jüdische Nationalfonds. Als heilige Pflicht betrachtet es der Natio• nalfonds, das Andenken des großen Mannes durch ein sichtbares äußeres Zeichen zu ehren, das gleichzeitig unsere Arbeit fördern soll. Darum pflanzen wir ihm in Palästina einen großen OI i v c 11 w a I d , der vielen jüdischen Arbeiterfnmilien Unterhalt gewährt, späterhin aber jüdi* sehe gemeinnützige Institutionen erhalten soll. Bis zum heutigen Tage hat die Dankbarkeit des jüdischen Volkes bereits die Pflanzung von nahezu 50 000 Bäumen gesichert, und ein großer Teil davon befindet sich bereits in blühender Ent- Wicklung. Soll er aber ein wirklich großes, würdiges Denkmal unseres Führers sein, so müssen wir die Zahl der Bäume dieses Hcrzlwalde» vervielfachen. Dazu muß jeder Jude beitragen, der Verständnis besitzt für die Bedeutung Theodor Herzte und dessen Sehnsucht um die Wieder¬ Die Hygiene der Juden auf der Internatlon Hygiene-Ausstellung zu Dresden Von Dr. Ocorg Herlitz. Dresden, den 25. Mai 1911. Am 6. Mai d. J. wurde in Dresden die intcrnationale Hygiene-Ausstellung cröllnct. Ihre Aufgabe ist nicht die bei sonstigen internationalen und Welt- Ausstellungen gewöhnliche: sie dient nicht oder wenigstens nicht allein den egoistischen Zwecken der verschiedenen nationalen Industrien, soll also nicht nur eine au! Reklame hinzictcndc Schau industrieller Erzeugnisse bieten. Ihr Zweck und Beruf ist viel• mehr mehr der eines Museums: zu zeigen, was Völker und Nationen bisher für die Erhaltung und Förderung der Qeaundhcit des Menschengeschlechts geleistet haben, was ihnen zu tun noch übrig geblieben ist und wie sie siel! bemühen, in der Gegenwart den Feinden der menschlichen Gesundheit entgegenzuwirken. Dieser ihrer doppelten Aufgabe entsprechend ist auch die Organisation und Einteilung der Aus• Stellung erfoigt. Sic zerfallt, abgesehen von einer populären Abteilung, die den Aufbau des menschlichen Organismus und seine Verrichtungen in geradezu vollendetcr Weise veranschaulicht, tn zwei Teile, einen historisch-ethnographischen und einen den hygi• enischen Qcgcnwartsaufgabcn und Qegcmvarts• leiatungen gewidmeten wissenschaftlichen. Sollte die Aussteilung ihrem doppelten Zwecke erschöpfend gerecht werden, dann durften die Leistungen der Juden auf dem Ocbictc der Hygiene keinesfalls übergangen werden. Es durfte einerseits in der historisch-ethnographischen Abteilung, wenn sic nicht unvollständig sein sollte, eine Darstellung dessen, was die Juden Im Altertum und Mittelalter für hygienische Zwecke geleistet haben, nicht fehlen. Und cs mußte andererseits gezeigt werden, wie die Juden sich auch beule durch hygienische Maßnahmen und Einrichtungen als eine Gemeinschaft von emi• nentem sozialen Verständnis erweisen. Die doppelte Notwendigkeit der Beteiligung der Juden an einer internationalen Hygiene-Ausstellung ist ttttn in der Tat auch rechtzeitig erkannt worden. Der Gc*umtai1sstcllu11gfi>Lcitung muß man Dank dafür wissen, daß sic bei der Inangriffnahme der Arbeiten das Judentum nicht überging. Herrn Rabbiner Dr. Grumvakl in Wien aber, dem Schöpfer und Leiter der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, fällt das große Verdienst zu, die Organisation der jüdischen Abteilung übernommen und geleitet zu haben. Eine Schwierigkeit lag von vornherein vor. Wie sollte mar! die Darstellung der Hygiene der Juden organisieren? Sollte man die Leistungen der Judcrt auf dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge im Altertum und im Mittelalter von der übrigen historischethnographischen Abteilung ahtrenucn und im Verein mit den modernen hygienischen Maßnahmen und Institutionen der Juden in einem besonderen ״jüdischcn Pavillon in der ״ruc des nations" zur Schau stellen. Zerriß man nicht dadurch das einheitliche Bild der historischen Abteilung der Ausstellung '•׳ Andererseits und das ist eine schwierige Frage tragen die hygienischen Leistlingen der Juden In dir Gegenwart einen derartig spizifisch jüdischen CImraktcr, daß sie der Darstellung in einem besonderen ״jüdischen Hause“ wert sind. Nach meinem Empfinden Italic man mit der Vereinigung der gesamten hygienischen Leistungen der Juden, der vergangenen und der gegenwärtigen, ln einem eigenen Hause und dadurch zu einem einheitlichen Bilde den richtigen Weg cingcschlagcn! Man hat ihn nicht gewählt. Wie Ich einem Artikel In der letzten Nummer der Blochsehen I8rnnlitischen Wochenschrift vom 20. Mai entnehme, bat matt auf Seiten der jüdischen Ausstellung*• Leitung ursprünglich wohl daran gedacht, aber der Plan scheiterte. Die Gründe hierfür sind mir unbekannt, aber cs will mir scheinen, als sei der von dem Verfasser des erwähnten Artikels angegebene Orund, ״die englischen Juden hätten ihre anfangs geplante Beteiligung später wieder abgdehnt und dadurch habe es am nötigen Oelde für die Anlage eines eigenen jüdischen Pavillons gefehlt,“ nicht der einzige und nicht der stichhaltigste. Es will mir nicht cinlcuchtcn, daß In den jüdischen Kreisen Deutschlands, Oesterreichs, Rußlands und Amerikas, die sich doch wahrlich, wenn cs sich nur um Ocldgeben handelt, Immer splendid gezeigt haben, nicht die nötigen Kapitalien hätten aufgebracht werden können. Bei einigem guten Willen und besserer Organisation der Vorbereitungsarbeiten hätte m. E.