Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 248 JUEDISCHK RUNDSCHAU ,1 Nr. 22 ihrer Oründung angchört hatte, wenigstens zu melden, und zwar 1908 durch einen Wahlprotcst, den er, der unterlegene Gegner, in höchsteigener Person ein• brachte. Der damalige Präsident R. A. Dr. Staa• d c c k c r konnte jedoch konstatieren, daß der Protest nicht berechtigt war, und daß selbst im Falle seiner Berechtigung ich immer noch, nach Abzug der Stimmcnzahl der betreffenden Gemeinde, die über• wiegende Majorität hatte. — Auf der Synode im Jahre 1911 meldete sich Herr R. A. Spiegel wiederum, und zwar diesmal auf telegraphischem Wege, lir erzählt in den politischen Blättern, dal) das ״patrio•. tische Gefühl“ die Absendung der drei Telegramme veranlaßt habe. Das erste dieser Telegramme kam von dem Bc/.irksältcsten des Bezirks Tauberbischofs• heim Wertheim. Als solches stellte sich uns Herr Spiegel vor. Das zweite kam von dem Synagogenrat Tauberbischofsheim. Als solcher stellt sich uns wieder• um Herr Spiegel vor. Das dritte kam von dem Syuagogonrat in Wertheim. Ich besitze ein Schrift• stück, worauf der Schwiegervater des Herrn Spiegel als Synagogenrat in Wertheim figuriert. In allen drei Telegrammen spiegelt sich also Familie Spiegel wieder. Ich konstatiere, daß im ganzen badischen Lande kein anderer Jude durch sein ״patriotisches Gefühl“ veranlaßt wurde, gegen meine Ausführungen eine Depesche an die Synode zu senden. Herr Spiegel legt mir zur Last, die Gr. Re• gicrung zu derjenigen Qroßherzogs Friedrich I. in Gegensatz gesetzt zu haben. Es ist unwahr, daß ich auch nur mit einem Worte von einem solchen Gegensätze gesprochen habe. Herr Spiegel hat ferner die Liebenswürdigkeit, mir zu insinuieren, ich hätte unseren Landesfürsten ״verunglimpft". Es ist für mich die höchste Be• lcidigung, wenn man mir einen derartigen Gedanken auch nur zutraut, und cs ist unwahr, daß ich die Person unseres Landesfürsten auch nur mit einer Silbe genannt habe. Wahr ist vielmehr, daß ich an der Steile meiner Rede, wo ich veranlaßt war, von der Organisation der Badischen Juden zu sprechen, dieselbe als ein wertvolles Oese henk aus Fürstenhaus bezeichnet habe, und im Hochgefühl der Verehrung für Oroßherzog Friedrich I. Ihn als den viitcr* liehen Freund seiner jüdischen Unter* tauen feierte, der uns die Synodalvcrfassung ge■ geben hat. Das ist die Wahrheit, Alles andere ist politische Hetze. Heidelberg, den 20. Mai 1911. Dr. J. Simon. Petersburger Brief Die Judenverfolgungen, welche für jeden Provinzbureaukrnten in Rußland von jeher den Prüfstein seiner ״patriotischen“ Gesinnung abgeben, sind nach Wie vor auf der Tagesordnung und bc• schuftigen sowohl die Beamtenschaft als die Oeffent« lichkcit angelegentlichst. Zu welchen B r u t a I i täten die Behörden dabei greifen, beweist eine Nachricht, welche in den letzten Tagen• aus dem Gouvernement Smolensk kommt. Dort hat der Jcluinsche Landrat mit einer Abteilung von Polizisten die Station P o t s c 11 i n o k der Riga-Oeri-Bahn um• ringt und drei Tage hindurch eine Untersuchung des Wohnrechts sämtlicher Juden vorgenommen. Eine Anzahl Juden, denen das allgemeine Wolmprivilcg nicht zustellt, ließen ihre Geschäfte Im Stich und flohen, während andere von der Polizei erfaßt und ausgewiesen ,wurden. Ist hier jedoch noch gewissermaßen nach dem Oesetz verfahren worden, so svar das Vorgehen der Rigaer Polizei vor kurzem völlig willkürlich. Aus einer Interpellation der Sozialdemokraten in der Duma er fuhr man, daß dort neulich dreihundert jüdische Handwerker der Ausweisung verfallen sind, weil sic sich einem legalen Streik angcsclilosscn hatten. Regvündet wurde diese Maßnahme auf folgende Weise: Einem jüdischen Handwerker stelle außerhalb des Ansledluiigsrayons das Wohnrecht mir daun zu, wenn er in seinem Beruf tätig sei. Lasse er aber eine Unter• brcchung cintrcten, wie cs bei einem Streik der Fall sei, 90 habe er offenbar seinen Beruf aufgegeben und folglich sein Privileg cingebüßt. Wer könnte gegen solche Spitzfindigkeiten aufkommen? Ein anderes Kapitel sind die Klagen der j ü• dischen J ugen d in Rußland. Die Ausschließung der Heranwachsenden russisch-jüdischen Generation aus den'; Bildungsstätten hat seit Jahren ihr Leben vergiftet. Der ehemalige Unterrichtsminister Schwarz hatte alle alten Beschränkungen nusgegraben und weiter ausgebaut und damit ein Martyrium sonder• gleichen geschaffen. AU er ging, atmete die russisch• jüdische Jugend ■in der Hoffnung auf, daß ihre Leiden ׳’ein Ende nehmen würden. Allein sein Nach• folger Kasso" übertrumpft ihn nach dieser Richtung IvP,' Scinc iQ,nßste Verfügung, daß auch für die als Wilde zum ALiturlcntencxamen sich meldenden Juden eine Maximalnorni von 15®/0 cingcführt sverden müsse, hat bereits Verheerungen angestiftet. Aus vcrscliicdenen Orten kommen diesbezügliche traurige Mit• teilungcii. In Astrachan geschah sogar folgendes: Dort hatten sich •15 Personen, darunter 13 Juden, zum Abilurientenexamen gemeldet. Anfangs hatte der Schulausschuß beschlossen, nur sechs Juden zur Abiturientenprüfung zuzulassen, aber bald modifizierte er seinen Beschluß dahin, sämtliche jüdischen Aspi• rauten zuriiekzuweisen. Dieses Verfahren widersprich! zwar seihst dein ministeriellen Zirkular, aber nicht dem ministerielle« Geist, und die Provinzverwaltung pflegt ja in Rußland stets die Petersburger Wünsche nicht nur buchstäblich zu nehmen, sondern nhmmgs• voll zu ergänzen. Die Astrachauer Schulverwaltung«* grüßen dürften demgemäß wegen ihrer ungesetzlichen Handlungen sicherlich nicht nur nicht bestraft, sondern im Gegenteil bei irgendeiner i'emniichstigcn Gelegen• heit belobigt und befördert י>;,,den. Einen Beleg dafür brachte erst fit diesen 1 agen die Ernennung des bekannten Judenfressers Kischcnsky zum Kurator de? Warschauer Schulbezirks. Es Ist kein Geheimnis, daß dieser Mann nur wegen seiner aktiven und provozierenden Beteiligung an den echt• russischen Odessaer Organisationen und wegen seines oft zur Schau getragenen Juden• und Polenhasscs auf den hohen und vev Aortungsvollcn Warschauer!,osten berufen worden M. S. Die letzte Kammerdebatte in der türkischen Presse Die Aufnahme, die die Diskussion der jüdischen Frage im Parlament in der (,resse der Türkei ge• fundon hat, zeigt, daß jene Parlamentarier, die er• klärten, sich von dem Hirngespinst einer zionistischen Gefahr nicht schrecken zu lassen, der Ansicht einer erdrückenden Majorität jüdischer und nichtjiidischcr Osmnnen Ausdruck gegeben haben. ״EI Im• peria 1“ schreibt: ״Wieder einmal haben cs einige Abgeordnete für nötig gehalten, die Kammer mit der zionisti• sehen Frage zu beschäftigen. Nun haben ja allerdings unsere Volksvertreter augenblicklich keine wichtigere Frage zu prüfen. Sic haben ja schon alle andern Fragen des Staates gelöst; sie haben schon alle Reformen zur wirtschaftlichen und geistigen Hebung des Landes vorbereitet, sie haben Maßnahmen treffen lassen, um die Möglichkeit jeder inneren und äußeren Gefahr aiiszuschaltcn. Sic haben die Gründe der Aufstände im Yemen und in Albanien und des maze• (Ionischen Bandenwesens beseitigt; sic haben den kleinen Nachbarstaaten die Lust ausgetricbcn, ehr• Seizigo Pläne auf unser Gebiet zu liegen. Und nach• ein also so die Kammer eine Riesenarbeit geleistet hat, indem sie alle diese Lebensfragen gelöst hat, blieb ihr als einzige Beschäftigung nur die schreck• liehe Gefahr, die die 100 000 palästinensischen Juden mit ihren paar Kolonien darstcilen. Einige Abgeordnete von Jerusalem, die über eine reiche Einbildungskraft verfügen, haben sich dieser Aufgabe entledigt. Mit dramatischen Worten haben sie von dem Zionistenstaat erzählt, der da in Gründung sei, von den Postmarkcu und Münzen dieses Zu• kmiftsstnates, — und noch andere Dinge, die Glanz• nummern in den Märchen von 1001 Nacht bilden würden. Mnzlinch Effendi hat bereits den einen Grund für diese Stellungnahme glänzend dnrgclcgt . . . Ein weiterer Grund wäre der engherzige, intolerante Nalloualisimis einiger Abgeordneten. Bei aller An* erkonmmg für die Tatsache, daß die jüdische Ein• Wanderung nach Palästina dem Lande und der ein• geborenen Bevölkerung nur Nutzen gebracht hat, sehen sie doch den jüdischen Wohlstand scheel an. Lieber möchten sie vielleicht ilire Provinz einsam, verlassen, unbebaut selten . . . Der Neid spricht aus ihren Worten, lieber dieselbe Frage äußert sich der ״Pogres de S a 1 o n i q u c“ folgendermaßen: Wir haben stets die zionistische Bewegung bc• kämpft angesichts der traurigen Folgen, die sic für die ottoinniilsciien Juden haben kann, wir haben stets /darauf hingewiesen, welche Gefahr!für das ottoinaiiische' Judentum darin liegt, diese Bewegung zu begünstigen. Aber, offen gesagt, wir können uns eines Lächelns nicht erwehren, wenn wir sehen, wie ehrenwerte Leute, wie Volksvertreter an allen Gliedern zittern, wenn Leute, die im Trüben fischen wollen und die Sache in antisemitischem oder oppositionellem Sinne ausmitzen, ihnen erzählen, daß der Zionismus eine schwere Gefahr für die Türkei darstcllt, daß Palästina ein Herd separatistischer Gelüste ge• worden ist. Wir lächeln, wenn wir hören; daß ehrenwerte Leute sich hinstcllcn und für die Wichtigkeit ihrer Sache Beweise vortragen, die ־־ man verzeihe den Ausdruck rührend naiv sind, um sic nicht noch anders zu bezeichnen, Wir meinen, cs ist reichlich genug, wenn man im Zionismus den schwarzen Mann sicht. Unsere Abgeordneten täten hesser, sic ließen dies Schreck• gespenst und kümmerten sieb etwas ernster um Fragen, die für das Reich wichtiger und dringlicher sind. Die Volksvertretung hat augenblicklich eine patrio• tischcrc Pflicht, indem sie uas einigende Friedens« werk der Regierung, fördert, Sich um diese Albern« beiten kümmern, heißt grundlos Feindschaft gegen ein Element säen, das dem Reiche treu ergehen ist, heißt uugereclilerwvisc das gärende Gift des Verdachtes und der Unruhe in die Gemüter gießen. Unter der Sticlunarke ״Stärker als jemals“ schreibt unser Konstantinopelef Bruderorgan ״Aurore“: Wieder ist der Zionismus stärker aus einem neuen Angriff in der Kammer iiervorgegangcn. kouhi-ti. I lalidi hat Ihm den Gefallen getan, noch einmal du törichten Faseleien, die kindischen Albemhci! •n, <h, dumme Gerede vor die Kammer zu bringen, das bt! zum Ucbcrdrul) wiedergekäut worden Ist, das eint Zeitung von der andern abschrelbl. Die Kammer hat mit sichtlicher Langeweile siel! diesen Schauerroman angehört, der kaum noch ii!{ Portiers interessiert. Das Parlament hat « endlich satt, sich noch länger mit Mordsgcschiciittn zum Besten halten zu lassen. Sehr richtig hat der Abgeordnete Vlaliolf Effendi gesagt, daß das Land ruhig schlafen konnte, wenn die Juden seine schlimmsten Feinde wären, .Diese Fest• Stellung freut uns umsomehr, als es ein nicht.üdischer Abgeordneter gewesen ist, der sic gemacht hat. Ein so vernünftiges Wort wiegt eine ganze Rede auf , Alles beweist, daß die Kammer von dieser Aul• rcgtmg um den Zionismus genug hat, den man vtr« geben» als schwarzen Mann vor ihr hingepfl.rut hat, Von diesem Ueberdruß zeugt auch die r.ds ithc, daß die Kammer sogar auf den so vernünftigen Vorschlag von Mazliah Effendi nicht hat cingehen wollen, eint Kommission einzuset/en, um die zionistische Frage zu klären, Warum mm hat die Kammer diesen Vorschlag nicht angenommen V Das ist ganz klar. Wozu eine Studiciikomiiiission, wo doch alle im innersten über• zeugt sind, daß an de« Angriffen von Rouhi-el-Halidi untf Konsorten kein wahres Wort ist. Wir hätten uns über eine solche Kommission htnlieh gefreut ..... wir bedauern aufrichtig, daß die Kammer dm Vorschlag Mnzliah's Effendi nicht stattgegeben hat; aber wir gehen die Hoffnung nicht auf. daß die Re• gicrung eines Tages diesen Weg wählen wird, um endgültig und unwiderleglich die letzten Spuren von Zweifel zu verwische«, die über die Natur der zio• nistischen Bewegung noch bestehen könnten. Jüdisches Rudern Als vor zwei Jahren im Jüdischen Jugemlbund Berlin eine Unterabteilung zur Pflege des Rüdem» , ins Leben gerufen wurde, da war es ziemlich dürftig um diese ״R u d e r a h t c i 1 u n g des Jüdischen Jugend b u u d c s“ bestellt. Das Bootsmalerial bc• stand aus einem Vierer, den man all gekauft hatte. Haid darauf* wurde ein neuer Vierer in Bestellung ge• geben. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, die seitdem verstrichen ist, hat der Kiub einen mächtigen Auf• sclnvimg erlebt. Scho« rein äußerlich betrachtet, bc• steht die Ktubflotte jetzt aus drei Vierern und einem Sechser. Ein Doppelzweier befindet sieh in Arbeit, und demnächst soll ein Achter neu ,ingeschafft werden, welcher der Repräsentation nach außen in hohem Maße zu dienen bestimmt ist. Aber mich die Zahl und die Zusammensetzung der Mitglieder des Klubs hat sieh bedeutend geheuert. Die aktive Mannschaft bestellt jetzt aus rund 25 nuJerise.lt geschulten, gut jüdisch gesinnten jungen Kaufleuten und Studenten. Besonders der letzu• Früh• iing brachte dem Verein einen guten Zuwachs Und ein physisch brauchbares und tcclmi.•111 gut aungebildetes Material braucht der Jüdische Ruder* kiub ״Ivria“ -• diesen Namen führt der Verein seit zwei Monaten —, wenn er der großen Auf!שיי ׳, die er sich gestellt hat, gerecht werden will. Es gibt sehr viel Antisemitismus auf dem Wasser, fast me'ir «och als auf dem Lande, und leider trifft man auch 'd '•d jüdischen Antisemitismus. Es existieren ein;;;»‘ pari• tätische Vereine, die sich, wie immer, fast g 7 י au» .׳«den ziisammenscfzen und gegen die der י lischt Ruderklub sich zu wenden bat. Gegen diese Vereint־ und gegen die vielen anderen, welche die' («den atisschlicßcn, hat die ״Ivria“ den Kampf c;>>(fnct. Dieser wird vor/tigiieh auf ruderischcm Gebiete durch den Wettstreit von Kraft um) Qeschicklichki 1! י»ג• getragen, und zu seiner erfolgreichen Duräi'ulming ist es notwendig, daß man die Boote mit Leuten bemannen kann, auf die man sich in jeder Lage verlassen darf, Der Wettkampf zwischen zw׳ci Booten, Match genannt, geht in folgender Weise vor sich. Bc• gegnen sich zwei Boote, die dieselbe Fahrtrichtung Italien, und fordert das eine, indem seine Ruderer sich in die Riemen legen, das andere zum Wett• streit heraus, so ist cs ein altes Rudcrerrccht und eine stolze Riulcrerpflicht, daß das hcrausgefoulertc Boot, besonders wenn es unter Flagge fährt, den artgebotenen Kampf aulnimmt. Und nun fahren die Boote im schnellsten Tempo oft vicrtclstnmienlang nebeneinander her, in dem Bestreben, einander zu überholen. Da muß alle Kraft herausgcliolt werden, wenn auch nach gewonnenem Siege ein Mann zu• snmmcnbricljt, olle Gedanken müssen konzentriert, jede Faser muß angespannt werden, denn ein falscher Einsatz des Blattes kann die Niederlage bedeuten■